|
|
|
|
|
| |
|
Seite 16 von 53
"Captain Hutt soll sich angeblich umgebracht haben, weil die Piraten,
also wir, ihn durch das Versenken seines Schiffes in den Ruin getrieben
haben." Ein schiefes höhnisches Lächeln glitt über die asiatischen Züge
des dunkelhäutigen Mannes, dessen ausgebildetes Muskelspiel der
kräftigen Oberarme ihn im Schein des Feuers ihn wie einen Barbar aus
der Vorzeit erscheinen ließ, als er nach dem Becher griff und einen
Schluck trank. Seine langen, schwarzen bis über die Schultern
reichenden Haare, fielen glatt nach hinten. "Aber so recht will das
niemand glauben. Captain Hutt war ein schmieriger Aasgeier. Es würde
mich nicht wundern, wenn er selbst von dem Sklavenhandel profitiert
hätte. Auf alle Fälle hätte er sich nie selbst etwas angetan. Dazu wäre
er zu feige gewesen. Und schon gar nicht wegen einer Ehrenschuld und
seiner Familie wegen, da er seine Frau und Kinder seit drei Jahren
nicht mehr in Singapur besucht hat."
"Wer sollte ihn umgebracht haben?" Kammamuri schaute von Sandokan zu
ihrem mitternächtlichen Gastgeber, der sie hier mitten im Dschungel, an
der Grenze zu niederländisch-Indien, bereits mit einem - für Kammamuris
Verhältnisse - Festtagsschmaus erwartet hatte.
"Der, der davon profitierte." Durchdringende schwarze Augen aus einem
Wind und Wetter ausgesetztem harten Gesicht, musterten den jüngeren
Mann, der diesem eindringlichem, abschätzenden Blick in keiner Weise
nachstand.
Die beiden Männer, die sich bisher noch nicht begegnet waren, schätzten
mit geübten Blick einander ab. Wären sie anderen Ortes
aufeinandergetroffen, so hätte es sein können, daß sie auf
verschiedenen Seiten gestanden und nur einer diese Begegnung überlebt
hätte, aber so war da eine Gemeinsamkeit, die sie nichts am anderen in
Frage stellen ließ: Sandokan.
"Was meinst du, Hiroyuki, hatte Captain Hutt etwas mit dem
Sklavenhandel zu tun?" Sandokan hatte leicht schmunzelnd die
aufmerksamen Blicke der beiden Männer verfolgt und beschlossen, daß es
an der Zeit war, dieses Spiel des unsichtbaren Kräftemessens zu beenden.
"Nein, Sandokan! Dazu war er nicht clever genug. Wer auch immer
dahinter steckt, muß großen Einfluß haben und vor allen Dingen Geld."
"Wie ist deine Meinung mein Freund, haben die gleichen Leute auch Gouverneur Gowron auf dem Gewissen?"
Hiroyuki Tagawas Blick glitt in den schwarzen Himmel, der sich in einer
schmalen Lücke zwischen dem ineinander übergreifenden Blätterdach, wie
ein Tor zu einer anderen Welt, öffnete. Seine Mundwinkel zeigten leicht
nach unten. Sandokan hatte ihn selten lachen sehen. Wer er war und wo
er herkam hatte er nie erzählt. Ein Jahr, nach dem sie Mompracem an
Brooks verloren hatten, stand er vor ihm, mit den Worten, daß er sich
ihm anschließen werde. Es war keine Bitte gewesen, sondern eine
Tatsache, die Sandokan aus ihm bis heute noch unerklärlichen Gründen,
vorbehaltlos akzeptiert hatte, ohne weiter nachzufragen, ohne einen
Zweifel, einen Anflug von Mißtrauen. Er konnte auch nicht sagen, ob es
Freundschaft war, was sie verband oder nur ein gegenseitiger Nutzen. Er
tauchte auf und verschwand wieder und war immer da, wenn es notwendig
war.
Hiroyuki wandte den Blick wieder Sandokan zu. Der Schein des Feuer spiegelte sich in seinem Augen.
"Es gibt nur einen, der einen Vorteil davon hätte: Gouverneur James Kirk, ein ehrgeiziger Mann, kein Mann des Friedens."
Sandokan nickte, daß waren auch seine Gedanken, nur wie sollte man es
nachweisen können, daß wer auch immer die Tat begangen hatte, er es
nicht war, es nicht hatte sein können.
"Was ist mit der Reederei?" fragte Kammamuri und kam auf das vordringlichere Problem, was sie hatten.
"Das eine Schiff, was du versenkt hast und ein anderes sind beide
offiziell als vermißt gemeldet. Keiner meiner Kundschafter konnte
irgendwelche auffälligen Transaktionen berichten. Wie es aussieht, ist
es entweder Zufall, daß es ausgerechnet diese Schiffe sind, oder es ist
ein sehr gutes und von langer Hand vorbereitetes Geschäft. Und das alle
Söldner britische Ausrüstung haben, ist keinesfalls ein Zufall. Und das
immer wieder von einem britischen Gentleman die Rede ist, der das Geld
in Empfang nimmt, ist auch nicht von ungefähr. Es muß mehr dahinter
stecken."
"Sie suchen etwas zu finden, wo es nichts Übles zu finden gibt."
"Welch angenehmer Klang in dieser unwirtlichen Umgebung." flüsterte
Hiroyuki ernst, obgleich eine eigenwillige Intonation diese Bemerkung
begleitete.
"Ich hab mich schon gefragt, wann sie sich an unserem Gespräch
beteiligen werden, Misses van Henning." Sandokan nahm eine der kleinen
Holzschüsseln und füllte etwas aus dem großen Topf hinein, der noch
über dem Feuer hing ein.
Kammamuri schien der einzigste, der etwas überrascht war, daß ihr
unfreiwilliger Gast bei Bewußtsein war, was ihm wohl so offenkundig im
Gesicht stand, daß Hiroyuki seine Frage ungewollt beantwortete. "Sie
ist schon seit geraumer Zeit wach."
Sandokan hockte sich neben sie und reichte ihr die kleine Schüssel, in der ein Löffel steckte. "Sie müssen etwas essen."
Christina schaute zu ihm auf, aber sein Gesicht lag abgewandt vom Feuer
in tiefer Dunkelheit. Sie erhob sich langsam und vorsichtig. Ihr an
weiche Betten und Kissen gewöhnter Körper fühlte sich etwas steif an,
von der rauhen auf dem Waldboden plazierten Decke, als einzige
Unterlage. Ihr Kopf schmerzte ein wenig, aber ansonsten fehlte ihr
nichts, wie sie bereits vorsichtig festgestellt hatte, außer einem Bad
vielleicht. Auch wollte sie lieber nicht wissen, wie sie aussah,
wahrscheinlich grauenhaft.
Sie setzte sich aufrecht hin und nahm die ihr gebotene Schüssel. Sie
roch daran. Es schien scharf zu sein. Ein dickflüssiger Brei.
Wahrscheinlich erwartete man, daß sie fragte, was es wäre, aber den
Gefallen würde sie den Männern nicht machen.
Sie spürte die Blicke, die auf ihr ruhten. Ohne zu zögern ergriff sie
den Löffel und schob sich den ersten Bissen in den Mund. Es schmeckte
überraschend gut, auch wenn sie nicht wußte, was ihren Gaumen und Magen
erfreute. Es schien Fleisch zu sein, weich und zart. Sandokan reichte
ihr einen Becher. Es war Wasser. Kühl und angenehm frisch, spürte sie
jeden einzelnen Tropfen, der ihre Lippen befeuchtete. Sie war also nun
tatsächlich Sandokan begegnet, den sie schon all die Jahre in denen sie
hier lebte für eine Legende gehalten hatte, obgleich immer wieder in
dem Zusammenhang auch der Name ihres Onkels fiel, wobei die erzählten
Geschichten stark voneinander abwichen. Erst die Berichte von Dora
hatten sie eines anderen belehrt. Vielleicht fühlte sie deshalb in
keiner weise Angst, noch Unsicherheit, obgleich...Bilder drängten sich
ihr auf und schlugen mit blanker Klarheit wie Peitschenhiebe ihre
Erinnerung...Augen, tote Augen, die sie anstarrten, Blut, Schüsse....
sie spürte Panik in sich aufsteigen, die ihr erst jetzt im nachhinein
zu Bewußtsein kam.... Sie blickte ins Feuer, verbannte die Bilder aus
ihren Sinnen. Sie war am Leben, hatte sich nicht ernsthaft verletzt,
und es sah nicht so aus, als wenn man ihr etwas zu leide tun wollte.
Wenn auch die beiden Begleiter von Sandokan nicht sehr
vertrauenserweckend wirkten. Vielleicht hätte sie auch noch lieber ein
Weilchen zuhören sollen, anstatt sich zu dieser voreiligen Bemerkung
hinreißen zu lassen, dann hätte sie unter Umständen erfahren, ob James
entkommen konnte, oder ob er verletzt....Sie schluckte. Er war General,
ausgezeichnet in vielen Kämpfen, sicher hatte er sich retten können...
"Wie fühlen sie sich?"
Sie betastete ihre Stirn, hinter der es unangenehm pochte. Sie berührte
die Abschürfung und spürte, wie die Haut an dieser Stelle spannte. "Ich
denke, den Umständen entsprechend gut."
"Können sie sich erinnern, was geschehen ist?"
"Man hat uns angegriffen. Jemand wiegelt meine Leute zum Aufruhr auf
und behauptet, ich würde ihre Familien in die Sklaverei verkaufen."
erwiderte sie mit Absicht in recht spitzem Ton und betrachtete ihn
herausfordernd mit ihren großen braunen Augen.
Falls sie gedacht hätte, sie könne ihn provozieren, so hatte sie sich getäuscht.
"Man wollte sie töten."
"Und wo kamen sie so plötzlich her?"
"Wir hörten die Schüsse." Sandokan musterte sie. Sie zeigte in keiner
Weise Angst, noch Unsicherheit oder Überraschung, sich plötzlich unter
den meist gesuchtesten Verbrechern von britisch-Indien zu befinden.
"Was..." Sie stockte. Ihr Blick senkte sich zu Boden. "Wissen sie, ob von den Soldaten jemand entkommen ist?"
Sie benutzte nicht das Wort tot. Es muß also jemand dabeigewesen sein, der ihr lieb und teuer gewesen war.
"Das kann ich ihnen nicht beantworten."
"Und was ist mit den Dorfbewohnern?"
Sandokan wandte den Kopf zur Seite. Er hatte nicht erwartet, daß sie
sich nach den einfachen Leuten erkundigte, zumal sie sie hatten töten
wollen.
"Die wenigen, die überlebt haben, sind in Sicherheit."
Es war das erste Mal, daß sie bewußt sein Gesicht sah, daß jetzt zur
Seite gewandt, halb vom verlöschenden Feuer beschienen wurde. Spott
umspielte den Ausdruck seines Mundes, der von einem gepflegten Bart
umgeben war. Es waren traurige Augen, die in Richtung des
undurchdringlichen Dickichts starten, als wenn sie dort eine andere
bessere Welt zu finden hofften.
"Geben sie mir ein Pferd und lassen sie mich gehen!" sagte sie mit fester Stimme, sich seiner Worte erinnernd.
Er wandte sich ihr wieder zu . "Das kann ich nun nicht mehr."
Er erhob sich und drehte ihr den Rücken zu.
"Sie hatten es mir angeboten."
Sein Schritt verhielt. "Das ist richtig, aber sie stehen jetzt unter
meinem Schutz. Wenn ich sie gehen lasse, wie lange würde es dauern, bis
sie auf die nächsten Landarbeiter treffen, die sie für etwas
verantwortlich machen wollen, von dem wir noch nicht wissen, ob es wahr
ist, und sie töten. - Es tut mir leid. Bis zur Klärung müssen sie
bleiben, bevor noch mehr unschuldiges Blut vergossen wird. Aber ich
verspreche ihnen: Sollten wir auf eine englische Patrouille treffen, so
übergebe ich sie in deren Obhut."
"Heißt das, ich bin ihre Gefangene, weil sie mich mit dem Sklavenhandel in Verbindung bringen?"
Sandokan wandte sich zu ihr um und betrachtete sie nachdenklich. "Sollte ich das?!"
"Wenn ich sage 'Nein', glauben sie mir das?" antwortete Christina genauso ernst und erwiderte seinen Blick.
"Betrachten sie sich als mein Gast."
|
|
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
|
|
| |
|
|
|
|