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Seite 22 von 53
"Was beschäftigt sie?" Sandokan hatte sich zu Christina umgewandt und
musterte sie aufmerksam. Sie trug wieder ihre Reitkleidung, frisch
gewaschen, nur die zu einem Zopf geflochtenen Haare erinnerten noch an
die verzauberte Erscheinung der letzten Nacht..
Christinas Blick erwachte. Seit Stunden hatte sie ihn nichts mehr
gefragt, über das Land, Sabau, Kammamuri. Dann war sie plötzlich
verstummt.
"Es ist viel geschehen in den letzten Tagen..." Sie ließ diese Worte so
stehen. Zahlloses ging ihr durch den Kopf, was sie nicht hätte in Worte
ausdrücken können. Menschen hatten ihren Weg gekreuzt, sie war in eine
gänzlich andere Welt eingedrungen, die so weit entfernt gewesen war von
ihrem bisherigem Leben, wie die Sterne. Und doch...es war schmerzlich
es zurückgelassen. Ein Teil von ihr sehnte sich zurück in diesen
geheimnisvollen Dschungel, ein anderer wollte so schnell wie möglich
die Dinge geklärt haben und ihren Besitz retten. Nein, sie würde nicht
kapitulieren vor nichts und niemandem, aber sie fühlte sich müde und
die paar Stunden bei diesen einfachen Menschen ließen sie jetzt noch
einen angenehmen Frieden in sich spüren, der immer mehr einer
angespannten Unruhe wich, je näher sie Kuching kamen. Längst hatten sie
den Dschungel verlassen und auf kleinen, schmalen, versteckten Pfaden
neben den von den Kolonialherren angelegten Straßen, kamen sie der von
den Briten diesem Land aufgezwungenen Zivilisation unaufhaltsam näher.
Sandokan stoppte abrupt und riß sie aus ihren inneren Betrachtungen...
"Eine Patrouille!" zischte er leise. "Warten sie hier." Er glitt
lautlos vom Pferd und war auch schon in geduckter Haltung im Dickicht
verschwunden. Stille lastete plötzlich bleischwer um sie herum. Nur das
leichte Geräusch der Blätter, das leise Schnauben der Tiere und
verhaltene, fremdartige Stimmen aus dem Dschungel waren noch zu hören.
Christina wurde nervös. Das dauerte ihr zu lange, dabei waren erst
Minuten verstrichen. Was wenn Sandokan etwas zugestoßen war, was wenn
man ihn gefaßt hatte....Absurd, dachte sie! Was war nur los mit ihr.
Sie holte tief Luft und tätschelte den Hals ihres Braunen.
So plötzlich wie er verschwunden war, stand er neben ihr. Sie zuckte
zusammen. Ein belustigtes Schmunzeln glitt über sein Gesicht. "Ich
konnte ihnen meine Rückkehr leider vorher nicht telegraphisch
mitteilen."
"Schade, eigentlich!" erwiderte sie schnippisch und sich wieder vollkommen in der Gewalt habend. "Nun, ist es eine Patrouille?"
"Ja, acht Mann."
"Gut." Christina glitt entschlossen vom Pferd.
"Was haben sie vor?" Sandokans Augenbrauen zogen sich zusammen. "Sie
wollen doch nicht etwa zu Fuß gehen. Das würde man ihnen nie glauben!"
"Das habe ich auch nicht vor." antwortete sie bestimmt, bückte sich und
nahm etwas Sand auf, den sie zwischen ihren Händen zerrieb und dann
über ihre Bluse strich. Sie öffnete die kleinen perlmuttfarbenen Knöpfe
ihrer Ärmel und riß die Naht weiter auf. Dann rollte sie sie hoch.
Sandokan schaute ihrem Trieben interessiert zu. "So wird ihnen
natürlich jeder abnehmen, daß sie schon seit Tagen alleine im Dschungel
unterwegs sind."
Sie löste das Band aus ihrem Haar und schüttelte den Kopf. "Die Erklärung lassen sie ruhig meine Sorge sein."
Sandokan betrachtete die wilde Haarpracht, die sie nun weitaus mehr wie
eine unzivilisierte Barbarin aussehen ließ, als sein Volk. "Ganz wie
Mylady wünschen!" Er neigte spielerisch unterwürfig den Kopf zur Seite.
Christina war wieder in den Sattel gestiegen und schaute ihn
nachdenklich an. "Was verbergen sie hinter all' dem Spott und Hohn!?"
Sie bekam natürlich keine Antwort. Hatte sie etwas anderes erwartet.
Statuengleich stand er neben ihrem Pferd und schaute ohne jegliche
Regung zu ihr auf. Mit einer blitzschnellen Bewegung landete seine Hand
hinter ihrem Sattel auf dem Rücken des Braunen, der nach vorne sprang
und losrannte. Christina hatte Mühe sich festzuhalten. Als sie sich
umwandte, konnte sie nur noch Wald um sich erkennen, ja sie wußte nicht
einmal mehr aus welcher Richtung sie gekommen war.
Ob sie ihm noch einmal begegnen würde? - Auf alle Fälle hatte sie was in ihrem nächsten Brief an Dora zu berichten ...
Er sah ihr nach, wie sie zwischen den Bäumen verschwand. Eine
ungewöhnliche Frau. Eigentlich wäre es fair gewesen ihr zu sagen, in
welcher Gefahr sie schwebte, aber hätte sie es gewußt, hätte sie sich
vielleicht verraten.
Der Tiger von Malaysia bestieg sein Pferd und folgte ihrer
augenscheinlichen Spur bis zum Rand des Dschungels. Dort schlich er zu
Fuß weiter. Stimmen drangen an sein Ohr, noch bevor er etwas sehen
konnte. So was nannte sich nun Patrouille. Jeder kleine Bauer hatte
genügend Zeit bei dem Lärm, den die Briten machten, sich zu verstecken.
Und so ein Volk masste sich an, anderen ihre Lebensphilosophie
diktieren zu wollen. Er schob vorsichtig die Blätter eines Gebüsches
auseinander. Da waren sie. Alle acht Mann waren von ihren Pferden
gestiegen und standen im Kreis um die Lady, die sich auf den Arm eines
jungen Lieutenants stütze und sich Luft zufächelte. Er konnte nicht
verstehen, was gesagt wurde, aber das was er sah, sprach für sich.
Der Lieutenant hing förmlich an ihren Lippen und als sie auch noch
theatralisch in seinen Armen zusammenbrach, rannten plötzlich alle
anderen wild durcheinander. Jeder wollte der erste sein, der ihr die
Wasserflasche reichte. Ein wahrhaft meisterhaftes Schauspiel. Sandokan
zog sich zurück. Er hatte genug gesehen. Er hoffte nur sie konnte den
Gouverneur genauso gut von ihrer Geschichte überzeugen, aber wie er das
einschätzte, dürfte sie keine Schwierigkeit damit haben.... Störte ihn
das? - Sein Schritt verhielt. Nichts drang zu ihm durch wie nur seine
innere Stimme. Sein Blick wanderte ruhelos über den mit Moos und
Blattwerk bedeckten sandigen Boden, aber er sah nicht das
ineinandergewobene Geflecht der Natur, wo jedes Ding seinen Platz und
Nutzen einnahm. Er hörte nur den Klang seiner inneren widerstreitenden
Stimmen und brachte sie zum Schweigen. Jeder mußte seinen eigenen Weg
gehen und finden im Leben, auch wenn er vielleicht in die falsche
Richtung führte. Und wenn sein Weg der der Rache war, würde er ihn zu
Ende gehen, egal ob es der falsche Weg war.
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Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
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