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Seite 21 von 53
Das Festessen hatte aus Reis, Früchten, Gemüse und einem weißen
wohlschmeckenden Fleisch bestanden. Das was sie verstanden und von den
Frauen erfahren hatte war, daß dieses Dorf so tief im Dschungel lag,
weil sich hierher die englischen Soldaten nicht wagten und wenn sich
doch einmal eine Patrouille hierher verirrte, sah sie das Sonnenlicht
nie wieder. Sabau der Dorfälteste war ein Waffengefährte von Sandokan
gewesen und hatte sich hierher zurückgezogen. Er sammelte all die um
sich, die nicht gewillt waren das Land der Engländer zu bebauen,
sondern ihr eigens und sich für den Tag rüsteten, wenn sie gemeinsam
gegen die Kolonialherren zogen, um sie endgültig von dem Land ihrer
Vorväter zu vertreiben. Was sie erstaunte, war die Freundlichkeit, mit
der sie aufgenommen worden war. Immerhin war sie eine weiße und für die
Einheimischen schuldig an den Entführungen, aber niemand fragte sie
danach.
Anfänglich war es interessant den fremden Stimmen zu lauschen und die
einfachen Gespräche über ihre Häuser, Felder, Männer, Väter und Kindern
zu verfolgen, aber zunehmendes Desinteresse und die Neugier, was auf
der Seite der Männer gesprochen wurde, die durch ein großes Feuer in
der Mitte, von den Frauen getrennt saßen, ließen Christina nur noch
halbherzig den Gesprächen folgen. Als sich die Frauen endlich erhoben
und ihre Hütten aufsuchten, war sie einerseits froh diesem Geplapper
entronnen zu sein, wußte aber nun immer noch nicht, wie es weitergehen
würde. Auf gar keinen Fall würde sie hier untätig länger verweilen, sie
wollte nicht alles verlieren, was ihr in den Jahren zur Heimstadt
geworden war.
Ihre Gedanken schweiften ab...Eine Ewigkeit schien es her zu sein, daß
Alexandre sie besucht hatte. Sicher machte er sich große Sorgen...
Die letzten Tage glitten an ihren inneren Auge vorbei, wie als würde
sie sich die Erinnerungen einer vollkommen anderen Person anschauen.
Ein bitterer Zug legte sich auf ihr Antlitz. - Wie drastisch stand doch
diese vor ihr jungfräulich ausgebreitete Landschaft im Gegensatz zu den
unmenschlichen Taten, die hier verübt wurden....Ihr Blick schweifte
über die im hellen Licht des Mondes dunklen Wipfel des Waldes, der sich
unter ihr, vom Fuß der Klippe bis an den Horizont ausbreitete, so als
würde die ganze Welt ein einziger Dschungel sein ...
"Das ist bereits Niederländisch-Indien, worauf sie schauen. Sie stehen genau an der Grenze."
Ihr Kopf wandte sich langsam zur Seite, daß reine Licht des Mondes ließ
ihre Haut weißer erscheinen, als sie es war. Ihre schlanke Gestalt in
dem roten Sarong wirkte vor dem schimmernden Antlitz der Sterne
unwirklich. Die streng nach hinten, zu einem Zopf geflochtenen Haare
unterstrichen die schmale Linie ihrer Schultern.
"Es ist euer Land, nicht wahr?" Sie brauchte sich nicht umwenden, um zu wissen, wer wenige Schritte hinter ihr stand.
"Das ist richtig."
Sandokan war neben sie getreten und schaute über das dunkle Meer des
Waldes. Seine Hand ruhte locker auf dem Griff seines Krummsäbels.
Nichts deutete darauf hin, daß er der Erbe eines großen Reiches war,
was niedergeschlagen und vernichtet worden war. Er trug ein grünes
einfaches Hemd und ein ebensolches Stirnband. Nur die stolzen Züge in
dem ernsten Gesicht zeugten von majestätischer Herkunft. Er ahnte nicht
im entferntesten, daß Christina sicher mehr von ihm wußte, als ihm lieb
gewesen wäre.
"Warum sind sie nach dem Tod ihres Mannes geblieben?"
"Verlassen sie das Land, daß sie lieben, auch wenn sich ihnen Widrigkeiten in den Weg stellen?
Ihre Blicke begegneten sich. Für Sekunden sahen sie in die Seele des
anderen und das helle klare Licht des Mondes vertrieb allen Haß.
Jedweder böse Schatten wich vor den weißen Strahlen zurück. Er spürte
eine innere Ruhe und Frieden, wie er es schon lange nicht mehr
empfunden hatte. War es dieser Ort, der ihn die Erinnerung an
friedvolle, glückliche Stunden seines Lebens zurückbrachte oder ihr
Blick aus großen dunklen Augen, der ihm offen ohne jede Falschheit
begegnete...Wie abwegig sie für irgendein Verbrechen verantwortlich
machen zu wollen.... "Ich habe gehört, daß sie auf ihrer Plantage eine
Schule haben und ein Krankenhaus bauen wollen." Sein Blick glitt wieder
in die Ferne. "Außerdem sollen sie ihre Arbeiter sehr gut entlohnen, so
daß sie in der Lage sind, sich eigenes Land zu kaufen und zu
bewirtschaften!?
"Und doch beschuldigt man mich, sie ihrer Familien zu berauben!" fiel sie ihm halb ins Wort.
Es herrschte einen Moment Schweigen. Nur die Geräusche des Dschungels drangen an ihr Ohr.
"Die langen Jahre der unbarmherzigen, grausamen Herrschaft der Weißen
hat uns mißtrauisch gemacht, auch gegen die, die uns Gutes wollen."
"Man erzählt sich, daß sie einen guten Freund haben, der Portugiese ist. Auch eines der Länder, was sie niederzwang."
"Das ist richtig, aber Yanez hat sich sein eigenes Reich geschaffen
unabhängig von Grenzen und Rassenunterschieden. Es ist das Reich, in
dem jegliche Ungerechtigkeit bekämpft wird, ganz egal wer auf welcher
Seite steht und welche Hautfarbe er hat."
"Soweit gehen sie nicht, nicht wahr? - Sie hassen alle, die zu zum Volk ihrer Peiniger gehören."
"Außer sie überzeugen mich vom Gegenteil."
"Haben sie sich je überlegt einen anderen Weg als den des Kampfes zu
gehen, Verhandlungen zu führen, ein Abkommen zu treffen...."
Ein leichtes von ihr nicht bemerktes anerkennendes Lächeln glitt über
seine ernsten Züge. "Würde ich auch nur den Versuch wagen mit einem
Briten Kontakt aufzunehmen, würde man mich sofort hängen."
"Gouverneur Gowron hätte sie sicher angehört. - Haben sie ihn getötet?"
"Wenn ich sage 'Nein', glauben sie mir das?"
"Ja!"
Dieses 'Ja' kam so selbstverständlich und ehrlich aus tiefsten Herzen,
daß es ihn fast beschämte. Er schaute sie von der Seite an. Ihr Blick
war in den Himmel gerichtet, das funkelnde Band der Sterne betrachtend.
"Aber auch er stand jemandem im Weg und der neue Gouverneur ist ein
Krieger." Sandokan bemerkte ihr Zögern, bevor sie zu sprechen begann.
"Das stimmt. Er hat viele Kämpfe in verschiedenen Ländern ausgefochten.
- Aber er muß auch seinen Befehlen folgen und würde nichts lieber als
das was Henry Gowron begonnen hat, zu Ende zu führen."
"Hat er ihnen das gesagt."
"Natürlich!"
"Und sie glauben das?"
"Er ist ein sehr achtbarer Gentleman!"
Der Frieden in seiner Seele war verflogen. Er spürte Bitterkeit
aufsteigen. Wieviel weniger Ungerechtigkeit würde es geben, wenn man
direkt in die Herzen der Menschen schauen konnte. Und wieviel weniger
Leid bei denen, die enttäuscht und gebrochen zurückblieben.
"Ich hoffe für sie, daß sie Recht haben. - Ich werde sie morgen so weit
wie möglich in die Nähe von Kuching bringen. Wir reiten bei
Sonnenaufgang. Sie sollten sich schlafen legen."
"Danke!"
Er hatte sich bereits ein paar Schritte entfernt, als ihre Stimme ihm bewußt wurde. Er verharrte und wandte den Kopf.
Sie stand da. Das Mondlicht beschien ihre Gestalt und umhüllte sie wie die Reinkarnation einer Göttin.
'Danke' .... Dieses eine Wort hallte in ihm nach wie der Klang einer
Glocke. Wie der beginnende Morgen durchströmte es seinen Körper.
Tat er das Richtige, sollte er sie gehen lassen, sie vielleicht in
Gefahr bringen, um die Wahrheit zu erfahren und Beweise zu haben, oder
sollte er auf Kammamuri hören und sie erst mal weiter mitnehmen.
Was, wenn das stimmte, was der Vorarbeiter Tunik, der mit seiner
Familie über die Grenze geflüchtet war, Sabau erzählt hatte? Wenn
wirklich der Verwalter der van Hennings Plantagen, Sklaven gegen Gold
getauscht hatte, was von Tunik beobachtet worden war und man ihm
angedroht hatte seine Familie zu verkaufen, wenn er etwas sagte? - In
diesem Fall konnte Misses van Henning in arge Bedrängnis geraten.
Aber Jerry Binks konnte nicht der eigentliche Mann an der Spitze sein.
Der würde sich nicht zu dieser öffentlichen Handlung hinreißen lassen.
- Aber was, wenn sie ihn getäuscht hatte und tatsächlich etwas damit zu
tun hatte...
Diesen Gedanken vermochte und wollte er nicht zu Ende führen.
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Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
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