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Himmel über Sarawak PDF Drucken E-Mail
Inhalt
Himmel über Sarawak
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52

sundown01 Der Abend war wieder erwarten sehr nett geworden. Misses Beverly Picard war eine äußerst angenehme Gesellschafterin. Ihre beiden Töchter, Susan und Samantha, im Alter von 15 und 17 Jahren sehr gut erzogene junge Damen.
Während die Damen es sich im Salon bequem gemacht hatten, sprachen die Herren über Politik und Schlachtpläne im Raucherzimmer. Es war recht spät, als man sich voneinander trennte, wobei Christina von Beverly zu einem Gegenbesuch herzlichst eingeladen wurde.
"Das war ein sehr netter Abend." Christina hakte sich bei James ein und es schien in diesem Moment das normalste der Welt zu sein, so als ob es schon immer so gewesen wäre. Sie stiegen die Stufen hoch und schritten langsam in die große, im Halbdunkel liegende Halle hinein.
"James." Christina hielt inne. "Ich möchte morgen zu meinem Haus reiten. Würdest du mich begleiten."
"Ich halte das für keinen sehr guten Einfall, aber selbstverständlich komme ich mit."
"Ich muß wissen, wie es steht und...vielleicht bleibe ich da."
"Das werde ich auf gar keinen Fall zulassen."
"Wenn es notwendig ist, werde ich bleiben."
Er sah in ihren Augen, daß sie niemand von diesem Entschluß abbringen konnte. "Wenn du dort bleibst, dann werde ich auch dort bleiben."
"Aber du bist der Gouverneur, hier liegen alle deine Amtsgeschäfte."
"Dann bauen wir einen neuen Gouverneurssitz." Mit einem smarten Lächeln zog er sie näher. Das strenge hochgeschlossene, grüne Kleid hatte seine eigene Ausstrahlungskraft. Sie wirkte damit noch viel unnahbarer....Er beugte sich zu ihr hinunter und küßte sie. Sie wehrte ihn zwar nicht ab, aber irgend etwas war nicht so, wie es sein sollte. Er löste sich von ihr und schaute sie fragend an. "Habe ich dir weh getan?"
"Nein, James, nein."
"Was ist es dann?" forderte er mit Nachdruck zu wissen.
"Ich habe dich gebeten, mir etwas mehr Zeit zu geben." Christina wandte sich ab und trat einen Schritt zurück.
"Es ist dieser Lumière nicht wahr?"
"Er ist ein Freund, mehr nicht." sagte sie nachdrücklich.
"War er heute hier?! Hast du dich mit ihm getroffen?!" fragte er bissig.
"Frage doch deine Dienstboten und Wachen!" antwortete Christina bockig, wandte sich ab und lief die Treppen zu ihrem Zimmer hoch.
Ja, sie hatte ein Verhältnis mit Alexandre und das wußten oder vermuteten zumindest alle, aber sie ließ sich für nichts beschuldigen, was nicht rechtens war. Wenn sie James heiraten würde, würde sie ihm offen von Alexandre und ihr erzählen, aber sonst ging es niemanden was an und jetzt war es sowieso unmöglich mit diesem Mann darüber zu reden. Er war eifersüchtig, sie würde es jetzt nur noch mehr schüren.
In ihrem Zimmer angekommen verriegelte sie die Tür und lehnte sich dagegen. Warum tat sie das eigentlich in dem Haus des Mannes, der sie gefragt hatte, ob sie seine Frau werden wollte....?
Sie warf sich aufs Bett, starrte auf den weich fallenden Stoff des Himmels über ihr, der in dem vom Mondlicht erhellten Raum einen bläulichen Schimmer hatte. Am liebsten hätte sie dieses Haus sofort verlassen, aber mitten in der Nacht... und wo sollte sie hin, ohne sich und andere in Gefahr zu bringen....Warum hatte sich nur Alexandre nicht gemeldet, nicht einmal eine Nachricht...
Sie schreckte hoch. Christina lag immer noch auf ihrem Bett. Das Mondlicht schien noch immer durch die offenen Vorhänge ihres Zimmers. Alles war unverändert. Sie mußte eingeschlafen sein. Sie erhob sich, zündete eine kleine Lampe an und schaute auf die goldene Kaminuhr...1.15 Uhr. Mit einem Seufzer begann sie sich auszukleiden.
Stimmen, die von der offenen Balkontür, sehr vertraut an ihr Ohr drangen, erweckten ihre Aufmerksamkeit. Ohne darüber nachzudenken, daß sie nur ihre Unterkleidung trug, lief sie hinaus.
Durch die Stille der Nacht drangen zwei Männerstimmen an ihr Ohr, teilweise aufgebracht und zornig. Die eine Stimme war James und die andere ...Mr. Binks!
Christinas erster Impuls war sofort hinunterzulaufen, dann fiel ihr ein, daß sie nichts weiter anhatte. Sie riß die Schranktür auf und griff nach einer malvenfarbenen Bluse und einem dunkelbraunen einfachen Rock.
Vielleicht hatte man ja schon versucht sie zu wecken und davon war sie plötzlich erwacht...Ihre Gedanken rasten...Warum klangen die Stimmen so aufgebracht... war etwas geschehen...?
Ihr Herz begann schneller zu klopfen. Sie striff sich ein Paar leichte Schuhe über und öffnete die Tür.
Die große Halle war nur schwach erleuchtet und lag vollkommen still und leer da. Christina lief die Stufen hinunter und lenkte ihre Schritte in die Richtung, wo sie vermeinte, daß die Stimmen herkommen könnten. Sie zögerte. James war vorhin nicht gerade sehr guter Stimmung gewesen, als sie sich getrennt hatten, vielleicht sollte sie ein Gespräch jetzt nicht forcieren, aber warum war Mr. Binks hier? - Das konnte nur bedeuten, daß irgend etwas passiert war!
Sie beschleunigte ihre Schritte wieder. Die Tür zur Bibliothek stand weit auf, aber da war niemand.
Die Geräusche kamen aus dem Arbeitszimmer, aus dem ein schmaler Lichtschein durch die angelehnte Tür schien....
"Die Gefangenen auf der 'Thor' sind von Sandokans Leuten befreit worden. Unsere Partner werden langsam ungeduldig, wenn wir keine Ware mehr liefern können. Dabei hätten nur noch zwei Lieferungen genügt und du hättest..." Die Stimme von Jerry Binks erstarb urplötzlich.
Christina war wie angewurzelt stehengeblieben. Der Nachhall, der gehörten Worte, schwirrte noch in ihrem Kopf und erzeugte ein Chaos von biblischen Ausmaß. Zwei Meter trennten sie von der Tür, die plötzlich so bedrohlich und kalt wirkte und nun mit Vehemenz aufgerissen wurde.
Sie reagierte zu spät. James Kirk ergriff ihren Arm, zerrte sie in das Zimmer und schubste sie auf einen Sessel. Er vergewisserte sich, daß es im Gang draußen ruhig blieb und schloß die Tür.
Der Verwalter der van Hennings Plantagen stand neben der halb geöffneten Terrassentür und sah ziemlich blaß und überrascht auf seine Arbeitgeberin. Er hatte seinen typischen grauen Anzug an. Seine Brille lag auf dem Tisch.
James deutet auf die Tür hinter ihm "Ich hab' dir gesagt, du sollst nicht so laut reden. Mach' das zu." Der Gouverneur wandte sich Christina zu. Er stützte sich auf die Armlehnen ihres Sessel und schaute abschätzend zu ihr herunter. "Was hast du gehört?"
Christina reagierte rein intuitiv "Die Stimme von Mr. Binks." Sie schaute James ruhig und offen an. Jegliches Gefühl war aus ihr gewichen. Im Moment war sie wie eine Marionette, deren Handlungen vom Spielleiter bestimmet wurden.
Auf Kirks Gesicht zeigte sich ein schiefes Lächeln. "Du täuscht mich nicht. Du bist zu intelligent für das Spiel des naiven Weibchens." Sein Finger tippte an ihre Nasenspitze.
Christina setzte einen ihrer unschuldigsten Blick auf und richtete sich auf. "Ich habe Mr. Binks gehört, und dachte, es wäre etwas geschehen..."
James Kirk stieß sie unsanft in den Sessel zurück und wandte sich zu Jerry Binks um. "Verschwinde Jerry, du hast schon genug angerichtet für eine Nacht."
"Und was ist jetzt mit den letzten beiden Lieferungen?"
"Auf Grund der Entwicklung müssen wir jetzt einen anderen Weg einschlagen!" ein diabolisches Lächeln lag auf dem Gesicht des Generals. "Misses van Henning kommt in meinen Gewahrsam, da sie schuldig ist am Sklavenhandel, wird fliehen können und im Dschungel umkommen. Du hast jetzt mehr als freie Bahn, die letzten beiden Lieferungen mit der 'Freya' zu erledigen."
"Das Schiff gehört aber zur Hälfte der Reederei van Henning..."
"Um so besser! Je mehr Aufruhr wir anzetteln, um so mehr bietet sich mir die Gelegenheit, als Gouverneur härtere Maßnahmen zu ergreifen und alles unter mein Zentralkommando zu stellen, um die Banditen gänzlich zu erledigen. Und wenn das geglückt ist, wird niemand mehr daran zweifeln, daß es besser ist Sarawak mit strenger Hand als Patriarch zu regieren. - Verschwinde jetzt."
Binks griff nach seiner Brille und verließ den Raum, wie er ihn betreten hatte: Durch die Verandatür.
James Kirk wandte sich nun wieder Christina zu. "Nun, meine Liebe, da du ja nun des Sklavenhandels überführt worden bist, muß ich dich leider in Gewahrsam nehmen."
"Und wie willst du das beweisen, mein lieber James?" fragte sie arrogant zurück.
Kalte, berechnende Augen musterten sie. "Du unterschätzt mich. Das ist das geringste Problem...bestochene Zeugen, Papiere, die Binks herzaubern wird... und immerhin stehst du bereits unter Verdacht. - Engländerin bist du nicht, dein loser Lebenswandel...warum immer alles auf die Piraten schieben, die in London zur Zeit in sehr hoher Gunst stehen...?! Nur schade..."James Hand strich zärtlich fordernd über ihre Wange "...daß ich die angenehmen Seiten nicht noch habe auskosten können..."
Christina wandte den Kopf angewiderte zur Seite. "Und mit unserer Heirat wolltest du nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Macht erlangen."
"Wie gut, daß du das nicht schon früher erkannt hast. Die Macht die du besessen hast, hat all' die Jahre ungenutzt brach gelegen, sehr zum Leidwesen von Mr. Binks. Dein Mann war da nämlich ganz anders gewesen, oder warum glaubst du besitzt er soviel Land, weil er es ehrlich erworben hat...?"
"Du wirst damit nie durchkommen, dazu habe ich zu viele Freunde. Keiner wird Dir glauben."
Er lachte trocken. "Dein Ray Park wird der Mittäterschaft angeklagt werden. Kommodore Spock ist auf See, Lord Riker steht unter dem Pantoffel, Miß King wird kaum was ausrichten können..." in seinen Augen blitzte es gefährlich auf " ...und dein Alexandre hat sich für seine Familie entschieden, hier alles an mich verkauft und ist wieder nach Frankreich zurück!"
James Kirk sah mit Genugtuung das Flackern in ihren Augen und die Blässe auf ihren Lippen. Sir schien etwas sagen zu wollen, brachte aber kein Wort raus.
"Du siehst: Es ist keiner da!" Er beugte sich zu ihr herunter, verkannte den Sinn ihrer aufeinandergepreßten Lippen und wurde von einem, aus der Paarung vom Wut und Resignation hervorgebrachten, mächtigen Stoß zur Seite geworfen.
Christina sprang aus dem Sessel und lief zur Verandatür, aber James verstellte ihr den Weg, griff nach ihr. Aber durch einen Tritt von Christina gegen seine Beine, konnte sie sich ihm entwenden. Sie lief auf die andere Seite des Raumes, wo kunstvoll drapiert und auf Hochglanz poliert, zwei reichverzierte Degen an der Wand hingen. Es war ihr egal wie, aber sie würde nicht so leicht aufgeben. Sie mußte nur irgendwie aus diesem Raum rauskommen, in den Garten flüchten, sich irgendwo verstecken und dann den Kasernenbereich verlassen. Einen kurzen Augenblick schien es ihr logisch um Hilfe zu schreien, sicher würden dann jede Menge Wachen angelaufen kommen, aber die standen unter dem Befehl des Gouverneurs, und man hätte sie sofort verhaftet.
Ihre Finger schlossen sich um den Griff des über ihr hängenden Degens, als sie brutal an der Schulter nach hinten gerissen wurde. Der Degen fiel scheppernd herunter. Christina wurde zu Boden geworfen. Glas splitterte. Dort wo eben noch die geschlossene Verandatür war, stand jetzt Sandokan mit gezogenem Säbel.
James Kirk hatte gerade noch soviel Zeit, seine Überraschung zu verdauen, und sich zu ducken, um dem über ihn hinwegsausenden Säbel zu entgehen, der die Luft durchschnitt, wo sich eben noch sein Kopf befunden hatte. Er rollte über den Boden und kroch unter seinem Schreibtisch auf der anderen Seite wieder hoch.
Sandokan reichte Christina die Hand und half ihr hoch. "Alles in Ordnung?"
"Jetzt schon." antwortete sie spitzfindig, obgleich ihre Beine doch etwas zittrig waren, sich aber nun pure Erleichterung ihrer Seele bemächtigte.
"Sandokan!" Misses van Hennings warnender Ton und die nach vorne starrenden Augen, ließen ihn herumfahren. Der Gouverneur hielt einen Revolver in der Hand und zielte auf ihn. Mit einer blitzschnellen Bewegung schleuderte Sandokan seinen Krummsäbel in die Richtung, der dem General den Revolver aus der Hand schlug und ihn von der Wucht zurücktaumeln ließ. Der Säbel blieb vibrierend in der Holzverkleidung der Wand stecken.
Von draußen waren Geräusche zu hören. Der Lärm hatte die Wachen aufgeschreckt. James Kirk wandte sich mit schreckgeweiteten Augen um und lief zur Tür, um sie zu entriegeln. "Hierher!" brüllte er.
Sandokan ergriff Christinas Hand und zog sie mit sich. "Wir müssen hier verschwinden." Er riß seinen Säbel aus dem Holz und sie stiegen über die zersplitterte Scheibe hinaus in den Garten. Christina hörte James von innen schreien, sie wären in den Garten geflohen. Um sie herum war Bewegung, Stimmen, Befehle. Sandokan hielt immer noch ihre Hand und sie folgte einfach seinen sicheren Schritten, in dieser Dunkelheit.
Einzelne Schatten huschten vorbei. Büsche, Bäume...Das Mondlicht, daß durch einen Schleier aus Wolken drang, zauberte skurrile Gestalten in das Blattwerk.
Sie wandten sich nach links und waren plötzlich an einer Mauer.
"Wir müssen hier rauf. Warten sie hier." flüsterte er, ließ ihre Hand los und war im gleichen Augenblick verschwunden. Plötzlich kam seine Stimme von oben.
"Geben sie mir ihre Hand und ziehen sie sich an der anderen Seite an dem Vorsprung über ihnen hoch."
Christina tastete die Wand ab und ihre Finger berührten einen unebenen Stein in Armeslänge entfernt über ihren Kopf. Sie umschloß ihn fest und streckte ihrem rechten Arm nach oben. Starke Hände umschlossen ihn und sie wurde mühelos in die Höhe gehoben.
Die Oberkante der Mauer war zwar sehr breit, aber nur grob behauen, gänzlich ungeeignet für Christinas Schuhwerk. Sie rutschte weg, aber Sandokan fing sie sicher auf.
Christina spürte die angespannten Muskeln seiner Oberarme unter ihren Händen, die sie festhielten. Wie gerne hätte sie sich in dieser warmen Umarmung einer menschlichen Seele verloren, weit ab von allen Widrigkeiten und Kümmernissen. Am liebsten wäre sie jetzt hier für immer so stehengeblieben...
"Es tut mir leid,..."flüsterte Sandokan, wie als hätte er ihre Gedanken gelesen. "...wir können hier nicht bleiben."
Kurzerhand nahm er die verblüffte Christina auf den Arm und balancierte weiter über die nun auf vier Meter zum Boden ansteigende alte Palastmauer.
"Ich kann auch alleine gehen!" protestierte sie, umklammerte aber sicherheitshalber seinen Hals und schaute skeptisch über seine Schulter in den dunklen Abgrund.
"Dann sollten sie sich das nächste Mal andere Schuhe anziehen!" Er stoppte plötzlich und ließ sie vorsichtig wieder runter. "Setzen sie sich hier am besten hin."
Sandokan glitt neben ihr die Mauer hinab und nur ein kaum wahrnehmbares Rascheln war zu hören, als er im darunter liegenden Gebüsch landete.
Sie wandte sich um. Der Palast lag jetzt hinter ihr und war schon viel weiter entfernt, als sie gedacht hätte, daß sie gekommen wären. Überall waren Fackeln zu sehen und erhellten den Garten, der durchsucht wurde. Vor ihr lagen dunkle Gebäude. Das mußten die Ställe sein. Näherkommende Stimmen zeigten, daß die gesamte Garnison auf den Beinen war und es nicht mehr lange dauern würde, bis ein Fortkommen unmöglich war.
"Kommen sie, lassen sie sich fallen." kam eine Stimme von unten.
Christina schaute in das Halbdunkel. Sie konnte ein paar aufgestapelte Kisten erkennen. Sie sah seine dunkle Silhouette unter sich, ...aber wie weit war es bis nach unten....?
"Ich fange sie auf. Sie brauchen keine Angst haben." Er ahnte mehr ihren unsicheren Blick, sich ganz auf jemanden anderen verlassen zu müssen, als daß er ihn sah. "Springen sie jetzt, oder ich muß sie bei ihrem Gouverneur lassen!"
"Das ist nicht mein Gouverneur!" erwiderte sie mit Nachdruck, rutschte aber, wie Sandokan es nach seiner Bemerkung erwartet hatte, an die Kante und ließ sich fallen. Wohlbehalten fing er ihren Sprung ab und setzte sie vorsichtig auf den Boden. "Sie sind ja sehr schnell zu überzeugen."
"Nur, wenn ich will!" Christina zog sich ihren Rock gerade und strich sich die Haare nach hinten. Sie hätte sich bedanken sollen, für ihre Rettung, aber nur Unmut beherrschte ihre Sinne, die ihr immer noch versuchten einzureden, daß sie vielleicht einen bösen Traum hatte...
Sandokan betrachte sie verwundert. Eben schien sie noch unsicher und ängstlich zu sein, jemand, den man tief gekränkt hatte, und im nächsten Moment schöpfte sie aus einer unbekannte Quelle Kraft, richtete sich auf und schaute nach vorne, das Gewesene hinter sich lassend.
Ihr Blick begegnete dem seinen und hielt inne. Bevor er vielleicht zu einer spöttischen Bemerkung ansetzen konnte, die sie förmlich schon hörte, kam sie ihm lieber zuvor "Ich denke wir sollten von ihr verschwinden! - Nach ihnen!"
Er strich sich über den Bart und schaute über sie hinweg. "Gut, daß sie mich daran erinnern, mir war doch tatsächlich entfallen, was wir hier eigentlich wollten." Sein breites Schmunzeln sah sie nicht mehr, er ergriff ihre Hand und zog sie in die Deckung von ein paar Kisten. Sie liefen zwischen den Ställen hindurch, darauf bedacht im Schatten zu bleiben. Dort wo sie noch vor einigen Minuten gestanden hatten, wurde es laut. Die britischen Truppen umstellten die Mauer von dieser Seite, um eine Flucht aus dem Garten zu verhindern, aber wie immer waren sie zu langsam.
Mit Schrecken stellte Christina fest, daß Sandokan sie auf eine Hütte zuschob, in der durch ein kleines Fenster Licht schien. Drinnen drängte ein Mann sie unsanft von der Tür weg und verriegelte sie, schaute kurz durch das Fenster und half dann Sandokan ein Regal zur Seite zu schieben, in dem zahlreiche Werkzeuge lagen. Ein roh behauener Durchgang wurde frei.
"Ich danke dir, Worf." Sandokan klopfte dem gleichgroßen Mann freundschaftlich auf die Schulter, der ihm zunickte.
"Kommen sie." Der Tiger winkte Christina zu und verschwand in dem Loch, welches auf der anderen Seite von einem Gebüsch verdeckt wurde. Hinter ihnen schloß sich der Durchgang wieder.
Das Schnauben eines Pferdes zeigte Sandokan die Richtung.
Sie befanden sich am äußersten Rand von Kuching, da wo die Hütten der Arbeiter waren. Sandokan bestieg sein Pferd und reichte ihr seine Hand. Sie zögerte. "Hätte ich von unseren übereilten Aufbruch vorher gewußt, hätte ich natürlich für ein zweites Tier gesorgt."
Christina ergriff seine Hand und er zog sie hinter sich hinauf. Mit einem leise gesprochenen Wort, trieb er es an und sie ritten auf eine dunkle Wand ineinander dicht verschlungenes Buschwerk zu, von dem sie verschluckt wurden.


Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
 
 
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