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Seite 20 von 53
Das Dickicht neben ihnen wich stellenweise vollkommen zurück und ließ
einen Blick auf die verschiedenen Pflanzen und leuchtenden Blüten
mitten im Herzen des Dschungels zu. Die Feuchtigkeit war fast
unerträglich. Christina spürte sie wie eine Schicht auf ihrer Haut. In
all' den Jahren ihres Hierseins, war sie noch nie in diese unberührte
Natur vorgedrungen.
"Sie ziehen einen wie magisch an, aber sie sind giftig. Es wird ihnen
furchtbar schlecht gehen, sollten sie ihre Blüten und Stengel berühren."
Es war das erste Mal seit zwei Stunden, daß überhaupt jemand etwas
sagte. Der große kräftige Mann, der ihr aufs Pferd hatte helfen wollen
und die ganze Zeit hinter ihr geritten war, schob sich neben sie und
folgte ihrem Blick in das ineinanderverwobene Grün der Blätter.
"Aber sie sehen wunderschön aus?"
"Und liegt nicht in allem Schönen auch das Gefährliche?!"
"Was einzig und allein dem Schutz dient und doch wird es immer versucht
werden." Christina spürte seine ernsten Augen, die sie musterten.
"Welcher widrige Winde hat eine Frau wie sie in dieses rauhe Land verschlagen?"
"Mein verstorbener Mann."
"Aber ihr seid keine Britin und nicht niederländisch. Woher kommt ihr?"
"Meine Familie lebt in Portugal."
Er nickte, so als hätte er es fast vermutet.
"Wissen sie wo wir hinreiten?" fragte Christina ermutigt durch seine Fragen.
"Ist es so wichtig, wo wir hinreiten angesichts dieser endlosen
Schönheit." Sein stolzer Blick glitt über die geschwungenen Äste über
ihnen, die wie die verzierten Wölbungen das Dach einer Kathedrale zu
bilden schienen. Geräusche, die sowohl beängstigend als auch
belustigend waren, erfüllten die Luft. Einzelne Lichtreflexe spiegelten
sich in Wassertropfen auf den großen Blättern.
Christina musterte den unbeugsam und gerade im Sattel sitzenden
muskulösen Mann. Sein Antlitz strahlte Würde und eine eigenwillige
Schönheit aus. Seine Augen ließen mehr als nur den wagemutigen Kämpfer
vermuten. Mit wachem Scharfblick schien er die Bilder, die sich ihm
boten aufzunehmen.
"Sie sind kein Malaie, woher kommen sie?"
Der Mann schaute sie abschätzend von der Seite an. "Von den Feldern
meiner Ahnen, den tiefen Höhlen auf verschneiten Gipfeln, wo der Wind
so scharf ist, daß er einem die Kehle durchschneidet und der Atem einem
ausgeht. Aus tiefen, versteckten Tälern, wo es Tiere gibt, die noch nie
in die Augen der Jäger geschaut haben und sie für einen Artgenossen
halten. Aus weiten Wüsten, wo es so trocken ist, wie hier feucht und
aus den Dschungeln dieser Welt." Er machte eine weit ausholende
Handbewegung.
"Und wo ist eure Heimat?"
Sein Blick verengte sich für Sekunden. "Das ist ein Wort aus längst
vergangener Zeit. Einer Zeit in der viel Unrecht geschehen ist, viele
den Tod fanden durch meine Hand."
"Was steht dem im Wege es zu bereinigen?"
Ein langer Blick, aus den tiefen seiner Seele begegnete dem ihren und
für Sekunden vergaß sie die sie umgebene Hitze. Ein kalter Schauer rann
über Christinas Haut.
Mit tonloser spröder Stimme antwortete er ihr: "Ich habe mich selbst in den Augen meiner Feinde gesehen!"
Sie spürte noch die unheilvolle Ausstrahlung seiner Worte, als Sandokan
plötzlich sein Pferd zügelte und sich umwandte. "Wir sind da, Hiroyuki."
Der angesprochene nickte Sandokan zu und ergriff unversehens Christinas Hand. Er küßte sie.
Überrascht schaute sie zu ihm auf.
"Unsere Wege trennen sich hier."
"Seid vorsichtig!"
"Ich halte den Säbel in meiner Hand. Ihr dagegen tragt ihn in eurem Herzen. Kräftemäßig seid ihr mir weit überlegen."
Ohne einen weiteren Blick oder einen Abschiedsgruß verschwand er
lautlos zwischen dem Blattwerk. Wie ein Geist, ein Dämon, so als wäre
seine Anwesenheit nur reine Einbildung gewesen und Christina fragte
sich, ob das Gesprochene wirklich gesagt worden war.
"Möchtet ihr noch verweilen und weiter die Blätter anstarren, oder
können wir weiter?" Sandokan schaute sie fragend an. Kammamuri grinste
breit.
"Natürlich können wir weiter!" Christina trieb ihr Pferd an.
Diesmal bildete Kammamuri das Schlußlicht.
"Ein interessanter Mann, ihr Freund."
"Hiroyuki Tagawa!" antwortete Sandokan ohne sich umzuwenden. "Sie
sollten sich diesen Namen merken, aber sprechen sie ihn nie laut aus.
Er ist ein gefürchteter Bandit, Seelenverkäufer und Kopfgeldjäger."
Christina konnte und wollte das eben mitgeteilte nicht glauben, wer
weiß welche Widrigkeiten ihn dazu gemacht hatten und nichtsdestotrotz,
kreisten ihre Gedanken weiter um diesen geheimnisvollen Fremden,
während der Dschungel um sie mal dichter und dunkler, mal grell
leuchtend von der Sonne durchbrochen wurde, die bereits ihren
Höchststand überschritten hatte. Christina hatte jegliches Zeitgefühl
verloren, als sie plötzlich durch einen schmalen Durchlaß zwischen zwei
mit Blättern gedeckten Hütten anhielten. Sie blinzelte. Hatte sie jetzt
schon Halluzinationen? - Aber nein. Sie befanden sich mitten im
Dschungel in einem Dorf und das Geräusch von Stimmen und Werkzeugen
drang gedämpft an ihr Ohr.
Kinder kamen auf sie zugerannt und begrüßten sie lautstark. Erwachsene
hoben ihre Köpfe und schienen nicht sonderlich überrascht über ihre
plötzliche Ankunft hier. Die Meldung ging von Mund zu Mund, daß der
Tiger angekommen war.
Sandokan stieg vom Pferd. Es schien so, als hätten sie schon auf ihn gewartet.
Nicht alles, was gesprochen wurde, konnte Christina in dem
Durcheinander verstehen. Als Kammamuri vom Pferd stieg, tat sie es ihm
gleich. Die Zügel wurden ihr von einem jungen Burschen aus der Hand
genommen, der breit grinste.
Die Menge teilte sich und eine hochgewachsener, grauhaariger Mann,
gefolgt von zwei jüngeren, die eine unverkennbare Ähnlichkeit
miteinander hatten, schritt würdevoll auf Sandokan zu. "Wir haben schon
auf Dich gewartet, Tiger."
"Wir wurden aufgehalten, Sabau." Er deutete mit einem Kopfnicken auf
Christina. "Das ist Madam van Henning. Sie steht unter meinem
persönlichen Schutz."
Der mit Sabau angesprochene nickte. "Deine Lieferung ist heute morgen
eingetroffen. Wir haben bereits davon gehört. Nur erzählt man sich, daß
du sie entführt hättest."
Sandokan lächelte verschmitzt und legte Sabau seine Hand auf die
Schulter: "Hat man das nicht immer behauptet, mein Freund?! - Das ist
mein Gefährte Kammamuri, von dem ich dir schon berichtet habe."
Sandokan wandte sich um und Kammamuri trat vor und verbeugte sich
leicht.
"Wir haben schon viel von dir gehört, Freund. Sei uns willkommen, Kammamuri."
"Sandokan!" Jemand drängte sich durch die Dorbewohner und Christina
glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Die Stimme kannte sie nur zu gut.
Der drahtige Mann trat mit einem breiten Grinsen auf den Tiger zu und reichte ihm die Hand.
"Ray Park! Was machst du denn hier?" Christina stemmte die Hände in die
Hüften. Sie war überrascht und auch etwas entrüstet, daß ihr
langjähriger Bekannter, ihr anscheinend etwas verschwiegen hatte.
Ray umarmte Christina "Wir haben von deiner angeblichen Entführung
gehört, und da bin ich selbst losgeritten, um zu sehen, ob es dir gut
geht."
Christina war immer noch etwas überrumpelt von der plötzlichen
Anwesenheit Rays: "Ja, danke...!" Sie drohte Ray spielerisch mit dem
Finger und schaute ihn skeptisch an "Du wußtest, daß Sandokan bei Haako
im Dorf, deshalb bist du auch mitgekommen. Und die Überfälle auf deine
Waffentransporte für die Briten..."
"... entsprechen der Wahrheit, ich schwöre!" Er hob abwehrend die
Hände. ".... Jedenfalls, zuallererst war es so." Ein breites Grinsen
zierte sein schmales Gesicht. "Aber ich dachte mir, warum unschuldige
Menschen der Gefahr eines Kampfes aussetzen, wenn man das auch anders
regeln kann." Wieder zeigte er seine blitzenden schneeweißen Zähne, und
wandte sich kurz zu Sandokan um, der die Arme vor der Brust gekreuzt
hatte und interessiert beobachtete. "Außerdem haben die englischen
Garnisonen mehr Waffen als sie gebrauchen können."
"Und was sagt Beth dazu?"
"Nun, wenn ich morgen wieder zurückreite, wird sie mich natürlich nach
dem Überfall drei Tage gesund pflegen und allen erzählen wie
schrecklich es war. Dann werde ich noch drei Tage humpeln und für zwei
Monate bei den Herrenrunden etwas zu erzählen haben...."
"Ray...?" Christinas Augenbrauen hoben sich zweifelnd in die Höhe und
er schaute sie ernst an, was jetzt wohl kommen würde. Sie zögerte einen
Moment. "Ray...ist...James Kirk...?"
Ray lächelte sie schelmisch von unten her an und ergriff sie bei den
Schultern. "Ihm geht es gut. Er hat eine Wunde am Bein, aber nichts
Ernstes."
Sie fühlte sich nun um einiges besser und wie befreit. Christina spürte
erst jetzt, daß diese Unwissenheit so sehr an ihr genagt hatte, daß sie
jetzt am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. "Gott sei Dank, ich
hätte mir ewig Vorwürfe gemacht, immerhin habe ich auf dem Ausritt
bestanden."
Ray schaute sie nun etwas befremdend an. Er hatte doch eine etwas
andere Antwort erwartet, nach dem was Beth ihm berichtet hatte. "Nun,
wenn das Deine einzige Sorge war....! - Aber ich muß dir dafür etwas
anderes mitteilen: Ein Teil deiner Felder und die von anderen Plantagen
ist angezündet worden. Auf allen Plantagen gibt es militärische
Präsenz. Keiner traut mehr dem anderen. James Kirks Patrouillen sind
überall." Ray schaute kurz zu Sandokan, an dem diese Information
abzuprallen schien, als hätte Ray gerade den neusten Tratsch aus
Kuching berichtet.
Christinas Hochstimmung schlug so schnell um, wie sie gekommen war. Ihr
Gesicht wurde eine Nuance blasser und ihre Augen sprühten Blitze, als
sie ruckartig ihren Blick an Ray vorbei zu Sandokan wandte: "Waren das
ihre Männer?"
Eine Reaktion seinerseits interessierte sie nicht mehr, sie wandte ihm
absichtlich jetzt ihren Rücken zu. Sandokan nahm diese bissigen Worte
ebenfalls gelassen zur Kenntnis.
Statt dessen schenkte sie Ray ihre ganze Aufmerksamkeit: "Wenn du morgen zurückreitest, komme ich mit dir mit."
Ray Park, der Fechtmeister, kam nur noch zum Luft holen. Sandokan schnitt ihm scharf das Wort ab. "Nein!"
Christina wirbelte zu ihm herum. Ray runzelte die Stirn. Mit Christina
ein Streitgespräch zu führen, wenn sie wütend war, würde nie zu einem
erfolgreichen Ergebnis führen, außer man gab nach....
"Erzählen sie mir jetzt nicht wieder, daß ich unter ihren Schutz stehe.
Ich entbinde sie hiermit von ihrem Versprechen, außerdem kann ich sehr
gut auf mich alleine aufpassen!" ereiferte sie sich.
"Nun, das haben wir ja bereits bemerkt." antwortete Sandokan recht
ironisch. "Aber wenn Ray sie mit zu sich nimmt, gefährdet ihre
Anwesenheit seine ganze Familie."
"Natürlich werde ich nicht bei Ray bleiben. Es reicht, wenn er mich zum Gouverneurspalast mitnimmt."
Sandokans Blick umwölkte sich "Und wie wollen sie das dann dem
Gouverneur erklären, ohne einen Verdacht der Konspiration auf Mr. Park
fallen zu lassen?" Er hatte seinen Kopf schief gelegt und schaute auf
die Frau, die stolz und unnachgiebig ihren Willen mit funkelnden Augen
durchzusetzen suchte. Wenn es nötig würde, mußte er sie vielleicht doch
in einer Hütte einsperren lassen.....
"Nun, also ich denke, das sollten wir vielleicht später besprechen."
Ray war beschwichtigend zwischen die Beiden getreten. Es war nicht der
richtige Ort, das hier mitten auf dem Dorfplatz zu besprechen und die
Gemüter waren jetzt zu erhitzt. "Die Dorfbewohner haben ein Festmahl
zubereitet und sicher wollt ihr euch vorher noch erfrischen." Ray
schaute Christina durchdringend an. "Du möchtest sicher ein Bad nehmen
und deine Kleider reinigen, nicht wahr, meine Liebe!?"
Sie schluckte. Das war keine höfliche Frage, sondern mehr ein warnender
Hinweis für sie, ihr Temperament zu zügeln. Sie hatte schon auf den
Lippen zu sagen, daß es doch zwischen diesen Barbaren vollkommen egal
war, wie sie aussah, aber sie behielt diesen recht bösen Gedankenblitz
für sich.
Mit zusammengepreßten Lippen schaute sie Ray an und er nickte ihr
leicht zu. Er winkte ein paar Frauen heran, die sich schwatzend ihrer
annahmen und mit ihr zwischen den Hütten verschwanden, die sich wie ein
Stück gewachsener Natur in ihre Umgebung harmonisch einfügten.
Während Christina mit den Frauen zwischen den Bäumen verschwand,
folgten die Männer Sabau in entgegengesetzter Richtung zu seiner
Behausung. Die Dorfbewohner gingen auseinander und wieder ihrer
Beschäftigung nach.
"Sie ist manchmal etwas vorschnell." Ray hatte das Gefühl Christina bei Sandokan entschuldigen zu müssen.
"Das habe ich bereits bemerkt. Und sie sorgt sich um das Wohlergehen
des Gouverneurs." Ein harter Zug trat um seine Augen. "Was die Frage
aufwirft, ob sie doch etwas mit den Sklavenhändlern zu tun hat."
"Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun, glaube mir, Sandokan. Wer
auch immer sie versucht da mit hineinzuziehen, spielt ein ganz böses
Spiel."
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Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
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