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Seite 36 von 53
"Wir stehen hier, dort sind Sabau und seine Leute und hier die Truppen
des Gouverneurs." Yanez de Gomera kniete auf dem Boden und zeichnete
mit einem abgebrochenen Ast, die Stellungen der jeweiligen Gruppen im
Verhältnis zueinander in den staubigen Untergrund. "Angenommen wir
greifen an, dann hätten wir keine Möglichkeit uns zurückzuziehen. Das
Gelände ist zu offen."
"Aber wenn wir nicht angreifen, hat der Gouverneur Gelegenheit, noch
mehr Leute heranzuziehen, deren Zahl uns dann weit überlegen ist." Li
Lian Jie schaute skeptisch auf das künstlerisch recht einfache
Sandgemälde. Sein Blick glitt über das unter den Bäumen weitverstreute
Feldlager, welches mehr aus, vor den britischen Soldaten flüchtenden
Familien bestand, als aus Kämpfern. Wirklich, Li hatte so etwas noch
nicht erlebt...
"Wir sollten die Frauen und Kinder hier wegbringen, den Feind umgehen und angreifen, wenn sein Gesicht der Sonne zugewandt ist."
"Wir sollten noch warten, Ulzana!" Yanez erhob sich und schaute mit zusammengekniffenen Augen auf seine Begleiter.
"Yanez, du kannst nicht warten, bis Sandokan hier ist. Dann könnte es
zu spät sein." Kammamuri's Hand legte sich schwer auf seine Schulter.
"Wir warten noch."
Li schüttelte den Kopf und seine schmalen Augen verengten sich voller Ungeduld noch mehr. "Wie lange? - Bis sie uns angreifen?"
"Wir warten!" Yanez blieb eisern. Alle dachten das gleiche, aber
niemand wagte es auszusprechen, nur ihren Gesichtern konnte man es
entnehmen: Was, wenn sie umsonst auf Sandokan warteten...
Zwischen den länger werdenden Schatten der Bäume entstand Bewegung.
Menschen liefen zusammen. Yanez konnte ein Pferd ausmachen, und seine
Miene erhellte sich. Genau im richtigen Moment, natürlich, wie immer,
dachte er und spürte, wie sich doch eine gewisse Erleichterung seiner
bemächtigte.
"Sandokan, endlich!" Yanez ging ihm entgegen.
"Wir hatten leider nur ein Pferd."
Leichtfüßig sprang Sandokan vom Pferd und hob seine Begleiterin herunter.
Kammamuri und Yanez wechselten einen kurzen Blick. Denn so wie er sie
bei der Hand hielt und jetzt freudestrahlend auf Yanez zukam, war das
etwas schon lange nicht mehr gesehnes....
"Ich weiß, mein Bruder, du hast dir Sorgen gemacht! - Wie immer!"
Sandokan umarmte Yanez herzlich. "Darf ich dir deine Nichte Christina
vorstellen." Sandokan machte einen Schritt zur Seite.
Yanez musterte die Frau, dessen lange dunkelbraunen Haare mit einem
Band zusammengalten wurden. Ihre feine Bluse, war voller Falten und
ebenso ihr Rock. Aber am auffälligsten waren ihren großen braunen
Augen, an denen sein Blick haften blieb und die ihn fragend anstarrten.
"Musterung beendet?" Ihre Stimme hatte einen angenehm warmen Ton.
"Ja,...ich denke schon! - Ich habe schon gehört, daß du streitlustig und unnachgiebig bist."
"Das muß in der Familie liegen." bemerkte Sandokan mit hochgezogenen Augenbrauen und erntete einen schiefen Blick von Yanez.
"Komm her." Yanez umarmte seine Verwandte. "Das letzte mal als ich dich
gesehen habe, hat deine Mutter dich noch auf dem Arm getragen."
"Daran kann ich mich nicht erinnern, Onkel."
Yanez machte ein etwas erschrockenes Gesicht. Also an Vater hatte er sich ja inzwischen gewöhnt, aber Onkel....
"Was ist?" fragte Christina und schaute in die verkniffenen, ausdrucksstarken Gesichtszüge.
"Nun, das mit dem Onkel lassen wir mal lieber, das macht irgendwie...alt." Er verzog den Mund.
"Aber nicht doch, du bist jünger als mein Vater. Du könntest mein Bruder sein."
Yanez schaute abschätzend auf sie herab und dann in die Runde seiner
Kumpane. "Habt ihr das gehört? - Warum macht keiner von euch mir solche
Komplimente?"
"Ich wüßte nur eine Person hier, die es würdig ist, Komplimente zu
bekommen: Misses van Henning." Kammamuri ergriff Christinas Hand und
küßte sie übertrieben unterwürfig.
"Wenn wir jetzt das Begrüßungsritual hinter uns gebracht haben, würde
ich gerne wissen, warum hier so viele Frauen und Kinder sind." Sandokan
war neben Yanez getreten und hatte ihm die Hand auf die Schulter
gelegt. Das freudige Leuchten in seinen Augen war einem sorgenvollen
gewichen.
"Das sind Flüchtlinge. Die Truppen des Gouverneurs machen bei der Jagd
auf euch..." Yanez' Blick glitt kurz zu seiner rechten Seite, an der
Christina stand. "....vor nichts halt. Alle Verdächtigen werden
eingesperrt, jeder der sich wehrt, oder flüchtet wird erschossen, ihre
Häuser niedergebrannt. Die meisten sind aus Kuching und hatten Glück,
daß sie auf Maximus und Ulzana trafen..."
"Aus Kuching! Was ist mit Ray...?" Christinas Herz krampfte sich zusammen.
Yanez sah die Sorge in ihren Augen und umfaßte ihre Schulter. "Alles in
Ordnung. Er ist hier bei uns, gerade unterwegs zu Sabaus Leuten, die
lagern westlich von uns. Vor Sonnenuntergang wird er wieder hier sein.
Seine Familie ist im Dorf von Sabau geblieben. Da werden wir die
anderen Flüchtlinge auch hinbringen."
"Was ist passiert Ulzana und wo ist Maximus?" Die Frage lastete
unheilschwanger über ihnen. Sandokan schaute zu dem schweigenden Mann,
der jetzt wie aus einer Trance erwachend, seinen Kopf wandte. "Das
Waffenlager in den südlichen Höhlen ist verraten worden. Viele haben
ihr Leben gelassen...unter ihnen Maximus von der Hand des Verräters."
Stille senkte sich für Sekunden über die kleine Gruppe. Sandokan tauschte einen kurzen Blick mit Yanez. "Wer war der Verräter?"
Yanez Stirn verwandelte sich in ein Gebirge "Haako."
"Haako...?" echote Christina. Sie konnte es nicht fassen. Er hatte auf
sie immer einen rechtschaffenen, ehrlichen Eindruck gemacht...
"Maximus' letzten Worte galten dir, Sandokan." In den schwarzen Augen
von Ulzana konnte man die Bereitschaft zum Kampf erkennen: Sie sagten,
daß nichts und niemand ihn daran hindern würden, seinen Freund zu
rächen. " Er sagte, du sollst es beenden!"
Sandokan trat langsam auf den immer ernsten Mann zu, dessen Herkunft
ihm so unbekannt war, wie das seiner meisten anderen Gefährten, unter
die sich ein neues Gesicht gemischt hatte, bei dem es sich um
Kammamuris Freund, Li Lian Jie handeln mußte. Er hielt dem großen,
kräftigen Mann, der Maximus wie einen Schatten überall hin begleitete
hatte, seinen Arm hin, den dieser mit einer schnellen Bewegung ergriff
und kraftvoll umschloß.
"Wir werden es gemeinsam beenden, Ulzana!"
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Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
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