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Seite 10 von 53
"Laß' mich voranreiten." Ray zügelte sein Pferd neben Christina van Henning. Sie waren kurz vor der kleinen Ansiedlung.
"Es sind meine Leute, sie erwarten von mir, daß ich mich darum kümmere." Christina hatte ihr Haar zu einem Zopf geflochten und trug einen eigentlich sehr undamenhaften breitkrempigen hellen Leinenhut. Ihren eleganten schlichten hellen Rock hatte sie gegen einen Hosenrock getauscht unter dem weiche Lederstiefeletten hervorschauten.
"Das ist richtig, was Du sagst." Ray meinte es todernst, er machte sich Sorgen und war keineswegs an der zur Schaustellung seines Egos interessiert. "Aber sie sollten auch wissen, mit wem sie es zu tun haben und ein gewisses Maß an Stärke zu demonstrieren, kann nie verkehrt sein."
Er hatte die ganze Zeit wie gebannt in den Dschungel gestarrt und blickte jetzt kurz zu ihr rüber, schnalzte mit der Zunge und sein Pferd setzte sich an die Spitze, noch bevor sie ihm eine Antwort geben konnte. Und natürlich hatte er recht, obgleich sie es verabscheute Macht zur Schau zu stellen, aber wenn sie etwas erreichen wollte, war es bei den erhitzten Gemütern vielleicht doch nicht so verkehrt, wenn Worte nicht mehr vordrangen, eine gewisse Präsenz zu zeigen.
Sie näherten sich dem kleinen Pfad, der zum Dorf führte. Die ersten Hütten kamen in Sicht und umgekippte Wagen und gefällte dicke Äste, die den Weg versperrten.
"Hey, Haako! Madam van Henning ist hier und möchte mit euch reden!"
Nichts geschah, es war kein Laut zu hören, so als ob das Dorf verlassen wäre, was ihr jetzt am liebsten gewesen wäre, obgleich sie dann das nächste Problem gehabt hätte.
"Haako, ich bitte dich, komm heraus oder laß' uns hinein, wir werden sicher eine gemeinsame Lösung finden." Christina saß angespannt auf ihrem Wallach. Ray warf ihr einen zweifelnden Blick zu. Er dachte nicht, daß das was brachte.
"Wir haben immer gut zusammengearbeitet Haako, ich hab euch nie betrogen...."
"Aber jetzt!" erscholl eine laute tiefe Stimme hinter den umgestoßenen Nutzwagen. Christina wechselte einen schnellen Blick mit Ray und Binks. Letzterer wedelte sich mit einem weißen Taschentuch Luft zu und hatte einen gequälten Ausdruck im Gesicht. Normalerweise erledigte Binks alle dienstlichen Gänge mit Kutsche, was aber in diesem Fall zu lange gedauert hätte. Sicher spürte er schon alle seine Körperteile auf recht unangenehme Weise.
Die Wagen wurden etwas zur Seite geschoben. Fünf Männer kletterten über die aufgestapelten Äste und näherten sich langsam den drei Reitern. "Was meinst du damit, daß Madam van Henning euch betrogen hat?" fragte Ray.
Haako, ein großer schlanker Mann mit einem schmalen Gesicht, verschränkte seine Arme vor seinen mächtigen Brustkorb, der nur halb von einer Weste bedeckt wurde.
"Es ist schlau eingefädelt, daß wir die Dörfer nicht verlassen und keine Waffen zur Verteidigung haben dürfen. Truppen des Gouverneurs haben schon dreimal unser Dorf durchsucht, ob wir uns daran halten."
"Das wußte ich gar nicht." Christina warf einen Blick zu Binks, der sich den Schweiß von der Stirn tupfte. "Oh, ich ...äh hielt es nicht für erwähnenswert, Madam. Man hat nichts gefunden, es war alles in Ordnung."
"Ich meine, ich habe nichts von dieser Anordnung des Gouverneurs gewußt!" bemerkte Christina van Henning spitz und sah ihren Verwalter etwas verärgert an.
"Das...wußte ich auch nicht. Die neusten Vorschriften müssen uns nicht gemeldet worden sein, aber ich habe sie bereits angefordert, ...Madam." Fehler und Unzulänglichkeiten konnte sie verzeihen, aber sie verabscheute es, wenn sich jemand ohne zu Fragen in ihre Angelegenheiten einmischte, ohne sie zumindest davon in Kenntnis zu setzen. Sie würde wohl ein ernstes Wort mit dem Gouverneur wechseln müssen und sie schwor sich, daß sie sich von seinem betörenden Lächeln bestimmt nicht einfangen lassen würde.
Sie wandte sich wieder Haako zu, dem vordringlichern Problem "Wir werden die Arbeitspläne ändern." Das hatte sie sich schon auf dem Weg hierher überlegt. Es würde vielleicht zu einem geringen Ernteausfall kommen, aber was nützte ihr im anderen Fall, wenn ihre Leute gar nicht mehr arbeiteten und sie würde sie unter keinen Umständen dazu zwingen wollen, womöglich noch mit Waffengewalt. "Binks! Sie werden dafür Sorgen, daß immer genug Männer in jedem Dorf sind, und das Verteidigungsanlagen gebaut werden." Sie wandte sich an Haako "Außerdem werde ich eine Abteilung Soldaten beim Gouverneur anfordern, die sofort eingreifen können."
So wie der Wind alle Spuren im Sand verweht, so verschwand der unnachgiebige Ausdruck von ihrem Gesicht und machte einer strahlenden Güte Platz "Ich bin auch bereit, wenn ihr wollt, eure Frauen und Kinder näher bei den Hauptgebäuden unterbringen zu lassen."
"Madam, darf ich darauf hinweisen, daß wir nicht so viele zur Verfügung stehende Räume..."
"Dann werden wir welche bauen, Binks!" fiel ihm Christina ungeduldig ins Wort, ohne sich umzublicken. Ihr Verwalter hatte einen hervorragenden Verstand, was geschäftliches anging, aber weder diplomatisches Geschick noch Einfühlungsvermögen.
"Nein, Ma'am Sahib! Wir werden nicht mehr für sie arbeiten. Wir bitten sie nur uns Passierscheine auszustellen, dann gehen wir von hier weg." Das war mehr als ein Schlag ins Gesicht für Christina. Was konnte sie ihm noch anbieten, um ihn daran zu hindern?
"Haako, ich verstehe euch nicht! Ich werde wirklich alles tun, um euch Schutz zu gewähren, den ihr sicher außerhalb des Dorfes erst recht nicht habt." Sie umschloß fest die Zügel ihres Pferdes. Ihre anfängliche Sicherheit drohte in Verzweiflung hineinzustraucheln.
"Es sind Engländer, die unsere Dörfer überfallen." fauchte Haako ihnen entgegen.
"Und was hätten die Engländer davon. Denk doch mal nach, was du da von dir gibt's, anstatt irgendwelche wilden Gerüchte zu verbreiten!" Ray Park war sichtlich erregt. Weniger aus Nationalstolz, als aus soviel offensichtlicher Dummheit. Sein Pferd schien das zu spüren und tänzelte zwei Schritte vorwärts, was Haako und seine Leute zurückweichen ließ.
"Es sind gekaufte Söldner!" ein Mann sprang über die Absperrung und gesellte sich zu den Dorfältesten neben Haako. Er war größer als Haako, trug ein langes gelbes Hemd, eine breite Schärpe und nicht wie die anderen nur ein Tuch um den Kopf, sondern einen Turban. Aber am auffälligsten waren seine hohen Reiterstiefel, während die anderen Dorfbewohner nur in einfachen Sandalen oder barfuß waren.
"Söldner mit britischen Gewehren und britischer Ausrüstung." Der Blick unter seinen dunklen Augenbrauen war stolz und sehr ernst. Er musterte sie unverhohlen mit Interesse und nun, vielleicht mit ein klein wenig Ironie.
Es fiel Christina schwer diesem intensiven Blick standzuhalten. Sie senkte die Augen und bedauerte, warum sie hierher geritten war und nicht gleich nach Truppen gesandt hatte. Unsicherheit überkam sie. Was würde sie dafür geben, jetzt gemütlich im Salon mit ihren Freunden zu sitzen und zu plaudern.
Die Eigentümerin der van Hennings Plantagen spürte, daß man von ihr eine Entscheidung erwartete, aber sie wußte nichts zu sagen, ihre Gedanken schweiften ab, so als verweigerten sie ihren Dienst, eine Unsicherheit hatte sich ihrer bemächtigt, eine Unsicherheit jetzt nicht das Falsche zu sagen, wenngleich sie noch vor Sekunden keine Vorstellungen daran verschwendet hatte, falsch zu reagieren...
"Ich kann mich nicht erinnern, daß du einer von unseren Arbeitern bist. Woher kommst du?" Binks hatte sich nach vorne gebeugt und betrachtet den dunkelhäutigen Mann. Er wußte nichts davon, daß es in diesem Dorf einen Neuzuzug gab, die ihm gemeldet werden mußten, da das Land, auf dem das Darf stand der van Henning Plantage gehörte und sich nur Arbeiter hier ansiedeln und ein kleines Stück privates Land bewirtschafteten durften.
"Ich bin ein Verwandter von Haako aus Engkilili." antwortete der Fremde.
"Und euer Passierschein?" wollte Binks wissen, der in diesen Sachen sehr pedantisch war.
"Ich bin schon längere Zeit hier." antwortet der Fremde kurz, aber bestimmt. Er trat einen Schritt vor. "Sie sind Madam van Henning?"
Ihre Blicke trafen sich und langsam beschlich Christina eine gewisse Wut angesichts der Unverfrorenheit dieses Besuchers, der sicher kein einfacher Bauer war. Zu stolz und unnachgiebig blickte er in die Welt, so als hätte er schon Dinge geschaut, die weit über ein Leben hinausgingen...
"Ja!" betonte sie stolz und zwang sich in seine klaren braunen Augen zu sehen, was ihn anscheinend belustigte oder was auch immer er erfreuliches entdeckt hatte, jedenfalls verschwand der Ernst aus seinen Zügen und ein angedeutetes Lächeln reflektierte sich in seinen Augen. Seine Stimme nahm eine andere Modulation an, die von einem gewissen Spott geprägt war. "Dann sind sie die Eignerin des Frachtschiffes Odin, welches aufgebracht wurde und beladen war mit menschlicher Fracht. - Sklaven, die man auf offner See sicher einem chinesischem Händler übergeben hätte. Ihr Schiff ist gesunken, falls sie es bereits vermissen sollten."
"Was erlaubst du dir, Mann!" Ray Park trieb sein Pferd voran und zügelte es erst kurz vor dem Fremden, der nicht einmal mit der Wimper gezuckt hatte und gleichmütig Mr. Park anschaute.
"Ich war dabei!"
"Verleumdungen, nichts als Verleumdungen!" Christinas Lippen bebten "Ich weiß nicht wer sie sind, aber ihre Geschichte von dem Verwandten, nehme ich ihnen nicht ab und ich werde es nicht zulassen, daß sie meine Leute aufwiegeln!"
Natürlich war ihr klar, daß im Falle einer Auseinandersetzung sie hier und jetzt den kürzeren ziehen würde, aber das war ihr momentan vollkommen egal. "Ich wünsche, daß sie mein Land sofort verlassen."
Christina war wütend, mehr als wütend. Zuerst hatte sie den Drang verspürt, sich verteidigen zu müssen, aber da war ihr Ray zuvorgekommen und dann fragte sie sich, vor wem sie sich eigentlich rechtfertigen mußte?
Die 'Odin' galt seit mehr als vier Wochen verschollen, einschließlich der Besatzung. Und nun mußte sie sich als Sklavenhändler beschuldigen lassen. Das war nun wirklich das Letzte!
"Das sind keine Verleumdungen, Madam. Es gibt Beweise und diese Beweise, werden bald im ganzen Land bekannt sein."
Christina wendete ihr Pferd. Sie konnte den Anblick diese Fremden nicht mehr ertragen. Sie war außer sich, nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Wut beherrschte ihre Sinne, unbändig und ungestüm und sie war nicht in der Lage sie zu zügeln.
"Haako, mein Angebot steht noch." brachte sie mit zitternder Stimme heraus und wandte sich halb zu dem Sprecher der Dorfgemeinschaft um. "Haako wird ihr Angebot annehmen." antwortete an dessen Stelle der Fremde und sie spürte förmlich seine Blicke auf sich ruhen. Was erdreiste er sich - auch selbst wenn er wirklich zu Haako's Familie gehörte - hier Entscheidungen zu treffen? Vielleicht hatte er ja da wo er herkam solcherlei Befugnisse, aber ... hatte sie mit ihm gesprochen? - Sie wandte sich ab und schaute genau in Binks Richtung, schien ihn aber weder körperlich noch geistig wahr zu nehmen. Ihr Blick ging irgendwo an einen ganz tiefen Punkt ihrer Seele. Ihre Lippen waren ein dünner Strich, das ruhige Atmen fiel ihr schwer. Sie wünschte sich im Moment an die Stelle von Ray. Dann hätte sie diese unverfrorene Erscheinung schon zum Duell gefordert.
"Haako...?" fragte sie mit bebender Stimme.
"Wir akzeptieren!"
Die Worte waren kaum ausgesprochen, da gab sie ihrem Pferd die Sporen und jagte wie ein apokalyptischer Reiter an Binks vorbei, dessen Pferd einen entsetzten Satz zur Seite machte und ihn beinahe abgeworfen hätte.
Sie merkte nicht, wie sie ihren Hut verlor und ihr Zopf sich auflöste, sie spürte nur einen inneren Schmerz von einer Wunde, die von alleine nicht würde heilen können... Denunziationen, Gerüchte... Beth ihre Worte kamen ihr in den Sinn... Sie hatte das Gefühl als ob ihr Leben wie ein Schilfdach im Sturm nach und nach an Substanz verlor.
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Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
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