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Seite 32 von 53
Das Bad hatte gutgetan. Sie fühlte sich erfrischt. Von ihr aus hätten
sie weiterreiten können, aber wenn es dunkel wurde, war das vielleicht
nicht ganz so angenehm. Sie befühlte ihre Garderobe, die über einen
Baum hing und schon fast wieder trocken war. "Wo sind wir?" fragte
Christina van Henning spontan Sandokan, der die schattige Uferböschung
des kleinen Sees heraufkam, was ihr eins ums andere Mal Gelegenheit
gab, ihn etwas intensiver zu betrachten. Er hatte sich sein Hemd noch
nicht angezogen und seine nassen Haare hafteten an der nackten Haut.
"Wir haben einen weiten Bogen um Kuching gemacht. Wenn wir weiter gehen, kreuzen wir die Straße nach Engkilili."
Es kommt mir vor, als hätten wir schon ganz Sarawak durchquert."
Christina bekam keine Erwiderung darauf. So in der Art waren die letzten Stunden verlaufen: Recht einsilbig. Er ignorierte sie.
Christina zuckte die Schultern und seufzte. Zumindest stand er genau in
ihrer Blickrichtung und machte Anstalten sein Hemd anzuziehen. Schade,
dachte sie, und rief sich innerlich, aber eher halbherzig, zur Ordnung.
Es wäre sicher besser für sie, sich der Schönheit der hiesigen Flora
zuzuwenden, anstatt der männlichen Wesen, die sie durchstreiften, aber
trotz alledem: In dem sie vorgab ihre Sachen glatt zu ziehen, schaute
sie mit halbgesenktem Blick zu ihm hin. Vielleicht sollte sie zu ihm
hinübergehen?... Ein verschmitztes Lächeln glitt kurz über ihre Lippen
und ließ ihre Augen aufleuchten. Du bist unverbesserlich, Christina van
Henning! Vor 12 Stunden bist du noch in tiefem Selbstzweifel versunken
gewesen und nun war sie voller Euphorie...
"Bleiben sie wo sie sind, bewegen sie sich nicht!" zischte Sandokan ihr
zu und statt seines Hemdes anzuziehen, welches er achtlos beiseite
warf, griff er zu seinem Kris.
"Was ist los?`" fragte sie stirnrunzelnd.
Er legte den Finger an die Lippen und drehte sich langsam im Kreis.
Seine Augen durchforschten das Dickicht des sie umgebenden Dschungels.
Christina folgte seinen Bewegungen, nichts rührte sich und ... alle
Geräusche waren verstummt. Nicht ein Tierlaut war mehr zu hören.
Diese Stille war unheimlicher, als die fremden zwitschernden, zirpenden
und brüllenden fernen Laute, die sonst durch diese undurchdringlichen
Wälder schallten.
Ihr Pferd tänzelte unruhig hin und her. Christina zog die Decke, die
ihren fast hüllenlosen, noch feuchten Körper bedeckte, fester um sich,
als hätte sie damit einen größeren Schutz vor was oder wem auch immer.
Sandokan kam langsam in geduckter Haltung zu ihr rüber. Ein kaum
wahrnehmbares Rascheln der Blätter, ließ seinen Blick herumfahren.
Hoch erhobenen Hauptes, geschmeidig, majestätisch, wie über den Boden
schwebend, eine Pranke vor die andere setzend, betrat ein
ausgewachsenes Exemplar eines Tigers die kleine Lichtung.
Christina stand genau zwischen Sandokan und diesem gewaltigen Geschöpf,
daß sie aus vier Metern Entfernung beäugte. Sie mußte an sich halten,
um nicht sofort die Flucht zu ergreifen. Statt dessen lehnte sie sich
nach hinten an den Ast, wo ihre Kleider drauf hingen und verfluchte
diesen Tag.
"Schauen sie ihm in die Augen, Christina." flüsterte Sandokan "Weichen
sie seinem Blick nicht aus. Er ist nicht auf der Jagd, sonst hätte er
längst angegriffen." Sandokan bewegte sich langsam zwei Schritte
vorwärts. Der Tiger blickte in seine Richtung und schüttelte sein
mächtiges Haupt, veränderte aber weder vorwärts noch rückwärts seine
Position.
Sandokan bleib stehen. Er wußte, daß eine falsche Bewegung sofort zu
einem Angriff führen konnte. Sie befanden sich vielleicht in seinem
Revier, an seinem bevorzugten Ruheplatz, an seiner Wasserstelle, oder
er war einfach nur neugierig gewesen.
Christina blickte in ein Paar bernsteinfarbene Augen, die sie zurück
anstarrten, zu mustern schienen, abschätzend, ob sich diese Beute
lohnte, kam es ihr in den Sinn. Mit einer Klarheit, so als wenn sie
eine Situation beschreiben würde, ohne daran beteiligt zu sein, wußte
sie, daß sie keine Chance hatte, wenn das mächtige Tier sich überlegte,
sie anzufallen.
Die Katze schüttelte ihr mächtiges Haupt und Christinas Herzschlag
setzte für Sekundenbruchteile aus. Sie hatte jegliches Zeitgefühl
verloren und schien wie erstarrt. Ihre Gliedmaßen spürte sie nicht
mehr, auch nicht den unebenen Ast, gegen den sich ihr Rücken drückte.
Das Geschöpf des Dschungels traf eine Entscheidung. Abrupt wandte sich
das mächtige Tier ab und verschwand wie eine Fata Morgana zwischen den
Blättern, so als wäre es nie dagewesen.
Es dauerte drei Sekunden bis Christinas Bewußtsein registrierte, daß
der Tiger verschwunden war. Sie holte tief Luft, so als wäre sie am
Ertrinken gewesen. Ihr war ein wenig schwindelig und ihre Beine drohten
unter ihr nachzugeben. Die Decke, die verborgen hatte, daß sie nur ihr
Unterkleid trug, fiel achtlos zu Boden. Sie griff mit der Hand an den
Ast hinter sich. Sandokan fing sie auf.
"Alles in Ordnung, er ist weg."
Christina schloß für einen Moment die Augen, als sie seinen sicheren Halt spürte.
Die normalen Geräusche des Dschungels umgaben sie wieder und sie hatten
sich nie so wunderschön und friedlich angehört, wie jetzt. "Habe ich
das nur geträumt? - Das wird mir niemand glauben!" brach es aufgeregt
aus ihr heraus.
"Dann hätten wir beide geträumt." Sandokan lächelte leicht.
Sie schaute in seine Augen. Sie versuchte darin zu lesen, was sie zu
ihr sagten. Sie spürte plötzlich ihre Hände, die auf seiner entblößten
Brust ruhten. Sie spürte seinen Herzschlag, jeden Atemzug, den er tat.
Etwas in ihren Ausdruck mußte sich dermaßen verändert haben, daß er
fragend die Augenbrauen hob, aber sie gab ihm nichts, worauf er hätte
mit Worten antworten können. Statt dessen musterte sie immer wieder den
Teil von ihm, den sie sehen konnte, seine Augen, seine Lippen, die
immer einen leicht spöttischen Zug zu haben schienen, seine breiten
Schultern, die starken Arme, seine kräftige Brust... Sie zog mit dem
Finger eine schmale Narbe nach. Sein starrer Blick folgte ihrer sanften
Berührung.
Christinas Augen schauten zu ihm auf. Langsam lehnte sie sich an ihn.
Ihre Hände umschlossen seinen Nacken. Sie hob ihren Kopf, beugte sich
ihm entgegen. Ihre Lippen öffneten sich und berührten mit leichten
Druck die seinen, nur kurz, kaum merklich. Seine Augen spiegelten eine
rätselhafte Unruhe wieder.
Sie lehnte sich fester an ihn und ihre Lippen verweilten diesmal länger
auf den seinen. Mit einer Kraft, die ihr den Atem raubte, spürte sie
plötzlich den festen Druck seiner Hände in ihrer Taille, seine Lippen,
die fest die ihren umschlossen und zu mehr einluden.
Schwindel erfaßte sie. Ihr Atemzüge wurden schnell und kurz. Sie spürte
seine Erregung, ihre eigene...Und plötzlich lösten sich seine Lippen
von den ihren und sein Körper entzog sich ihr.. Verwirrt und vollkommen
gefangen im Taumel ihrer Empfindungen blinzelte sie ihn an.
Er atmete schwer, seine Augen glitten an ihr hinab und verweilten dann
auf ihren Gesicht, dessen Konturen er mit seinen Blicken nachzog. Seine
Finger berührten ihre Lippen ...zogen sie dann, als hätte er sich
verbrannt, zurück. Er trat rückwärts und wandte sich um. Schritt
dorthin, wo sein Hemd achtlos auf dem Boden lag.
Plötzlicher Zorn erfaßte Christina. Oh nein, dachte sie, so nicht!
"Wovor hast du Angst? - Deine Gefühle zu zeigen, ihnen freien Lauf zu
lassen, sie nicht mehr kontrollieren zu können?" Sie ging ihm nach,
voller Empörung über diese Narretei, mit denen er sich und anderen
wehtat. Wenn er meinte, sie würde das auf sich beruhen lassen, so hatte
er sich getäuscht. Das würde sie jetzt bis zum Ende ausfechten, egal
wie es ausgehen würde.
"Der große Tiger von Malaysia! Barmherzig, gerecht, kämpft für die
Unterdrückten und dann spielt er mit den Gefühlen anderer, ohne sich
bewußt zu sein, wie verletzend er ist. Wenn die Liebe ein Gegner wäre,
den man mit dem Schwert bekämpfen könnte, hättest du alles daran
gesetzt sie zu vernichten. Aber Gefühle kann man nicht so ohne weiteres
auslöschen und kontrollieren, verbannen, vergessen. Das müßtest du doch
am besten wissen?!"
Er drehte ihr den Rücken zu, hielt sein Hemd locker in der Hand.
Christinas Stimme wurde ruhiger, aber nicht weniger eindringlich. "Du
hast sie geliebt und sie hat dich über alles geliebt, so sehr, daß sie
ihr Leben für deines gegeben hat. Sie hat entschieden, daß dein Leben
weitergehen soll, aber du hast vergessen zu leben. - Hast du dich
gefragt, ob sie es nachvollziehen kann, wie du lebst? Hätte sie es so
gewollt? Daß du nur dem Haß nachjagst und der Rache? Was ist mit
Freude, Glück und Liebe, die Dinge, die Mariannas Leben erfüllt haben,
für die sie gestorben ist? Ehrst du so ihr Andenken?"
Sandokan wandte sich langsam zu ihr um. Abschätzend musterte er sie. "Das kannst du nicht beurteilen."
Christina trat näher auf ihn zu und stemmte die Hände provozierend in
die Hüften. "Aber du kannst es beurteilen? - Du, dessen Gedanken nur
beim Tod sind, die nur zurückschauen, statt nach vorne, aus Furcht
wieder verlieren zu können, was einem lieb und teuer ist! Aber das ist
das Leben, Sandokan, und es ist das, was uns stark macht, trotz alledem
aufzustehen und weiterzumachen, was auch geschehen ist. Aber ein Teil
von dir tut das nicht, ein wichtiger Teil deiner Seele."
Seine Augen ruhten unverwandt auf ihr, aber hörten seine Ohren und sein
Verstand auch was sie sagte? - Nichts, keine Regung, deutete darauf
hin. Christina trat noch näher und berührte ihn leicht an der Schulter.
"Egal was dir noch wiederfährt im Leben, egal, ob du Glück oder Schmerz
empfinden wirst, Marianna wird immer ein Teil deines Lebens sein, deine
Angst sie zu vergessen ist unberechtigt, das wird nie geschehen. So wie
du ihr Leben verändert hast, so hat sie dein Leben verändert und ein
Teil von ihr wird immer in dir sein, egal wo du bist und was du
empfindest, und niemand und nichts wird dieses Gefühl für sie in dir
zerstören können."
Sein Blick schien sie überhaupt nicht zu erreichen oder weit in die
Ferne zu gehen... Ja...das war es dann wohl. Die dunkle Wolke in
Christina hatte sich verzogen und war einem diffusen Etwas gewichen,
daß sie selber noch nicht einzuordnen wußte. Jedenfalls gab es nichts
mehr zu sagen und ob sie etwas damit bewegt hatte, konnte sie auch
nicht feststellen. Zögerlich zog sie ihre Hand zurück. Dabei fiel ihr
auf, daß sie ja immer noch in ihrem Unterkleid hier herumlief. Sicher
nicht sehr passend für ein solches Gespräch.
Sie wandte sich um. Vielleicht hatte sie ja mal wieder zuviel gesagt,
aber nun war es zu spät, passiert, es sollte halt so sein...
Sie spürte einen festen Griff an ihrem Arm, ihre Füße bewegten sich
automatisch in die gezogene Richtung. Bis ihr klar wurde, was da
geschah, spürte ihr Mund bereits die intensive Berührung von Lippen auf
den ihren. Kräftige Hände legten sich um sie und zogen sie gegen einen
warmen, festen Körper.
Ihre Finger glitten über seinen Rücken, versuchend ihn noch näher an
sich zu ziehen. Ein kurzer Gedanke kämpfte sich durch eine neblige
Wolke, die alles um sie herum vergessen ließ.. 'Wo sollte das
hinführen?'... zerschmolz aber wie Schnee unter den ersten
Sonnenstrahlen des Frühlings, als seine Lippen ihren Nacken berührten
und seine Hände den Weg von der Taille abwärts fanden.
Christina hatte das Gefühl ein Feuer würde in ihr brennen. Ihre Hände
glitten an dem Band seiner Hose entlang, bekamen das Ende zu fassen und
zogen daran... Er ergriff ihre Handgelenke, hielt sie zurück, suchte
ihren Blick, forschend, fragend, ob sie so weit gehen wollte...
Natürlich wollte sie, und sie konnte auch jetzt nicht mehr anders, ob
es richtig war, war eine andere Sache, die aber jetzt gar keine Rolle
spielte.
Christina lehnte ihren Kopf an seine Schulter, befreite sich aus seinem
Griff und ihre Hände umspielten seine kräftigen Bauchmuskeln und
strichen sacht an seinem Hosenbund lang, ergriffen abermals die Enden
des Bandes und zogen leicht daran. Christinas Blick suchte den seinen,
der ihr Gesicht entlangglitt, während sie unablässig den Knoten aufzog.
Ein kleiner Widerstand zeigte ihr, daß sie das Ende des Bandes erreicht
hatte und es sich öffnete. In dem Moment zog er sie an sich und ließ
sie sanft zu Boden gleiten.
Sandokan beugte sich über sie. Seine Lippen berührten ihre Schläfen,
küßten ihre Augenlider und fanden sich auf ihrem Mund wieder, öffneten
ihre Lippen.
In ihrem ganzen Leben hatte Christina noch keinen so leidenschaftlichen
Kuß erlebt. Ihre Zungen vereinigten sich in wilder ungestümer Lust und
verweilten in fast vorsichtigem Kontakt. Ein Beben durchlief ihren
Körper. Sie spürte nicht die harte Erde unter sich, den unebenen Boden,
sie spürte nur ihn...
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Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
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