Landsbury, 24. August 1872
Meine liebe Freundin!
Schade, daß wir uns vor meiner Abreise nicht mehr gesehen haben, ich hätte Euch so viel zu erzählen gehabt, aber sicher habt Ihr es inzwischen schon vernommen.
Die Überfahrt nach England verlief ohne besondere Vorkommnisse, aber es kommt mir so vor als hätte ich hier wieder ein neues Land betreten. Es fällt mir schwer, mich an den normalen Tagesablauf zu gewöhnen...
Sie ließ den Brief auf den mit Papieren bedeckten Sekretär sinken. Ihr Blick glitt über die Palmen und das Meer, welches in der Mittagssonne von diamantenen Reflexen zu erstrahlen schien. Ein einzelnes Segel tauchte am Horizont auf und durchschnitt das tiefe Blau des Ozeans, welches nahtlos in den Himmel überzugehen schien. Ein leicht amüsiertes Lächeln zeigte sich auf ihren vollen Lippen, in dem ernsten Gesicht, aus denen Augen sprachen, denen die Welt das Leben gelehrt hatte. Sie dachte an die junge Frau, deren Brief sie in Händen hielt. Sie hatte ihr Leben noch vor sich, obgleich sie die erste Lektion bereits gelernt hatte: Nicht alles was man haben möchte, bekommt man auch. Auch nicht eine Engländerin, möge sie noch so starrköpfig sein.
...Meine Veröffentlichungen in der Zeitung haben einen guten Zuspruch, obgleich mein Vater darüber nicht sehr erfreut ist. Aber ich bin froh, daß er mir diese Freiheit läßt. Es hilft mir bei meinem Schmerz. Nur leider geraten meine Artikel angesichts der neusten Ereignisse in den Hintergrund. Man ist hier sehr aufgebracht, über das, was in Sarawak mit Gouverneur Henry Gowron passiert ist. Er hatte ein sehr hohes Ansehen und es ist unbegreiflich, wie ihn die einheimische Bevölkerung niedermetzeln konnte, wo er doch soviel für die Unabhängigkeit des Landes getan hat. Man fordert hier Genugtuung und ist der Meinung, daß der neue Gouverneur der richtige Mann ist, und es zu harten Bestrafungen kommen wird. Aber das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen: Ich soll Dir die allerbesten Grüße von Lady Patricia Pladington ausrichten. Stell Dir vor, sie ist in freudiger Erwartung. Nun hat es endlich doch geklappt. Sie hätte Euch gerne als Patin, falls Ihr es einrichten könntet nach England zu kommen, aber sicher wird Euch Ihr Brief in den nächsten Tagen ebenfalls erreichen...
Der Rest des Schreibens verlor sich in Betrachtungen über das kühle Wetter und das Grau der englischen Natur....
Seufzend legte sie den Brief von Lady Dora Parker zur Seite. Auf den Plantagen waren sie Gott sei Dank von den Vorkommnissen in Kuching verschont worden. Als sie vor vier Wochen von ihrer Europareise in Rangun über die Vorkommnisse hier erfuhr, hatte sie schon die Pflanzungen zugrunde gerichtet gesehen, da man keine genauen Auskünfte geben konnte. Sie hatte sich dort auch gar nicht lange aufgehalten und war sofort weitergereist, den Gedanken nicht loswerdend, was sie tun würde, wenn alles, was sie liebte in Schutt und Asche liegen würde. Auch jetzt beschlich sie ein ungutes Gefühl, wenn sie sich überlegte, daß ihr nichts anderes übrigblieb, als zu ihrer Familie nach Portugal zurückzukehren, was sie sich nach all' den Jahren hier nicht mehr vorstellen konnte. Außerdem glaubte sie nicht, sich wieder an das Leben zu Hause gewöhnen zu können, mit seinen festen Statuen und eigenen Standesvorschriften. Zuerst hatte sie sich nicht vorstellen können hier zu leben, als man sie mit dem wohlhabenden niederländischen Reeder Christopher van Henning verheiratet hatte. Eine aus wirtschaftlichen Gründen arrangierte Ehe.
Wie war sie unglücklich in den zehn Jahren ihrer Verbindung gewesen und doch hatte sie hier, in diesem anfänglich so fremden Land, eine ungeahnte Wärme gefunden, die ihr ihr Mann niemals hätte geben können. Als er vor drei Jahren bei einem Jagdausflug verunglückte, stellte sie betroffen fest, daß sie es wie diesen Brief aus England, als eine kleine Abwechslung in dem täglichen Einerlei hinnahm. Erst nach und nach mußte sie erfahren, was es hieß hier in diesem Land alleine zu bestehen.
Was sich ihr vorerst als schier unmöglich zu bewältigen schien, nämlich die Plantagen ihres Mannes alleine halten zu können, schaffte sie mit der Hilfe von Alexandre Lumière, der schon immer mehr als nur ein Freund gewesen war, natürlich zum Entsetzen ihrer Familie, für die sie inzwischen wohl genauso als verschollen und nicht mehr existent galt, wie ihr Onkel, den sie eigentlich auf Ihrer Reise durch Indien besuchen wollte, aber durch die widrigen Umstände daran gehindert worden war.
Ein Windhauch ließ die gestickten Vorhänge leicht schweben und vertrieb die düsteren Gedanken. Das leichte Knarren der Dielen, was durch die dicken Teppiche gedämpft an ihr Ohr drang, verriet ihr einen Besucher. Ihr Gesicht entspannte sich und ihre rehbraunen Augen füllten sich mit Sehnsucht.
Er war ein unheilbarer Romantiker, seine Gedichte füllten eine ganze Lade ihres Schreibtisches, nur leider hatte er eine Familie, obwohl ihr Verhältnis bereits hinter vorgehaltener Hand in aller Munde war, was der englischen Gesellschaft wohl nicht ganz unrecht war, hatte man doch etwas zu lästern und vielleicht sogar Wetten abzuschließen und solange sie sich in der Öffentlichkeit korrekt verhielten....
Was sie verband war eine unbefriedigte eheliche Beziehung. Obgleich, manchmal hatte sie sich schon gefragt, was wäre, wenn er nicht gebunden... Sicher wären sie schon verheiratet, aber dann kamen ihr hin und wieder Zweifel, wenn sie mit ihm zusammen war... Es war schön wenn er da war, und er war ein Freund, nicht nur ein Liebhaber, ein Ratgeber, eine Stütze, aber kannte er sie wirklich? - Kannte er all die Träume, Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte von Christina van Henning, geb. de Gomera, der Frau mit der er das Bett teilte?
Immer wieder belächelte er ihre Ungeduld, ihren Tatendrang. Würde er dies auch noch tun, wenn sie jede Minute des Tages und der Nacht miteinander verbrachten...?
Wie die Andeutung einer Berührung, legten sich Hände sanft auf ihre Schultern, ließ en sie leicht erschauern....
"Wie ein Gemälde! - Am liebsten würde ich dieses Bild auf ewig festhalten..." hauchte es zärtlich an ihr Ohr.
Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken. Seine Hände lösten die Spangen aus ihrem braunem Haar und es fiel leicht über ihre Schultern.
"Wäre ich ein Gemälde, so könntest Du meine Wärme nicht spüren...." Sie neigte den Kopf und schaute in sein vertrautes Gesicht. Der Bart, der neuerdings einige graue Strähnen aufwies, das langsam lichter werdende dunkle Haar, und die sie entrückt anschauenden Augen.
Er beugte sich zu ihr herunter. Für die Dauer des Flügelschlages eines Schmetterlings berührten seine Lippen sanft die ihren.
"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" Er zauberte aus seiner Tasche ein Collier mit einem roten Rubin in der Mitte, der wie die untergehende Sonne im Meer, von blauen Opalen umrahmt war.
"Oh, Alexandre, es ist wunderschön!" hauchte sie und ihre Finger glitten sanft über das Kleinod. Christina schaute zu ihm auf, legte ihre Hand in seinen Nacken und zog seinen Kopf zu sich herunter, dessen sanfter Gewalt er gerne nachgab.
Seine Lippen umschlossen fest die ihren. Die Zeit schien zu verharren, die Welt aufzuhören zu atmen...
Zaghaft, vorsichtig, als könnten sie etwas zerstören, lösten sie sich voneinander. Nur ihre Blicke waren noch ineinander verschlungen, von Dingen träumend, die ohne mit allen Konventionen zu brechen, nie wahr werden konnten.
Dabei hätte jetzt ein Wort von ihm genügt und Christina wäre mit ihm überall hingegangen, hätte alles sofort hier zurückgelassen...auf eine einsame Insel, in ein anderes Land, noch mal von vorne angefangen, unter fremden Namen....Aber das, was seine Blicke wollten, würde er niemals in die Tat umsetzen, das wußte sie, und es würde immer nur ein Traum von ihr sein, der irgendwie ein wehmütiges, leeres Gefühl in ihrer Beziehung hinterließ.
"Hast du auch eine Einladung zum Empfang des neuen Gouverneurs erhalten?"
Wie durch einen dichten Schleier hörte sie die Frage, die sie aus einer anderen Welt riß und ihre Umgebung wieder spüren ließ. "Ja." antwortete sie etwas unsicher und zittrig.
"Dann sehen wir uns morgen." Er ergriff ihre Hand und küßte sie.
"Mußt Du schon gehen?" fragte sie und auf ihrer Stirn erschienen zwei kleine Unmutsfalten.
"Leider! Du weißt, wie gerne ich noch bleiben würde." Er lächelte Christina an, strich ihre Haare zur Seite und seine Lippen berührten wie ein Windhauch ihren Nacken.
Christina spürte, wie sie zu fallen schien, in einen tiefen wirbelnden Strudel. Sein geflüstertes 'Bis morgen' drang nur langsam in ihr Bewußtsein, da hatte er das Zimmer schon längst verlassen.