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Seite 7 von 53
"Engarde! - Du mußt die führende Hand höher halten, achte auf deine Fußhaltung...ja, so ist es besser."
Christina parierte etliche Angriffe von ihrem guten Freund und Fechtlehrer Ray Park, um dann von ihm wieder in die Verteidigung getrieben zu werden.
"Du bist heute nicht bei der Sache, Christina."
"Unsere liebe Freundin hat ein Herzensproblem." sagte Elisabeth Park, die in der zum Übungsraum freigeräumten Bibliothek des Hauses in einem Sessel saß und stickte, während ihr Mann, ein Ladenbesitzer und Waffenhändler aus Kuching, Christina weiter in die Ecke des Raumes trieb.
"Das ist dem Gegner ziemlich egal, meine Liebe. - Touché"
Elisabeth Park schüttelte den Kopf mit dem hellbraunen leicht welligem Haar. Sie war keine Lady, nicht von adeliger Herkunft. Aber ihr Vater hatte ein angesehnes Geschäft hier aufgebaut, was von ihrem Mann nun weitergeführt wurde. Sie waren einfach liebenswerte ehrliche Menschen, die sich nicht als Briten ansahen, da sie England beide nur von kurzen Besuchen her kannten. Ihre Heimat war Sarawak und so hatten sie mehr Freunde unter den Einheimischen, als aus den Reihen der ansässigen Engländer, die die Lebensart der Familie, deren Töchter von einem Privatlehrer aus Frankreich und einer malaiischen Kinderfrau erzogen wurden, anstatt sie nach England auf eine Schule zu schicken, nicht nachvollziehen konnten.
Ray war eigentlich nirgends zu hause gewesen, ein Weltenbummler. Wie Beth es geschafft hatte ihn einzufangen, diesen immer fröhlichen, aktiven drahtigen Mann, war für Christina ein Geheimnis geblieben, zu dem Beth nur in ihrer ruhigen Weise still lächelte.
Christina nahm sich die Maske ab, die ihr Gesicht schützte. "Laß uns für heute Schluß machen, Ray."
Er nickte. Man sah ihr an, daß sie etwas bewegte, wobei er ihr nicht helfen konnte, sondern vielleicht eher seine Frau, die sich aus dem Sessel erhob und sich bei ihr einhakte, während Ray sich eine Zigarre anzündete und die beiden Damen beobachtete, wie sie die Bibliothek verließen.
"Wir sind gleich wieder da, Ray und dann trinken wir Tee." rief Christina ihm beim Hinausgehen zu.
"Ich hätte lieber eine Tasse Kaffee." kam als Antwort zurück.
"Seit wann trinkt er Kaffee?" fragte Christina Beth erstaunt.
"Seit zwei Wochen. Er hat es bei Kommodore Spock probiert und will nichts anderes mehr...außer Whisky natürlich." Christina konnte ein Lachen nicht verkneifen, in daß Beth einstimmte und unter Kichern erreichten sie die Räume von Christina, wo Beth ihr erst mal half den Brustschutz abzubinden. Und sich dann auf den kleinen Hocker setzte, der neben dem Frisiertisch stand.
Elisabeth Park wurde plötzlich ernst, während Christina hinter dem Paravant ihre Garderobe wechselte und sich erfrischte.
"Wenn ich dir als Freundin einen Rat geben darf, so würde ich sagen, daß du die Beziehung zu Alexandre aufgeben solltest. Das Gerede nimmt immer größere Ausmaße an und über kurz oder lang wird es einen Eklat geben."
Christinas Kopf erschien neben dem Paravant. Ihre langen Haare fielen nun offen über ihre bloßen schlanken Schultern. "Das kann ich nicht. Ich ..." sie wollte sagen, daß sie ihn liebte, aber sie brachte es nicht über ihre Lippen. Ihre Gedanken spielten mit dem Wort, aber es war nicht passend, nicht angebracht...
Sie verschwand hinter dem Wandschirm und Beth runzelte die Stirn. Noch vor zwei Wochen hätte sie ihr mit leuchtenden Augen von Alexandre erzählt, aber nun war da etwas anderes...
"Du liebst ihn nicht mehr."
"Doch, natürlich!" kam es trotzig "Aber... irgendwie anders. Wie ein Ehepaar sich nach Jahren respektiert und sich genau kennt, ohne den anderen nicht auskommt, aber etwas verlorengegangen ist."
"Ich habe Dich von Anfang an gewarnt."
"Ja, ich weiß." Christina kam um den Paravant herum. Sie trug nichts weiter als ihr Unterkleid und eine Korsage. Sie griff nach einer Bürste und mit gleichförmigen Bewegungen kämmte sie das lange, tief den Rücken hinabfallende, braune Haar.
Beth war die einzige, der sie offen von ihrem Verhältnis mit Alexandre erzählt hatte, die einzige, der sie alles erzählte...
"Es ist der Gouverneur, nicht wahr?"
Christina hielt mit dem Bürsten inne und schaute ihre Freundin entrüstet an. "Ich bitte dich! - Er sieht zwar gut aus und macht mir Avancen, was mich sicher schmeichelt, aber etwas an ihm gefällt mir nicht, seine Einstellung, seine Worte..."
"Das hast du aber nach dem Empfang ganz anders gesehen."
Christina ging zu einem großen Wandschrank und öffnete die Türen. "Ja, da hast du recht. Er hat ja auch etwas ...anziehendes."
"Du wirst keinen perfekten Mann finden, Tina. Alexandre wirst du nie haben können, das weißt du..." Christina drehte sich um und sah in das offene Gesicht ihrer Freundin.
"Ja, ich weiß."
"So wie du dein Leben führst, kannst du aber nicht weitermachen. Du schadest dir und ihm und auch du hast einen guten Ruf hier zu verlieren und wenn das passiert, bleibt dir nur die Möglichkeit zu deiner Familie zurückzukehren, was du nicht willst." Beth stand auf und ergriff Christina bei den Händen. "Ich flehe dich an, um deiner selbst willen, gib Alexandre auf und suche dir einen Mann, der nicht gebunden ist. Du kannst in dieser Gesellschaft nicht alleine bleiben, selbst wenn du einen einwandfreien Lebenswandel führst, wird man dir mit jedem Mann ein Verhältnis nachsagen, der dich anlächelt. Es wird dich zerstören. Du bist zu jung und zu gutaussehend. Und wenn es nicht Alexandre ist, ist es dieser Widerling Binks."
"Beth! - Ausgerechnet Binks!" entrüstete sich Christina und zog ihre Hände aus den ihren.
"Ich sage es nur so, wie es ist. Aber wenn dir ein ungebundener Mann Avancen macht, wird sich niemand daran empören und wenn er gut aussieht, ein sicheres Auskommen hat, aus einer guten Familie stammt und du dich zudem noch zu ihm hingezogen fühlst...warum nicht."
"Beth,..." Christina erhob spielerisch drohend den Zeigefinger"...du willst mir den Gouverneur schmackhaft machen."
Misses Park lächelte sie verschmitzt an "Er gefällt dir doch. Deine Augen haben geglüht wie Feuer als du von ihm erzählt hast, auch wenn das, was er tut, dir nicht gefällt, aber vielleicht ist es ja gerade das, was dich anzieht: seine Stärke, sein Mut Dinge zu tun, die ihm persönlich auch nicht gefallen, die er aber in Ausübung seiner Pflicht tun muß. - Du solltest ihm auf alle Fälle eine Chance geben. Lerne ihn näher kennen."
"Beth, ich möchte Alexandre nicht verlieren." Es war Christina anzusehen, daß sie nicht mehr wußte, was sie tun sollte. Sie wollte den einen nicht aufgeben, aber andererseits reizte sie der andere und dann waren da noch die gesellschaftlichen Konventionen, die immer stärkeren Druck auf sie ausübten.
"Es ist deine Entscheidung, Tina, und es heißt auch nicht, daß du mit Alexandre für immer brechen sollst. Ich weiß, er stand dir immer zur Seite, aber er wird es verstehen, denn auch der Druck für ihn wird stärker werden und außerdem..." Beth legte ein beinahe verschlagenes Lächeln auf. "...würde, wenn Du erst verheiratet wärst, niemand mehr an geschäftlichen Besuchen von Alexandre bei Dir, Interesse haben, außer deinem Mann natürlich."
"Beth, ich bin entsetzt!" Christina schaute ihre Freundin mit offenem Mund sprachlos an. "Das sind ja ganz neue Seiten an Dir, die ich noch gar nicht kenne!"
Ein heftiges Klopfen an der Tür unterbrach das intime Gespräch der Damen und ließ Christina ziemlich barsch regieren "Was gibt es?"
"Ma'am, Tunik ist da und Verwalter Binks, es gibt Probleme." erklang kaum hörbar die zarte, leicht zitternde Stimme ihrer Dienerin Bakhut durch die Tür.
"Bring' Sie in das Arbeitszimmer. Ich komme."
Christina griff nach einer champagnerfarbenen, mit Spitze besetzen Bluse und einem eben so farbigen einfachen geraden Rock. "Ich wußte, daß die neuen Verordnungen des Gouverneurs Probleme mit sich bringen würden!"
"Du weißt doch gar nicht, um was es sich handelt, also ärger dich nicht schon vorher." Beth half, ihre Harre nach hinten zu stecken und sie mit einem Band zusammenzubinden. "Immerhin redest du von deinem zukünftigen Mann."
"Du hattest mich fast überzeugt, Beth." Sprach Christina zu dem Spiegelbild, welches leicht über ihre Schulter hinweg in sich hinein lächelte. "Ich kann Deine Gedanken lesen, Elisabeth Park! Du wirst hier nicht die Heiratsvermittlerin spielen."
Auf Beth's Stirn zeigten sich kleine Verzweiflungsfalten und sie seufzte kurz, aber innig.
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Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
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