"Ja, es war kein schöner Anblick. Einer von den Dienstboten hat ihn gefunden. Anscheinend hatte Captain Hutt immense Schulden und dadurch daß er nun sein Schiff verloren hatte, sah er wohl keinen anderen Ausweg mehr, als sich zu erschießen und so seiner Familie wenigstens eine bescheidene Versicherungssumme zukommen zu lassen." General James Tiberius Kirk seufzte angesichts dieser tragischen Ereignisse in seiner Residenz, wo er doch dem Mann nur helfen wollte. Aber so schnell kann es gehen, wenn man seine Nase zu tief in Dinge steckte, die einen nichts angingen. In seinen abwesenden Blick trat ein gefährliches Glitzern, was seiner Begleiterin, die ihm gar nicht zugehört zu haben schien, verborgen blieb.
"Was ist, sie sind so ruhig, Christina. Geht es ihnen nicht gut? Sollen wir umkehren?" Gouverneur James Kirk schaute sie sorgenvoll von der Seite an und trieb sein Pferd etwas an dem ihren vorbei und stoppte sie. Die hochgeschlossene weiße Bluse, mit der gleichfarbigen kurzen Weste darüber, ließ sie heute sehr streng und beinahe blaß aussehen. Er versuchte den Blick ihrer Augen aufzufangen, aber das dünne Netz, was sich von dem kleinen grazilen Hut, der auf ihren hochgesteckten Haar thronte, und das Gesicht vor Schmutz und vor allen Dingen Insekten schützen sollte, ließ ihn nur eine vage Traurigkeit erahnen.
Die Pferde schnaubten. Die kleine Abteilung von zehn berittenen Soldaten hatte ebenfalls im gebührenden Abstand angehalten.
"Danke Gouverneur, aber es geht mir momentan so vieles durch den Kopf..."
"Sie sollten dererlei Dinge mir und ihrem Mister Binks überlassen, ein äußerst fähiger Mann. Und dann bestehe ich darauf, daß sie mich nach Kuching begleiten!"
Außer einem leichten Seufzen kam diesmal keine abwehrende Reaktion von ihr, was er als Zustimmung wertete und ein siegreiches Lächeln über seine Lippen flog.
Seine Hand umschloß die ihre, die leicht auf ihrem Schenkel ruhte. Er drückte sie sanft, bedauerte, daß sie Handschuhe trug, genauso, daß er jetzt nicht mit ihr alleine war. Aber auch er wagte es zur Zeit nicht ohne Eskorte alleine auszureiten.
"Wir kehren um!" Mit Bestimmtheit griff er in die Zügel ihres Pferdes und wendete es. Er gab seinen Männern ein Zeichen und die kleine Abteilung schloß hinter ihnen wieder auf.
Christina war das alles relativ egal. Sie bemerkte es nur am Rande und ließ es geschehen. Vielleicht hätte sie den Ausritt mit James heute lieber von vornherein absagen sollen, aber andrerseits, hatte er sie etwas von ihren bohrenden sich ständig im Kreis drehenden Gedanken abgebracht.
Sie unterdrückte den Impuls, den ordentlich zusammengefalteten Brief, den sie hinter ihren Gürtel gesteckt hatte herauszuholen und eins ums andere mal zu lesen. Seit zwei Tagen trug sie ihn überall mit hin und versuchte zwischen den Zeilen der kleinen Nachricht zu lesen, was damit gemeint war und jedes Mal schienen sie ihr eine andere Botschaft mitzuteilen...
Würde er akzeptieren, daß sie vielleicht heiraten würde, oder... hatte er gar die Absicht sich von seiner Frau zu trennen, um sie nicht zu verlieren... Ihre Herz schlug schneller, ihr Blick verschleierte sich...
"Was wollt ihr?"
Wie aus einem Traum erwachend drang die harte eiskalte Stimme von James an ihr Ohr. Ihre weiße Stute schnaubte. Sie hatte angehalten, weil die anderen Pferde auch angehalten hatten, nicht weil Christina es gewollt hätte, die seit geraumer Zeit die Zügel locker in ihren Händen hielt. Ihr Blick folgte dem von James, der verdrossen mit der Hand am Revolver auf eine Gruppe von ärmlich gekleideten, jungen und alten Männern haftete, die sich ihren Weg durch die Gräser einer kleinen Lichtung bahnten.
Ein alter Mann hatte angehalten und sagte etwas auf malaiisch. Christina konnte deutlich sehen, wie sich das Gesicht von James noch mehr verfinsterte. "Kann das einer von euch übersetzen?"
Ein junger Mann trat vor und stützte sich auf einen langen Bambusstab. "Unser Dorfältester und mein Großvater will wissen, ob das da die Frau ist, die unsere Familien zu Sklaven macht." Er deutete mit dem Kopf auf Christina.
James ließ sein Pferd zwei Schritte nach vorne gehen. "Ihr habt hier gar nichts zu wollen. Geht zurück in euer Dorf, oder ich nehme euch alle mit."
Christina warf einen Blick auf die Soldaten, die bereits ihre Gewehre im Anschlag hatten und teilnahmslos vor sich hinstarrten so als wären sie willenlose, ohne jedes Leben und Gefühl erfüllte Geschöpfe...
"Wir wollen sie!" Der Finger des jungen Mannes schnellte vor und zeigte auf Christina, die nun vollends in der Realität zurück, etwas erschrocken zusammenfuhr.
"Sie hat unsere Frauen, Mütter und Schwestern wegbringen lassen!"
"James, ich denke....!" Sie brachte ihr Pferd neben seines. Er wandte sich zu ihr um und seine Augen blickten eiskalt, so daß jedes weitere Wort auf ihren Lippen versiegte.
Er ergriff die Zügel ihrer Stute und drängte sie zurück. "Hier ist jedes Wort zuviel, Christina, sie werden jetzt sofort und so schnell wie möglich zurückreiten!" zischte er.
Es dauerte einen Moment, bis sie ihre Sprache wiederfand. "James, diese Leute sind nicht bewaffnet und sie fühlen sich ausgenutzt und gedemütigt...."
"Um so schlimmer! - Reiten sie!" Er schob ihr Pferd weg, was leicht tänzelte, aber die ruhige Stute war viel zu sanftmütig, um darauf zuregieren, sondern blieb einfach wieder stehen. Was dann geschah konnte nur einem Alptraum entsprungen sein. Es entstand Bewegung in der Abteilung des Gouverneurs, der sich seinen Leuten zuwandte, plötzlich ging ein Schuß los, ob beabsichtigt, oder ob einer der Soldaten nur nervös geworden war, daß würde wohl nie mehr nachzuvollziehen sein.
Die kleine Schar von Dorfbewohnen stürzte todesmutig, mit Stangen oder ihren bloßen Händen bewaffnet, einen wilden Schrei wie aus einer Kehle ausstoßend, auf die britische Patrouille los, die davon überrascht zurückwich und anfing zu schießen. Die erste Reihe der Landarbeiter fiel, teils tödlich oder schwer verletzt getroffen. Auch der alte Mann und sein Enkel verschwanden zwischen den Gräsern, wie von teuflischer Hand hinabgezwungen. Aber ungebrochen stürmten die anderen weiter, zerrten die Soldaten von den Pferden. Ihre Wut ließ sie alles vergessen. Die Angst vor den tödlich fliegenden Kugeln, den scharfen Degen.
Christina wendete ihr Pferd und gab ihm die Sporen, unglücklich über die sich eskalierende Situation. Hätte sie bloß nicht vor sich hingeträumt... Sie versuchte irgendwo zwischen den Kämpfenden James zu erblicken. Der Gedanke kam ihr kurz, daß er vielleicht hier irgendwo tödlich verletzt liegen konnte, als sie unsanft aus dem Sattel gezogen wurde und sich auf dem dicht bewachsenen Boden wiederfand. Jemand hielt sie fest, den sie nicht sehen konnte. Sie schlug um sich und rammte ihrem Gegner ihren Ellbogen in die Seite. Ein leichtes Keuchen zeigte ihr an, daß sie ihren Angreifer anscheinend empfindlich getroffen hatte. Die Umklammerung lockerte sich. Sie wand sich aus den dunklen, bloßen Armen und stolperte mehr als sie rannte, davon. Sie vermeinte ihren Namen zu hören.... Wandte sich um, aber sie sah nur Männer, die miteinander zwischen den Bäumen kämpften, Pferde, Mündungsblitze... Hinter ihr knackte es. Sie fuhr herum. Jemand warf sich auf sie. Sie rollte über den Fußboden und stieß gegen etwas. Ihre Augen blickten in andere Augen.... tote, gebrochene Augen. Aus einem offenen Mund rann ein stetiger Strom Blut und tränkte die staubige Erde. Ihre Hand stieß gegen etwas Metallenes. Sie zog daran. Es war ein Degen.
Ihr Angreifer rappelte sich auf und wollte sich auf sie stürzen. Christina wandte sich um. Nein, sie wollte ihn nicht töten, aber er fiel genau in den Degen und kippte zur Seite. Sie würde nie sein überraschtes Gesicht vergessen. Ein junges Gesicht, viel zu jung, um bereits an Kampf und Rache zu denken. Sie schluckte, drehte sich zur Seite und erhob sich. Um sie herum waren Stimmen, Schreie.... Ein Mann stand zwischen den Bäumen und deutete auf sie und rief etwas. Christina wartete nicht ab, was jetzt passieren würde, sondern lief in die entgegengesetzte Richtung.
Ein Schuß war es der den schnellen Ritt der beiden Männer enden ließ. Hart zügelten sie ihre Pferde.
"Es kam von Westen!"
Wieder hallte ein Schuß durch den hier von den Briten urbargemachten Dschungel. Ihre kläglichen Versuche diese Insel ihrem geliebten England anzupassen.
Es bedurfte keiner Worte zwischen den beiden Männern, ihre Pferde zu wenden und sie gegen Westen anzutreiben.
James Kirk sah Christina zwischen die Bäume reiten, als ihn Wiehern in die andere Richtung blicken ließ. Zwei Reiter sprengten in wildem Galopp über die Lichtung und sprangen aus ihren Sätteln mitten in die Kampfreihen.
James wehrte einen stämmigen Burschen ab, der ziemlich geschickt seinen langen Stab nach ihm hieb. Ein gefährliches Sausen an seinem Ohr ließ ihn vermuten, daß er ihn nur um wenige Millimeter verfehlt hatte. Seine Pistole hatte er nicht mehr, sie war ihm aus der Hand gefallen, als er vom Pferd gerutscht war. Er duckte sich unter dem Stab weg und stach dem Mann sein Messer in die Brust. Angewidert stieß er ihn von sich und suchte Deckung hinter einem breiten Stamm.
Einer der beiden Reiter rief den Bauern etwas zu, die daraufhin wiederwillig, aber doch sichtlich unterwürfig von den britischen Soldaten zurückwichen, die unter den blitzenden Säbel der beiden Ankömmlinge fielen wie abgehackte junge Baumtriebe.
James Kirk beschloß, daß es an der Zeit war angesichts dieses Gegners, von dem er ahnte, wen er vor sich hatte, das Feld zu räumen. Diesen Feind konnte man nur mit List und Tücke schlagen und einer großen Streitmacht. Er verschwand, die Stätte der Auseinandersetzung keines Blickes mehr würdigend, im hohen Gras, sich bereits die verschiedenen Versionen seines Berichtes überlegend, je nach dem, ob seine Männer freigelassen wurden und die Frau, die er eigentlich heiraten wollte, noch lebte.
Wie direkt aus dem innersten Schlund der Erde ausgespieen tauchte er plötzlich vor ihr auf. Christina van Henning hob ihren Degen. Sie würde sich auf gar keinen Fall ergeben. Dann müßte man sie schon dazu zwingen. Am Rande nahm sie wahr, daß der Kampflärm nicht mehr zu hören war. Oder war das Rauschen ihres Blutes in ihren Adern so laut, daß sie es nur nicht vernehmen konnte?
Er konnte sich ein leichtes verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Sie sah aus, als hätte sie ein ganzes Heer alleine besiegt. Ihr langen Haare hatten sich von der wohl einst kunstvoll aufgetürmten Frisur zum Teil gelöst. Ihr Atem ging schwer, aber sie schien bereit bis zum Letzten zu kämpfen. Langsam senkte er seinen Säbel. "Es wird ihnen niemand etwas tun, Mylady. Der Kampf ist vorbei."
Ihre Augen blinzelten. Mit einer kurzen Handbewegung schob sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr Haltung versteifte sich. Sie hatte ihn wohl an der Stimme erkannt.
Natürlich erinnerte sie sich an den angeblichen Verwandten von Haako und sie erinnerte sich auch an die Warnung von James Kirk, daß er sicher zu den Banditen gehörte und die Tatsache, daß zwar Haako und die Leute aus dem Dorf ihre Frauen und Kinder in die bereitgestellten Unterkünfte am Hauptgebäude gebracht hatten, aber Haako und ein paar andere seit dem wie vom Erdboden verschwunden waren. "Ich hatte euch doch gesagt, ihr sollt von meinem Land verschwinden! Was wollt ihr damit erreichen, daß ihr meine Leute aufhetzt?"
"Das ist die Wahrheit, die ihr seht, genauso wie eure Arbeiter es als wahr betrachten, daß ihr sie an Sklavenhändler verkauft." Ihr Degen senkte sich um ein paar Zentimeter nach unten. Zweifel waren in ihren Augen zu lesen...Zweifel und Angst. "Ich bringe euch ein Pferd und niemand wird euch daran hindern fortzureiten." Er wollte sich abwenden, was sie anscheinend falsch deutete. Überrascht von der Schnelligkeit wehrte er den Stoß ihres Degens gegen ihn ab. "Mylady, das ist kein Spiel!"
"Mitnichten!"
Eine ausgesprochen effektiv geführte Attacke, die jeden ungeübten Gegner überrascht hätte, ließ ihre Klingen sich vor ihren Gesichtern kreuzen. Er war ihr jetzt so nahe, daß er sein Spiegelbild in ihren Augen sehen konnte.
"Ich möchte sie wirklich nicht verletzen..."
Mit einem unangenehmen Klirren, kratzte ihr Degen über seinen Säbel und mit einem kurzen Schwung führte sie ihn nach unten. Ihm blieb gar keine andere Wahl als mit einem schnellen Bogen den Säbel zu drehen, der mit der ganzen Kraft seines Beherrschers gegen ihre Waffe prallte und sie ihr aus der Hand in weiten Drehungen in den Dschungel schleuderte. Durch die Wucht stolperte sie rückwärts. Er griff nach ihrer Hand, aber verfehlte sie. Sie fiel hin und ihr Kopf streifte einen Baumstamm.
Er beugte sich über sie, drehte sie vorsichtig auf den Rücken. Sie war bewußtlos. An der Stirn hatte sie eine kleine Platzwunde, ansonsten schien ihr nichts zu fehlen.
Er steckte seinen Säbel weg und hob sie vorsichtig hoch.
Kammamuri wandte sich um, als er einen Schritt hörte und runzelte die Stirn.
Sandokan ließ seine ihm nicht im mindesten anzumerkende Last vorsichtig auf den Boden gleiten.
"Das ist sie?" fragte Kammamuri und beugte sich herunter.
"Ja, das ist Misses van Henning, Eigentümerin besagter Handelsschiffe und dieses ganzen Landes hier." Sandokan griff nach der Wasserflasche in seinen Satteltaschen und reinigte ihre Wunde.
"Was ist passiert?" fragte sein jüngerer Begleiter. Sein Blick glitt über die Gesichtszüge der Frau mit den dunklen langen Wimpern, den hohen Wangenknochen und den vollen, leicht geöffneten Lippen. Es war ihm unmöglich sich vorzustellen, daß dieses Geschöpf an solch widerwärtigen Geschäften beteiligt sein sollte.
"Sie ist gestolpert." Sandokan erhob sich. Er wandte sich den Dorfbewohnern zu, die ihre Verletzten versorgt hatten und betreten zu Boden blickten. Sein Blick glitt nachdenklich über sie hinweg. Diese einfachen Leute, die nichts anderes wollten, als in Ruhe und Frieden zu leben, ein Stück Land bearbeiten und Sicherheit für ihre Familien wollten, hatten aus lauter Verzweiflung und Angst, aus blinder Wut etwas gewagt, was sie unter normalen Umständen niemals getan hätten: Einen offenen Angriff.
Dem britischen Empire war nicht einmal bewußt in welcher Gefahr seine Vertreter hier schwebten, sollte sich das ganze Volk einmal erheben. Diesem Sturm würde kein einziger Fremder überleben.
"Wer ist euer Sprecher?" Sandokan las in den schweigenden Minen der Männer das Erkennen, einen Fehler begangen zu haben. Einen Fehler, den die Hälfte von ihnen nicht überlebt hatte. So unvorbereitet losgestürzt zu sein, ohne sich die Konsequenzen überlegt zu haben. Aber es zeugte auch von Mut, so ganz ohne Waffen und Kampferfahrung, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, ihr Leben für das ihnen angetane Unrecht hinzugeben.
Einer der Männer hob seinen Blick und schaute Sandokan leer und schweigsam an. Ein Blick, der mehr sagen konnte als Worte. Er war groß und kräftig und einer der wenigen, die nicht verletzt waren. Sandokan folgte seinen Augen, die auf einem alten hageren Mann zur Ruhe kamen, der etwas abseits von den anderen Toten lag.
"Ihr habt Mut bewiesen, aber was gedachtet ihr damit zu erreichen?"
"Alle, die nicht auf den Feldern gearbeitet haben, hat man entführt und die, die sich wehrten umgebracht. - Sie muß sterben." Er deutete auf die noch immer bewußtlose Frau.
"Das Unglück zu sühnen, ist euer Recht, aber es bringt euch auch eure Familien nicht zurück und auch die Toten werden nicht zum Leben erweckt werden und es wird nur neues Blut fließen."
"Wir wollen sie!" Der kräftige dunkelhäutige Mann trat einen Schritt vor und verschränkte die Arme über die Brust. Sandokans Augenbrauen schoben sich zusammen. Sein Blick wurde schärfer. Seine Hand umschloß wie zufällig den Griff seines Säbels und er verlagerte sein Gewicht. "Wie ist Dein Name?"
"Tialc."
"Höre mir gut zu Tialc!" Sandokan senkte seine Stimme "Töte diese Frau und du wirst feststellen, daß dein Herz damit nicht besänftigt ist und bist du dir ganz sicher, daß dann diese Überfälle aufhören? Weißt du mit Bestimmtheit, ob du dich nicht zum Mörder machst, in dem du eine Unschuldige deinem Rachschwur opferst?" Zweifel lag in den Augen der übrigen Anweseneden.
Einer trat von hinten an Tialc heran "Laß uns gehen Bruder, oder willst du dich mit Sandokan anlegen? Dann stehst du alleine da."
Der angesprochene reagierte nicht. Seine Wunde war tief, tiefer als jede Verletzung je dringen könnte. Nur der Tod würde ihn erlösen können.
"Tialc!" Sandokans Worte hatten etwas von der Schärfe verloren. "Du bist ein mutiger Mann. Wenn du und deine Leute wollt, dann schließt euch uns an, aber diese Frau steht unter meinem Schutz und du wirst an mir vorbei müssen, wenn du sie töten willst." Sandokan konnte förmlich spüren, welchen Kampf der Mann mit sich ausfocht. Er würde ihm die Entscheidung abnehmen.
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich zu Kammamuri um, der ihn fragend anschaute.
"Wir nehmen sie mit."
Sandokan hob die Frau hoch. Kammamuri bestieg sein Pferd und nahm sie Sandokan vorsichtig aus den Armen und hielt sie mit einer Hand umschlungen, damit sie nicht hinunterrutschte. Sandokan nickte Kammamuri zu, der sein Pferd langsam antrieb, an den Dorfbewohnen vorbei, deren Blicke zwischen dem davon Reitenden und ihrem neuen Anführer hin und herglitten. Sandokan bestieg nun selbst langsam sein Pferd. Er wandte sich zu Tialc um, der immer noch ungerührt vor sich hinstarrte. Sandokan lehnte sich im Sattel zur Seite. "Ihr wißt, daß ihr nicht mehr in euer Dorf zurückkönnt." Stille folgte seinen Worten, wie die unheilschwangere Ruhe, bevor ein Taifun losbricht.
"Mein Angebot steht. Schließt Euch meinen Leuten an. Geht nach Sematan und fragt nach dem Spanier. Er hat dort eine Waffenschmiede. Nennt ihn bei seinem richtigen Namen: Maximus Decimus Meridas, und er wird wissen, wer euch schickt." Sandokan wartete die Antwort nicht ab, sondern trieb sein Pferd an, Kammamuri zu folgen, der inzwischen den Rand des Waldes erreicht hatte. Er wußte, daß Tialc mit den Männern zu Maximus gehen würde. Das, was ihr Leben bisher erfüllt hatte, war vergangen und würde niemals wieder eine Bedeutung für sie haben können.