|
|
|
|
|
| |
|
Seite 19 von 53
"Monsieur Lumière! Welch seltener Besuch." Gouverneur Kirk empfing
seinen unvorhergesehen Gast zu so früher Stunde ganz zwanglos in
Hausjacke im Raucherzimmer, wo er gerade die hiesige Ausgabe der London
Times studiert hatte und sich ein Glas Sherry genehmigte. "Bitte nehmen
sie doch Platz. Ein Glas Sherry?" Der Gouverneur trat zu einem kleinen
Tisch, der mit funkelnden Kristallgläsern und zahlreichen schweren
Flakons mit hellen und dunklen Flüssigkeiten bestückt war.
"Nein danke, General!" Lumière hatte sich steif in einen imposanten
Sessel aus rotem Samt gesetzt. Seine Füße scharten unruhig auf dem
dicken Teppich hin und her.
Der Gouverneur nahm wieder auf dem Sofa Platz, lehnte sich lässig gegen
ein großes bequem aussehendes Kissen und griff nach seinem Glas "Sie
gestatten!"
"Aber selbstverständlich." gebot der Franzose, der mit einem
beigefarben, vom Ritt etwas unordentlich sitzenden Anzug bekleidet war,
und damit der Höflichkeitsfloskel seinen Zoll entgegenbrachte.
"Was führt sie zu mir?"
"Ich komme gerade aus Siluas und hörte, daß man sie überfallen hat."
Das Gesicht des Gouverneurs wurde ernst und seine Augenbrauen zogen
sich zusammen. "Es war ein schrecklicher Angriff aus dem Hinterhalt, so
als hätten die Banditen gewußt, daß wir dort lang reiten würden. Meine
Männer sind alle tot..." ...und bei denen, die noch gelebt hatten,
hatte er selbst nachgeholfen, als die Bauerntölpel endlich verschwunden
waren. Nicht das es womöglich unterschiedliche Versionen der
Darstellung der Geschehnisse gab.
"Ich habe gehört, sie waren verwundet." fiel ihm ungeduldig der Franzose ins Wort.
"Ja." Kirk nippte genußvoll an seinem Sherry. "Doktor McCoy meinte,
noch ein paar Millimeter weiter und die Stichwunde hätte die Schlagader
getroffen und ich wäre wohl verblutet." Natürlich, und das hatte er
auch so einkalkuliert. Schließlich war er in genug Schlachten gewesen
und wußte was einen Mann umbrachte, also hatte er sich genau überlegt,
wo er sich die Wunde zufügte.
Kirk beobachtete Lumière über den Rand seinen Glases hinweg. Ihm
standen die Schweißperlen auf der Stirn und er machte ein recht
unglückliches Gesicht. "Aber sie sind sicher nicht hier, um sich nach
meinem Befinden zu erkundigen." half er ihm weiter.
"Nein....." der Angesprochene holte tief Luft. "Angesichts der
Tatsache, daß man beginnt die Pflanzungen der van Hennings Plantagen zu
plündern, wollte ich fragen, was der Gouverneur dagegen zu unternehmen
gedenkt."
Ein verstecktes, wissendes Grinsen schlich sich über die Züge des
Generals, glitt aber sofort wieder in einen ernsten Ausdruck hinüber
"Ich habe bereits eine Abteilung abgeordnet, die auf Bitten des
Verwalters Mr. Binks die Plantage schützen soll. - Und natürlich würde
das auch auf ihr Land zutreffen, wenn es zu einem Aufstand kommen
würde. Sie können meiner vollen Unterstützung gewiß sein."
"Und die Verbrecher,......die sie verletzten."
Der Gouverneur bemerkte an seinem sein Zögern, daß er eigentlich nach
etwas anderem fragen wollte. "Nun, irgendwann muß Sandokan den
Dschungel verlassen. Seine Schiffe kreuzen vor Sarawak und dann werden
wir zuschlagen."
"Und sie sind sicher, es war Sandokan?" fragte der Franzose ungläubig.
"Natürlich war es Sandokan."
Ein kurzes Schweigen lastete auf dem in dunklem Holz getäfelten Raum, der von dem gelben Licht der Gaslampen matt erhellt wurde.
"Haben sie noch etwas auf dem Herzen, mein Freund?" fragte der General vertrauensvoll.
Sein Gegenüber schluckte. "Ich habe gehört Madam van Henning befand sich bei ihnen."
Eine gewisse Genugtuung durchfloß Kirk.
"Das ist richtig! Sie hatte auf diesen Ausritt bestanden, ich konnte es
ihr nicht ausreden, aber sie kennen sie ja länger als ich....?"
Alexandre spürte die offensichtliche Feindschaft seines Gegenspielers
und Ärger stieg in ihm auf. "Und was gedenken sie in diesem Fall zu
tun?" fragte er mit fester Stimme.
"Abwarten, bis sich Sandokan meldet, oder sie freiläßt, wenn er in
Sicherheit ist."
"Und das ist alles?" Alexandre bemerkte, daß er unweigerlich begann
sich im Ton zu vergreifen, was sein gegenüber mit einem deutlichen
Zittern der Mundwinkel ebenfalls registrierte.
"Sandokan wird einer Frau nichts zu Leide tun, das hat er noch nie. Sie
brauchen sich da keine Sorgen zu machen. Allerdings...ich würde ihnen
empfehlen sich vielleicht doch mehr um ihre Angelegenheiten zu kümmern."
"Wie darf ich das verstehen, General?!" Alexandre fiel der warnende Unterton in der Stimme des Gouverneurs vor Zorn nicht auf.
Der Gouverneur beugte sich vor. "Nun, ihre kleine Liaison mit Misses
van Henning ist ja wohl allen bekannt. Und wenn sie möchten, kann ich
ihnen sogar Daten und Uhrzeit ihrer Treffen nennen." Kirk beobachtete
mit Behagen das Erbleichen von Lumière. "Wie geht es eigentlich ihrer
Gattin und den Kindern. Alles bei bester Gesundheit? - Ich hörte, daß
die Geschäfte nicht so gut laufen in letzter Zeit. Ihr Vermögen ist ja
wohl schon nicht mehr existent und nun versuchen sie wenigstens das
ihrer Frau zu halten, obgleich der Preis für Pfeffer momentan nicht
sehr gut steht. Sie hätten halt beizeiten auch auf andere Geschäfte
setzen sollen, wie es auf den van Hennings Plantagen üblich ist,
...aber verzeihen sie, ich vergaß, daß ihr Land natürlich nicht so
ergiebig ist. Natürlich, wenn sie jetzt verkaufen würden und mit ihrer
Familie nach Frankreich zurückgingen, könnte ich ihnen einen sehr guten
Preis machen, der es ihnen ein luxuriöses Auskommen auf einem Landhaus
in der Bretagne erlaubt, zumal es hier jetzt für einen Mann mit Familie
doch sehr gefährlich ist. Sie möchten doch sicher vermeiden, daß
jemandem etwas zustößt?!"
Alexandre sprang auf. Sein Gesicht war vor Wut gerötet. "Wollen sie mich erpressen, Gouverneur!?"
"Aber mein lieber Freund!" Kirk erhob sich langsam und lächelte
brüderlich. "Ich möchte doch nur, daß ihrer Gattin und ihren Kindern
kein Leid geschieht und stellen sie sich nur die Verzweiflung ihrer
Familie vor, wenn ihnen ganz öffentlich ihr kleines Verhältnis zu Ohren
kommt. Was für eine Schande. Ts ts ts!" Der Gouverneur schüttelte den
Kopf.
"Meine Familienangelegenheiten gehen sie gar nichts an." schnappte Alexandre und wandte sich zum Gehen.
Mit zwei schnellen Schritten war Kirk bei ihm und faßte den etwas
größeren, kräftiger gebauten Mann am Arm. Lumière wandte sich ihm zu.
In den Augen von Kirk glitzerte es gefährlich, seine Stimme war nur ein
Flüstern: "Christina gehört mir. Sie werden sie nicht mehr wiedersehen."
Alexandre lachte herbe. "Wie wollen sie mich daran hindern, mich töten?"
Der General ließ seinen Arm los und verschränkte die Hände vor die
Brust. Kalt und berechnend waren seine Züge "Sie töten? - Nein, das
wäre zu einfach...."
"Sie werden es nicht wagen meiner Familie..."
Kirk lachte schallend. Er umfaßte beinahe freundschaftlich seine
Schulter und schob den verdutzten Mann durch die Tür. Die Wachen im
Hauptgang nahmen Haltung an.
"...Aber natürlich werde ich mich um die Pflanzungen meiner Verlobten
kümmern bis ich sie befreit habe. Sie brauchen sich keine Sorgen zu
machen, daß sie ihre Verantwortung vernachlässigt haben. Wichtig ist
jetzt, daß sie ihre Familie in Sicherheit bringen, wenn ihre Frau und
ihre Kinder solche Angst haben. Ich wünsche ihnen eine gute Reise und
werde für ihre sichere Überfahrt sorgen. Gute Nacht mein Freund." Er
schob Alexandre durch die Haupttür, der wie benommen die breiten
Treppen runtertaumelte und automatisch sein Pferd bestieg, das von
einem Bediensteten gehalten wurde. Er sah nicht das genießerische
Funkeln in den Augen des Gouverneurs wieder ein Leben zerstört und für
seine Zwecke benutzt zu haben.
|
|
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
|
|
| |
|
|
|
|