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Himmel über Sarawak

Geschrieben von kemubra on 24. April 2013.

sundown01Hallo Kabir-Bedi-Fans da draussen!
 
Viele von Euch kennen die Geschichte "Himmel über Sarawak" vieleicht schon. Andere wiederum nicht. Darum freut es mich, Euch an dieser Stelle die Super-Story von Bettina präsentieren zu dürfen. Vielen lieben Dank an dieser Stelle an Bettina für die Genehmigung. Also lasst Euch fesseln von den Abenteuern von Christina van Hennig in Sarawak...
Übrigens, solltet Ihr auch noch einen solchen kleinen Schatz in der Schublade zu schlummern haben, meldet Euch bei mir.
 
 
 
 

 
sundown02Landsbury, 24. August 1872
 
Meine liebe Freundin!
Schade, daß wir uns vor meiner Abreise nicht mehr gesehen haben, ich hätte Euch so viel zu erzählen gehabt, aber sicher habt Ihr es inzwischen schon vernommen.
Die Überfahrt nach England verlief ohne besondere Vorkommnisse, aber es kommt mir so vor als hätte ich hier wieder ein neues Land betreten. Es fällt mir schwer, mich an den normalen Tagesablauf zu gewöhnen...
Sie ließ den Brief auf den mit Papieren bedeckten Sekretär sinken. Ihr Blick glitt über die Palmen und das Meer, welches in der Mittagssonne von diamantenen Reflexen zu erstrahlen schien. Ein einzelnes Segel tauchte am Horizont auf und durchschnitt das tiefe Blau des Ozeans, welches nahtlos in den Himmel überzugehen schien. Ein leicht amüsiertes Lächeln zeigte sich auf ihren vollen Lippen, in dem ernsten Gesicht, aus denen Augen sprachen, denen die Welt das Leben gelehrt hatte. Sie dachte an die junge Frau, deren Brief sie in Händen hielt. Sie hatte ihr Leben noch vor sich, obgleich sie die erste Lektion bereits gelernt hatte: Nicht alles was man haben möchte, bekommt man auch. Auch nicht eine Engländerin, möge sie noch so starrköpfig sein.
...Meine Veröffentlichungen in der Zeitung haben einen guten Zuspruch, obgleich mein Vater darüber nicht sehr erfreut ist. Aber ich bin froh, daß er mir diese Freiheit läßt. Es hilft mir bei meinem Schmerz. Nur leider geraten meine Artikel angesichts der neusten Ereignisse in den Hintergrund. Man ist hier sehr aufgebracht, über das, was in Sarawak mit Gouverneur Henry Gowron passiert ist. Er hatte ein sehr hohes Ansehen und es ist unbegreiflich, wie ihn die einheimische Bevölkerung niedermetzeln konnte, wo er doch soviel für die Unabhängigkeit des Landes getan hat. Man fordert hier Genugtuung und ist der Meinung, daß der neue Gouverneur der richtige Mann ist, und es zu harten Bestrafungen kommen wird. Aber das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen: Ich soll Dir die allerbesten Grüße von Lady Patricia Pladington ausrichten. Stell Dir vor, sie ist in freudiger Erwartung. Nun hat es endlich doch geklappt. Sie hätte Euch gerne als Patin, falls Ihr es einrichten könntet nach England zu kommen, aber sicher wird Euch Ihr Brief in den nächsten Tagen ebenfalls erreichen...
Der Rest des Schreibens verlor sich in Betrachtungen über das kühle Wetter und das Grau der englischen Natur....
Seufzend legte sie den Brief von Lady Dora Parker zur Seite. Auf den Plantagen waren sie Gott sei Dank von den Vorkommnissen in Kuching verschont worden. Als sie vor vier Wochen von ihrer Europareise in Rangun über die Vorkommnisse hier erfuhr, hatte sie schon die Pflanzungen zugrunde gerichtet gesehen, da man keine genauen Auskünfte geben konnte. Sie hatte sich dort auch gar nicht lange aufgehalten und war sofort weitergereist, den Gedanken nicht loswerdend, was sie tun würde, wenn alles, was sie liebte in Schutt und Asche liegen würde. Auch jetzt beschlich sie ein ungutes Gefühl, wenn sie sich überlegte, daß ihr nichts anderes übrigblieb, als zu ihrer Familie nach Portugal zurückzukehren, was sie sich nach all' den Jahren hier nicht mehr vorstellen konnte. Außerdem glaubte sie nicht, sich wieder an das Leben zu Hause gewöhnen zu können, mit seinen festen Statuen und eigenen Standesvorschriften. Zuerst hatte sie sich nicht vorstellen können hier zu leben, als man sie mit dem wohlhabenden niederländischen Reeder Christopher van Henning verheiratet hatte. Eine aus wirtschaftlichen Gründen arrangierte Ehe.
Wie war sie unglücklich in den zehn Jahren ihrer Verbindung gewesen und doch hatte sie hier, in diesem anfänglich so fremden Land, eine ungeahnte Wärme gefunden, die ihr ihr Mann niemals hätte geben können. Als er vor drei Jahren bei einem Jagdausflug verunglückte, stellte sie betroffen fest, daß sie es wie diesen Brief aus England, als eine kleine Abwechslung in dem täglichen Einerlei hinnahm. Erst nach und nach mußte sie erfahren, was es hieß hier in diesem Land alleine zu bestehen.
Was sich ihr vorerst als schier unmöglich zu bewältigen schien, nämlich die Plantagen ihres Mannes alleine halten zu können, schaffte sie mit der Hilfe von Alexandre Lumière, der schon immer mehr als nur ein Freund gewesen war, natürlich zum Entsetzen ihrer Familie, für die sie inzwischen wohl genauso als verschollen und nicht mehr existent galt, wie ihr Onkel, den sie eigentlich auf Ihrer Reise durch Indien besuchen wollte, aber durch die widrigen Umstände daran gehindert worden war.
Ein Windhauch ließ die gestickten Vorhänge leicht schweben und vertrieb die düsteren Gedanken. Das leichte Knarren der Dielen, was durch die dicken Teppiche gedämpft an ihr Ohr drang, verriet ihr einen Besucher. Ihr Gesicht entspannte sich und ihre rehbraunen Augen füllten sich mit Sehnsucht.
Er war ein unheilbarer Romantiker, seine Gedichte füllten eine ganze Lade ihres Schreibtisches, nur leider hatte er eine Familie, obwohl ihr Verhältnis bereits hinter vorgehaltener Hand in aller Munde war, was der englischen Gesellschaft wohl nicht ganz unrecht war, hatte man doch etwas zu lästern und vielleicht sogar Wetten abzuschließen und solange sie sich in der Öffentlichkeit korrekt verhielten....
Was sie verband war eine unbefriedigte eheliche Beziehung. Obgleich, manchmal hatte sie sich schon gefragt, was wäre, wenn er nicht gebunden... Sicher wären sie schon verheiratet, aber dann kamen ihr hin und wieder Zweifel, wenn sie mit ihm zusammen war... Es war schön wenn er da war, und er war ein Freund, nicht nur ein Liebhaber, ein Ratgeber, eine Stütze, aber kannte er sie wirklich? - Kannte er all die Träume, Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte von Christina van Henning, geb. de Gomera, der Frau mit der er das Bett teilte?
Immer wieder belächelte er ihre Ungeduld, ihren Tatendrang. Würde er dies auch noch tun, wenn sie jede Minute des Tages und der Nacht miteinander verbrachten...?
Wie die Andeutung einer Berührung, legten sich Hände sanft auf ihre Schultern, ließ en sie leicht erschauern....
"Wie ein Gemälde! - Am liebsten würde ich dieses Bild auf ewig festhalten..." hauchte es zärtlich an ihr Ohr.
Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken. Seine Hände lösten die Spangen aus ihrem braunem Haar und es fiel leicht über ihre Schultern.
"Wäre ich ein Gemälde, so könntest Du meine Wärme nicht spüren...." Sie neigte den Kopf und schaute in sein vertrautes Gesicht. Der Bart, der neuerdings einige graue Strähnen aufwies, das langsam lichter werdende dunkle Haar, und die sie entrückt anschauenden Augen.
Er beugte sich zu ihr herunter. Für die Dauer des Flügelschlages eines Schmetterlings berührten seine Lippen sanft die ihren.
"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" Er zauberte aus seiner Tasche ein Collier mit einem roten Rubin in der Mitte, der wie die untergehende Sonne im Meer, von blauen Opalen umrahmt war.
"Oh, Alexandre, es ist wunderschön!" hauchte sie und ihre Finger glitten sanft über das Kleinod. Christina schaute zu ihm auf, legte ihre Hand in seinen Nacken und zog seinen Kopf zu sich herunter, dessen sanfter Gewalt er gerne nachgab.
Seine Lippen umschlossen fest die ihren. Die Zeit schien zu verharren, die Welt aufzuhören zu atmen...
Zaghaft, vorsichtig, als könnten sie etwas zerstören, lösten sie sich voneinander. Nur ihre Blicke waren noch ineinander verschlungen, von Dingen träumend, die ohne mit allen Konventionen zu brechen, nie wahr werden konnten.
Dabei hätte jetzt ein Wort von ihm genügt und Christina wäre mit ihm überall hingegangen, hätte alles sofort hier zurückgelassen...auf eine einsame Insel, in ein anderes Land, noch mal von vorne angefangen, unter fremden Namen....Aber das, was seine Blicke wollten, würde er niemals in die Tat umsetzen, das wußte sie, und es würde immer nur ein Traum von ihr sein, der irgendwie ein wehmütiges, leeres Gefühl in ihrer Beziehung hinterließ.
"Hast du auch eine Einladung zum Empfang des neuen Gouverneurs erhalten?"
Wie durch einen dichten Schleier hörte sie die Frage, die sie aus einer anderen Welt riß und ihre Umgebung wieder spüren ließ. "Ja." antwortete sie etwas unsicher und zittrig.
"Dann sehen wir uns morgen." Er ergriff ihre Hand und küßte sie.
"Mußt Du schon gehen?" fragte sie und auf ihrer Stirn erschienen zwei kleine Unmutsfalten.
"Leider! Du weißt, wie gerne ich noch bleiben würde." Er lächelte Christina an, strich ihre Haare zur Seite und seine Lippen berührten wie ein Windhauch ihren Nacken.
Christina spürte, wie sie zu fallen schien, in einen tiefen wirbelnden Strudel. Sein geflüstertes 'Bis morgen' drang nur langsam in ihr Bewußtsein, da hatte er das Zimmer schon längst verlassen.
 
sundown02Der 4. Oktober 1872, die Amtseinführung des neuen Gouverneurs, einem mit zahlreichen Orden ausgezeichneten und ziemlich jungen General, sozusagen ein Held, so wie man hörte. Nun, Christina war gespannt. Das einzige was sie freute, war Alexandre zu sehen und zumindest mit ihm zu plaudern, wobei es sich aber auch nur auf ein Austausch von Höfflichkeiten in aller Öffentlichkeit handeln durfte, zumal seine Frau natürlich anwesend sein würde. Christina erinnerte sich nicht je ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Selbst, als Alexandre nicht mehr als ein Geschäftspartner ihres Mannes war, hatte diese Frau sie immer ignoriert, ganz im Gegensatz zu Alexandre...
Die Kutsche fuhr durch das unansehnliche Tor der dicken Befestigungsmauern, die von James Brooke, dem weißen Radscha, erbaut worden waren und deren Fertigstellung und Umbauten des Palastes er nicht mehr erlebt hatte. Angeblich ein Unfall, aber viele der einheimischen Diener erzählen von einem Streit, als der Abgesandte der Queen zu Gast war und am Tag darauf kam es zu einem Jagdunfall, so die offizielle Version, aber auch in Botschaftskreisen wird davon geredet, - hinter vorgehaltener Hand natürlich - daß die englische Krone die Vorgehensweisen von Brooke nicht länger zu billigen bereit war, auch auf Grund des Druckes, der durch die Kolonialisten ausgeübt wurde. Dabei hatte sie den stattlichen älteren Herren als charmanten Gesellschafter kennengelernt. Erst nach längerem Aufenthalt hier, hatte sie es vorgezogen so oft wie möglich, den Empfängen fernzubleiben.
Die großen schweren Festungstore waren geschlossen, sie hatten warten müssen. Zu Zeiten von Gouverneur Gowron, hatten sie immer offengestanden. Der Anblick der sich ihnen innen bot war grotesk: schlichte Versorgungsgebäude, ein großer Exerzierplatz, Unterkünfte, Ställe und dahinter in einem prächtigen weiß, als wäre es aus einer anderen Sphäre an diesen unästhetischen Raum versetzt worden: der Gouverneurssitz, ein Palast mit seinen typischen Säulen, Bögen, Nischen, Mosaikverzierungen. Eines konnte man James Brooke sicher nicht nachsagen, keinen Sinn für Ästethik gehabt zu haben.
Im Grunde hatte sie nichts gegen die Briten. Viele ihrer Bekannten waren welche und Gouverneur Gowron hatte sie immer zutiefst bewundert, was er für diese Land getan hatte, ihm vor allen Dingen Frieden und damit auch Wohlstand gebracht hatte.
Mit gemischten Gefühlen dachte sie an die Umstände seines Todes und daran, daß der neue Gouverneur wohl härter durchgreifen würde und sei es nur aus Angst...
Sie schaute kurz auf den Platz neben sich, den ihr Verwalter Jerry Binks innehatte, ein großer, fast hagerer Mann, an dem seine Ohren wohl am hervorstechendsten waren. Sein Gesicht war lang und schmal und er schien immer den gleichen grauen Anzug zu tragen. Es war schwer einzuschätzen wie alt er war. Er war schon Verwalter für ihren Mann gewesen und hatte schon immer recht schütteres Haar, aber sie konnte sich ganz auf ihn verlassen. Manchmal fragte sie sich allerdings, ob er wirklich ein Mensch war. Nie hatte sie ihn lachen gesehen, statt dessen zuckte sein Mund ständig nervös und alle paar Minuten schob er die kleine Nickelbrille nach oben. Natürlich war er alleinstehend und das war für sie vollkommen selbstverständlich, es kam irgendwie nichts anderes für ihn in Frage, und sicher würde er auch abends in seinem kleinen Haus, 200 Meter vom Anwesen der van Hennings entfernt, nur seine Geschäftsbücher lesen.
Sie bogen um die Ecke und da stand der Gouverneurspalast in seiner ganzen Herrlichkeit vor ihr. Eine breite Auffahrt endete genau vor dem Haupteingang, vor dem die britische Flagge im Wind wehte.
Jerry Binks räusperte sich neben ihr. Sie wußte aber, daß das nicht war, weil er etwas sagen wollte. Er war außer bei Geschäftsbesprechungen ein recht verschwiegener Bursche. Deshalb nahm sie ihn immer auf solche offiziellen Gelegenheiten mit, da sich dort gute Möglichkeiten boten, um Transaktionen abzuschließen, zumal sich Binks um alle Frachten kümmerte und auch oft nicht nur die eigenen Tee- und Kautschukladungen, sondern auch die Ladungen der Nachbarn mitverschiffte, wenn sie noch Platz hatten auf ihren eigenen drei Schiffen, die ständig zwischen Sematan und Pontianak, wo der Hauptsitz der Reederei van Henning lag, die von Christophers Bruder geführt wurde. Und das war auch schon die einzige familiäre Bindung, die zu ihm bestand und wohl auch nur aus geschäftlichem Interesse. Daß sie zufällig mit seinem Bruder verheiratet wurde, war nebensächlich. Die sechs mal, wo sie ihm begegnet war, hatte er sie ignoriert.
Die Kutsche hielt. Ein einheimischer Diener, ganz in weiß gekleidet, eilte herbei und klappte geschäftig den Tritt herunter. Auf seine Schulter gestützt, stieg sie vorsichtig aus und musterte neugierig die Umgebung. Eine Ehrenwache stand in Abständen an der Palastwand entlang. Christina vermutete, daß es wahrscheinlich doch mehr aus Sicherheits- als aus Prestigegründen war. Leise Musik und Stimmengewirr drang an ihr Ohr.
"Nun, dann wollen wir mal, Mr. Binks." Diese Worte waren für ihren Verwalter, der auf der anderen Seite aus der Kutsche gestiegen war und nun in zwei Metern Entfernung gebührlich neben ihr stand, Aufforderung etwas näher zu rücken und unter einem krächzenden Räuspern ihr seinen Arm anzubieten. Gemessenen Schrittes stiegen sie die weißen Stufen hinauf an deren Ende Alexandre wie gelangweilt mit einem Glas Sherry im Portal stand und sicher nicht nur Luft schnappen wollte, sondern schon ungeduldig ihrer Anwesenheit entgegengefiebert hatte.
"Oh, Monsieur Lumière! Wie geht es ihrer Gattin und den Kindern?" Christina zeigte eines ihrer entwaffnendsten Lächeln. Ihre ausdrucksvollen Augen schauten ihn unverhohlen an. Der Schal, den sie leicht um ihre Schultern geschlungen hatte, verrutschte und gab den Blick frei auf ihr Geburtstagsgeschenk, welches das für die englische Gesellschaft viel zu gewagte Dekoltée umspielte.
Sie reichte ihm die Hand, die er mit einem nervösen Blick nach links und rechts ergriff und einen dem Reglement entsprechenden Handkuß andeutete, wobei sein Blick an ihrem, ihre Figur eigentlich etwas zu sehr betonenden, ockerfarbenen Kleid entlangglitt, dessen Stickerei und Spitzenbesatz sie in dem auslaufenden Sonnenlicht wie über den marmornen Boden schweben ließ.
"Danke..." er räusperte sich "...der Familie geht es gut."
"Es ist schön, daß wir sie gleich getroffen haben." Christina durchschritt langsam mit Alexandre, gefolgt von ihrem Verwalter, den Torbogen in die angenehme Kühle der Vorhalle, von der zwei Treppen an beiden Seiten in das Obergeschoß führten und mehrere Türen in die Seitenbereiche des Palastes. Geradezu war der große Saal, dessen Flügeltüren weit offenstanden und man dort die herrschende Klasse von Sarawak versammelt fand.
"Mr. Binks hätte noch einige Details mit Ihnen zu besprechen." Sie machte eine elegante kleine winkende Bewegung mit der Hand und Jerry Binks näherte sich zackig.
"Ich überlasse Monsieur Lumière ihnen, Mr. Binks." Christina neigte leicht den Kopf und wandte sich in Richtung Festsaal. Die Herren verbeugten sich und kaum, daß sich Christina entfernt hatte, hörte sie die hohe, leise Stimme von Jerry Binks, der nun ganz in seinem Element zu sein schien.
Sie holte noch einmal tief Atem und begab sich dann in die Höhle des Löwen, welche einerseits ihre Welt war, die sie aber mit ihrer Arroganz und Intoleranz andrerseits verabscheute. Dieses aufgesetzte Spiel war wie eine Maskerade, nur das um Mitternacht die Masken nicht fielen.
Beim Durchschreiten der Tür schienen sich alle Blicke abschätzend auf sie zu richten. Sowie sie einen streifte, wurde sie mit einem kurzen, tieferen, freundlichen Nicken, oder einem abweisenden Blick begrüßt. Einerseits war es amüsant, aber andrerseits fühlte sie sich auch gekränkt und wütend, wissend, daß sie nichts an dieser Situation ändern konnte.
Sie wurde geduldet, mehr nicht. Sie war die Frau des wohlhabendsten Geschäftsmannes hier gewesen. Die Situation würde sicher anders aussehen, wenn sie wieder verheiratet wäre, oder zumindest das Geschäft nicht selbst übernommen, sondern sich zurückgezogen hätte. Aber das hatte sie nicht getan, und sollte das Geschäft einmal nicht mehr rentabel sein, so würde sie nur von den wenigsten hier Hilfe erwarten können...
Madame Danielle de Bayerl, die ihr freundlich zulächelte, Monsieur Carsten Ehlér, dessen geringschätziger Blick dieses verbohrten Aristokraten wohl andeutete, daß er Gerüchte über eine gewisse Affäre gehört hatte...die jungen Damen Samantha Awakewood, ihre Verwandte Almut von Schleinitz und Lady Anne Birdsinging, die in zwei Monaten Major Liam Kincaid ehelichen würde und dann mit ihm nach England zurückkehrte, worauf sie sich laut ihrer Äußerungen anscheinend mehr freute, als auf die Hochzeit.
"Ah, Madam Christina! Sie sehen heute wieder faszinierend aus. - Ein Glas Champagner?"
"Gerne, Kommodore Spock."
Er küßte ihr die Hand und offerierte ihr dann galant ein Glas.
Immer wenn sie ihn sah beschleunigte sich ihr Herzschlag und eine gewisse gespannte Aufmerksamkeit bemächtigte sich ihrer. Der große, schlanke schwarzhaarige Mann stieß mit ihr auf den neuen Gouverneur an. Leider war das alles, was er bisher an Interesse an ihr gezeigt hatte. Er war ein Eigenbrödler, ledig und am liebsten stand er an Deck eines seiner Frachtschiffe und befehligte sie selbst. Ein unhörbarer Seufzer entrang sich ihrer Seele. Was für eine Verschwendung....
"Haben sie schon gehört: Der neue Gouverneur will die Verbrecher jagen, die Henry Gowron umgebracht haben."
"Aber hat er denn eine Spur?" Sie nippte an ihrem Champagner, der ihre Gedanken etwas abkühlte.
"Ja, einer der engagierten Jäger, ist nach dem feigen Anschlag verschwunden."
"Wie konnte so etwas überhaupt geschehen? - Gouverneur Gowron wollte doch wirklich nur das Beste für Sarawak und er war ein ehrenvoller Mann?" Es war erholsam, solche Gespräche zu führen und nicht womöglich von Lady Diana Widek abgefangen worden zusein, die sich unbarmherzig auf die unschuldigen jungen Damen gestürzt hatte und sie nun mit dem neusten Klatsch versorgte. Das war es auch, was sie an solchen Festivitäten nicht mochte, die typischen Damengespräche und die typischen Herrengespräche, in denen man die Damen meistens nicht einbezog und diese auch keine Anstalten machten dies zu ändern. Da war es doch von Vorteil, wenn Kommodore Spock da war. Er nahm auf solche gesellschaftlichen Zwänge keine Rücksicht und war ihr, seit sie ihm aus einer wirtschaftlichen Misere geholfen hatte, zutiefst verpflichtet, leider nicht mehr....
"...Wie es eigentlich passierte, weiß man nicht. Plötzlich war der Elefant, der den Gouverneur getragen hatte, im Dschungel verschwunden. Man hatte nicht darauf geachtet, weil ein Tiger aus dem Unterholz brach, und als man den Gouverneur suchte, fand man ihn, seine Begleitung Captain Dukhat und den Elefantenboy mit einem Messer im Rücken auf..."
"Schrecklich!" Christinas heile Welt hatte einen Knacks bekommen. Niemals hätte sie derartiges erwartet und wozu? Gouverneur Gowron war bei allen beliebt. Er hatte dafür gesorgt, daß jeder - auch die Einheimischen - Land bebauen und als Eigentum erwerben konnten. Schulen hatte er eingerichtet, dafür gesorgt, daß jeder der Arbeiter bezahlt wurde und nicht wie Leibeigene behandelt wurden...Viele ihrer Nachbarn waren einheimische Pflanzer, alle hatten große Achtung vor ihm gehabt, wer also sollte so was getan haben...
"Kommen sie Christina, da ist der neue Gouverneur, ich werde sie vorstellen."
Ehe sie sich's versah hatte er sie am Arm genommen und zog sie mit sanfter Gewalt quer durch den Raum, zu einem stattlichen Mann mit hellen Haaren in Uniform. Seine Hand lag lässig auf seinem Degengriff, während er scheinbar interessiert einer jungen Dame lauschte, die mit unverkennbarem Interesse und leicht geröteten Wangen wohl eine Anekdote erzählte, da ihr kokettes Lachen durch den Raum scholl.
"Mylady, Gouverneur!" Kommodore Spock kannte keine Gnade. Er unterbrach die junge Dame, die etwas irritiert und aus dem Konzept gebracht worden war.
"Ich möchte ihnen jemanden vorstellen, Gouverneur."
Der Gouverneur verbeugte sich zuvorkommend vor dem jungen Mädchen, das Christina nun als Seniorina Sandra Mordeni, die Tochter des italienischen Botschafters, erkannte, und gab ihr einen etwas zu intensiven Handkuß, was diese leicht schwanken ließ, aber trotzdem wie anerzogen die Haltung bewahrte.
Christina mußte ein Lächeln unterdrücken. Wahrscheinlich würde sie das gleich allen ihren Freundinnen berichten und es in den schönsten Farben ausmalen.
Der Gouverneur wandte sich um.
Anscheinend gefiel ihm was er sah. Seine hellen Augen versuchten sie zu durchbohren. Sein Mund verzog sich zu einem leicht schiefen Lächeln, was ihm ein keckes verträumtes Aussehen verlieh, von dem er wohl meinte, daß keine Frau ihm widerstehen könnte.
Nun, Christina fühlte sich geschmeichelt, aber ihr wäre lieber gewesen, hätte sie Kommodore Spock einmal so angeschaut...
"Madam Christina van Henning.....Gouverneur James T. Kirk."
Er beugte sich herab und ergriff mit einer überaus eleganten Bewegung ihre Hand. Seine Lippen berührten sinnlich ihre Fingerspitzen, während seine Augen sie unablässig musterten.
Das war also die Frau, die einer der größten Kautschuk- und Gewürz-Plantagen hier auf Sarawak ihr eigen nannte. Nun es würde sicher nicht schwierig sein, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen und angenehm würde es außerdem sein...
Ein zartes Lächeln lag in ihrem Gesicht und eine erregende Röte hatte ihre Wangen leicht eingefärbt, was James keineswegs auf das Klima schob, denn es war in dem großen Saal angenehm kühl für diese Jahreszeit.... Sie genoß sichtlich die Aufmerksamkeit, daß spürte er. Es wurde Zeit, daß sie wieder einen Mann ins Haus bekam, und wer war da besser geeignet, als er...
"Hier hatten sie sich also all' die Jahre versteckt, Madam."
Etwas irritiert entzog Christina ihm ihre Hand. "Ich verstehe nicht, General?"
"Ich habe mein Leben lang nach ihnen gesucht, Madam, und hier am Ende der Welt ist mir Aphrodite nun endlich gesonnen." Eine vorwitzige kurze Haarsträhne hatte sich aus seinen nach hinten gekämmten Haar gelöst und stand nun etwas über der Stirn ab, was ihm ein lausbübisches, jungenhaftes Aussehen verlieh. "Ich werde ihnen nicht mehr von der Seite weichen." Er verbeugte sich leicht und bot ihr seinen Arm an.
Angesichts so charmanter Aufdringlichkeit, mußte Christina kurz auflachen. "Ich habe bereits gehört, daß sie ein stürmischer Eroberer sind." Sie tippte mit ihrem geschlossenen Fächer kurz gegen seine mit Orden geschmückte Uniform. "In den letzten Tagen waren ihre Heldentaten, das erste Gesprächsthema hier." Ohne zu zögern ergriff sie seinen Arm, was Alexandre Lumière mit einigem Mißfallen beobachtete und kaum noch auf die Ausführungen von Mr. Binks über Transportgelder, Ladekapazitäten, neue Umschlagplätze und effektivere Anbaumethoden folgte. Statt dessen nippte er an seinem Glas Sherry und verfolgte aufmerksam jeden von Christinas Schritten. Er sah sie lachen, scherzen, plaudern und sich sichtlich wohl fühlen...am Arm eines anderen Mannes... eines für sein Empfinden sehr gut aussehenden Mannes, der zudem noch ungebunden war.
Der Sherry schmeckte mit einmal nicht mehr und er stellte das Glas etwas zu heftig, so daß es fast gekippt wäre, auf ein Tablett, welches ein Diener gerade vorbeitrug.
"Geht es Ihnen nicht gut, Monsieur Lumière, sie sehen blaß aus?" fragte Binks und schaute zu dem größeren, stabilen Mann in dem hellgrauen Tuch mit steifem Kragen und goldener Krawattennadel auf.
"Nein,...nein, danke Mr. Binks. Aber ich denke, wir haben genug über das Geschäft geplaudert, vielleicht sollten wir uns jetzt den angenehmen Dingen zuwenden." Er nickte etwas verkrampft dem Verwalter der Van Henning Plantagen zu und ließ ihn stehen, um in der Menge unterzutauchen.
Ein arrogantes schiefes Lächeln verzerrte für Sekunden das knochiges Gesicht von Jerry Binks zu einer Grimasse, um gleich darauf wieder seinem stoischen, gleichförmigen, etwas weltfremden Blick Platz zu machen, um sein nächstes Opfer anzuvisieren.
Dadurch, daß er viele der geschäftlichen Vorgespräche führte, wußte er fast alles über die anwesenden Lords, Ladies, Geschäftsleute, Offiziere, Botschafter und all' den anderen mehr oder weniger zu den oberen Gesellschaftsschichten gehörenden.
Während Jerry Binks den in wirtschaftlichen Dingen recht unbeholfenen Colonel a.D. Lord William Riker, von den Vorteilen einer gemeinsam genutzten Verschiffung ihrer Erträge zu überzeugen versuchte, hatte sich Alexandre Lumière der Gruppe von Gouverneur Kirk angeschlossen, sicher keineswegs um den politischen Debatten zu folgen, zu denen er noch mit keinem Wort beigetragen hatte, sondern wohl eher, um die anwesenden Personen, die sich um den Gouverneur gruppierten, oder besser... um eine anwesende Person, die der Gouverneur wohl nicht beabsichtigte aus den Augen zu lassen, zu beobachten.
Christina van Henning ihrerseits fühlte sich keineswegs deplaziert zwischen den Herren, ganz im Gegenteil, so erfuhr sie die neusten Ereignisse aus erster Quelle und nicht über den Tratsch aus dritter Hand von den Damen der führenden Offiziere. Und eine gewisse Genugtuung erfüllte sie gepaart mit Arroganz, als sie Alexandre aus den Augenwinkeln betrachtete, wie wenig ihm diese Entwicklung gefiel. Wäre er in der Lage, ihre Seele zu hören, so hätte sie ihm gesagt, daß er selbst Schuld an dieser Entwicklung sei. Er bräuchte nur öffentlich zu ihr zu stehen, dann würde so etwas nicht geschehen.
Ihre Blicke trafen sich, Trauer, Pein und Sehnsucht schlugen Christina wie Ohrfeigen entgegen.
Tiefe Reue erfaßte sie, Schuld über das, was sie eben gedacht, so als hätte sie ihm ihre Gedanken kundgetan, die sie für einen Augenblick beherrscht hatten, aber jetzt wie weggewischt waren. Sie schaute Gouverneur Kirk von der Seite an, der Miss Stephanie Kings Ausführungen über die unkultivierten Angewohnheiten - wie sie es bezeichnete - der einheimischen Bevölkerung erzählte.
Ein gut aussehender, kultivierter Mann. Ehrgeizig, selbstbewußt, mutig und sehr charmant... Ihm standen alle Türen offen, in die angesehenste englische Familie einzuheiraten, aber er war immer noch ledig...
Ein kleines charmantes Lachen seinerseits belohnte die Ausführungen von Miss King, die äußerst gerührt schien. Die anwesenden Herren, stimmten höflich mit ein.
Er wandte sich ihr zu und ein fragender Blick traf sie. Anscheinend hatte er ihre nachdenkliche Haltung bemerkt. "Ich hoffe sie nicht gelangweilt zu haben, Madam?"
"Oh nein, Gouverneur, ich dachte gerade eben an etwas anderes." Sie lächelte ihm zu, was er mit einem etwas zweifelnden Ausdruck in seinen hellbraunen Augen erwiderte, der abrupt wechselte, als ihm anscheinend etwas eingefallen war, wie er die Dame an seiner Seite erfreuen könnte.
"Es wird wohl Zeit uns dem leiblichen Wohl zu widmen und dem Buffet einen Besuch abzustatten, oder was meinen sie Madam van Henning?"
"Ich habe langsam das Gefühl, daß sie meine Gedanken lesen können, Gouverneur."
Mit dem bedeutungsvollsten Blick, den ihr ein Mann jemals zugeworfen hatte, ergriff er ihre Hand und führte sie an seine Lippen, um sie dort gegen jedwede Etikette etwas zu lange verweilen zu lassen. "Was würde ich darum geben, dies tun zu können...!" sagte er leise, kaum hörbar mit einem eigenwilligen Unterton, der Christinas Herzschlag ungewollt beschleunigte und sie veranlaßte ihren Fächer zu öffnen und sich frische Luft zuzuwedeln.
Oh ja, er hatte zweifellos eine äußerst charismatische Ausstrahlung, die sie anzog. In jüngeren Jahren, hätte sie sich schon unsterblich in ihn verliebt. Aber bei Alexandre hatte sie anfangs auch geglaubt, er würde alles für sie aufgeben und war eines Morgens mit der Erkenntnis erwacht, daß dies nur ein schöner Traum sein würde, der niemals seinen Weg in ihr Leben finden würde.
sundown02Das Glitzern des Flusses Bantang Baleh in der untergehenden Sonne, warf einen rötlichen Abglanz wie ein Nachhall auf die Tragödie, die sich hier vor Stunden abgespielt haben mußte. Einzelne Überreste von Hütten schwelten noch, nichts war diesem Akt der Zerstörung entgangen, nichts noch intakt. Ein Bild der wilden Vernichtung. Eine grundlose, aus nichts begründete Tat der Gewalt an hilflosen friedlichen Bauern, deren Felder nun für immer unbearbeitet und bald wieder vom Dschungel vereinnahmt sein würden.
Wer auch immer dies getan hatte, konnte keine ehrbaren Absichten gehabt haben.
Spuren überall, die jemand versucht hatte zu verwischen, nur verstand er nicht sehr viel davon.
Der Besucher, dieses von jeglichem Leben verlassenen Ortes, stieg vom Pferd und hockte sich hin. Seine Hände zogen die Linien der Fährte nach. Seine Augen folgten den für jeden ungeübten Blick wirr erscheinenden Verlauf der Abdrücke im Sand in drei verschiedene Richtungen. Er folgte ihnen zum Fluß, vorsichtig, ohne das kleinste Geräusch, mit gezogenem Krummsäbel, wie ein Tiger, der sich an eine gewitterte Beute anschlich.
Hier hatte ein Kampf stattgefunden. Ein paar mutige Männer hatten versucht die Angreifer aufzuhalten. Er beugte sich zu dem ersten Mann herunter, der neben einem auf das Ufer gezogene kleine Fischerboot lag, welches darauf wartete, zu seinem nächsten Fischfang ins Wasser geschoben zu werden.
Ein sichernder Blick über den Sand bestätigte, was er schon vermutet hatte: Der Angriff war von hier erfolgt, lautlos, überraschend...Die tiefen Schleifspuren von mit Männern bemannten Booten, waren die noch einzigen stummen Zeugen neben den toten Verteidigern.
Er drehte den Mann um, der einfache von der Sonne gebleichte Kleidung trug. Seine Brust war von mehreren Kugeln durchlöchert, seine bunte Weste von bereits getrocknetem Blut getränkt. Dunkle, junge Augen, die gerade erst begonnen hatten diese Welt zu erforschen starrten überrascht und zweifelnd in den Himmel. Was waren wohl seine letzten Gedanken gewesen...galten sie seinem Dorf, seiner Familie, der Geliebten...
Die Hand des Fremden glitt sanft über die Augenlider des toten Mannes und bedeckte seinen letzten Blick.
Geschmeidig erhob er sich. Sein angespanntes, ernstes Gesicht suchte punktgenau den Strand ab. Sie verharrten abrupt. Im Wasser lag etwas. Es wurde leicht von den Wellen des schlammigen Bantang Baleh umspült.
Es stellte keine Schwierigkeit dar, den toten Körper ans Ufer zu ziehen. Die Kleidung war schwarz und er trug bis auf einen schmalen Schlitz für die Augen, eine ebenfalls schwarze Maske.
Es war mehr als ungewöhnlich diese Kämpfer hier zu finden. Was hatte sie ausgerechnet an diesen Ort geführt, wo es nichts von Wert gab, nichts, was es zu erobern gab.
Sein Blick blieb an den Stiefeln des Toten hängen. Mit einer schnellen Bewegung zog er dem Leichnam die Maske vom Kopf...
Ein verhaltenes Stöhnen hinter ihm ließ ihn herumfahren. Mit dem Säbel vollführte er eine kreisförmige Bewegung, bereit seinem Gegner zuvorzukommen. Aber da war kein Gegner.
Statt dessen kroch ein weißhaariger Mann aus dem Dickicht am Ufer. Durch seine Finger, die er auf seinen Bauch gepreßt hatte, tropfte Blut und hinterließ ein ungleichmäßiges Muster im hellen Sand.
Er fing den alten Mann auf, und ließ ihn langsam zu Boden gleiten. Helle klare Augen musterten ihn. Die von harter Arbeit und hohem Alter zeugenden knochigen Finger schienen in der Luft die Konturen seines Gesichtes nachzuziehen. "Du bist wieder da!"
"Ja, aber ich kam zu spät, mein Freund!" Es war diese Ruhe, mit der er es aussprach und seinen Blick schweifen ließ, die jedem Gegner das Blut zu Eis hätte gefrieren lassen.
Der alte Mann lächelte ihn an: "Nicht für das Land, Sandokan."
"Was ist passiert?" Sandokan blickte auf die Wunde des alten Mannes, aus der unaufhörlich Blut strömte. Er wußte, daß er ihm nicht mehr helfen konnte.
"Sie kamen vom Fluß und haben die Frauen, Kinder und die Männer, die nicht verletzt waren; mitgenommen. Viele Dörfer sind bereits überfallen worden. Gouverneur Gowron war ihnen auf der Spur, aber nun, da sie ihn getötet haben, werden ihre Überfälle häufiger."
"Es sind Söldner mit britischen Gewehren, britischer Ausrüstung und Armeestiefeln." Seine Augenbrauen schoben sich dunkel, wie eine finstere Wolke über seinen Blick. Ein Schatten aus längst vergangener Zeit schien sich über sie zu legen.
Der alte Mann berührte ihn am Arm: "Wir haben von Geflohenen gehört, daß sie auf ein Schiff namens 'Odin' gebracht worden waren. Ein als Frachtschiff getarnter Sklavenhändler." Der alte Mann hustete und holte mit sichtlicher Anstrengung Luft.
"Warum seid ihr nicht geflohen?"
Der alte Mann schaute ihn wie von weit her an: "Dies ist unsere Heimat, hier ist alles was wir hatten ..." er hustete wieder, das Sprechen fiel ihm immer schwerer "Die Engländer sagen, daß du den Gouverneur getötet hast."
"Deshalb bin ich hier."
"Du mußt... dich vorsehen..." Seine Stimme erstarb und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne verschwanden hinter der Undurchdringlichkeit des Dschungels.
sundown01Wie Diamanten auf einem schwarzen seidigen Tuch ausgebreitet, so strahlten die Sterne vom weiten Firmament. Es war wie ein Schleier des Vergessens unter dem alles Leid begraben werden konnte, alles konnte man zurücklassen, nichts fühlen, alles vergessen, wie wenn die Seele sich vom Körper lösen würde und zwischen ihnen dahinschwebte, frei, ungebunden...
"Es kommt eine kühle Brise vom Meer, soll ich ihnen ihren Schal holen?" ließ die leise, angenehm modulierte Stimme von James Kirk Christinas Bewußtsein wieder in ihren Körper zurückkehren. Seine Hände strichen über ihre Schultern an ihren Armen hinunter. Sie konnte nicht sagen, daß ihr kühl wurde, es war eher das Gegenteil der Fall. Aber so angenehm die Bilder waren, die diese Berührung hervorriefen und ihre Sinne zu benebeln drohten, so schnell fand sie sich auch auf den geziemenden Boden der Tatsachen wieder, ihr Ruf war schon an eine gefährliche Grenze gelangt.
"Ich sollte jetzt gehen." Sie wandte sich langsam und beinahe vorsichtig um, wohl wissend, daß er ziemlich nahe hinter ihr stand... und er stand wirklich sehr nahe, und er sah gut aus...Was, wenn er versuchen würde sie zu küssen...?
Ein widerstreitender Sturm von Empfindungen riß ihr klares Denken mit sich fort. Schwindel erfaßte sie, bei dem Versuch ihren Atem ruhig zu halten, was ihr nicht ganz gelang und er wohl bemerkt hatte. Mit einem leicht arroganten Anflug eines Lächelns honorierte er ihre plötzliche Erregung, die er seiner unwiderstehliche Ausstrahlung zugute schrieb, aber so leicht zu haben, war sie auch nicht. Stolz hob sie ihren Kopf und schob ihr Kinn unnachgiebig vor "Ich wäre ihnen verbunden, wenn sie meinen Wagen rufen würden." erklärte sie etwas zu hochnäsig, was ihr im gleichen Moment auch schon wieder leid tat, denn ganz abschrecken wollte sie ihn unter keinen Umständen.
"Sie wollen wirklich schon gehen? - Ich hätte gedacht, daß wir noch ein wenig plaudern und uns näher kennenlernen könnten, nach dem der offizielle Teil nun vorüber ist..." Seine Augen sprachen von Dingen, die niemand wagte offen auszusprechen... "Ich könnte Anweisung geben ein Gästezimmer herrichten zu lassen, so müßten sie nicht im Dunkeln zurück...." Er beugte sich leicht vor, aber geschickt wich sie ihm seitlich aus.
"Nein, danke!" entfuhr es ihr heftig.
James Kirk wandte sich ihr zu, verbeugte sich leicht und äußerst elegant, wobei er ihre Hand ergriff und sie küßte.
"Vielleicht ein anderes Mal." schwächte Christina ihr 'Nein' ab, was sofort ein kühnes Lächeln auf seine Lippen zauberte.
"Ich wäre entzückt." Er hielt ihr seinen Arm hin, den sie einerseits erleichtert, aber vielleicht auch ein wenig enttäuscht, dankend annahm. Ganz tief in ihrem Innern keimte die bohrende Frage: Warum war er nicht hartnäckiger gewesen...?
Er öffnete die Tür, die sie wieder in den nun verlassenen Saal führte, der noch vor kaum einer Stunde mit guten und weniger guten oder gar keinen Freunden bevölkert worden war. Ein kurzer Wink zu einem Diener, der an einer der Durchgänge stand, ließ diesen lautlos verschwinden.
Schweigend und eher distanziert legte er ihr ihren Schal um, der auf einen der Stühle lag. Das war der richtige Zeitpunkt das Gespräch wieder aufzunehmen, um ihn merken zu lassen, daß sie keineswegs uninteressiert daran war, daß er ihr seine Aufwartung machte.
"Wofür steht das 'T.' in ihrem Namen, Gouverneur?"
Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Täuschte sie sich, oder wirkte er verlegen...
"Nun, das ist der Name eines römischen Kaisers: Tiberius."
"Oh, ein großer römischer Feldherr, der zahlreiche Reformen einführte..." und sich zum Tyrann entwickelte, setzte sie in Gedanken hinzu.
Er schien etwas perplex angesichts dieser ungestümen Antwort ihrerseits und er fühlte sich wohl auch etwas geschmeichelt....
Wie leicht er doch zu durchschauen war, dachte Christina. Hatte sie sich vielleicht getäuscht, spielte er nur den großen Liebhaber, weil die Damenwelt es von ihm erwartete? Steckte hinter all' dem vielleicht jemand, der sich nur ein geborgenes Heim wünschte...
"Ich bin beeindruckt, Madam. Sie interessieren sich für Geschichte?"
Draußen war das Geräusch einer vorfahrenden Kutsche zu hören und er geleitete sie langsam zum Ausgang.
"Mein Vater hat auf eine fundierte Ausbildung Wert gelegt."
"Erinnern sie mich daran, daß ich ihrem Vater meine Hochachtung schriftlich zukommen lasse."
Diese Bemerkung zauberte ein anmutiges Lächeln auf ihre ebenmäßigen Gesichtszüge, was er auch damit bezweckt hatte.
Er schickte seinen Diener weg und half ihr persönlich in die Kutsche. "Vier meiner Soldaten werden sie bis nach Hause begleiten."
"Vielen Dank. Und..." sie zauderte und versuchte die Antwort auf ihre folgenden Worte in seinem nur vom Mondlicht erhellten Gesicht zu erkennen."...ich würde mich freuen, wenn sie zum Tee vorbeischauen würden."
"Ich werde kommen."
Mit einem Ruck fuhr die Kutsche an.
Er würde noch drei Tage warten, dann würde er ihr seine Aufwartung machen. Nun, und dann würde man weiter sehen.
Mit sich und dem Verlauf des heutigen Abends sichtlich zufrieden, schlenderte General James Tiberius Kirk, Gouverneur von Sarawak, zurück in seine neue Residenz.
sundown02"Ich mache mir Sorgen. Meine Arbeiter sind sehr unzufrieden. Zwanzig Leute sind mir bereits weggelaufen. Sie haben Angst. Angst davor, daß ihre Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppt werden und Angst vor dem strengen Reglements des neuen Gouverneurs, der sie zwingt sich nicht weiter als 50m von ihren Häusern zu entfernen. " Alexandre machte ein unglückliches Gesicht. Er hob seine Teetasse an den Mund, schien das aber gar nicht wahrzunehmen. Er schüttelte den Kopf: "Es soll ja zu ihrem Schutz sein, aber wer schützt sie in ihrem Dorf, wenn der Gouverneur keine Wachposten stellt, und andererseits ihnen jeden Waffenbesitz untersagt?"
"Alexandre, es ist so ein wunderschöner Tag, warum genießt Du ihn nicht." Christina blinzelte unter dem Schirm in die Nachmittagssonne, ein leichter Wind wehte und brachte den Duft von würzigen Kräutern mit. Ein vorwitzige Haarsträhne aus ihrem nur locker hoch gestecktem Haar entwandt sich der Umklammerung und legte sich wie ein Rahmen an ihr Gesicht.
Sie wollte heute nicht über das Geschäft noch über andere Probleme reden. Sie wollte einfach nur ganz still hier sitzen und das Leben an sich vorbeifließen lassen.
"Du hattest mir nicht gesagt, daß du noch einen weiteren Gast erwartest..."
Christina öffnete ihre Lider und schaute Alexandre etwas irritiert an. Er saß kerzengerade auf dem weißen eleganten für ihn zu zierlich wirkenden Pavillonmöbel und deutete mit dem Kopf in Richtung Haus. Sie folgte seinem Blick und Alexandre bemerkte verbittert eine plötzliche Wachheit in ihren Augen.
"Ich hoffe, ich störe nicht bei einer geschäftlichen Besprechung, aber ich wollte ihrer Einladung so schnell wie möglich Folge leisten." Mit federnden Schritten, geschmeidig wie ein Panther kam Gouverneur James Kirk über den Rasen auf die kühle schattige Insel, die Alexandre bis eben als noch recht angenehm empfunden hatte, herüber.
"Sie kommen genau richtig, zu einer Tasse Tee, General." Unbewußt zog Christina ihre schneeweiße Bluse glatt und versuchte der widerspenstigen Haarsträhne Herr zu werden.
Kirk beugte sich formgewandt zu ihr herunter und küßte ihr die Hand, wobei er eine rote Rose hinter seinem Rücken hervorzauberte.
Christina war sichtlich entzückt. Zu sehr für Alexandres Geschmack.
"General! - Oh, wie wunderschön! Wo haben sie die her? - Alle Bemühungen hier Rosen anzupflanzen sind immer gescheitert.
"Meine Tante in Beaufort, wo ich vorher stationiert war, war so freundlich, mir einige ihrer preisgekrönten Pflanzen zukommen zu lassen, damit ich sie nicht vergesse. Sie hat mich großgezogen."
Christina winkte das Mädchen heran und gab ihr die Rose, mit dem Auftrag sie in ihr Zimmer zu stellen und ein weiteres Teegedeck zu bringen. "Die Herren kennen sich..." kam Christina der notwendigen Etikette nach, woraufhin sich ihre Gäste zunickten und der Gouverneur elegant Platz nahm.
Ein wunderschönes Anwesen, Madam, um so mehr, als sie es ganz alleine bewirtschaften."
"Nun, Monsieur Lumière, ein Freund der Familie, unterstützt mich und natürlich mein Verwalter Mr. Binks."
Alexandre gefiel nicht, was er da sah. Natürlich wußte er, daß Christina es darauf anlegte, sie reizte es sozusagen aus, daß war ihr Temperament, daß er so an ihr liebte, ihn aber auch zur Verzweiflung treiben konnte. Dabei las er ihr immer jeden Wunsch von den Augen ab und verbrachte mehr Zeit mit ihr, als mit seiner Familie und er liebte sie aufrichtig. Was also wollte sie bezwecken? Sie war zu intelligent, um sich in diesen aufgeblasenen Schnösel zu verlieben, der es anscheinend ganz auf eine gute Partie abgesehen hatte, aber diese Pläne würde er zu durchkreuzen wissen. "Was gibt es neues Gouverneur, haben sie die Sklavenhändler bereits gestellt?"
Man merkte James Kirk an, daß er eigentlich ungern seine Aufmerksamkeit von Christina abwandte. "Nein, wir vermuten einen Zusammenhang mit der Ermordung des Gouverneurs."
"Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand von der Bevölkerung den Gouverneur getötet hat, sie haben ihn alle sehr verehrt." wandte Christina ein und schien die Anwesenheit von Alexandre vollkommen vergessen zu haben. Ihre Augen lagen unverwandt auf der stolzen Haltung des Generals.
"Nun, Mylady,..."er schlug einen sehr vertraulichen Ton an "...obgleich man ihn sicher verehrt hat, war er immer noch Engländer und egal, wieviel Gutes wir für dieses unterentwickelte Volk tun, sie werden es nicht verstehen, sie brauchen einfach härtere Gesetze. Man muß durchgreifen, wenn man hier etwas erreichen und dieses Land in die Zivilisation integrieren will."
Christina war etwas indigniert, was Alexandre mit Genugtuung bemerkte und sich jetzt etwas entspannte. Sein Manöver hatte genau die richtige Wirkung.
"Es ist sicher nicht leicht für sie, Gouverneur, den Posten mit dem Auftrag zu übernehmen den Mörder ihres Vorgängers zu finden, aber sicher werden sie ihn in den Reihen der Bevölkerung umsonst suchen." sagte sie mit Bestimmtheit und einer gewissen Verärgerung.
'Verdammt' dachte Kirk und ein gefährlicher Seitenblick traf kurz auf Alexandre, der dies aber in dem Gefühl des Sieges nicht bemerkte. Er mußte vorsichtiger sein, wenn er an sein Ziel kommen wollte.
Vertrauensvoll ergriff er ihre Hand und seufzte tief. "Ich gebe ihnen Recht, daß es zum Großteil friedliche Menschen sind, die nur ihre Ruhe und ihr Auskommen haben wollen, aber wie überall gibt es subversive Objekte, wie auch hier, die sich durch die allgemeinen noch recht barbarischen Sitten, der in verschiedene Stämme unterteilten Völker als recht unangenehme Zeitgenossen entpuppen. - Es deutet zudem alles daraufhin, daß Sandokan wieder zurückgekehrt ist. Einer der Elefantenboys hat ihn erkannt, nachdem der Gouverneur umgebracht worden war, wie er im Dschungel verschwand."
"Ich habe gehört, daß Sandokan in Indien wäre?" fragte Christina skeptisch. Irgend etwas gefiel ihr ganz und gar nicht an diesen Ausführungen. "Nun, das war er vielleicht. Ich kann ihnen nicht sagen, was ihn vielleicht verärgert hat und veranlaßte hierher zu kommen und den Gouverneur zu töten. Er ist wie ein gefährliches Raubtier, was endlich zur Strecke gebracht werden muß, vorher wird in dieses Land kein Frieden einziehen."
"Es tut mir leid, aber das kann ich nicht glauben, General. Ich habe da etwas anderes gehört." Sie war sichtlich erregt, was ihr einen wilden ungestümen Ausdruck verlieh mit dem halboffenem vom Wind leicht wirren Haar.
"Nun, Indien hat auch andere Probleme mit denen dieses Land fertig werden muß." Er hielt immer noch ihre Hand und drückte sie nun etwas fester. "Aber ich verspreche ihnen, wenn wir den Mörder von Henry Gowron gefaßt und zur Verantwortung gezogen haben, ganz egal um wen es sich handelt, werde ich die Bemühungen von Gowron vorantreiben und da weitermachen, wo er aufgehört hat. Aber bis dahin gelten die neuen Regelungen."
"Die Arbeiter auf den Plantagen sind darüber sehr beunruhigt. Viele haben ihre Familien in anderen Dörfern und dürfen sie jetzt nicht besuchen. "Keiner darf sein Dorf oder seine Plantage verlassen. Jede Handelslieferung wird genau kontrolliert. Überall patrouillieren meine Wachen, die Anweisung haben jeden zu erschießen, der sich wiedersetzt."
Auf Christinas Stirn bildeten sich kleine Unmutsfalten und sie entwand ihre Hand der des Gouverneurs.
Er schaute betreten zu Boden, woraufhin es ihr leid tat, so impulsiv gehandelt zu haben. Er schaute zu ihr auf. Beinahe bittend lag sein Blick auf dem ihren. Er schien sehr unglücklich über den Verlauf dieses Besuches zu sein. "Es tut mir leid ihnen vorerst keine bessere Auskunft geben zu können." sagte er leise und erhob sich. "Es ist wohl besser, wenn ich gehe." Er verbeugte sich kurz und zackig vor ihr und nickte Alexandre zu, der das gelangweilt zur Kenntnis nahm, drehte sich um und ging zurück zum Haus.
Christina folgte ihm mit ihren Blicken. Sie fühlte sich unwohl. Auch keimte Wut in ihr auf, die sie nicht richtig zuordnen konnte, und nicht zu kontrollieren vermochte. "Das war nicht sehr zuvorkommend von dir, Alexandre."
Der angesprochene wurde aus seiner zufriedenen Entspanntheit gerissen und schien etwas desorientiert seitens diese plötzlichen Attacke. "Ich habe mich nur höflich erkundigt, da kannst du mir keinen Vorwurf daraus machen, wie sich das Gespräch entwickelt hat."
Natürlich konnte sie das nicht, er hatte recht. Sie konnte aber auch nicht James Kirk hinterherlaufen, das brachte sie auch nicht fertig. Ihr Stolz hinderte sie daran. So blieb sie wo sie war und der Rest dieses so wundervoll begonnen Tages verlief recht einsilbig zwischen ihr und Alexandre, ja, sie zeigte sich sogar äußerst ablehnend ihm gegenüber und stellte erschüttert fest, daß sie froh war, als er bei Einbruch der Dämmerung nach Hause ritt.
sundown01"Engarde! - Du mußt die führende Hand höher halten, achte auf deine Fußhaltung...ja, so ist es besser."
Christina parierte etliche Angriffe von ihrem guten Freund und Fechtlehrer Ray Park, um dann von ihm wieder in die Verteidigung getrieben zu werden.
"Du bist heute nicht bei der Sache, Christina."
"Unsere liebe Freundin hat ein Herzensproblem." sagte Elisabeth Park, die in der zum Übungsraum freigeräumten Bibliothek des Hauses in einem Sessel saß und stickte, während ihr Mann, ein Ladenbesitzer und Waffenhändler aus Kuching, Christina weiter in die Ecke des Raumes trieb.
"Das ist dem Gegner ziemlich egal, meine Liebe. - Touché"
Elisabeth Park schüttelte den Kopf mit dem hellbraunen leicht welligem Haar. Sie war keine Lady, nicht von adeliger Herkunft. Aber ihr Vater hatte ein angesehnes Geschäft hier aufgebaut, was von ihrem Mann nun weitergeführt wurde. Sie waren einfach liebenswerte ehrliche Menschen, die sich nicht als Briten ansahen, da sie England beide nur von kurzen Besuchen her kannten. Ihre Heimat war Sarawak und so hatten sie mehr Freunde unter den Einheimischen, als aus den Reihen der ansässigen Engländer, die die Lebensart der Familie, deren Töchter von einem Privatlehrer aus Frankreich und einer malaiischen Kinderfrau erzogen wurden, anstatt sie nach England auf eine Schule zu schicken, nicht nachvollziehen konnten.
Ray war eigentlich nirgends zu hause gewesen, ein Weltenbummler. Wie Beth es geschafft hatte ihn einzufangen, diesen immer fröhlichen, aktiven drahtigen Mann, war für Christina ein Geheimnis geblieben, zu dem Beth nur in ihrer ruhigen Weise still lächelte.
Christina nahm sich die Maske ab, die ihr Gesicht schützte. "Laß uns für heute Schluß machen, Ray."
Er nickte. Man sah ihr an, daß sie etwas bewegte, wobei er ihr nicht helfen konnte, sondern vielleicht eher seine Frau, die sich aus dem Sessel erhob und sich bei ihr einhakte, während Ray sich eine Zigarre anzündete und die beiden Damen beobachtete, wie sie die Bibliothek verließen.
"Wir sind gleich wieder da, Ray und dann trinken wir Tee." rief Christina ihm beim Hinausgehen zu.
"Ich hätte lieber eine Tasse Kaffee." kam als Antwort zurück.
"Seit wann trinkt er Kaffee?" fragte Christina Beth erstaunt.
"Seit zwei Wochen. Er hat es bei Kommodore Spock probiert und will nichts anderes mehr...außer Whisky natürlich." Christina konnte ein Lachen nicht verkneifen, in daß Beth einstimmte und unter Kichern erreichten sie die Räume von Christina, wo Beth ihr erst mal half den Brustschutz abzubinden. Und sich dann auf den kleinen Hocker setzte, der neben dem Frisiertisch stand.
Elisabeth Park wurde plötzlich ernst, während Christina hinter dem Paravant ihre Garderobe wechselte und sich erfrischte.
"Wenn ich dir als Freundin einen Rat geben darf, so würde ich sagen, daß du die Beziehung zu Alexandre aufgeben solltest. Das Gerede nimmt immer größere Ausmaße an und über kurz oder lang wird es einen Eklat geben."
Christinas Kopf erschien neben dem Paravant. Ihre langen Haare fielen nun offen über ihre bloßen schlanken Schultern. "Das kann ich nicht. Ich ..." sie wollte sagen, daß sie ihn liebte, aber sie brachte es nicht über ihre Lippen. Ihre Gedanken spielten mit dem Wort, aber es war nicht passend, nicht angebracht...
Sie verschwand hinter dem Wandschirm und Beth runzelte die Stirn. Noch vor zwei Wochen hätte sie ihr mit leuchtenden Augen von Alexandre erzählt, aber nun war da etwas anderes...
"Du liebst ihn nicht mehr."
"Doch, natürlich!" kam es trotzig "Aber... irgendwie anders. Wie ein Ehepaar sich nach Jahren respektiert und sich genau kennt, ohne den anderen nicht auskommt, aber etwas verlorengegangen ist."
"Ich habe Dich von Anfang an gewarnt."
"Ja, ich weiß." Christina kam um den Paravant herum. Sie trug nichts weiter als ihr Unterkleid und eine Korsage. Sie griff nach einer Bürste und mit gleichförmigen Bewegungen kämmte sie das lange, tief den Rücken hinabfallende, braune Haar.
Beth war die einzige, der sie offen von ihrem Verhältnis mit Alexandre erzählt hatte, die einzige, der sie alles erzählte...
"Es ist der Gouverneur, nicht wahr?"
Christina hielt mit dem Bürsten inne und schaute ihre Freundin entrüstet an. "Ich bitte dich! - Er sieht zwar gut aus und macht mir Avancen, was mich sicher schmeichelt, aber etwas an ihm gefällt mir nicht, seine Einstellung, seine Worte..."
"Das hast du aber nach dem Empfang ganz anders gesehen."
Christina ging zu einem großen Wandschrank und öffnete die Türen. "Ja, da hast du recht. Er hat ja auch etwas ...anziehendes."
"Du wirst keinen perfekten Mann finden, Tina. Alexandre wirst du nie haben können, das weißt du..." Christina drehte sich um und sah in das offene Gesicht ihrer Freundin.
"Ja, ich weiß."
"So wie du dein Leben führst, kannst du aber nicht weitermachen. Du schadest dir und ihm und auch du hast einen guten Ruf hier zu verlieren und wenn das passiert, bleibt dir nur die Möglichkeit zu deiner Familie zurückzukehren, was du nicht willst." Beth stand auf und ergriff Christina bei den Händen. "Ich flehe dich an, um deiner selbst willen, gib Alexandre auf und suche dir einen Mann, der nicht gebunden ist. Du kannst in dieser Gesellschaft nicht alleine bleiben, selbst wenn du einen einwandfreien Lebenswandel führst, wird man dir mit jedem Mann ein Verhältnis nachsagen, der dich anlächelt. Es wird dich zerstören. Du bist zu jung und zu gutaussehend. Und wenn es nicht Alexandre ist, ist es dieser Widerling Binks."
"Beth! - Ausgerechnet Binks!" entrüstete sich Christina und zog ihre Hände aus den ihren.
"Ich sage es nur so, wie es ist. Aber wenn dir ein ungebundener Mann Avancen macht, wird sich niemand daran empören und wenn er gut aussieht, ein sicheres Auskommen hat, aus einer guten Familie stammt und du dich zudem noch zu ihm hingezogen fühlst...warum nicht."
"Beth,..." Christina erhob spielerisch drohend den Zeigefinger"...du willst mir den Gouverneur schmackhaft machen."
Misses Park lächelte sie verschmitzt an "Er gefällt dir doch. Deine Augen haben geglüht wie Feuer als du von ihm erzählt hast, auch wenn das, was er tut, dir nicht gefällt, aber vielleicht ist es ja gerade das, was dich anzieht: seine Stärke, sein Mut Dinge zu tun, die ihm persönlich auch nicht gefallen, die er aber in Ausübung seiner Pflicht tun muß. - Du solltest ihm auf alle Fälle eine Chance geben. Lerne ihn näher kennen."
"Beth, ich möchte Alexandre nicht verlieren." Es war Christina anzusehen, daß sie nicht mehr wußte, was sie tun sollte. Sie wollte den einen nicht aufgeben, aber andererseits reizte sie der andere und dann waren da noch die gesellschaftlichen Konventionen, die immer stärkeren Druck auf sie ausübten.
"Es ist deine Entscheidung, Tina, und es heißt auch nicht, daß du mit Alexandre für immer brechen sollst. Ich weiß, er stand dir immer zur Seite, aber er wird es verstehen, denn auch der Druck für ihn wird stärker werden und außerdem..." Beth legte ein beinahe verschlagenes Lächeln auf. "...würde, wenn Du erst verheiratet wärst, niemand mehr an geschäftlichen Besuchen von Alexandre bei Dir, Interesse haben, außer deinem Mann natürlich."
"Beth, ich bin entsetzt!" Christina schaute ihre Freundin mit offenem Mund sprachlos an. "Das sind ja ganz neue Seiten an Dir, die ich noch gar nicht kenne!"
Ein heftiges Klopfen an der Tür unterbrach das intime Gespräch der Damen und ließ Christina ziemlich barsch regieren "Was gibt es?"
"Ma'am, Tunik ist da und Verwalter Binks, es gibt Probleme." erklang kaum hörbar die zarte, leicht zitternde Stimme ihrer Dienerin Bakhut durch die Tür.
"Bring' Sie in das Arbeitszimmer. Ich komme."
Christina griff nach einer champagnerfarbenen, mit Spitze besetzen Bluse und einem eben so farbigen einfachen geraden Rock. "Ich wußte, daß die neuen Verordnungen des Gouverneurs Probleme mit sich bringen würden!"
"Du weißt doch gar nicht, um was es sich handelt, also ärger dich nicht schon vorher." Beth half, ihre Harre nach hinten zu stecken und sie mit einem Band zusammenzubinden. "Immerhin redest du von deinem zukünftigen Mann."
"Du hattest mich fast überzeugt, Beth." Sprach Christina zu dem Spiegelbild, welches leicht über ihre Schulter hinweg in sich hinein lächelte. "Ich kann Deine Gedanken lesen, Elisabeth Park! Du wirst hier nicht die Heiratsvermittlerin spielen."
Auf Beth's Stirn zeigten sich kleine Verzweiflungsfalten und sie seufzte kurz, aber innig.
sundown02Die kleine, zarte Bakhut öffnete die schwere Tür des Arbeitszimmers und beeilte sich ihrer Herrin Platz zu machen, die schnellen Schrittes den Raum betrat, der in einem satten Mahagonibraun gehalten war und in dem ein großer Schreibtisch und eine große Ledercouch den Blick als erstes auf sich zogen.
Ohne Umschweife trat Christina zu ihrem Verwalter: "Was ist geschehen?"
Mr. Binks schob sich nervös die Brille auf der Nase zurecht und wußte anscheinend danach nicht, was er mit seinen Händen machen sollte, die er abwechselnd vor sich faltete und dann aneinanderrieb. "Die Leute wollen nicht aufs Feld, Madam. Sie haben Angst. Wir müssen die Erntezeiten aber einhalten..."
"Das ist mir durchaus bewußt, Mr. Binks." Christina winkte ungeduldig ab und wandte sich an den halb in sich zusammengesunkenen, schwer atmenden Aufseher Tunik, dem der Schweiß auf der Stirn stand. Wobei seine weit aufgerissenen, dunklen Augen eher auf eine Angstreaktion schließen ließen, als auf die nachmittägliche brütende Hitze, von der man im Haus, Gott sei Dank, weitestgehend verschont blieb.
"Setz dich erst mal Tunik und dann berichte, von Anfang an, was vorgefallen ist."
Ruhig, aber bestimmt, faßte sie den kleinen drahtigen Mann an den Schultern und zwang ihn sich auf einen Stuhl zu setzen. Er wirkte unglücklich und schien sich äußerst unwohl zu fühlen, als wenn ihn persönlich die Angelegenheit betraf, dabei war er nur der Überbringer, aber es stimmte schon, daß in früheren Zeiten der Überbringer schlechter Nachrichten ersteinmal gezüchtigt wurde.
Christina setzte sich ihm gegenüber. "Bakhut, bring unseren Gästen Limonade." Die zierliche junge Frau in ihrem schneeweißen Sarong nickte und verschwand diensteifrig.
"Nun erzähl', Tunik." forderte Christina sanft, den in seinem einfachen grauen, langen Hemd und hellen Hosen wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl zusammengesunkenen auf.
"Sie kamen aus Simajak, 200 m von unseren Dorf entfernt..."
Christina nickte dem Mann aufmunternd zu.
"...einige waren verletzt. Sie erzählten, daß man ihr Dorf überfallen hat, als die Männer auf dem Feld waren. Dann hat man den Männern bei ihrer Rückkehr aufgelauert und die meisten mitgenommen. Nur wenige konnten sich zu uns retten. - Ma'am Sahib, sie haben alle Frauen und Kinder entführt!" Seine Stimme überschlug sich fast. Als Aufseher hätte er sich besser unter Kontrolle haben müssen, aber Binks hatte ihn vorgeschlagen, weil er ein sehr fleißiger Arbeiter war, nur war die Wahl zum Aufseher vielleicht nicht so ganz glücklich gewesen.
Bakhut kam mit Gläsern und einem Krug Limonade herein. Christina schenkte Tunik kurzerhand selbst ein und reicht ihm das Glas. "Und was geschah dann weiter?"
Tunik leerte das Glas in einem Zug und hielt es krampfhaft fest, wie nach einem Halt suchend, nach einem rettenden Strohalm, obgleich Christina nicht verstand, was ihn so dermaßen erregte.
"Die Männer weigern sich aufs Feld zu gehen. Sie wollen ihre Familien nicht alleine lassen. Einige waren der Meinung man sollte fliehen, aber Haako hat sie davon überzeugt, daß es nichts bringt zu fliehen, wo sollten sie hin, höchstens in die Gefängnisse des Gouverneurs, wenn sie ein Patrouille erwischt. Jetzt bauen sie Barrikaden und machen sich Waffen."
Zwischen Christinas Augenbrauen hatte sich eine tiefe Unmutsfalte gebildet. Sie warf ihrem Verwalter einen kurzen forschenden Blick zu, aber er schien mit dieser Situation auch überfordert zu sein. "Bakhut, laß zwei Pferde satteln!"
An Binks wieder gewandt. "Wir reiten hin."
Sie erhob sich und Tunik war auch sofort wieder auf den Beinen, aber Christina drückte ihn sanft wieder in den Stuhl: "Du bleibst hier Tunik, und ruhst dich aus."
"Oh nein, Ma'am Sahib, ich muß zu meiner Familie, sie werden sich Sorgen machen."
Christina zögerte einen Moment. Dieser sonst so ruhige, besonnene, fleißige Mann hatte sich vor Sorge und Kummer kaum noch unter Kontrolle. "Binks, geben sie Tunik ein Pferd."
Christina van Henning verließ mit eiligen Schritten das Arbeitszimmer und hätte fast ihren Besuch vergessen.
"Was ist passiert, Tina?" Beth Kopf schaute ihr aus den offenen Flügeltüren des Salon hinterher, wie sie schon halb auf der großen Haupttreppe war, um sich ihren Zimmern umzuziehen.
"Ein Dorf wurde überfallen. Meine Leute wollen nicht mehr auf die Felder aus Angst ihren Familien könnte was passieren."
"Ach du meine Güte." Beth machte ein besorgtes Gesicht.
"Ich komme mit." Ray trat hinter seine Frau aus dem Salon. Er sah an Christinas Gesicht, daß es ihr nicht recht war, da sie immer versuchte ihre Probleme alleine zu lösen, aber dererlei ignorierte er. Und was er sich in den Kopf gesetzt hatte, tat er auch. "Im Ernstfall wird Binks sicher keine große Hilfe sein, schätze ich." Ein kühnes Grinsen lag auf seinem Gesicht, er witterte womöglich ein Abenteuer, dachte Christina und beugte sich über das breite Geländer. " Ich danke dir, mein Freund."
sundown01"Hier ist der Passierschein, für dich und deine Familie und hier ist das versprochen Geld."
Mit zitternden Fingern, nahm Tunik den kleinen Lederbeutel mit den Münzen entgegen, schaute sich sichernd nach allen Seiten um, so als hätte er Angst, daß Diebe ihn ihm sofort wieder entreißen konnten und griff dann nach den Passierscheinen.
"Und jetzt verschwinde, und wehe mir kommt zu Ohren, daß du erzählst, was du gesehen hast, dann wirst du mit der Gewißheit sterben, deine Familie der Sklaverei preisgegeben zu haben, ist das klar?"
"Natürlich Sahib." Tunik verbeugte sich mehrmals und rannte so schnell er konnte auf den in 100 m entfernten beginnenden Dschungel zu. Verwalter Jerry Binks trat zufrieden lächelnd aus dem Schatten der Stallungen und blickte sich vergewissernd um, daß niemand in der Nähe war. Es verlief alles nach Plan und solche kleineren Zwischenfälle konnten ihn nicht aus der Fassung bringen. Man hätte ihn ja auch, wenn der Zeitplan eingehalten worden wäre, aber dafür hatten dieser zusammengewürfelte Haufen von Halsabschneidern der schlimmsten Sorte wenig Verständnis. Wenn Tunik mit seiner Geschichte nicht so wunderbar in ihr Vorhaben gepaßt hätte, wäre er preiswerter bei weggekommen. Und ein Arbeiter mehr oder weniger, was machte das schon, es gab ja genug.
Er zog die frische Luft ein, die ihm hier mit dem Rücken zu den Stallungen entgegenwehte und den Gestank nach schwitzenden Tier- und arbeitenden Menschenkörpern vergessen ließ. In die Sonne blinzelnd, stellte er sich vor, wie es wäre auf seiner eigenen Plantage zu stehen. Aber ganz so weit war es noch nicht, doch sein Ziel trieb in immer greifbarere Nähe auf ihn zu. Und weil er dieses Ziel nicht durch eine Heirat erreichen konnte, da er nicht standesgemäß war, mußte es eben auf anderem Wege gehen.
Jerry Binks putzte sich seine Brille, die er eigentlich nicht brauchte, aber das war das Gute an der Verkleidung, daß er sich im Notfall in einen anderen verwandeln konnte und nur sehr schwer erkannt wurde. Vom kleinen Schauspieler, zum Verwalter, zum Großgrundbesitzer...Er schätzte, daß es in einem halben Jahr soweit sein müßte...
sundown02"Laß' mich voranreiten." Ray zügelte sein Pferd neben Christina van Henning. Sie waren kurz vor der kleinen Ansiedlung.
"Es sind meine Leute, sie erwarten von mir, daß ich mich darum kümmere." Christina hatte ihr Haar zu einem Zopf geflochten und trug einen eigentlich sehr undamenhaften breitkrempigen hellen Leinenhut. Ihren eleganten schlichten hellen Rock hatte sie gegen einen Hosenrock getauscht unter dem weiche Lederstiefeletten hervorschauten.
"Das ist richtig, was Du sagst." Ray meinte es todernst, er machte sich Sorgen und war keineswegs an der zur Schaustellung seines Egos interessiert. "Aber sie sollten auch wissen, mit wem sie es zu tun haben und ein gewisses Maß an Stärke zu demonstrieren, kann nie verkehrt sein."
Er hatte die ganze Zeit wie gebannt in den Dschungel gestarrt und blickte jetzt kurz zu ihr rüber, schnalzte mit der Zunge und sein Pferd setzte sich an die Spitze, noch bevor sie ihm eine Antwort geben konnte. Und natürlich hatte er recht, obgleich sie es verabscheute Macht zur Schau zu stellen, aber wenn sie etwas erreichen wollte, war es bei den erhitzten Gemütern vielleicht doch nicht so verkehrt, wenn Worte nicht mehr vordrangen, eine gewisse Präsenz zu zeigen.
Sie näherten sich dem kleinen Pfad, der zum Dorf führte. Die ersten Hütten kamen in Sicht und umgekippte Wagen und gefällte dicke Äste, die den Weg versperrten.
"Hey, Haako! Madam van Henning ist hier und möchte mit euch reden!"
Nichts geschah, es war kein Laut zu hören, so als ob das Dorf verlassen wäre, was ihr jetzt am liebsten gewesen wäre, obgleich sie dann das nächste Problem gehabt hätte.
"Haako, ich bitte dich, komm heraus oder laß' uns hinein, wir werden sicher eine gemeinsame Lösung finden." Christina saß angespannt auf ihrem Wallach. Ray warf ihr einen zweifelnden Blick zu. Er dachte nicht, daß das was brachte.
"Wir haben immer gut zusammengearbeitet Haako, ich hab euch nie betrogen...."
"Aber jetzt!" erscholl eine laute tiefe Stimme hinter den umgestoßenen Nutzwagen. Christina wechselte einen schnellen Blick mit Ray und Binks. Letzterer wedelte sich mit einem weißen Taschentuch Luft zu und hatte einen gequälten Ausdruck im Gesicht. Normalerweise erledigte Binks alle dienstlichen Gänge mit Kutsche, was aber in diesem Fall zu lange gedauert hätte. Sicher spürte er schon alle seine Körperteile auf recht unangenehme Weise.
Die Wagen wurden etwas zur Seite geschoben. Fünf Männer kletterten über die aufgestapelten Äste und näherten sich langsam den drei Reitern. "Was meinst du damit, daß Madam van Henning euch betrogen hat?" fragte Ray.
Haako, ein großer schlanker Mann mit einem schmalen Gesicht, verschränkte seine Arme vor seinen mächtigen Brustkorb, der nur halb von einer Weste bedeckt wurde.
"Es ist schlau eingefädelt, daß wir die Dörfer nicht verlassen und keine Waffen zur Verteidigung haben dürfen. Truppen des Gouverneurs haben schon dreimal unser Dorf durchsucht, ob wir uns daran halten."
"Das wußte ich gar nicht." Christina warf einen Blick zu Binks, der sich den Schweiß von der Stirn tupfte. "Oh, ich ...äh hielt es nicht für erwähnenswert, Madam. Man hat nichts gefunden, es war alles in Ordnung."
"Ich meine, ich habe nichts von dieser Anordnung des Gouverneurs gewußt!" bemerkte Christina van Henning spitz und sah ihren Verwalter etwas verärgert an.
"Das...wußte ich auch nicht. Die neusten Vorschriften müssen uns nicht gemeldet worden sein, aber ich habe sie bereits angefordert, ...Madam." Fehler und Unzulänglichkeiten konnte sie verzeihen, aber sie verabscheute es, wenn sich jemand ohne zu Fragen in ihre Angelegenheiten einmischte, ohne sie zumindest davon in Kenntnis zu setzen. Sie würde wohl ein ernstes Wort mit dem Gouverneur wechseln müssen und sie schwor sich, daß sie sich von seinem betörenden Lächeln bestimmt nicht einfangen lassen würde.
Sie wandte sich wieder Haako zu, dem vordringlichern Problem "Wir werden die Arbeitspläne ändern." Das hatte sie sich schon auf dem Weg hierher überlegt. Es würde vielleicht zu einem geringen Ernteausfall kommen, aber was nützte ihr im anderen Fall, wenn ihre Leute gar nicht mehr arbeiteten und sie würde sie unter keinen Umständen dazu zwingen wollen, womöglich noch mit Waffengewalt. "Binks! Sie werden dafür Sorgen, daß immer genug Männer in jedem Dorf sind, und das Verteidigungsanlagen gebaut werden." Sie wandte sich an Haako "Außerdem werde ich eine Abteilung Soldaten beim Gouverneur anfordern, die sofort eingreifen können."
So wie der Wind alle Spuren im Sand verweht, so verschwand der unnachgiebige Ausdruck von ihrem Gesicht und machte einer strahlenden Güte Platz "Ich bin auch bereit, wenn ihr wollt, eure Frauen und Kinder näher bei den Hauptgebäuden unterbringen zu lassen."
"Madam, darf ich darauf hinweisen, daß wir nicht so viele zur Verfügung stehende Räume..."
"Dann werden wir welche bauen, Binks!" fiel ihm Christina ungeduldig ins Wort, ohne sich umzublicken. Ihr Verwalter hatte einen hervorragenden Verstand, was geschäftliches anging, aber weder diplomatisches Geschick noch Einfühlungsvermögen.
"Nein, Ma'am Sahib! Wir werden nicht mehr für sie arbeiten. Wir bitten sie nur uns Passierscheine auszustellen, dann gehen wir von hier weg." Das war mehr als ein Schlag ins Gesicht für Christina. Was konnte sie ihm noch anbieten, um ihn daran zu hindern?
"Haako, ich verstehe euch nicht! Ich werde wirklich alles tun, um euch Schutz zu gewähren, den ihr sicher außerhalb des Dorfes erst recht nicht habt." Sie umschloß fest die Zügel ihres Pferdes. Ihre anfängliche Sicherheit drohte in Verzweiflung hineinzustraucheln.
"Es sind Engländer, die unsere Dörfer überfallen." fauchte Haako ihnen entgegen.
"Und was hätten die Engländer davon. Denk doch mal nach, was du da von dir gibt's, anstatt irgendwelche wilden Gerüchte zu verbreiten!" Ray Park war sichtlich erregt. Weniger aus Nationalstolz, als aus soviel offensichtlicher Dummheit. Sein Pferd schien das zu spüren und tänzelte zwei Schritte vorwärts, was Haako und seine Leute zurückweichen ließ.
"Es sind gekaufte Söldner!" ein Mann sprang über die Absperrung und gesellte sich zu den Dorfältesten neben Haako. Er war größer als Haako, trug ein langes gelbes Hemd, eine breite Schärpe und nicht wie die anderen nur ein Tuch um den Kopf, sondern einen Turban. Aber am auffälligsten waren seine hohen Reiterstiefel, während die anderen Dorfbewohner nur in einfachen Sandalen oder barfuß waren.
"Söldner mit britischen Gewehren und britischer Ausrüstung." Der Blick unter seinen dunklen Augenbrauen war stolz und sehr ernst. Er musterte sie unverhohlen mit Interesse und nun, vielleicht mit ein klein wenig Ironie.
Es fiel Christina schwer diesem intensiven Blick standzuhalten. Sie senkte die Augen und bedauerte, warum sie hierher geritten war und nicht gleich nach Truppen gesandt hatte. Unsicherheit überkam sie. Was würde sie dafür geben, jetzt gemütlich im Salon mit ihren Freunden zu sitzen und zu plaudern.
Die Eigentümerin der van Hennings Plantagen spürte, daß man von ihr eine Entscheidung erwartete, aber sie wußte nichts zu sagen, ihre Gedanken schweiften ab, so als verweigerten sie ihren Dienst, eine Unsicherheit hatte sich ihrer bemächtigt, eine Unsicherheit jetzt nicht das Falsche zu sagen, wenngleich sie noch vor Sekunden keine Vorstellungen daran verschwendet hatte, falsch zu reagieren...
"Ich kann mich nicht erinnern, daß du einer von unseren Arbeitern bist. Woher kommst du?" Binks hatte sich nach vorne gebeugt und betrachtet den dunkelhäutigen Mann. Er wußte nichts davon, daß es in diesem Dorf einen Neuzuzug gab, die ihm gemeldet werden mußten, da das Land, auf dem das Darf stand der van Henning Plantage gehörte und sich nur Arbeiter hier ansiedeln und ein kleines Stück privates Land bewirtschafteten durften.
"Ich bin ein Verwandter von Haako aus Engkilili." antwortete der Fremde.
"Und euer Passierschein?" wollte Binks wissen, der in diesen Sachen sehr pedantisch war.
"Ich bin schon längere Zeit hier." antwortet der Fremde kurz, aber bestimmt. Er trat einen Schritt vor. "Sie sind Madam van Henning?"
Ihre Blicke trafen sich und langsam beschlich Christina eine gewisse Wut angesichts der Unverfrorenheit dieses Besuchers, der sicher kein einfacher Bauer war. Zu stolz und unnachgiebig blickte er in die Welt, so als hätte er schon Dinge geschaut, die weit über ein Leben hinausgingen...
"Ja!" betonte sie stolz und zwang sich in seine klaren braunen Augen zu sehen, was ihn anscheinend belustigte oder was auch immer er erfreuliches entdeckt hatte, jedenfalls verschwand der Ernst aus seinen Zügen und ein angedeutetes Lächeln reflektierte sich in seinen Augen. Seine Stimme nahm eine andere Modulation an, die von einem gewissen Spott geprägt war. "Dann sind sie die Eignerin des Frachtschiffes Odin, welches aufgebracht wurde und beladen war mit menschlicher Fracht. - Sklaven, die man auf offner See sicher einem chinesischem Händler übergeben hätte. Ihr Schiff ist gesunken, falls sie es bereits vermissen sollten."
"Was erlaubst du dir, Mann!" Ray Park trieb sein Pferd voran und zügelte es erst kurz vor dem Fremden, der nicht einmal mit der Wimper gezuckt hatte und gleichmütig Mr. Park anschaute.
"Ich war dabei!"
"Verleumdungen, nichts als Verleumdungen!" Christinas Lippen bebten "Ich weiß nicht wer sie sind, aber ihre Geschichte von dem Verwandten, nehme ich ihnen nicht ab und ich werde es nicht zulassen, daß sie meine Leute aufwiegeln!"
Natürlich war ihr klar, daß im Falle einer Auseinandersetzung sie hier und jetzt den kürzeren ziehen würde, aber das war ihr momentan vollkommen egal. "Ich wünsche, daß sie mein Land sofort verlassen."
Christina war wütend, mehr als wütend. Zuerst hatte sie den Drang verspürt, sich verteidigen zu müssen, aber da war ihr Ray zuvorgekommen und dann fragte sie sich, vor wem sie sich eigentlich rechtfertigen mußte?
Die 'Odin' galt seit mehr als vier Wochen verschollen, einschließlich der Besatzung. Und nun mußte sie sich als Sklavenhändler beschuldigen lassen. Das war nun wirklich das Letzte!
"Das sind keine Verleumdungen, Madam. Es gibt Beweise und diese Beweise, werden bald im ganzen Land bekannt sein."
Christina wendete ihr Pferd. Sie konnte den Anblick diese Fremden nicht mehr ertragen. Sie war außer sich, nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Wut beherrschte ihre Sinne, unbändig und ungestüm und sie war nicht in der Lage sie zu zügeln.
"Haako, mein Angebot steht noch." brachte sie mit zitternder Stimme heraus und wandte sich halb zu dem Sprecher der Dorfgemeinschaft um. "Haako wird ihr Angebot annehmen." antwortete an dessen Stelle der Fremde und sie spürte förmlich seine Blicke auf sich ruhen. Was erdreiste er sich - auch selbst wenn er wirklich zu Haako's Familie gehörte - hier Entscheidungen zu treffen? Vielleicht hatte er ja da wo er herkam solcherlei Befugnisse, aber ... hatte sie mit ihm gesprochen? - Sie wandte sich ab und schaute genau in Binks Richtung, schien ihn aber weder körperlich noch geistig wahr zu nehmen. Ihr Blick ging irgendwo an einen ganz tiefen Punkt ihrer Seele. Ihre Lippen waren ein dünner Strich, das ruhige Atmen fiel ihr schwer. Sie wünschte sich im Moment an die Stelle von Ray. Dann hätte sie diese unverfrorene Erscheinung schon zum Duell gefordert.
"Haako...?" fragte sie mit bebender Stimme.
"Wir akzeptieren!"
Die Worte waren kaum ausgesprochen, da gab sie ihrem Pferd die Sporen und jagte wie ein apokalyptischer Reiter an Binks vorbei, dessen Pferd einen entsetzten Satz zur Seite machte und ihn beinahe abgeworfen hätte.
Sie merkte nicht, wie sie ihren Hut verlor und ihr Zopf sich auflöste, sie spürte nur einen inneren Schmerz von einer Wunde, die von alleine nicht würde heilen können... Denunziationen, Gerüchte... Beth ihre Worte kamen ihr in den Sinn... Sie hatte das Gefühl als ob ihr Leben wie ein Schilfdach im Sturm nach und nach an Substanz verlor.
sundown01'Ach, was für ein Leben!' Genau so hatte er es sich immer vorgestellt: Ein eigenes Büro mit gut sortierter Bibliothek, einem wertvollen Schreibpult, eine Ledercouch, zwei Sessel, einem Rauchtisch und einem entspannenden Blick aus der Verandatür in einen wunderschönen Garten. Sein weißes Jackett hing locker über einem Stuhl. Die cremefarbene Weste hatte er leger aufgeknöpft.
Was wollte er mehr... Nun ein wenig fehlte noch. Macht hatte er nun schon, jetzt fehlten noch die angenehmen Seiten... eine Frau, Grundbesitz, Geld, ein gutgehendes Geschäft...
Der Gouverneur von Sarawak lehnte sich zurück und sein in anderen Sphären vordringender Blick richtete sich mit einem breiten Grinsen zur Decke.
Ein lautes und vernehmliches Klopfen riß ihn aus seinen überaus attraktiven Tagträumen.
"Ja!" war seine deutlich brummige Aufforderung und seine Augenbrauen versuchten sich zu berühren.
Die große schwere Eichentür wurde von einem Wachposten geöffnet, der steif salutierte.
"Was gibt es Lieutenant, ich bin beschäftigt!" James Kirk stützte sich auf seinen Tisch, ließ dem Soldaten einen selbstherrlichen Blick zukommen, der diesen noch nötigte eine noch gezwungenere Haltung anzunehmen und dem Blick des Gouverneurs, zum Fenster schauend, auswich. "Entschuldigen sie die Störung, General, aber Madam....!"
"Gouverneur!" erscholl es von hinter dem Soldaten und eine überaus attraktive weibliche Erscheinung drängte sich an dem Lieutenant vorbei, der mit dieser Situation etwas überfordert war. Einen anderen Eindringling hätte er sofort in Gewahrsam genommen, aber bei einer Lady...
James Kirk sprang überrascht auf. Da waren seine Träume ja schneller wahr geworden, als er vermutet hatte.
"Madam van Henning! Welch' eine angenehme Überraschung!" Er trat schnellen Schrittes auf sie. Ihre Wangen waren leicht gerötet und das offene wellige Haar ließ sie amazonengleich erscheinen.
"Danke, Lieutenant! Und ich möchte nicht gestört werden!" James Kirk wandte sich nun ganz seinem Gast zu, als sich die Tür hinter der Wache geschlossen hatte. Er wollte ihren Arm nehmen, um sie zu einer der Sitzgelegenheiten zu führen, aber sie wich zurück und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, wobei ihr erst jetzt bewußt wurde, daß von ihrer Frisur nicht mehr viel übrig geblieben war. Sie zupfte unbewußt an einzelnen Haarsträhnen und ihre Augen schweiften ruhelos über den Boden.
Der Gouverneur machte noch einmal einen Versuch auf sie zu zugehen, aber sie wich ihm zur Veranda hin aus und stand nun mit dem Rücken zu ihm.
Frauen, dachte er und lehnte sich stirnrunzelnd an seinen Schreibtisch. Er machte ihnen den Hof, überschüttete sie mit Komplimenten, sie forderten ihn heraus mit ihrer Koketterie, ließen sich nur zu gerne umschmeicheln, und im nächsten Moment rissen sie das Ruder herum und man war Luft für sie, welch' eine Ironie des Schicksals, daß die Männer ihnen trotzdem weiter nachliefen, um sie erobern zu wollen und natürlich ausgerechnet die, die es einem nicht leicht machten. Aber war nicht auch für einen Offizier der Krone, auf dem Schlachtfeld ein Sieg nur ein richtiger, wenn man einem ehrwürdigen Gegner gehabt hatte....
"Warum sind sie hier, Madam, wenn sie nicht mit mir reden?" er verschränkte die Arme vor die Brust und wartete gespannt welche Reaktion kommen würde. Meistens fingen die Damen an zu weinen und dann hatte er schon gewonnen....
Ihre Gestalt straffte sich. Ihr Kopf hob sich in die Höhe, wobei ihre Haare wie ein Schleier aus Seide nach hinten fielen. "Meine Arbeiter haben Angst." Ihre Stimme war ein Flüstern, aber nicht Panik sprach aus ihr. "Sie haben Angst vor ihren Dekreten, Angst vor Überfällen, die von Söldnern ausgeführt werden, die sie mit Waffen versorgen."
Abrupt wandte sie sich um. Die Verblüffung stand ihm offen ins Gesicht geschrieben, wich aber einem amüsanten Ausdruck und er fiel in ein kurzes beinahe hysterisches Lachen. "Meine Liebe, sie werden doch nicht alles an Gerüchten glauben." Er machte eine ausholende Bewegung mit der Hand, so als grüße er die Welt. "Wir hatten in den letzten Wochen mehrere Überfälle auf Waffentransporte und nicht alle konnten erfolgreich abgewehrt werden. Daher die Ausrüstung der Banditen." sagte er belehrend und lächelte immer noch leicht über ihre Naivität alles zu glauben, was ihre ihr ach so lieben unschuldigen Bauern erzählten.
"Gouverneur, ich denke sie nehmen diese Angelegenheit etwas zu sehr auf die leichte Schulter. Man beschuldigt mich an diesen Überfällen beteiligt zu sein und die Entführten auf meinen Schiffen an Sklavenhändler weiterzuverkaufen."
"Ich bitte sie, Madam, das ist doch lächerlich. Man will ihre Leute doch nur gegen sie aufhetzen." Der Gouverneur erhob sich und war angesichts dieser Debatte doch nun etwas gereizt. "Sie haben nun einmal mit den größten Grundbesitz hier und natürlich versuchen es die Aufrührer ...."
"Gouverneur!" Der Klang ihrer Stimme ließ keinen Widerspruch zu. "Es gibt Beweise, das mein Schiff die Odin daran beteiligt gewesen sein soll. Ich weiß nicht, wer mein Schiff mißbraucht, aber ich möchte, daß sie dem unverzüglich ein Ende bereiten. Bisher sind ihre Bemühungen der Überfälle Herr zu werden, leider noch nicht sehr vielversprechend."
Normalerweise hätte er jeden, der solcherlei Beleidigungen von sich gegeben hätte, unverzüglich gemaßregelt, aber in diesem Fall huschte nur wieder ein etwas nachsichtiges Lächeln über sein Gesicht.
Er setzte sich auf die Tischkante seines Schreibpultes. "Beweise? -Und was für Beweise sollen das angeblich sein?"
"Das kann ich ihnen nicht sagen." antwortete sie trotzig. Im gleichen Moment wurde ihr bewußt, daß er genau mit dieser Antwort gerechnet hatte und sie sich auf schwankendem Boden befand, von dem sie langsam den Halt verlor.
"Wer hat ihnen denn gesagt, er hätte Beweise? - Vielleicht könnte man denjenigen ja noch mal befragen?"
Christina spürte ihre Wut wieder aufschäumen, aber diesmal richtete sie sie mehr gegen sich, daß sie in ihrem Ärger so naiv reagiert hatte und sich jetzt hier der Lächerlichkeit preisgab, aber diese Genugtuung würde sie ihm nicht geben.
"Ein Verwandter einer meiner Arbeiter. Er behauptetet dabei gewesen zu sein." Und ihre Betonung stand in nichts der vom Gouverneur nach, was bei ihm innerlich ein verschmitztes Lächeln entlockte, welches sich in den kleinen Falten um seine Augen wiederspiegelte. Sie war wirklich einen äußerst interessante Frau, nicht eine von diesen dummen aufgeplusterten Hühnern, die ihm nachliefen und ihm schöne Augen machten. Wenn er sie erobern konnte, dann hatte er einen wahren Sieg errungen.
"So, er war dabei!" Nachdenklich starrte er kurz vor sich hin "Soweit mir bekannt ist, konnten einige der Sklaven flüchten, als Sandokan sie verschleppte unter ihnen war auch jemand, der ihnen bekannt sein dürfte. Er hat auch schon mit seinem Schiff für sie Frachten übernommen." Der Gouverneur erhob sich, öffnete die Tür und flüsterte der Wache etwas zu. Christina sah ihm zweifelnd hinterher.
James Kirk schloß die Tür wieder und wandte sich ihr zu. Nachdenklich schaute er sie an. "Ich weiß, daß das Alles sehr verwirrend sein muß, für sie, aber in diesem Spiel gibt es keine Regeln und Gesetze, noch Beschränkungen wie im Handel. Hier ist jedes Mittel recht." Er trat auf sie zu. "Es tut mir leid, aber sie sind offensichtlich dabei in eine ganz böse Intrige verwickelt zu werden, die wir wohl erst beenden können, wenn wir die Banditen endlich gefaßt haben, die natürlich von den Einheimischen, welche ihre Lügen glauben unterstützt und versteckt werden, obgleich wir auf diese Konspiration die Todesstrafe ausgesetzt haben."
Christina zuckte bei dem Wort Todesstrafe zusammen. "Das ganze entwickelt sich zu einem Alptraum."
"Sie sind ihnen direkt in die Falle gelaufen. Der Mann der ihnen das gesagt hat war sicher einer von Sandokans Leuten. Sie können von Glück sagen, daß nichts schlimmeres passiert ist" Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Sie sollten hier in Kuching bleiben, es ist sicherer hier für sie. Mr. Binks kann die Geschäfte weiterführen und ich werde eine Abteilung meiner Leute abkommandieren um ihr Haus zu schützen." Seine Augen suchten die ihren. Er versuchte in ihnen zu lesen. Er strich sanft über ihre Wange und hob leicht ihr Kinn an. Langsam beugte er sich zu ihr herunter. Erst jetzt schien sie seine Nähe wahrzunehmen, aber sie wich ihm nicht aus. Seine Lippen berührten leicht die ihren, so vorsichtig, als könne er etwas kaputt machen und sich dieser Augenblick wie Frühnebel in der steigenden Sonne auflösen.
James Kirk hatte ihren emotionalen Zustand schamlos ausgenutzt und sie ließ es geschehen. Ihre wirren Gedanken verschwanden unter einem angenehmen Schleier von Empfindungen, die alle Unannehmlichkeiten wie mit einem großen Knall verschwinden ließen und ihre Angespanntheit wie im Nachhall eines Echos verebbte.
Seine starken Arme umschlossen ihre Taille und zogen sie an sich heran. Sie schloß die Augen, Schwindel erfaßte sie und sie ließ sich fallen, alles hinter sich lassend, nur noch in dieser Umarmung liegend, nur noch fühlend, ohne denken zu müssen. Seine Lippen waren nun fordernder. Und sie gab ihm was er haben wollte. Ihr Atem ging schneller. Seine Hände strichen über ihre Hüfte und sie konnte ein leichtes Stöhnen nicht unterdrücken. Egal was jetzt geschah, sie würde es geschehen lassen...
Es klopfte. Wie als würde eine unsichtbare hand sie mit Gewalt auseinanderreißen, so ließen sie voneinander ab. Christina wandte sich verwirrt und um ihre Fassung ringend dem Fenster zu. Momentan verstand sie sich selbst nicht mehr. Was hoffte sie zu finden. Liebe, Zuneigung, Leidenschaft, einen Bund fürs Leben oder nur ein Abenteuer....
Während sie ihre etwas aus der Fasson geratene Bluse richtete und spürte, wie sie diese Störung einerseits zutiefst bereute, aber andrerseits auch willkommen hieß, strich sich der Gouverneur Kirk lediglich seine Uniform glatt und plazierte sich mit einem siegesbewußten Grinsen hinter seinem Schreibtisch. Er hatte sie in seiner Hand. Sie würde früher als erwartet sein Bett mit ihm teilen. "Herein!"
Christina wandte sich langsam um, als die Tür sich öffnete.
Der General erhob sich. "Madam van Henning, Captain Hutt."
Christina erinnerte sich an den rundlichen kleinen Mann mit der Glatze und dem immer mit Schweiß bedecktem faltigen Gesicht, welches praktisch nahtlos in seinen Torso überging. Er hatte tatsächliche einige Frachtlieferungen für sie übernommen. Sie nickte ihm kurz zu. "Wir kennen uns."
"Setzen sie sich, Captain." General Kirk bot dem Mann überaus großzügig eine Zigarre an, als dieser sich schwerfällig in den Ledersessel hatte fallenlassen.
"Ich habe Captain Hutt ein Quartier hier zur Verfügung gestellt, bis er seine Sachen geordnet hat. Er wurde überfallen und seine Ladung und sein Schiff versenkt. Er wird nach England zurückkehren."
James Kirk erzählte dies, als wenn er über das Wetter sprach und lächelte blasiert in Christinas Richtung, die aber mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein schien. Sie folgte nur halbherzig den äußerst brutalen Schilderungen des Überfalls auf Captain Hutts Schiff und wie er sich und seine Besatzung mutig verteidigt hatte, was sie sich unter gar keinen Umständen vorstellen konnte. Ja, man hatte ihm sogar beinahe den Kopf abgeschlagen, weil er es gewagt hatte, Sandokan offen entgegenzutreten. Ausgerechnet Captain Hutt, der auf dem letzten Sommerball nach den ersten Takten des Eröffnungstanzes in Ohnmacht gefallen war, auf Grund seines schwachen Herzens, wie er immer beteuerte...War es nur Aufschneiderei, wollte er sich vor Gouverneur Kirk ins rechte Licht setzen, der ihn noch nicht kannte und von dem er sich anscheinend Hilfe erhoffte, oder wollte er von vornherein klarstellen, was passiert war, noch bevor andere das Gegenteil erzählten. Obgleich, so wie er es schilderte, war er der Einzigste, der sich mutig alleine auf der Flucht durch den Dschungel gekämpft hatte, das grausige Lachen der Piraten in den Ohren, die sich darüber lustig machten, daß die britische Ausrüstung alle auf eine falsche Spur führte und es sicher bald einen Aufstand auf den Plantagen geben würde, was ihnen zum Vorteil gereichte, um ausgedehnte Plünderungen vorzunehmen.....
Christina glaubte diese Geschwafel nicht länger ertragen zu können und sie war froh, als der Gouverneur den Captain einfach unterbrach und sich bei ihm für die Freundlichkeit bedankte, noch einmal seine grausige Geschichte erzählt zu haben.
Als die Tür sich hinter dem Captain schloß, war es als wenn eine frische Brise die warme stehende Mittagshitze davon wehte. Sie atmete tief durch.
"Er ist ...nun...sagen wir etwas anstrengend." James Kirk näherte sich ihr. Sein Blick musterte ihre stolze Haltung. Er trat näher. Ihre Haare berührten fast sein Gesicht. Seine Augen glitten an ihren schmalen Schultern entlang hinunter zu ihrer Taille, deren wahre Proportionen sich hinter viel zu viel Stoff versteckten.
"Ich glaube nicht einmal die Hälfte von seiner Geschichte!" sagte sie brüsk und wie ihm schien etwas verärgert.
"Nun...." James Kirk lächelte leicht. Man konnte ihm ansehen, daß er mit seinen Gedanken eigentlich bereits mit diesem Thema abgeschlossen hatte und etwas anderes ins Auge faßte
"...sicher ein wenig sehr übertrieben, aber er wurde tatsächlich von Piraten überfallen und sein Schiff versenkt und wer weiß, was er alles so aufgeschnappt hat, immerhin beherrscht er sehr gut die Dialekte der Einheimischen..."
Seine Hände glitten über ihre Schultern, ihre Arme herab...Mit sanften Druck drehte er sie zu sich herum. "Aber sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Christina. Ich werde sie beschützen..." Er wollte sie zu sich heranziehen, aber sie stoppte ihn bestimmt. Ihre Hände drückten gegen seine Brust und er gab nach, ungern zwar, aber verscherzen, durch eine übereilte Leidenschaft, wollte er sich seinen Plan auch nicht.
"James!"
Er ergriff ihre Hand.
Sie lächelte beinahe verlegen, was sie noch anziehender machte. James Kirk mußte sich stark zusammennehmen, um sich ihr nicht wieder zu nähern, egal, ab sie wollte oder nicht.
"Dieser Tag war doch sehr...aufregend. Ich denke ich sollte jetzt gehen!" Ihr Blick wurde nun etwas intensiver und ihr Lächeln auf eine gewisse Weise vertrauter.
"Es wäre mir lieber sie blieben hier..."
"Ein anderes Mal ....sicher." Sie schlug vielsagend die Augen nieder. Gekonnt und seine Wirkung nicht verfehlend, das mußte er ihr zugestehen.
"Ich werde ihnen eine Abteilung von meinen Leuten mitgeben."
"Ich danke ihnen Gou....James."
James Kirk geleitete sie zur Tür und gab der Wache entsprechende Anweisungen. Sie schaute sich noch einmal kurz zu ihm um, bevor der breite Säulengang abbog und in die Haupthalle führte, wohl wissend, daß er noch in der Tür stand und sie beobachtete.
Als er die Tür hinter sich schloß, machte er ein selbstzufriedenes Gesicht. Einen Moment
dachte er noch an die Leidenschaft, die für Minuten die Luft in diesem Raum in loderndes Feuer zu verwandeln in der Lage gewesen wäre...Aber nun galt es ein anderes Problem zu beseitigen und dann mußte er unbedingt mit seinem Kompagnon ein ernstes Wort reden. Er sollte etwas vorsichtiger sein. Es war schon das zweite Mal das es einen Zeugen gab, der ihn beobachtet hatte. Den Bauerntölpel Tunik hatte man ja noch mit Geld bestechen können und einer Drohung, aber in diesem Fall war das etwas schwieriger. Und so wie er seinen derzeitigen Gast kannte, würde der früher oder später versuchen aus seinem Wissen Kapital zu schlagen und wenn er nur eine Beteiligung an dem Unternehmen wünschte.
James Kirk ging zu seinem Schreibtisch und öffnete die zweite Schublade. Er entnahm ihr einen kleinen Lederbeutel, in dem es klimperte und eine Pistole. Ohne Eile zog er sich sein Jackett an und steckt die Waffe in den Hosenbund. Dann verließ er sein Arbeitszimmer und wählte mit Absicht den Weg durch die Haupthalle und dann in den Garten, zündete sich eine Zigarre an, grüßte gut gelaunt seine Wachposten und schickte sich an einen kleinen Spaziergang machen zu wollen, wobei er die angelegten Blumenbeete mit kritischem Auge prüfte....
sundown02"Ich habe gehört, nach dem Zwischenfall neulich, warst Du beim Gouverneur!? Davon hast Du gar nichts erzählt?" Alexandres Fingerspitzen strichen über ihren Bauch, umkreisten ihren Bauchnabel und schickten sich an ihre Schenkel zu erforschen...
Christina drehte sich mit einem leichten Seufzen auf den Rücken und zog sich die seidene Decke über ihren hüllenlosen Körper.
Die Nachmittagssonne sandte schmale goldene Strahlen wie suchende Lichter durch die nicht ganz geschlossenen Läden ihres Schlafzimmers, welches im ersten Stock ihres Hauses lag. Ihr Blick glitt unter fast geschlossenen Lidern an Alexandres Brust herunter zu dem kleinen Bauchansatz... Sie streckte ihren Finger aus und pickte ihn leicht. "Eure Köchin muß sehr gut sein!"
Er griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich heran, aber sie entwand sie ihm wieder und rollte sich an die Bettkante, erhob sich und schlang das dünne Bettuch um sich wie eine Toga. Alexandre verfolgte ihren Weg mit dem Augen zum Spiegel, wo sie eine Bürste nahm und durch ihr Haar fuhr. So mußte Helena ausgesehen haben, königlich, göttlich. Eine Frau, für die Männer in den Krieg ziehen würden....
"Was gedenkt der Gouverneur zu unternehmen?"
Ihre Bürstenstriche wurden etwas langsamer bevor sie antwortete. "Er wird die Patrouillen verstärken und eine ständige Abteilung seiner Leute ist hier auf der Plantage präsent."
"Das ist alles?!" wollte Alexandre wissen und klang etwas verdrießlich.
"Können wir nicht von etwas anderem reden?!" Christina sprang auf und verschwand hinter dem Paravant. Das leichte Kribbeln in ihrem Magen, erinnerte sie an die leidenschaftliche Umarmung von James Kirk, die sie bei Alexandre nun, ... manchmal vermißte. Sie holte tief Luft und versuchte ihren heftigen Herzschlag zu besänftigen.
"Was hat er dazu gesagt, daß man dich beschuldigt am Sklavenhandel beteiligt zu sein?"
Er konnte es nicht lassen! - Christina tupfte sich das Gesicht ab. Natürlich war er nur eifersüchtig, nun, womit er sicher nicht ganz unrecht hatte, aber.... welchen Anspruch hatte Alexandre auf sie... er war verheiratet, ihre Beziehung fand nur im Bett statt und in gemeinsamen Transaktionen... Sie hatte ihm kein Eheversprechen gegeben, sie war eine ledige Frau, was erwartete er von ihr: Daß sie ihm bis ins hohe Alter treu blieb und dann ihre letzten verbliebenen Jahre alleine, wo auch immer, in Erinnerungen verbrachte....
Sie glitt um den Paravant. "Du bist eifersüchtig!"
Damit hatte Alexandre nicht gerechnet, aber eigentlich war ihm ihre Spontanität vertraut.
"Auf den aufgeblasenen Ordenträger!?"
Christina schmunzelte. Es kam nicht oft vor, daß Alexandre etwas aus sich heraus ging.
"Sag mir,..." sie kam zu ihm herüber und setzte sich neben ihn auf die Bettkante. Sie hatte das Bettuch gegen einen weißen Hausmantel eingetauscht, der durch eine breite Schärpe zusammengehalten wurde und wie ein Ballkleid beim Gehen um ihre Beine wirbelte. "...wie stellst du dir die nächsten Jahre vor?"
Er runzelte die Stirn. Diese Fragen konnte er gar nicht leiden. "Sollte ich sie mir anders vorstellen?!"
"Du hast Familie, wie sieht Deine Planung aus, wenn erst Enkelkinder da sind, was tust du, wenn deine Frau vor dir aus dieser Welt scheidet?"
Er richtete sich abrupt auf: "Ich werde dich sofort heiraten!"
Sie mußte schmunzeln angesichts diese plötzlichen, impulsiven Ausbruches. "Du vergißt, daß deine Frau 12 Jahre jünger ist als du und bei bester Gesundheit. Und wirst du mich auch noch heiraten, wenn wir beide schon nicht mehr richtig sehen und hören können und uns die Gicht quält?"
"Aber natürlich!"
Nun mußte Christina doch laut lachen. "Alexandre, du bist ein unverbesserlicher Träumer! - Und was ist mit mir? Ich lebe solange hier alleine, nur auf die paar Stunden im Monat wartend, die du mich besuchst, und die wir zusammen verbringen. Ganz davon abgesehen, daß unser Arrangement bereits zum Gesprächsthema Nr. 1 hier geworden ist und wir es nicht mehr lange aufrechterhalten können..."
"Verlangst Du von mir eine Entscheidung?" Er war aufgesprungen und begann sich anzukleiden.
"Natürlich nicht, aber wir müssen vorsichtiger sein."
"Es ist der Gouverneur, nicht wahr?"
"Er ist ungebunden und macht mir den Hof, wie du weißt." Es fiel ihr nicht leicht, ihm dies zu sagen, aber daß war sie ihm schuldig, dazu kannten sie sich zu lange.
Er nickte mit dem Kopf und es lag so eine unendliche Schwere in dieser Bewegung.
"Du verlangst also von mir, ich soll mich entweder von meiner Frau trennen, oder du heiratest den Gouverneur!"
"Aber nicht doch, Alexandre, so habe ich das nicht gemeint! Aber ich muß auch an meinen Ruf denken und du an den deiner Familie und vor allen Dingen deiner Kinder. Auf die das zurückfallen wird. Bitte versteh mich doch!"
Christina näherte sich ihm langsam und versuchte in seinem Gesicht eine Antwort zu lesen, obgleich ihr selbst nicht ganz klar war, was sie eigentlich wissen wollte...
Sie schmiegte sich an ihn und zog seinen Kopf zu sich herunter und küßte ihn zaghaft. Er nahm sie in die Arme, sanft, behutsam, tröstend...
Warum nur konnte er nicht immer hier sein...
Er küßte sie zart und hielt ihren Kopf in seinen Händen. Ein trauriges Lächeln strich über seinen Mund. "Ich kann meine Frau nicht verlassen. Du weißt, ich habe mein eigenes Vermögen verloren. Es existiert nur noch das meiner Frau. Was könnte ich dir bieten? Sollte ich von deinem Reichtum leben?"
"Natürlich! Was soll ich alleine damit!"
"Das könnte ich nicht."
Er küßte sie auf die Stirn und griff nach seinem Jackett, um sich in Richtung Tür zu wenden.
"Wann kommst Du wieder?" Christina wurde von plötzlicher Angst gepackt, daß sie ihn verloren hatte.
"Nächste Woche."
Er schloß die Tür lautlos hinter sich, ohne ein Wort, ohne ein Blick...
Sie sank auf ihren kleinen Hocker vor dem Spiegel, sie sah in ihr Gesicht, daß von dunklem welligen Haar umgeben war. Beinahe teilnahmslos bemerkte sie, daß Tränen in ihren Augen standen...Sie fühlte, daß sie etwas zerstört hatte, was ihr Leben bisher erfüllt hatte, ...allerdings war da noch etwas anderes auf das sie mit großer Neugier blickte, was sie auch nicht verlieren wollte, vielleicht sogar ein neues Glück, welches sie mit Keinem teilen brauchte, nur hatte sie dafür wohl auch einen Freund verloren.
Sie griff nach dem ersten Gegenstand den sie erreichen konnte. Es war ihre Bürste. Sie warf sie mit aller Gewalt gegen den Spiegel, der mit einem Knirschen einen Riß bekam.
Zwei Hälften, wie ihr Leben....
sundown01Er war groß, seine Haltung zeugte von Stolz und Kraft Die dunklen Haare wehten in der leichten Brise, die vom Meer kam.
Er genoß diesen Duft, der sich mit denen der vielschichtigen exotischen Gerüche von Sarawak mischte. Eine Hand fest auf dem Griff seines Säbels liegend, die andere locker über das sich an einen Felsen gestützte Bein, beobachtete er mit fachkundigem Blick, wie die kleine Dschunke vor Anker ging..
Die kleine Bucht an der Mündung des Bantang Baleh bot sich an, um ungesehen ans Ufer zu gelangen. Gesäumt von Felsen war es einem Beobachter schwer vom Wasser her hier etwas auszumachen und hinter ihnen erstreckte sich der Dschungel.
Ein Beiboot nahm Kurs auf das Ufer. Die Dschunke war ein altes Schiff, aber es war wendig und schnell und sie war nicht so auffällig. Ein Anfang, obgleich es ein zweites Mompracem nie mehr geben würde. Einzelne Stützpunkte, wie den auf den Natuna Inseln, oder im unwegsamen Dschungel, ganz zu schweigen von den zahlreichen Waffenlagern in versteckten Höhlen, Tälern und vergessenen Tempeln, vieles finanziert von Yanez, denn allen Gerüchten zum Trotz, waren die wenigsten Überfälle der Schiffe auf den Handelsrouten zwischen Sumatra, Indien und Sarawak kein Werk der Piratenschiffe des Tigers von Malaysia.
Ein Lächeln glitt über die Züge von Sandokan, als er erkannte, wen Yanez ihm da geschickt hatte. Selber konnte er noch nicht kommen, solange die Belange in Indien nicht vollständig geregelt waren und er die Maharani in vollkommener Sicherheit wußte. Eigentlich hatte er gedacht André würde kommen, aber über dieses Gesicht freute er sich um so mehr.
Obgleich einige Jahre jünger, verband ihn mit dem muskulösen Mann, der aufrecht im Boot stand und dessen schwarze langen Harre, die von einem Stirnband nach hinten gehalten wurden, mehr als eine tiefe Freundschaft. Er erinnerte ihn in seiner ungestümen Art an sich selbst...
"Kammamuri! Es ist gut Dich zu sehen."
"Yanez hat gesagt, du brauchst Hilfe! - Hier sind wir! Ich habe meine besten Männer mitgebracht." Leichtfüßig sprang Kammamuri ins flache Uferwasser und watete die letzten Schritte an den Strand.
Die beiden Männer reichten sich die Hand.
"Außerdem habe ich noch Waffen und das hier." Kammamuri rollte ein Lederbündel auseinander. Er entfaltete den roten Stoff, auf dem in der Mitte ein goldener Tigerkopf prangte. "Das schickt dir Surama."
Die Flagge des Tigers, unvergessen und doch lange nicht mehr auf Sarawak gesichtet... das dünne, seidene Tuch flatterte stolz im Wind.
Sandokan schüttelte angesichts dieses Geschenks seiner Freunde ungläubig den Kopf. Ein wehmütiges Lächeln stahl sich für Sekunden in seine Augen. Dann rollte er die Fahne zusammen und übergab sie wieder an Kammamuri, der sie in die Ledertasche zurücksteckte.
"Wir werden sie hissen,... bald!" sagte er eisernen Blickes zu seinem Begleiter. "Laß' die Männer abladen, wir verstecken alles erst mal hier. Dann holen wir uns aus dem nächsten Dorf ein paar Pferde."
Kammamuri nickte und rief dem kleinen Beiboot seine Befehle zu, was sofort vom Sand geschoben wurde und Kurs auf die Dschunke nahm.
Sandokan hatte sich auf einen Felsen gesetzt und verfolgte das Treiben auf See. "Das Schiff sollte dann auch hier verschwinden."
"Es gehört einem Freund von mir ."
"Ist dein Freund verläßlich?"
Ein breites verschlagenes Grinsen erstrahlte über das dunkle, markant geschnittene schmale Gesicht . "Er hat mehr als einmal meinen Rücken freigehalten. Er kommt aus Beijng, China. Vor zwei Jahren traf ich ihn in Kalkutta. Leider ist ihm der Boden in Indien momentan zu heiß. Er sucht eine neue Bleibe, und da bot es sich an ihn mitzunehmen. Er hat noch zwei andere Schiffe, die Natuna Mompracem anlaufen."
"Was hat er für ein Gewerbe?"
"Schmuggler." erwiderte der jüngere Mann nicht ohne Stolz.
Sandokan nickte, was Kammamuri als allgemeine Zustimmung wertete und sich ihm gegenüber an einen Felsen lehnte.
"Und nun berichte Bruder, wo brennt es hier!"
Sandokans Mundwinkel verzogen sich zur Andeutung eines Lächelns über die hitzige Ausdrucksweise, die bereits ein Abenteuer voraussetzte und ignorierte, daß es dabei auch das Leben kosten konnte..."Die Briten haben angebliche Beweise, daß ich Gouverneur Gowron umgebracht haben soll."
"Aber das ist unmöglich!" brauste Kammamuri auf.
"Du sagst es, mein Freund." Ließ sich Sandokan von dem ungestümen Einwurf nicht aus der Ruhe bringen. "Zu der Zeit als das Unglück geschah, war ich auf dem Weg nach Natuna. Du selbst hast mich bis Rangun begleitet."
"Du hattest ein Abkommen mit dem Gouverneur..."
"Ja, aber es war nichts offizielles und niemand wußte von dem geheimen Treffen und der Unterredung, soweit mir bekannt ist. Außerdem beschuldigt man uns, einen Sklavenhandel zu betreiben, Dörfer zu überfallen und die Menschen an die Chinesen zu verkaufen. - Das ist die britische Version, wofür es angeblich Zeugen gibt, daß wir uns als Engländer verkleiden und so die Bevölkerung glauben machen, daß es die Briten seien. " ein leichter Sarkasmus hatte sich in die Schilderungen von Sandokan eingeschlichen. "Die richtige Version ist, daß mit britischen Gewehren und Uniformen ausgerüstete Söldner die Dörfer überfallen, die Menschen auf Frachtschiffe bringen, die bisher alle einer Handelslinie angehörten und als vermißt gemeldet sind, und von dort der Handel auf See abgeschlossen wurde. Mittelsmann bei der Geldübergabe, ist ein britischer Geschäftsmann..."
"Ein Komplott."
"Richtig mein Freund, aber um was zu erreichen? - Einfluß, Macht, Geld? - Es kann nur einen Grund geben: Die Einheimischen aufzuwiegeln, dadurch kommt es zu einem Aufstand, der darauf zielt, die britische Knute wieder zu verstärken und dann haben wir, wer auch immer dahinter steckt, bald einen zweiten James Brooke auf Sarawak sitzen!"
sundown02"Ja, es war kein schöner Anblick. Einer von den Dienstboten hat ihn gefunden. Anscheinend hatte Captain Hutt immense Schulden und dadurch daß er nun sein Schiff verloren hatte, sah er wohl keinen anderen Ausweg mehr, als sich zu erschießen und so seiner Familie wenigstens eine bescheidene Versicherungssumme zukommen zu lassen." General James Tiberius Kirk seufzte angesichts dieser tragischen Ereignisse in seiner Residenz, wo er doch dem Mann nur helfen wollte. Aber so schnell kann es gehen, wenn man seine Nase zu tief in Dinge steckte, die einen nichts angingen. In seinen abwesenden Blick trat ein gefährliches Glitzern, was seiner Begleiterin, die ihm gar nicht zugehört zu haben schien, verborgen blieb.
"Was ist, sie sind so ruhig, Christina. Geht es ihnen nicht gut? Sollen wir umkehren?" Gouverneur James Kirk schaute sie sorgenvoll von der Seite an und trieb sein Pferd etwas an dem ihren vorbei und stoppte sie. Die hochgeschlossene weiße Bluse, mit der gleichfarbigen kurzen Weste darüber, ließ sie heute sehr streng und beinahe blaß aussehen. Er versuchte den Blick ihrer Augen aufzufangen, aber das dünne Netz, was sich von dem kleinen grazilen Hut, der auf ihren hochgesteckten Haar thronte, und das Gesicht vor Schmutz und vor allen Dingen Insekten schützen sollte, ließ ihn nur eine vage Traurigkeit erahnen.
Die Pferde schnaubten. Die kleine Abteilung von zehn berittenen Soldaten hatte ebenfalls im gebührenden Abstand angehalten.
"Danke Gouverneur, aber es geht mir momentan so vieles durch den Kopf..."
"Sie sollten dererlei Dinge mir und ihrem Mister Binks überlassen, ein äußerst fähiger Mann. Und dann bestehe ich darauf, daß sie mich nach Kuching begleiten!"
Außer einem leichten Seufzen kam diesmal keine abwehrende Reaktion von ihr, was er als Zustimmung wertete und ein siegreiches Lächeln über seine Lippen flog.
Seine Hand umschloß die ihre, die leicht auf ihrem Schenkel ruhte. Er drückte sie sanft, bedauerte, daß sie Handschuhe trug, genauso, daß er jetzt nicht mit ihr alleine war. Aber auch er wagte es zur Zeit nicht ohne Eskorte alleine auszureiten.
"Wir kehren um!" Mit Bestimmtheit griff er in die Zügel ihres Pferdes und wendete es. Er gab seinen Männern ein Zeichen und die kleine Abteilung schloß hinter ihnen wieder auf.
Christina war das alles relativ egal. Sie bemerkte es nur am Rande und ließ es geschehen. Vielleicht hätte sie den Ausritt mit James heute lieber von vornherein absagen sollen, aber andrerseits, hatte er sie etwas von ihren bohrenden sich ständig im Kreis drehenden Gedanken abgebracht.
Sie unterdrückte den Impuls, den ordentlich zusammengefalteten Brief, den sie hinter ihren Gürtel gesteckt hatte herauszuholen und eins ums andere mal zu lesen. Seit zwei Tagen trug sie ihn überall mit hin und versuchte zwischen den Zeilen der kleinen Nachricht zu lesen, was damit gemeint war und jedes Mal schienen sie ihr eine andere Botschaft mitzuteilen...
Liebste, verzeih mir!
Ich mußte nach Siluas. Ich bin in drei Tagen wieder bei dir.
Alexandre
Würde er akzeptieren, daß sie vielleicht heiraten würde, oder... hatte er gar die Absicht sich von seiner Frau zu trennen, um sie nicht zu verlieren... Ihre Herz schlug schneller, ihr Blick verschleierte sich...
"Was wollt ihr?"
Wie aus einem Traum erwachend drang die harte eiskalte Stimme von James an ihr Ohr. Ihre weiße Stute schnaubte. Sie hatte angehalten, weil die anderen Pferde auch angehalten hatten, nicht weil Christina es gewollt hätte, die seit geraumer Zeit die Zügel locker in ihren Händen hielt. Ihr Blick folgte dem von James, der verdrossen mit der Hand am Revolver auf eine Gruppe von ärmlich gekleideten, jungen und alten Männern haftete, die sich ihren Weg durch die Gräser einer kleinen Lichtung bahnten.
Ein alter Mann hatte angehalten und sagte etwas auf malaiisch. Christina konnte deutlich sehen, wie sich das Gesicht von James noch mehr verfinsterte. "Kann das einer von euch übersetzen?"
Ein junger Mann trat vor und stützte sich auf einen langen Bambusstab. "Unser Dorfältester und mein Großvater will wissen, ob das da die Frau ist, die unsere Familien zu Sklaven macht." Er deutete mit dem Kopf auf Christina.
James ließ sein Pferd zwei Schritte nach vorne gehen. "Ihr habt hier gar nichts zu wollen. Geht zurück in euer Dorf, oder ich nehme euch alle mit."
Christina warf einen Blick auf die Soldaten, die bereits ihre Gewehre im Anschlag hatten und teilnahmslos vor sich hinstarrten so als wären sie willenlose, ohne jedes Leben und Gefühl erfüllte Geschöpfe...
"Wir wollen sie!" Der Finger des jungen Mannes schnellte vor und zeigte auf Christina, die nun vollends in der Realität zurück, etwas erschrocken zusammenfuhr.
"Sie hat unsere Frauen, Mütter und Schwestern wegbringen lassen!"
"James, ich denke....!" Sie brachte ihr Pferd neben seines. Er wandte sich zu ihr um und seine Augen blickten eiskalt, so daß jedes weitere Wort auf ihren Lippen versiegte.
Er ergriff die Zügel ihrer Stute und drängte sie zurück. "Hier ist jedes Wort zuviel, Christina, sie werden jetzt sofort und so schnell wie möglich zurückreiten!" zischte er.
Es dauerte einen Moment, bis sie ihre Sprache wiederfand. "James, diese Leute sind nicht bewaffnet und sie fühlen sich ausgenutzt und gedemütigt...."
"Um so schlimmer! - Reiten sie!" Er schob ihr Pferd weg, was leicht tänzelte, aber die ruhige Stute war viel zu sanftmütig, um darauf zuregieren, sondern blieb einfach wieder stehen. Was dann geschah konnte nur einem Alptraum entsprungen sein. Es entstand Bewegung in der Abteilung des Gouverneurs, der sich seinen Leuten zuwandte, plötzlich ging ein Schuß los, ob beabsichtigt, oder ob einer der Soldaten nur nervös geworden war, daß würde wohl nie mehr nachzuvollziehen sein.
Die kleine Schar von Dorfbewohnen stürzte todesmutig, mit Stangen oder ihren bloßen Händen bewaffnet, einen wilden Schrei wie aus einer Kehle ausstoßend, auf die britische Patrouille los, die davon überrascht zurückwich und anfing zu schießen. Die erste Reihe der Landarbeiter fiel, teils tödlich oder schwer verletzt getroffen. Auch der alte Mann und sein Enkel verschwanden zwischen den Gräsern, wie von teuflischer Hand hinabgezwungen. Aber ungebrochen stürmten die anderen weiter, zerrten die Soldaten von den Pferden. Ihre Wut ließ sie alles vergessen. Die Angst vor den tödlich fliegenden Kugeln, den scharfen Degen.
Christina wendete ihr Pferd und gab ihm die Sporen, unglücklich über die sich eskalierende Situation. Hätte sie bloß nicht vor sich hingeträumt... Sie versuchte irgendwo zwischen den Kämpfenden James zu erblicken. Der Gedanke kam ihr kurz, daß er vielleicht hier irgendwo tödlich verletzt liegen konnte, als sie unsanft aus dem Sattel gezogen wurde und sich auf dem dicht bewachsenen Boden wiederfand. Jemand hielt sie fest, den sie nicht sehen konnte. Sie schlug um sich und rammte ihrem Gegner ihren Ellbogen in die Seite. Ein leichtes Keuchen zeigte ihr an, daß sie ihren Angreifer anscheinend empfindlich getroffen hatte. Die Umklammerung lockerte sich. Sie wand sich aus den dunklen, bloßen Armen und stolperte mehr als sie rannte, davon. Sie vermeinte ihren Namen zu hören.... Wandte sich um, aber sie sah nur Männer, die miteinander zwischen den Bäumen kämpften, Pferde, Mündungsblitze... Hinter ihr knackte es. Sie fuhr herum. Jemand warf sich auf sie. Sie rollte über den Fußboden und stieß gegen etwas. Ihre Augen blickten in andere Augen.... tote, gebrochene Augen. Aus einem offenen Mund rann ein stetiger Strom Blut und tränkte die staubige Erde. Ihre Hand stieß gegen etwas Metallenes. Sie zog daran. Es war ein Degen.
Ihr Angreifer rappelte sich auf und wollte sich auf sie stürzen. Christina wandte sich um. Nein, sie wollte ihn nicht töten, aber er fiel genau in den Degen und kippte zur Seite. Sie würde nie sein überraschtes Gesicht vergessen. Ein junges Gesicht, viel zu jung, um bereits an Kampf und Rache zu denken. Sie schluckte, drehte sich zur Seite und erhob sich. Um sie herum waren Stimmen, Schreie.... Ein Mann stand zwischen den Bäumen und deutete auf sie und rief etwas. Christina wartete nicht ab, was jetzt passieren würde, sondern lief in die entgegengesetzte Richtung.
Ein Schuß war es der den schnellen Ritt der beiden Männer enden ließ. Hart zügelten sie ihre Pferde.
"Es kam von Westen!"
Wieder hallte ein Schuß durch den hier von den Briten urbargemachten Dschungel. Ihre kläglichen Versuche diese Insel ihrem geliebten England anzupassen.
Es bedurfte keiner Worte zwischen den beiden Männern, ihre Pferde zu wenden und sie gegen Westen anzutreiben.
James Kirk sah Christina zwischen die Bäume reiten, als ihn Wiehern in die andere Richtung blicken ließ. Zwei Reiter sprengten in wildem Galopp über die Lichtung und sprangen aus ihren Sätteln mitten in die Kampfreihen.
James wehrte einen stämmigen Burschen ab, der ziemlich geschickt seinen langen Stab nach ihm hieb. Ein gefährliches Sausen an seinem Ohr ließ ihn vermuten, daß er ihn nur um wenige Millimeter verfehlt hatte. Seine Pistole hatte er nicht mehr, sie war ihm aus der Hand gefallen, als er vom Pferd gerutscht war. Er duckte sich unter dem Stab weg und stach dem Mann sein Messer in die Brust. Angewidert stieß er ihn von sich und suchte Deckung hinter einem breiten Stamm.
Einer der beiden Reiter rief den Bauern etwas zu, die daraufhin wiederwillig, aber doch sichtlich unterwürfig von den britischen Soldaten zurückwichen, die unter den blitzenden Säbel der beiden Ankömmlinge fielen wie abgehackte junge Baumtriebe.
James Kirk beschloß, daß es an der Zeit war angesichts dieses Gegners, von dem er ahnte, wen er vor sich hatte, das Feld zu räumen. Diesen Feind konnte man nur mit List und Tücke schlagen und einer großen Streitmacht. Er verschwand, die Stätte der Auseinandersetzung keines Blickes mehr würdigend, im hohen Gras, sich bereits die verschiedenen Versionen seines Berichtes überlegend, je nach dem, ob seine Männer freigelassen wurden und die Frau, die er eigentlich heiraten wollte, noch lebte.
Wie direkt aus dem innersten Schlund der Erde ausgespieen tauchte er plötzlich vor ihr auf. Christina van Henning hob ihren Degen. Sie würde sich auf gar keinen Fall ergeben. Dann müßte man sie schon dazu zwingen. Am Rande nahm sie wahr, daß der Kampflärm nicht mehr zu hören war. Oder war das Rauschen ihres Blutes in ihren Adern so laut, daß sie es nur nicht vernehmen konnte?
Er konnte sich ein leichtes verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Sie sah aus, als hätte sie ein ganzes Heer alleine besiegt. Ihr langen Haare hatten sich von der wohl einst kunstvoll aufgetürmten Frisur zum Teil gelöst. Ihr Atem ging schwer, aber sie schien bereit bis zum Letzten zu kämpfen. Langsam senkte er seinen Säbel. "Es wird ihnen niemand etwas tun, Mylady. Der Kampf ist vorbei."
Ihre Augen blinzelten. Mit einer kurzen Handbewegung schob sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr Haltung versteifte sich. Sie hatte ihn wohl an der Stimme erkannt.
Natürlich erinnerte sie sich an den angeblichen Verwandten von Haako und sie erinnerte sich auch an die Warnung von James Kirk, daß er sicher zu den Banditen gehörte und die Tatsache, daß zwar Haako und die Leute aus dem Dorf ihre Frauen und Kinder in die bereitgestellten Unterkünfte am Hauptgebäude gebracht hatten, aber Haako und ein paar andere seit dem wie vom Erdboden verschwunden waren. "Ich hatte euch doch gesagt, ihr sollt von meinem Land verschwinden! Was wollt ihr damit erreichen, daß ihr meine Leute aufhetzt?"
"Das ist die Wahrheit, die ihr seht, genauso wie eure Arbeiter es als wahr betrachten, daß ihr sie an Sklavenhändler verkauft." Ihr Degen senkte sich um ein paar Zentimeter nach unten. Zweifel waren in ihren Augen zu lesen...Zweifel und Angst. "Ich bringe euch ein Pferd und niemand wird euch daran hindern fortzureiten." Er wollte sich abwenden, was sie anscheinend falsch deutete. Überrascht von der Schnelligkeit wehrte er den Stoß ihres Degens gegen ihn ab. "Mylady, das ist kein Spiel!"
"Mitnichten!"
Eine ausgesprochen effektiv geführte Attacke, die jeden ungeübten Gegner überrascht hätte, ließ ihre Klingen sich vor ihren Gesichtern kreuzen. Er war ihr jetzt so nahe, daß er sein Spiegelbild in ihren Augen sehen konnte.
"Ich möchte sie wirklich nicht verletzen..."
Mit einem unangenehmen Klirren, kratzte ihr Degen über seinen Säbel und mit einem kurzen Schwung führte sie ihn nach unten. Ihm blieb gar keine andere Wahl als mit einem schnellen Bogen den Säbel zu drehen, der mit der ganzen Kraft seines Beherrschers gegen ihre Waffe prallte und sie ihr aus der Hand in weiten Drehungen in den Dschungel schleuderte. Durch die Wucht stolperte sie rückwärts. Er griff nach ihrer Hand, aber verfehlte sie. Sie fiel hin und ihr Kopf streifte einen Baumstamm.
Er beugte sich über sie, drehte sie vorsichtig auf den Rücken. Sie war bewußtlos. An der Stirn hatte sie eine kleine Platzwunde, ansonsten schien ihr nichts zu fehlen.
Er steckte seinen Säbel weg und hob sie vorsichtig hoch.
Kammamuri wandte sich um, als er einen Schritt hörte und runzelte die Stirn.
Sandokan ließ seine ihm nicht im mindesten anzumerkende Last vorsichtig auf den Boden gleiten.
"Das ist sie?" fragte Kammamuri und beugte sich herunter.
"Ja, das ist Misses van Henning, Eigentümerin besagter Handelsschiffe und dieses ganzen Landes hier." Sandokan griff nach der Wasserflasche in seinen Satteltaschen und reinigte ihre Wunde.
"Was ist passiert?" fragte sein jüngerer Begleiter. Sein Blick glitt über die Gesichtszüge der Frau mit den dunklen langen Wimpern, den hohen Wangenknochen und den vollen, leicht geöffneten Lippen. Es war ihm unmöglich sich vorzustellen, daß dieses Geschöpf an solch widerwärtigen Geschäften beteiligt sein sollte.
"Sie ist gestolpert." Sandokan erhob sich. Er wandte sich den Dorfbewohnern zu, die ihre Verletzten versorgt hatten und betreten zu Boden blickten. Sein Blick glitt nachdenklich über sie hinweg. Diese einfachen Leute, die nichts anderes wollten, als in Ruhe und Frieden zu leben, ein Stück Land bearbeiten und Sicherheit für ihre Familien wollten, hatten aus lauter Verzweiflung und Angst, aus blinder Wut etwas gewagt, was sie unter normalen Umständen niemals getan hätten: Einen offenen Angriff.
Dem britischen Empire war nicht einmal bewußt in welcher Gefahr seine Vertreter hier schwebten, sollte sich das ganze Volk einmal erheben. Diesem Sturm würde kein einziger Fremder überleben.
"Wer ist euer Sprecher?" Sandokan las in den schweigenden Minen der Männer das Erkennen, einen Fehler begangen zu haben. Einen Fehler, den die Hälfte von ihnen nicht überlebt hatte. So unvorbereitet losgestürzt zu sein, ohne sich die Konsequenzen überlegt zu haben. Aber es zeugte auch von Mut, so ganz ohne Waffen und Kampferfahrung, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, ihr Leben für das ihnen angetane Unrecht hinzugeben.
Einer der Männer hob seinen Blick und schaute Sandokan leer und schweigsam an. Ein Blick, der mehr sagen konnte als Worte. Er war groß und kräftig und einer der wenigen, die nicht verletzt waren. Sandokan folgte seinen Augen, die auf einem alten hageren Mann zur Ruhe kamen, der etwas abseits von den anderen Toten lag.
"Ihr habt Mut bewiesen, aber was gedachtet ihr damit zu erreichen?"
"Alle, die nicht auf den Feldern gearbeitet haben, hat man entführt und die, die sich wehrten umgebracht. - Sie muß sterben." Er deutete auf die noch immer bewußtlose Frau.
"Das Unglück zu sühnen, ist euer Recht, aber es bringt euch auch eure Familien nicht zurück und auch die Toten werden nicht zum Leben erweckt werden und es wird nur neues Blut fließen."
"Wir wollen sie!" Der kräftige dunkelhäutige Mann trat einen Schritt vor und verschränkte die Arme über die Brust. Sandokans Augenbrauen schoben sich zusammen. Sein Blick wurde schärfer. Seine Hand umschloß wie zufällig den Griff seines Säbels und er verlagerte sein Gewicht. "Wie ist Dein Name?"
"Tialc."
"Höre mir gut zu Tialc!" Sandokan senkte seine Stimme "Töte diese Frau und du wirst feststellen, daß dein Herz damit nicht besänftigt ist und bist du dir ganz sicher, daß dann diese Überfälle aufhören? Weißt du mit Bestimmtheit, ob du dich nicht zum Mörder machst, in dem du eine Unschuldige deinem Rachschwur opferst?" Zweifel lag in den Augen der übrigen Anweseneden.
Einer trat von hinten an Tialc heran "Laß uns gehen Bruder, oder willst du dich mit Sandokan anlegen? Dann stehst du alleine da."
Der angesprochene reagierte nicht. Seine Wunde war tief, tiefer als jede Verletzung je dringen könnte. Nur der Tod würde ihn erlösen können.
"Tialc!" Sandokans Worte hatten etwas von der Schärfe verloren. "Du bist ein mutiger Mann. Wenn du und deine Leute wollt, dann schließt euch uns an, aber diese Frau steht unter meinem Schutz und du wirst an mir vorbei müssen, wenn du sie töten willst." Sandokan konnte förmlich spüren, welchen Kampf der Mann mit sich ausfocht. Er würde ihm die Entscheidung abnehmen.
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich zu Kammamuri um, der ihn fragend anschaute.
"Wir nehmen sie mit."
Sandokan hob die Frau hoch. Kammamuri bestieg sein Pferd und nahm sie Sandokan vorsichtig aus den Armen und hielt sie mit einer Hand umschlungen, damit sie nicht hinunterrutschte. Sandokan nickte Kammamuri zu, der sein Pferd langsam antrieb, an den Dorfbewohnen vorbei, deren Blicke zwischen dem davon Reitenden und ihrem neuen Anführer hin und herglitten. Sandokan bestieg nun selbst langsam sein Pferd. Er wandte sich zu Tialc um, der immer noch ungerührt vor sich hinstarrte. Sandokan lehnte sich im Sattel zur Seite. "Ihr wißt, daß ihr nicht mehr in euer Dorf zurückkönnt." Stille folgte seinen Worten, wie die unheilschwangere Ruhe, bevor ein Taifun losbricht.
"Mein Angebot steht. Schließt Euch meinen Leuten an. Geht nach Sematan und fragt nach dem Spanier. Er hat dort eine Waffenschmiede. Nennt ihn bei seinem richtigen Namen: Maximus Decimus Meridas, und er wird wissen, wer euch schickt." Sandokan wartete die Antwort nicht ab, sondern trieb sein Pferd an, Kammamuri zu folgen, der inzwischen den Rand des Waldes erreicht hatte. Er wußte, daß Tialc mit den Männern zu Maximus gehen würde. Das, was ihr Leben bisher erfüllt hatte, war vergangen und würde niemals wieder eine Bedeutung für sie haben können.
sundown01Die 'Toranaga' machte gute Fahrt. So unscheinbar die chinesische Dschunke wirkte, war sie doch schnell und wendig und niemand vermutete, daß sich hinter den strohbedeckten Aufbauten nicht feine seidene Stoffe und fremdartige Gewächse und Gewürze, sondern feste Kajüten befanden, die mit Gewehren, Kanonen und reichlich Munition vollgepackt waren.
Das Schiff lag tiefer im Wasser als erwartet und so konnte ein Beobachter erst beim Näherkommen erkennen, daß die hohe Reling die wirkliche Zahl der Besatzung nicht preisgab.
Li Lian Jie stand breitbeinig neben seinem Steuermann und überschaute stolz sein größtes Schiff, daß er selber entworfen hatte. Mehr als einmal war ihm damit die schnelle Flucht gelungen, um seine Ware in Sicherheit zu bringen.
Er verschränkte die Arme und der Wind blähte leicht seine weite rotbraune Kimonojacke auf, die von einem Gürtel, in dem ein breiter Säbel steckte, zusammengehalten wurde. Mit langen Atemzügen zog er die vom Land wehende Brise ein. Allerlei Gewürze, Düfte fremder Früchte und Pflanzen... Sie hatten die Küstenregion verlassen und kreuzten im offenen Meer vor Sarawak. Das schwarze Tuch des sternenübersäten Himmels wies ihnen den Weg. Wem immer sie auch auf ihrer Fahrt begegnen würden, er mußte damit rechnen geentert zu werden, sollte auch nur der leiseste Verdacht bestehen, daß es sich um ein Schiff mit menschlicher Fracht handelte.
sundown02"Captain Hutt soll sich angeblich umgebracht haben, weil die Piraten, also wir, ihn durch das Versenken seines Schiffes in den Ruin getrieben haben." Ein schiefes höhnisches Lächeln glitt über die asiatischen Züge des dunkelhäutigen Mannes, dessen ausgebildetes Muskelspiel der kräftigen Oberarme ihn im Schein des Feuers ihn wie einen Barbar aus der Vorzeit erscheinen ließ, als er nach dem Becher griff und einen Schluck trank. Seine langen, schwarzen bis über die Schultern reichenden Haare, fielen glatt nach hinten. "Aber so recht will das niemand glauben. Captain Hutt war ein schmieriger Aasgeier. Es würde mich nicht wundern, wenn er selbst von dem Sklavenhandel profitiert hätte. Auf alle Fälle hätte er sich nie selbst etwas angetan. Dazu wäre er zu feige gewesen. Und schon gar nicht wegen einer Ehrenschuld und seiner Familie wegen, da er seine Frau und Kinder seit drei Jahren nicht mehr in Singapur besucht hat."
"Wer sollte ihn umgebracht haben?" Kammamuri schaute von Sandokan zu ihrem mitternächtlichen Gastgeber, der sie hier mitten im Dschungel, an der Grenze zu niederländisch-Indien, bereits mit einem - für Kammamuris Verhältnisse - Festtagsschmaus erwartet hatte.
"Der, der davon profitierte." Durchdringende schwarze Augen aus einem Wind und Wetter ausgesetztem harten Gesicht, musterten den jüngeren Mann, der diesem eindringlichem, abschätzenden Blick in keiner Weise nachstand.
Die beiden Männer, die sich bisher noch nicht begegnet waren, schätzten mit geübten Blick einander ab. Wären sie anderen Ortes aufeinandergetroffen, so hätte es sein können, daß sie auf verschiedenen Seiten gestanden und nur einer diese Begegnung überlebt hätte, aber so war da eine Gemeinsamkeit, die sie nichts am anderen in Frage stellen ließ: Sandokan.
"Was meinst du, Hiroyuki, hatte Captain Hutt etwas mit dem Sklavenhandel zu tun?" Sandokan hatte leicht schmunzelnd die aufmerksamen Blicke der beiden Männer verfolgt und beschlossen, daß es an der Zeit war, dieses Spiel des unsichtbaren Kräftemessens zu beenden.
"Nein, Sandokan! Dazu war er nicht clever genug. Wer auch immer dahinter steckt, muß großen Einfluß haben und vor allen Dingen Geld."
"Wie ist deine Meinung mein Freund, haben die gleichen Leute auch Gouverneur Gowron auf dem Gewissen?"
Hiroyuki Tagawas Blick glitt in den schwarzen Himmel, der sich in einer schmalen Lücke zwischen dem ineinander übergreifenden Blätterdach, wie ein Tor zu einer anderen Welt, öffnete. Seine Mundwinkel zeigten leicht nach unten. Sandokan hatte ihn selten lachen sehen. Wer er war und wo er herkam hatte er nie erzählt. Ein Jahr, nach dem sie Mompracem an Brooks verloren hatten, stand er vor ihm, mit den Worten, daß er sich ihm anschließen werde. Es war keine Bitte gewesen, sondern eine Tatsache, die Sandokan aus ihm bis heute noch unerklärlichen Gründen, vorbehaltlos akzeptiert hatte, ohne weiter nachzufragen, ohne einen Zweifel, einen Anflug von Mißtrauen. Er konnte auch nicht sagen, ob es Freundschaft war, was sie verband oder nur ein gegenseitiger Nutzen. Er tauchte auf und verschwand wieder und war immer da, wenn es notwendig war.
Hiroyuki wandte den Blick wieder Sandokan zu. Der Schein des Feuer spiegelte sich in seinem Augen.
"Es gibt nur einen, der einen Vorteil davon hätte: Gouverneur James Kirk, ein ehrgeiziger Mann, kein Mann des Friedens."
Sandokan nickte, daß waren auch seine Gedanken, nur wie sollte man es nachweisen können, daß wer auch immer die Tat begangen hatte, er es nicht war, es nicht hatte sein können.
"Was ist mit der Reederei?" fragte Kammamuri und kam auf das vordringlichere Problem, was sie hatten.
"Das eine Schiff, was du versenkt hast und ein anderes sind beide offiziell als vermißt gemeldet. Keiner meiner Kundschafter konnte irgendwelche auffälligen Transaktionen berichten. Wie es aussieht, ist es entweder Zufall, daß es ausgerechnet diese Schiffe sind, oder es ist ein sehr gutes und von langer Hand vorbereitetes Geschäft. Und das alle Söldner britische Ausrüstung haben, ist keinesfalls ein Zufall. Und das immer wieder von einem britischen Gentleman die Rede ist, der das Geld in Empfang nimmt, ist auch nicht von ungefähr. Es muß mehr dahinter stecken."
"Sie suchen etwas zu finden, wo es nichts Übles zu finden gibt."
"Welch angenehmer Klang in dieser unwirtlichen Umgebung." flüsterte Hiroyuki ernst, obgleich eine eigenwillige Intonation diese Bemerkung begleitete.
"Ich hab mich schon gefragt, wann sie sich an unserem Gespräch beteiligen werden, Misses van Henning." Sandokan nahm eine der kleinen Holzschüsseln und füllte etwas aus dem großen Topf hinein, der noch über dem Feuer hing ein.
Kammamuri schien der einzigste, der etwas überrascht war, daß ihr unfreiwilliger Gast bei Bewußtsein war, was ihm wohl so offenkundig im Gesicht stand, daß Hiroyuki seine Frage ungewollt beantwortete. "Sie ist schon seit geraumer Zeit wach."
Sandokan hockte sich neben sie und reichte ihr die kleine Schüssel, in der ein Löffel steckte. "Sie müssen etwas essen."
Christina schaute zu ihm auf, aber sein Gesicht lag abgewandt vom Feuer in tiefer Dunkelheit. Sie erhob sich langsam und vorsichtig. Ihr an weiche Betten und Kissen gewöhnter Körper fühlte sich etwas steif an, von der rauhen auf dem Waldboden plazierten Decke, als einzige Unterlage. Ihr Kopf schmerzte ein wenig, aber ansonsten fehlte ihr nichts, wie sie bereits vorsichtig festgestellt hatte, außer einem Bad vielleicht. Auch wollte sie lieber nicht wissen, wie sie aussah, wahrscheinlich grauenhaft.
Sie setzte sich aufrecht hin und nahm die ihr gebotene Schüssel. Sie roch daran. Es schien scharf zu sein. Ein dickflüssiger Brei. Wahrscheinlich erwartete man, daß sie fragte, was es wäre, aber den Gefallen würde sie den Männern nicht machen.
Sie spürte die Blicke, die auf ihr ruhten. Ohne zu zögern ergriff sie den Löffel und schob sich den ersten Bissen in den Mund. Es schmeckte überraschend gut, auch wenn sie nicht wußte, was ihren Gaumen und Magen erfreute. Es schien Fleisch zu sein, weich und zart. Sandokan reichte ihr einen Becher. Es war Wasser. Kühl und angenehm frisch, spürte sie jeden einzelnen Tropfen, der ihre Lippen befeuchtete. Sie war also nun tatsächlich Sandokan begegnet, den sie schon all die Jahre in denen sie hier lebte für eine Legende gehalten hatte, obgleich immer wieder in dem Zusammenhang auch der Name ihres Onkels fiel, wobei die erzählten Geschichten stark voneinander abwichen. Erst die Berichte von Dora hatten sie eines anderen belehrt. Vielleicht fühlte sie deshalb in keiner weise Angst, noch Unsicherheit, obgleich...Bilder drängten sich ihr auf und schlugen mit blanker Klarheit wie Peitschenhiebe ihre Erinnerung...Augen, tote Augen, die sie anstarrten, Blut, Schüsse.... sie spürte Panik in sich aufsteigen, die ihr erst jetzt im nachhinein zu Bewußtsein kam.... Sie blickte ins Feuer, verbannte die Bilder aus ihren Sinnen. Sie war am Leben, hatte sich nicht ernsthaft verletzt, und es sah nicht so aus, als wenn man ihr etwas zu leide tun wollte. Wenn auch die beiden Begleiter von Sandokan nicht sehr vertrauenserweckend wirkten. Vielleicht hätte sie auch noch lieber ein Weilchen zuhören sollen, anstatt sich zu dieser voreiligen Bemerkung hinreißen zu lassen, dann hätte sie unter Umständen erfahren, ob James entkommen konnte, oder ob er verletzt....Sie schluckte. Er war General, ausgezeichnet in vielen Kämpfen, sicher hatte er sich retten können...
"Wie fühlen sie sich?"
Sie betastete ihre Stirn, hinter der es unangenehm pochte. Sie berührte die Abschürfung und spürte, wie die Haut an dieser Stelle spannte. "Ich denke, den Umständen entsprechend gut."
"Können sie sich erinnern, was geschehen ist?"
"Man hat uns angegriffen. Jemand wiegelt meine Leute zum Aufruhr auf und behauptet, ich würde ihre Familien in die Sklaverei verkaufen." erwiderte sie mit Absicht in recht spitzem Ton und betrachtete ihn herausfordernd mit ihren großen braunen Augen.
Falls sie gedacht hätte, sie könne ihn provozieren, so hatte sie sich getäuscht.
"Man wollte sie töten."
"Und wo kamen sie so plötzlich her?"
"Wir hörten die Schüsse." Sandokan musterte sie. Sie zeigte in keiner Weise Angst, noch Unsicherheit oder Überraschung, sich plötzlich unter den meist gesuchtesten Verbrechern von britisch-Indien zu befinden.
"Was..." Sie stockte. Ihr Blick senkte sich zu Boden. "Wissen sie, ob von den Soldaten jemand entkommen ist?"
Sie benutzte nicht das Wort tot. Es muß also jemand dabeigewesen sein, der ihr lieb und teuer gewesen war.
"Das kann ich ihnen nicht beantworten."
"Und was ist mit den Dorfbewohnern?"
Sandokan wandte den Kopf zur Seite. Er hatte nicht erwartet, daß sie sich nach den einfachen Leuten erkundigte, zumal sie sie hatten töten wollen.
"Die wenigen, die überlebt haben, sind in Sicherheit."
Es war das erste Mal, daß sie bewußt sein Gesicht sah, daß jetzt zur Seite gewandt, halb vom verlöschenden Feuer beschienen wurde. Spott umspielte den Ausdruck seines Mundes, der von einem gepflegten Bart umgeben war. Es waren traurige Augen, die in Richtung des undurchdringlichen Dickichts starten, als wenn sie dort eine andere bessere Welt zu finden hofften.
"Geben sie mir ein Pferd und lassen sie mich gehen!" sagte sie mit fester Stimme, sich seiner Worte erinnernd.
Er wandte sich ihr wieder zu . "Das kann ich nun nicht mehr."
Er erhob sich und drehte ihr den Rücken zu.
"Sie hatten es mir angeboten."
Sein Schritt verhielt. "Das ist richtig, aber sie stehen jetzt unter meinem Schutz. Wenn ich sie gehen lasse, wie lange würde es dauern, bis sie auf die nächsten Landarbeiter treffen, die sie für etwas verantwortlich machen wollen, von dem wir noch nicht wissen, ob es wahr ist, und sie töten. - Es tut mir leid. Bis zur Klärung müssen sie bleiben, bevor noch mehr unschuldiges Blut vergossen wird. Aber ich verspreche ihnen: Sollten wir auf eine englische Patrouille treffen, so übergebe ich sie in deren Obhut."
"Heißt das, ich bin ihre Gefangene, weil sie mich mit dem Sklavenhandel in Verbindung bringen?"
Sandokan wandte sich zu ihr um und betrachtete sie nachdenklich. "Sollte ich das?!"
"Wenn ich sage 'Nein', glauben sie mir das?" antwortete Christina genauso ernst und erwiderte seinen Blick.
"Betrachten sie sich als mein Gast."
sundown01Seine dunklen schmalen Augen verengten sich. Ein Punkt am Horizont hatte seine Aufmerksamkeit erregt, noch bevor der Ausguck etwas davon bemerkte. "Steuerbord Hikaru." sagte er, ohne seinen Blick von dem fernen Objekt abzuwenden, zu seinem Steuermann, einem kleinen Japaner, der nur mit einer schwarzen weiten Hose bekleidet war.
Hikaru Sulu, der sein Leben mehr als einmal seinem Herren Li Lian Jie verdankte, fing diesen Befehl, obgleich sehr ruhig und leise, aber wohl intoniert gesprochen, sofort auf, und setzte ihn mit ruhigen fließenden Bewegungen um.
Die 'Toranaga' bewegte sich unmerklich nun direkt auf den schwarzen Punkt am Horizont zu. Das Schiff rollte über die Wellen, die jetzt von der Seite kamen. Der Wind blies einige dünne Haarsträhnen aus dem nach hinten gekämmten und hochgesteckten schwarzen Haar von Li nach vorne.
"Ein Kanonenboot?" fragte Hikaru und versuchte etwas genaueres als die wagen Umrisse des auf sie zukommenden Schiffes auszumachen.
"Nein! Ein Dreimaster, spanisch, schwer beladen!"
Ohne vom Kurs abzuweichen hielt die 'Toranaga' direkt auf das Schiff zu. Li brauchte seiner Mannschaft keine Anwesungen zu geben. Sie waren alle ausgezeichnete Kämpfer und wußten, was sie zu tun hatten.
Man konnte bereits die Gesichter der Männer auf dem anderen Schiff erkennen, die ihrerseits mißtrauisch hinüberschauten. Üble Gesichter, keinem würde Li dem Rücken zukehren wollen, auch wenn sie für die gleiche Sache kämpfen würden. Ein Blitzen erregte seine Aufmerksamkeit. Hinter einer der Aufbauten, hatte ein Lichtstrahl der aufgehenden Sonne etwas metallisches gestreift. Das war das Zeichen, auf das Li gewartet hatte, ein Fingerzeig göttlicher Fügung, die ihm den Weg wies.
Er hob schweigend die Hand. Das war für seine Männer das Signal.
Strohballen wurden zur Seite geworfen und versteckte Abdeckungen geöffnet. Kanonen schoben sich aus vorher nicht erkennbaren Schächten. Die 'Toranaga' machte einen abrupten Bogen und schoß wie ein Pfeil auf den spanischen Dreimaster zu. Bewegung war auf dem anderen Schiff entstanden, als man die plötzliche Gefahr erkannte. Zu spät. Die 'Toranaga' hatte das Schiff fast erreicht und wurde wie von Geisterhand unter der sachkundigen Lenkung ihres Steuermannes zur Seite gezogen. Nur zwei Meter trennten die beiden Schiffe noch voneinander.
Die Kanonen der 'Toranaga' feuerten. Maste knickten ein wie gefällte Bäume und begruben Männer unter sich, die nicht schnell genug zur Seite ausweichen konnten. Die Reling des Schiffes wurde in Trümmer geschossen. Innerhalb von Sekunden waren die Aufbauten nur noch eine Ansammlung zertrümmerter Holzbalken. Ein Steuer gab es nicht mehr.
Li war der erste, der sich an Bord des fremden Schiffes schwang. Ohne zu zögern und innezuhalten mähte er die Angreifer, die auf ihn zustürzten mit blitzartigen Bewegungen seines Säbels nieder. Er war so schnell, daß sie seinen Bewegungen nicht zu folgen vermochten. Ehe sie sich's versahen, war er über ihre Köpfe gesprungen und stand hinter ihnen, ohne das sie etwas davon mitbekommen hatten.
Der Kampf wehrte nur wenige Minuten, dann gab es niemanden mehr, der noch fähig war das Schiff zu verteidigen. Li steckte seinen Säbel wieder ein. So schnell, wie er sich bewegt hatte, so schnell kam er aus der Bewegung wieder zur Ruhe, als wäre er erst jetzt an den Ort des Geschehens gerade so wie ein unbeteiligter Zuschauer gekommen.
Seine Männer durchsuchten das Deck. Li lauschte den Geräuschen, dem Scharen von Füssen, dem Glucksen des Meeres, wie es langsam Einlaß gewann durch die von den Kanonenkugeln gerissenen Lecks.
Mit schnellen Schritten ging er drei Schritte vorwärts und stoppte. Er winkte einen seiner Männer mit einer Axt heran und deutete auf die Planken. Der Mann hob die Axt und zerschmetterte das Holz. Li bückte sich und riß die Planke heraus und starrte in die Dunkelheit, aus der ihn ängstliche Augen zurück anstarrten.
sundown02Weißer Dunst schob sich wie der Atem eines Drachen durch das Dickicht der Blätter. Hier und da erleuchtete ein Sonnenstrahl das dunkle Grün und verscheuchte die wogenden Schleier der hohen Luftfeuchtigkeit. Ein leichter Wind spielte mit den höheren Blättern dieses tiefen Waldes, und verlor seine Kraft zwischen den dicken bewachsenen Stämmen.
Sie musterte ihr Spiegelbild in dem von zahlreichen Blüten bedeckten schmalen Flußlauf, über den die Bäume weit ihre Äste hinüberhängen ließen, so als wollten sie verhindern, daß die Sonne dieses kostbare kühle Naß bemerkte und es austrocknete. Sie strich sich mit dem perlmutfarbenem Kamm, den ihr Kammamuri gegeben hatte, durch das von dem erfrischenden Bad noch feuchte lange Haar.
"Sind sie fertig?"
Christina van Henning wandte sich langsam zu Sandokan um, der sie zynisch musterte. Ihr offenes Haar glitt über ihre Wange und sie strich es nach hinten. Sie hatte die obersten beiden Knöpfe ihrer hochgeschlossenen Bluse offengelassen und die langen Ärmel ein wenig hochgerollt. Ihre seidene Weste lag achtlos neben ihr auf dem mit Moos bewachsenen Boden.
Nun, wenn er meinte, er könne sich über sie lustig machen, so war er bei ihr an die Falsche geraten.
"Und was meinen sie? - Bin ich fertig? Kann ich mich so sehen lassen?" Sie schaute ihn herausfordernd an und glättete mit der Hand demonstrativ ihr Haar.
Sandokans spöttisch hochgezogenen Mundwinkel verschwanden. Er hob stolz den Kopf. Christina hatte einen kleinen Sieg errungen, wenn auch nicht im Kampf, wo sie ihm bei weitem unterlegen gewesen wäre.
"Wir reiten!" Abrupt wandte er sich um und ging zu den Pferden, neben denen Kammamuri und der andere Fremde standen, dessen Namen Christina nicht richtig verstanden hatte.
Sie beeilte sich ihm zu folgen, es machte den Anschein als ob es ihm momentan durchaus egal war, ob sie mit kam, oder hier blieb. Sie faßte ihr Haar mit einem Band, welches mal eine kleine Zierschleife an dem Kragen ihrer Bluse war, zusammen, griff nach ihrer Weste und folgte Sandokan durch das lockere Gebüsch zu der kleinen Lichtung, wo sie auch genächtigt hatten.
Sandokan und Kammamuri saßen bereits im Sattel und warteten. Der andere Fremde hielt das Pferd, das man ihr zugedacht hatte. Es war etwas kleiner und kräftiger als die anderen. Wahrscheinlich war es vorher ein Packtier gewesen. Der große kräftige Mann mit den herben Gesichtszügen und den mandelförmigen Augen, machte Anstalten ihr in den Sattel zu helfen, was sie ignorierte und alleine aufstieg.
Sandokan beobachtete halb umgewandt, daß die kleine Gruppe nun bereit war. Ein selbstgefälliges leichtes Lächeln ließen seine dunklen Augen aufblitzen. Nun, er mußte der Lady - was auch immer man ihr vorwarf, an dessen Richtigkeit er allerdings zweifelte - schon einen gewissen Mut zusprechen und vor allen Dingen eine spitze Zunge.
Der Tiger von Malaysia führte die aus allen Völkergruppen stammende Schar tiefer in den Dschungel.
sundown01"Monsieur Lumière! Welch seltener Besuch." Gouverneur Kirk empfing seinen unvorhergesehen Gast zu so früher Stunde ganz zwanglos in Hausjacke im Raucherzimmer, wo er gerade die hiesige Ausgabe der London Times studiert hatte und sich ein Glas Sherry genehmigte. "Bitte nehmen sie doch Platz. Ein Glas Sherry?" Der Gouverneur trat zu einem kleinen Tisch, der mit funkelnden Kristallgläsern und zahlreichen schweren Flakons mit hellen und dunklen Flüssigkeiten bestückt war.
"Nein danke, General!" Lumière hatte sich steif in einen imposanten Sessel aus rotem Samt gesetzt. Seine Füße scharten unruhig auf dem dicken Teppich hin und her.
Der Gouverneur nahm wieder auf dem Sofa Platz, lehnte sich lässig gegen ein großes bequem aussehendes Kissen und griff nach seinem Glas "Sie gestatten!"
"Aber selbstverständlich." gebot der Franzose, der mit einem beigefarben, vom Ritt etwas unordentlich sitzenden Anzug bekleidet war, und damit der Höflichkeitsfloskel seinen Zoll entgegenbrachte.
"Was führt sie zu mir?"
"Ich komme gerade aus Siluas und hörte, daß man sie überfallen hat."
Das Gesicht des Gouverneurs wurde ernst und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. "Es war ein schrecklicher Angriff aus dem Hinterhalt, so als hätten die Banditen gewußt, daß wir dort lang reiten würden. Meine Männer sind alle tot..." ...und bei denen, die noch gelebt hatten, hatte er selbst nachgeholfen, als die Bauerntölpel endlich verschwunden waren. Nicht das es womöglich unterschiedliche Versionen der Darstellung der Geschehnisse gab.
"Ich habe gehört, sie waren verwundet." fiel ihm ungeduldig der Franzose ins Wort.
"Ja." Kirk nippte genußvoll an seinem Sherry. "Doktor McCoy meinte, noch ein paar Millimeter weiter und die Stichwunde hätte die Schlagader getroffen und ich wäre wohl verblutet." Natürlich, und das hatte er auch so einkalkuliert. Schließlich war er in genug Schlachten gewesen und wußte was einen Mann umbrachte, also hatte er sich genau überlegt, wo er sich die Wunde zufügte.
Kirk beobachtete Lumière über den Rand seinen Glases hinweg. Ihm standen die Schweißperlen auf der Stirn und er machte ein recht unglückliches Gesicht. "Aber sie sind sicher nicht hier, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen." half er ihm weiter.
"Nein....." der Angesprochene holte tief Luft. "Angesichts der Tatsache, daß man beginnt die Pflanzungen der van Hennings Plantagen zu plündern, wollte ich fragen, was der Gouverneur dagegen zu unternehmen gedenkt."
Ein verstecktes, wissendes Grinsen schlich sich über die Züge des Generals, glitt aber sofort wieder in einen ernsten Ausdruck hinüber "Ich habe bereits eine Abteilung abgeordnet, die auf Bitten des Verwalters Mr. Binks die Plantage schützen soll. - Und natürlich würde das auch auf ihr Land zutreffen, wenn es zu einem Aufstand kommen würde. Sie können meiner vollen Unterstützung gewiß sein."
"Und die Verbrecher,......die sie verletzten."
Der Gouverneur bemerkte an seinem sein Zögern, daß er eigentlich nach etwas anderem fragen wollte. "Nun, irgendwann muß Sandokan den Dschungel verlassen. Seine Schiffe kreuzen vor Sarawak und dann werden wir zuschlagen."
"Und sie sind sicher, es war Sandokan?" fragte der Franzose ungläubig.
"Natürlich war es Sandokan."
Ein kurzes Schweigen lastete auf dem in dunklem Holz getäfelten Raum, der von dem gelben Licht der Gaslampen matt erhellt wurde.
"Haben sie noch etwas auf dem Herzen, mein Freund?" fragte der General vertrauensvoll.
Sein Gegenüber schluckte. "Ich habe gehört Madam van Henning befand sich bei ihnen."
Eine gewisse Genugtuung durchfloß Kirk.
"Das ist richtig! Sie hatte auf diesen Ausritt bestanden, ich konnte es ihr nicht ausreden, aber sie kennen sie ja länger als ich....?"
Alexandre spürte die offensichtliche Feindschaft seines Gegenspielers und Ärger stieg in ihm auf. "Und was gedenken sie in diesem Fall zu tun?" fragte er mit fester Stimme.
"Abwarten, bis sich Sandokan meldet, oder sie freiläßt, wenn er in Sicherheit ist." "Und das ist alles?" Alexandre bemerkte, daß er unweigerlich begann sich im Ton zu vergreifen, was sein gegenüber mit einem deutlichen Zittern der Mundwinkel ebenfalls registrierte.
"Sandokan wird einer Frau nichts zu Leide tun, das hat er noch nie. Sie brauchen sich da keine Sorgen zu machen. Allerdings...ich würde ihnen empfehlen sich vielleicht doch mehr um ihre Angelegenheiten zu kümmern."
"Wie darf ich das verstehen, General?!" Alexandre fiel der warnende Unterton in der Stimme des Gouverneurs vor Zorn nicht auf.
Der Gouverneur beugte sich vor. "Nun, ihre kleine Liaison mit Misses van Henning ist ja wohl allen bekannt. Und wenn sie möchten, kann ich ihnen sogar Daten und Uhrzeit ihrer Treffen nennen." Kirk beobachtete mit Behagen das Erbleichen von Lumière. "Wie geht es eigentlich ihrer Gattin und den Kindern. Alles bei bester Gesundheit? - Ich hörte, daß die Geschäfte nicht so gut laufen in letzter Zeit. Ihr Vermögen ist ja wohl schon nicht mehr existent und nun versuchen sie wenigstens das ihrer Frau zu halten, obgleich der Preis für Pfeffer momentan nicht sehr gut steht. Sie hätten halt beizeiten auch auf andere Geschäfte setzen sollen, wie es auf den van Hennings Plantagen üblich ist, ...aber verzeihen sie, ich vergaß, daß ihr Land natürlich nicht so ergiebig ist. Natürlich, wenn sie jetzt verkaufen würden und mit ihrer Familie nach Frankreich zurückgingen, könnte ich ihnen einen sehr guten Preis machen, der es ihnen ein luxuriöses Auskommen auf einem Landhaus in der Bretagne erlaubt, zumal es hier jetzt für einen Mann mit Familie doch sehr gefährlich ist. Sie möchten doch sicher vermeiden, daß jemandem etwas zustößt?!"
Alexandre sprang auf. Sein Gesicht war vor Wut gerötet. "Wollen sie mich erpressen, Gouverneur!?"
"Aber mein lieber Freund!" Kirk erhob sich langsam und lächelte brüderlich. "Ich möchte doch nur, daß ihrer Gattin und ihren Kindern kein Leid geschieht und stellen sie sich nur die Verzweiflung ihrer Familie vor, wenn ihnen ganz öffentlich ihr kleines Verhältnis zu Ohren kommt. Was für eine Schande. Ts ts ts!" Der Gouverneur schüttelte den Kopf.
"Meine Familienangelegenheiten gehen sie gar nichts an." schnappte Alexandre und wandte sich zum Gehen.
Mit zwei schnellen Schritten war Kirk bei ihm und faßte den etwas größeren, kräftiger gebauten Mann am Arm. Lumière wandte sich ihm zu. In den Augen von Kirk glitzerte es gefährlich, seine Stimme war nur ein Flüstern: "Christina gehört mir. Sie werden sie nicht mehr wiedersehen."
Alexandre lachte herbe. "Wie wollen sie mich daran hindern, mich töten?"
Der General ließ seinen Arm los und verschränkte die Hände vor die Brust. Kalt und berechnend waren seine Züge "Sie töten? - Nein, das wäre zu einfach...."
"Sie werden es nicht wagen meiner Familie..."
Kirk lachte schallend. Er umfaßte beinahe freundschaftlich seine Schulter und schob den verdutzten Mann durch die Tür. Die Wachen im Hauptgang nahmen Haltung an.
"...Aber natürlich werde ich mich um die Pflanzungen meiner Verlobten kümmern bis ich sie befreit habe. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, daß sie ihre Verantwortung vernachlässigt haben. Wichtig ist jetzt, daß sie ihre Familie in Sicherheit bringen, wenn ihre Frau und ihre Kinder solche Angst haben. Ich wünsche ihnen eine gute Reise und werde für ihre sichere Überfahrt sorgen. Gute Nacht mein Freund." Er schob Alexandre durch die Haupttür, der wie benommen die breiten Treppen runtertaumelte und automatisch sein Pferd bestieg, das von einem Bediensteten gehalten wurde. Er sah nicht das genießerische Funkeln in den Augen des Gouverneurs wieder ein Leben zerstört und für seine Zwecke benutzt zu haben.
sundown02Das Dickicht neben ihnen wich stellenweise vollkommen zurück und ließ einen Blick auf die verschiedenen Pflanzen und leuchtenden Blüten mitten im Herzen des Dschungels zu. Die Feuchtigkeit war fast unerträglich. Christina spürte sie wie eine Schicht auf ihrer Haut. In all' den Jahren ihres Hierseins, war sie noch nie in diese unberührte Natur vorgedrungen.
"Sie ziehen einen wie magisch an, aber sie sind giftig. Es wird ihnen furchtbar schlecht gehen, sollten sie ihre Blüten und Stengel berühren."
Es war das erste Mal seit zwei Stunden, daß überhaupt jemand etwas sagte. Der große kräftige Mann, der ihr aufs Pferd hatte helfen wollen und die ganze Zeit hinter ihr geritten war, schob sich neben sie und folgte ihrem Blick in das ineinanderverwobene Grün der Blätter.
"Aber sie sehen wunderschön aus?"
"Und liegt nicht in allem Schönen auch das Gefährliche?!"
"Was einzig und allein dem Schutz dient und doch wird es immer versucht werden." Christina spürte seine ernsten Augen, die sie musterten.
"Welcher widrige Winde hat eine Frau wie sie in dieses rauhe Land verschlagen?"
"Mein verstorbener Mann."
"Aber ihr seid keine Britin und nicht niederländisch. Woher kommt ihr?"
"Meine Familie lebt in Portugal."
Er nickte, so als hätte er es fast vermutet.
"Wissen sie wo wir hinreiten?" fragte Christina ermutigt durch seine Fragen.
"Ist es so wichtig, wo wir hinreiten angesichts dieser endlosen Schönheit." Sein stolzer Blick glitt über die geschwungenen Äste über ihnen, die wie die verzierten Wölbungen das Dach einer Kathedrale zu bilden schienen. Geräusche, die sowohl beängstigend als auch belustigend waren, erfüllten die Luft. Einzelne Lichtreflexe spiegelten sich in Wassertropfen auf den großen Blättern.
Christina musterte den unbeugsam und gerade im Sattel sitzenden muskulösen Mann. Sein Antlitz strahlte Würde und eine eigenwillige Schönheit aus. Seine Augen ließen mehr als nur den wagemutigen Kämpfer vermuten. Mit wachem Scharfblick schien er die Bilder, die sich ihm boten aufzunehmen.
"Sie sind kein Malaie, woher kommen sie?"
Der Mann schaute sie abschätzend von der Seite an. "Von den Feldern meiner Ahnen, den tiefen Höhlen auf verschneiten Gipfeln, wo der Wind so scharf ist, daß er einem die Kehle durchschneidet und der Atem einem ausgeht. Aus tiefen, versteckten Tälern, wo es Tiere gibt, die noch nie in die Augen der Jäger geschaut haben und sie für einen Artgenossen halten. Aus weiten Wüsten, wo es so trocken ist, wie hier feucht und aus den Dschungeln dieser Welt." Er machte eine weit ausholende Handbewegung.
"Und wo ist eure Heimat?"
Sein Blick verengte sich für Sekunden. "Das ist ein Wort aus längst vergangener Zeit. Einer Zeit in der viel Unrecht geschehen ist, viele den Tod fanden durch meine Hand."
"Was steht dem im Wege es zu bereinigen?"
Ein langer Blick, aus den tiefen seiner Seele begegnete dem ihren und für Sekunden vergaß sie die sie umgebene Hitze. Ein kalter Schauer rann über Christinas Haut.
Mit tonloser spröder Stimme antwortete er ihr: "Ich habe mich selbst in den Augen meiner Feinde gesehen!"
Sie spürte noch die unheilvolle Ausstrahlung seiner Worte, als Sandokan plötzlich sein Pferd zügelte und sich umwandte. "Wir sind da, Hiroyuki."
Der angesprochene nickte Sandokan zu und ergriff unversehens Christinas Hand. Er küßte sie.
Überrascht schaute sie zu ihm auf.
"Unsere Wege trennen sich hier."
"Seid vorsichtig!"
"Ich halte den Säbel in meiner Hand. Ihr dagegen tragt ihn in eurem Herzen. Kräftemäßig seid ihr mir weit überlegen."
Ohne einen weiteren Blick oder einen Abschiedsgruß verschwand er lautlos zwischen dem Blattwerk. Wie ein Geist, ein Dämon, so als wäre seine Anwesenheit nur reine Einbildung gewesen und Christina fragte sich, ob das Gesprochene wirklich gesagt worden war.
"Möchtet ihr noch verweilen und weiter die Blätter anstarren, oder können wir weiter?" Sandokan schaute sie fragend an. Kammamuri grinste breit.
"Natürlich können wir weiter!" Christina trieb ihr Pferd an.
Diesmal bildete Kammamuri das Schlußlicht.
"Ein interessanter Mann, ihr Freund."
"Hiroyuki Tagawa!" antwortete Sandokan ohne sich umzuwenden. "Sie sollten sich diesen Namen merken, aber sprechen sie ihn nie laut aus. Er ist ein gefürchteter Bandit, Seelenverkäufer und Kopfgeldjäger."
Christina konnte und wollte das eben mitgeteilte nicht glauben, wer weiß welche Widrigkeiten ihn dazu gemacht hatten und nichtsdestotrotz, kreisten ihre Gedanken weiter um diesen geheimnisvollen Fremden, während der Dschungel um sie mal dichter und dunkler, mal grell leuchtend von der Sonne durchbrochen wurde, die bereits ihren Höchststand überschritten hatte. Christina hatte jegliches Zeitgefühl verloren, als sie plötzlich durch einen schmalen Durchlaß zwischen zwei mit Blättern gedeckten Hütten anhielten. Sie blinzelte. Hatte sie jetzt schon Halluzinationen? - Aber nein. Sie befanden sich mitten im Dschungel in einem Dorf und das Geräusch von Stimmen und Werkzeugen drang gedämpft an ihr Ohr.
Kinder kamen auf sie zugerannt und begrüßten sie lautstark. Erwachsene hoben ihre Köpfe und schienen nicht sonderlich überrascht über ihre plötzliche Ankunft hier. Die Meldung ging von Mund zu Mund, daß der Tiger angekommen war.
Sandokan stieg vom Pferd. Es schien so, als hätten sie schon auf ihn gewartet.
Nicht alles, was gesprochen wurde, konnte Christina in dem Durcheinander verstehen. Als Kammamuri vom Pferd stieg, tat sie es ihm gleich. Die Zügel wurden ihr von einem jungen Burschen aus der Hand genommen, der breit grinste.
Die Menge teilte sich und eine hochgewachsener, grauhaariger Mann, gefolgt von zwei jüngeren, die eine unverkennbare Ähnlichkeit miteinander hatten, schritt würdevoll auf Sandokan zu. "Wir haben schon auf Dich gewartet, Tiger."
"Wir wurden aufgehalten, Sabau." Er deutete mit einem Kopfnicken auf Christina. "Das ist Madam van Henning. Sie steht unter meinem persönlichen Schutz."
Der mit Sabau angesprochene nickte. "Deine Lieferung ist heute morgen eingetroffen. Wir haben bereits davon gehört. Nur erzählt man sich, daß du sie entführt hättest."
Sandokan lächelte verschmitzt und legte Sabau seine Hand auf die Schulter: "Hat man das nicht immer behauptet, mein Freund?! - Das ist mein Gefährte Kammamuri, von dem ich dir schon berichtet habe." Sandokan wandte sich um und Kammamuri trat vor und verbeugte sich leicht.
"Wir haben schon viel von dir gehört, Freund. Sei uns willkommen, Kammamuri."
"Sandokan!" Jemand drängte sich durch die Dorbewohner und Christina glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Die Stimme kannte sie nur zu gut.
Der drahtige Mann trat mit einem breiten Grinsen auf den Tiger zu und reichte ihm die Hand.
"Ray Park! Was machst du denn hier?" Christina stemmte die Hände in die Hüften. Sie war überrascht und auch etwas entrüstet, daß ihr langjähriger Bekannter, ihr anscheinend etwas verschwiegen hatte.
Ray umarmte Christina "Wir haben von deiner angeblichen Entführung gehört, und da bin ich selbst losgeritten, um zu sehen, ob es dir gut geht."
Christina war immer noch etwas überrumpelt von der plötzlichen Anwesenheit Rays: "Ja, danke...!" Sie drohte Ray spielerisch mit dem Finger und schaute ihn skeptisch an "Du wußtest, daß Sandokan bei Haako im Dorf, deshalb bist du auch mitgekommen. Und die Überfälle auf deine Waffentransporte für die Briten..."
"... entsprechen der Wahrheit, ich schwöre!" Er hob abwehrend die Hände. ".... Jedenfalls, zuallererst war es so." Ein breites Grinsen zierte sein schmales Gesicht. "Aber ich dachte mir, warum unschuldige Menschen der Gefahr eines Kampfes aussetzen, wenn man das auch anders regeln kann." Wieder zeigte er seine blitzenden schneeweißen Zähne, und wandte sich kurz zu Sandokan um, der die Arme vor der Brust gekreuzt hatte und interessiert beobachtete. "Außerdem haben die englischen Garnisonen mehr Waffen als sie gebrauchen können."
"Und was sagt Beth dazu?"
"Nun, wenn ich morgen wieder zurückreite, wird sie mich natürlich nach dem Überfall drei Tage gesund pflegen und allen erzählen wie schrecklich es war. Dann werde ich noch drei Tage humpeln und für zwei Monate bei den Herrenrunden etwas zu erzählen haben...."
"Ray...?" Christinas Augenbrauen hoben sich zweifelnd in die Höhe und er schaute sie ernst an, was jetzt wohl kommen würde. Sie zögerte einen Moment. "Ray...ist...James Kirk...?"
Ray lächelte sie schelmisch von unten her an und ergriff sie bei den Schultern. "Ihm geht es gut. Er hat eine Wunde am Bein, aber nichts Ernstes."
Sie fühlte sich nun um einiges besser und wie befreit. Christina spürte erst jetzt, daß diese Unwissenheit so sehr an ihr genagt hatte, daß sie jetzt am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. "Gott sei Dank, ich hätte mir ewig Vorwürfe gemacht, immerhin habe ich auf dem Ausritt bestanden."
Ray schaute sie nun etwas befremdend an. Er hatte doch eine etwas andere Antwort erwartet, nach dem was Beth ihm berichtet hatte. "Nun, wenn das Deine einzige Sorge war....! - Aber ich muß dir dafür etwas anderes mitteilen: Ein Teil deiner Felder und die von anderen Plantagen ist angezündet worden. Auf allen Plantagen gibt es militärische Präsenz. Keiner traut mehr dem anderen. James Kirks Patrouillen sind überall." Ray schaute kurz zu Sandokan, an dem diese Information abzuprallen schien, als hätte Ray gerade den neusten Tratsch aus Kuching berichtet.
Christinas Hochstimmung schlug so schnell um, wie sie gekommen war. Ihr Gesicht wurde eine Nuance blasser und ihre Augen sprühten Blitze, als sie ruckartig ihren Blick an Ray vorbei zu Sandokan wandte: "Waren das ihre Männer?"
Eine Reaktion seinerseits interessierte sie nicht mehr, sie wandte ihm absichtlich jetzt ihren Rücken zu. Sandokan nahm diese bissigen Worte ebenfalls gelassen zur Kenntnis.
Statt dessen schenkte sie Ray ihre ganze Aufmerksamkeit: "Wenn du morgen zurückreitest, komme ich mit dir mit."
Ray Park, der Fechtmeister, kam nur noch zum Luft holen. Sandokan schnitt ihm scharf das Wort ab. "Nein!"
Christina wirbelte zu ihm herum. Ray runzelte die Stirn. Mit Christina ein Streitgespräch zu führen, wenn sie wütend war, würde nie zu einem erfolgreichen Ergebnis führen, außer man gab nach....
"Erzählen sie mir jetzt nicht wieder, daß ich unter ihren Schutz stehe. Ich entbinde sie hiermit von ihrem Versprechen, außerdem kann ich sehr gut auf mich alleine aufpassen!" ereiferte sie sich.
"Nun, das haben wir ja bereits bemerkt." antwortete Sandokan recht ironisch. "Aber wenn Ray sie mit zu sich nimmt, gefährdet ihre Anwesenheit seine ganze Familie."
"Natürlich werde ich nicht bei Ray bleiben. Es reicht, wenn er mich zum Gouverneurspalast mitnimmt."
Sandokans Blick umwölkte sich "Und wie wollen sie das dann dem Gouverneur erklären, ohne einen Verdacht der Konspiration auf Mr. Park fallen zu lassen?" Er hatte seinen Kopf schief gelegt und schaute auf die Frau, die stolz und unnachgiebig ihren Willen mit funkelnden Augen durchzusetzen suchte. Wenn es nötig würde, mußte er sie vielleicht doch in einer Hütte einsperren lassen.....
"Nun, also ich denke, das sollten wir vielleicht später besprechen." Ray war beschwichtigend zwischen die Beiden getreten. Es war nicht der richtige Ort, das hier mitten auf dem Dorfplatz zu besprechen und die Gemüter waren jetzt zu erhitzt. "Die Dorfbewohner haben ein Festmahl zubereitet und sicher wollt ihr euch vorher noch erfrischen." Ray schaute Christina durchdringend an. "Du möchtest sicher ein Bad nehmen und deine Kleider reinigen, nicht wahr, meine Liebe!?"
Sie schluckte. Das war keine höfliche Frage, sondern mehr ein warnender Hinweis für sie, ihr Temperament zu zügeln. Sie hatte schon auf den Lippen zu sagen, daß es doch zwischen diesen Barbaren vollkommen egal war, wie sie aussah, aber sie behielt diesen recht bösen Gedankenblitz für sich.
Mit zusammengepreßten Lippen schaute sie Ray an und er nickte ihr leicht zu. Er winkte ein paar Frauen heran, die sich schwatzend ihrer annahmen und mit ihr zwischen den Hütten verschwanden, die sich wie ein Stück gewachsener Natur in ihre Umgebung harmonisch einfügten.
Während Christina mit den Frauen zwischen den Bäumen verschwand, folgten die Männer Sabau in entgegengesetzter Richtung zu seiner Behausung. Die Dorfbewohner gingen auseinander und wieder ihrer Beschäftigung nach.
"Sie ist manchmal etwas vorschnell." Ray hatte das Gefühl Christina bei Sandokan entschuldigen zu müssen.
"Das habe ich bereits bemerkt. Und sie sorgt sich um das Wohlergehen des Gouverneurs." Ein harter Zug trat um seine Augen. "Was die Frage aufwirft, ob sie doch etwas mit den Sklavenhändlern zu tun hat."
"Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun, glaube mir, Sandokan. Wer auch immer sie versucht da mit hineinzuziehen, spielt ein ganz böses Spiel."
sundown01Das Festessen hatte aus Reis, Früchten, Gemüse und einem weißen wohlschmeckenden Fleisch bestanden. Das was sie verstanden und von den Frauen erfahren hatte war, daß dieses Dorf so tief im Dschungel lag, weil sich hierher die englischen Soldaten nicht wagten und wenn sich doch einmal eine Patrouille hierher verirrte, sah sie das Sonnenlicht nie wieder. Sabau der Dorfälteste war ein Waffengefährte von Sandokan gewesen und hatte sich hierher zurückgezogen. Er sammelte all die um sich, die nicht gewillt waren das Land der Engländer zu bebauen, sondern ihr eigens und sich für den Tag rüsteten, wenn sie gemeinsam gegen die Kolonialherren zogen, um sie endgültig von dem Land ihrer Vorväter zu vertreiben. Was sie erstaunte, war die Freundlichkeit, mit der sie aufgenommen worden war. Immerhin war sie eine weiße und für die Einheimischen schuldig an den Entführungen, aber niemand fragte sie danach.
Anfänglich war es interessant den fremden Stimmen zu lauschen und die einfachen Gespräche über ihre Häuser, Felder, Männer, Väter und Kindern zu verfolgen, aber zunehmendes Desinteresse und die Neugier, was auf der Seite der Männer gesprochen wurde, die durch ein großes Feuer in der Mitte, von den Frauen getrennt saßen, ließen Christina nur noch halbherzig den Gesprächen folgen. Als sich die Frauen endlich erhoben und ihre Hütten aufsuchten, war sie einerseits froh diesem Geplapper entronnen zu sein, wußte aber nun immer noch nicht, wie es weitergehen würde. Auf gar keinen Fall würde sie hier untätig länger verweilen, sie wollte nicht alles verlieren, was ihr in den Jahren zur Heimstadt geworden war.
Ihre Gedanken schweiften ab...Eine Ewigkeit schien es her zu sein, daß Alexandre sie besucht hatte. Sicher machte er sich große Sorgen...
Die letzten Tage glitten an ihren inneren Auge vorbei, wie als würde sie sich die Erinnerungen einer vollkommen anderen Person anschauen. Ein bitterer Zug legte sich auf ihr Antlitz. - Wie drastisch stand doch diese vor ihr jungfräulich ausgebreitete Landschaft im Gegensatz zu den unmenschlichen Taten, die hier verübt wurden....Ihr Blick schweifte über die im hellen Licht des Mondes dunklen Wipfel des Waldes, der sich unter ihr, vom Fuß der Klippe bis an den Horizont ausbreitete, so als würde die ganze Welt ein einziger Dschungel sein ...
"Das ist bereits Niederländisch-Indien, worauf sie schauen. Sie stehen genau an der Grenze."
Ihr Kopf wandte sich langsam zur Seite, daß reine Licht des Mondes ließ ihre Haut weißer erscheinen, als sie es war. Ihre schlanke Gestalt in dem roten Sarong wirkte vor dem schimmernden Antlitz der Sterne unwirklich. Die streng nach hinten, zu einem Zopf geflochtenen Haare unterstrichen die schmale Linie ihrer Schultern.
"Es ist euer Land, nicht wahr?" Sie brauchte sich nicht umwenden, um zu wissen, wer wenige Schritte hinter ihr stand.
"Das ist richtig."
Sandokan war neben sie getreten und schaute über das dunkle Meer des Waldes. Seine Hand ruhte locker auf dem Griff seines Krummsäbels. Nichts deutete darauf hin, daß er der Erbe eines großen Reiches war, was niedergeschlagen und vernichtet worden war. Er trug ein grünes einfaches Hemd und ein ebensolches Stirnband. Nur die stolzen Züge in dem ernsten Gesicht zeugten von majestätischer Herkunft. Er ahnte nicht im entferntesten, daß Christina sicher mehr von ihm wußte, als ihm lieb gewesen wäre.
"Warum sind sie nach dem Tod ihres Mannes geblieben?"
"Verlassen sie das Land, daß sie lieben, auch wenn sich ihnen Widrigkeiten in den Weg stellen?
Ihre Blicke begegneten sich. Für Sekunden sahen sie in die Seele des anderen und das helle klare Licht des Mondes vertrieb allen Haß. Jedweder böse Schatten wich vor den weißen Strahlen zurück. Er spürte eine innere Ruhe und Frieden, wie er es schon lange nicht mehr empfunden hatte. War es dieser Ort, der ihn die Erinnerung an friedvolle, glückliche Stunden seines Lebens zurückbrachte oder ihr Blick aus großen dunklen Augen, der ihm offen ohne jede Falschheit begegnete...Wie abwegig sie für irgendein Verbrechen verantwortlich machen zu wollen.... "Ich habe gehört, daß sie auf ihrer Plantage eine Schule haben und ein Krankenhaus bauen wollen." Sein Blick glitt wieder in die Ferne. "Außerdem sollen sie ihre Arbeiter sehr gut entlohnen, so daß sie in der Lage sind, sich eigenes Land zu kaufen und zu bewirtschaften!?
"Und doch beschuldigt man mich, sie ihrer Familien zu berauben!" fiel sie ihm halb ins Wort.
Es herrschte einen Moment Schweigen. Nur die Geräusche des Dschungels drangen an ihr Ohr.
"Die langen Jahre der unbarmherzigen, grausamen Herrschaft der Weißen hat uns mißtrauisch gemacht, auch gegen die, die uns Gutes wollen."
"Man erzählt sich, daß sie einen guten Freund haben, der Portugiese ist. Auch eines der Länder, was sie niederzwang."
"Das ist richtig, aber Yanez hat sich sein eigenes Reich geschaffen unabhängig von Grenzen und Rassenunterschieden. Es ist das Reich, in dem jegliche Ungerechtigkeit bekämpft wird, ganz egal wer auf welcher Seite steht und welche Hautfarbe er hat."
"Soweit gehen sie nicht, nicht wahr? - Sie hassen alle, die zu zum Volk ihrer Peiniger gehören."
"Außer sie überzeugen mich vom Gegenteil."
"Haben sie sich je überlegt einen anderen Weg als den des Kampfes zu gehen, Verhandlungen zu führen, ein Abkommen zu treffen...."
Ein leichtes von ihr nicht bemerktes anerkennendes Lächeln glitt über seine ernsten Züge. "Würde ich auch nur den Versuch wagen mit einem Briten Kontakt aufzunehmen, würde man mich sofort hängen."
"Gouverneur Gowron hätte sie sicher angehört. - Haben sie ihn getötet?"
"Wenn ich sage 'Nein', glauben sie mir das?"
"Ja!"
Dieses 'Ja' kam so selbstverständlich und ehrlich aus tiefsten Herzen, daß es ihn fast beschämte. Er schaute sie von der Seite an. Ihr Blick war in den Himmel gerichtet, das funkelnde Band der Sterne betrachtend.
"Aber auch er stand jemandem im Weg und der neue Gouverneur ist ein Krieger." Sandokan bemerkte ihr Zögern, bevor sie zu sprechen begann.
"Das stimmt. Er hat viele Kämpfe in verschiedenen Ländern ausgefochten. - Aber er muß auch seinen Befehlen folgen und würde nichts lieber als das was Henry Gowron begonnen hat, zu Ende zu führen."
"Hat er ihnen das gesagt."
"Natürlich!"
"Und sie glauben das?"
"Er ist ein sehr achtbarer Gentleman!"
Der Frieden in seiner Seele war verflogen. Er spürte Bitterkeit aufsteigen. Wieviel weniger Ungerechtigkeit würde es geben, wenn man direkt in die Herzen der Menschen schauen konnte. Und wieviel weniger Leid bei denen, die enttäuscht und gebrochen zurückblieben.
"Ich hoffe für sie, daß sie Recht haben. - Ich werde sie morgen so weit wie möglich in die Nähe von Kuching bringen. Wir reiten bei Sonnenaufgang. Sie sollten sich schlafen legen."
"Danke!"
Er hatte sich bereits ein paar Schritte entfernt, als ihre Stimme ihm bewußt wurde. Er verharrte und wandte den Kopf.
Sie stand da. Das Mondlicht beschien ihre Gestalt und umhüllte sie wie die Reinkarnation einer Göttin.
'Danke' .... Dieses eine Wort hallte in ihm nach wie der Klang einer Glocke. Wie der beginnende Morgen durchströmte es seinen Körper.
Tat er das Richtige, sollte er sie gehen lassen, sie vielleicht in Gefahr bringen, um die Wahrheit zu erfahren und Beweise zu haben, oder sollte er auf Kammamuri hören und sie erst mal weiter mitnehmen.
Was, wenn das stimmte, was der Vorarbeiter Tunik, der mit seiner Familie über die Grenze geflüchtet war, Sabau erzählt hatte? Wenn wirklich der Verwalter der van Hennings Plantagen, Sklaven gegen Gold getauscht hatte, was von Tunik beobachtet worden war und man ihm angedroht hatte seine Familie zu verkaufen, wenn er etwas sagte? - In diesem Fall konnte Misses van Henning in arge Bedrängnis geraten.
Aber Jerry Binks konnte nicht der eigentliche Mann an der Spitze sein. Der würde sich nicht zu dieser öffentlichen Handlung hinreißen lassen. - Aber was, wenn sie ihn getäuscht hatte und tatsächlich etwas damit zu tun hatte...
Diesen Gedanken vermochte und wollte er nicht zu Ende führen.
sundown02"Was beschäftigt sie?" Sandokan hatte sich zu Christina umgewandt und musterte sie aufmerksam. Sie trug wieder ihre Reitkleidung, frisch gewaschen, nur die zu einem Zopf geflochtenen Haare erinnerten noch an die verzauberte Erscheinung der letzten Nacht..
Christinas Blick erwachte. Seit Stunden hatte sie ihn nichts mehr gefragt, über das Land, Sabau, Kammamuri. Dann war sie plötzlich verstummt.
"Es ist viel geschehen in den letzten Tagen..." Sie ließ diese Worte so stehen. Zahlloses ging ihr durch den Kopf, was sie nicht hätte in Worte ausdrücken können. Menschen hatten ihren Weg gekreuzt, sie war in eine gänzlich andere Welt eingedrungen, die so weit entfernt gewesen war von ihrem bisherigem Leben, wie die Sterne. Und doch...es war schmerzlich es zurückgelassen. Ein Teil von ihr sehnte sich zurück in diesen geheimnisvollen Dschungel, ein anderer wollte so schnell wie möglich die Dinge geklärt haben und ihren Besitz retten. Nein, sie würde nicht kapitulieren vor nichts und niemandem, aber sie fühlte sich müde und die paar Stunden bei diesen einfachen Menschen ließen sie jetzt noch einen angenehmen Frieden in sich spüren, der immer mehr einer angespannten Unruhe wich, je näher sie Kuching kamen. Längst hatten sie den Dschungel verlassen und auf kleinen, schmalen, versteckten Pfaden neben den von den Kolonialherren angelegten Straßen, kamen sie der von den Briten diesem Land aufgezwungenen Zivilisation unaufhaltsam näher. Sandokan stoppte abrupt und riß sie aus ihren inneren Betrachtungen...
"Eine Patrouille!" zischte er leise. "Warten sie hier." Er glitt lautlos vom Pferd und war auch schon in geduckter Haltung im Dickicht verschwunden. Stille lastete plötzlich bleischwer um sie herum. Nur das leichte Geräusch der Blätter, das leise Schnauben der Tiere und verhaltene, fremdartige Stimmen aus dem Dschungel waren noch zu hören. Christina wurde nervös. Das dauerte ihr zu lange, dabei waren erst Minuten verstrichen. Was wenn Sandokan etwas zugestoßen war, was wenn man ihn gefaßt hatte....Absurd, dachte sie! Was war nur los mit ihr. Sie holte tief Luft und tätschelte den Hals ihres Braunen.
So plötzlich wie er verschwunden war, stand er neben ihr. Sie zuckte zusammen. Ein belustigtes Schmunzeln glitt über sein Gesicht. "Ich konnte ihnen meine Rückkehr leider vorher nicht telegraphisch mitteilen."
"Schade, eigentlich!" erwiderte sie schnippisch und sich wieder vollkommen in der Gewalt habend. "Nun, ist es eine Patrouille?"
"Ja, acht Mann."
"Gut." Christina glitt entschlossen vom Pferd.
"Was haben sie vor?" Sandokans Augenbrauen zogen sich zusammen. "Sie wollen doch nicht etwa zu Fuß gehen. Das würde man ihnen nie glauben!"
"Das habe ich auch nicht vor." antwortete sie bestimmt, bückte sich und nahm etwas Sand auf, den sie zwischen ihren Händen zerrieb und dann über ihre Bluse strich. Sie öffnete die kleinen perlmuttfarbenen Knöpfe ihrer Ärmel und riß die Naht weiter auf. Dann rollte sie sie hoch. Sandokan schaute ihrem Trieben interessiert zu. "So wird ihnen natürlich jeder abnehmen, daß sie schon seit Tagen alleine im Dschungel unterwegs sind."
Sie löste das Band aus ihrem Haar und schüttelte den Kopf. "Die Erklärung lassen sie ruhig meine Sorge sein."
Sandokan betrachtete die wilde Haarpracht, die sie nun weitaus mehr wie eine unzivilisierte Barbarin aussehen ließ, als sein Volk. "Ganz wie Mylady wünschen!" Er neigte spielerisch unterwürfig den Kopf zur Seite.
Christina war wieder in den Sattel gestiegen und schaute ihn nachdenklich an. "Was verbergen sie hinter all' dem Spott und Hohn!?"
Sie bekam natürlich keine Antwort. Hatte sie etwas anderes erwartet. Statuengleich stand er neben ihrem Pferd und schaute ohne jegliche Regung zu ihr auf. Mit einer blitzschnellen Bewegung landete seine Hand hinter ihrem Sattel auf dem Rücken des Braunen, der nach vorne sprang und losrannte. Christina hatte Mühe sich festzuhalten. Als sie sich umwandte, konnte sie nur noch Wald um sich erkennen, ja sie wußte nicht einmal mehr aus welcher Richtung sie gekommen war.
Ob sie ihm noch einmal begegnen würde? - Auf alle Fälle hatte sie was in ihrem nächsten Brief an Dora zu berichten ...
Er sah ihr nach, wie sie zwischen den Bäumen verschwand. Eine ungewöhnliche Frau. Eigentlich wäre es fair gewesen ihr zu sagen, in welcher Gefahr sie schwebte, aber hätte sie es gewußt, hätte sie sich vielleicht verraten.
Der Tiger von Malaysia bestieg sein Pferd und folgte ihrer augenscheinlichen Spur bis zum Rand des Dschungels. Dort schlich er zu Fuß weiter. Stimmen drangen an sein Ohr, noch bevor er etwas sehen konnte. So was nannte sich nun Patrouille. Jeder kleine Bauer hatte genügend Zeit bei dem Lärm, den die Briten machten, sich zu verstecken. Und so ein Volk masste sich an, anderen ihre Lebensphilosophie diktieren zu wollen. Er schob vorsichtig die Blätter eines Gebüsches auseinander. Da waren sie. Alle acht Mann waren von ihren Pferden gestiegen und standen im Kreis um die Lady, die sich auf den Arm eines jungen Lieutenants stütze und sich Luft zufächelte. Er konnte nicht verstehen, was gesagt wurde, aber das was er sah, sprach für sich.
Der Lieutenant hing förmlich an ihren Lippen und als sie auch noch theatralisch in seinen Armen zusammenbrach, rannten plötzlich alle anderen wild durcheinander. Jeder wollte der erste sein, der ihr die Wasserflasche reichte. Ein wahrhaft meisterhaftes Schauspiel. Sandokan zog sich zurück. Er hatte genug gesehen. Er hoffte nur sie konnte den Gouverneur genauso gut von ihrer Geschichte überzeugen, aber wie er das einschätzte, dürfte sie keine Schwierigkeit damit haben.... Störte ihn das? - Sein Schritt verhielt. Nichts drang zu ihm durch wie nur seine innere Stimme. Sein Blick wanderte ruhelos über den mit Moos und Blattwerk bedeckten sandigen Boden, aber er sah nicht das ineinandergewobene Geflecht der Natur, wo jedes Ding seinen Platz und Nutzen einnahm. Er hörte nur den Klang seiner inneren widerstreitenden Stimmen und brachte sie zum Schweigen. Jeder mußte seinen eigenen Weg gehen und finden im Leben, auch wenn er vielleicht in die falsche Richtung führte. Und wenn sein Weg der der Rache war, würde er ihn zu Ende gehen, egal ob es der falsche Weg war.
sundown01"Christina! - Die Nachricht von deiner Rückkehr hat sich wie ein Lauffeuer in Kuching verbreitet!" James Kirk stürzte die Treppe seines Palastes herunter und half ihr aus dem Sattel. "Wie geht es dir? Hat man dir etwas getan?" Er stützte sie und machte ein recht sorgenvolles Gesicht.
"Danke James, mir geht es gut. Ich würde am liebsten nach Hause...."
"Das werde ich auf gar keinen Fall zulassen!" Er führte sie die Treppe hinauf, obgleich sie wirklich hätte alleine gehen können.
"Deine Soldaten haben mir schon erzählt, daß es zu unsicher ist." Sie lächelte ihn an, schaute in seine grauen Augen, die sie mit unverhohlenem wachen Interesse musterten. "Oh Christina, ich habe mir solche Sorgen gemacht!"
Er zog sie an sich und wollte sie küssen, aber Christina wandte instinktiv ihren Kopf zur Seite. Nein, das wollte sie jetzt nicht. War es Abneigung, oder wirklich nur die Anspannung der letzten Tage...Sie schaute in sein fragendes Gesicht, sah in seine hellen, klaren Augen, die sie wach und fordernd musterten.... Er sah so korrekt, so sauber, so makellos aus...Sie wußte nicht wie sie es beschreiben sollte, aber sie schien ihn wie von einer anderen Ebene aus zu betrachten, wie man einen Garten aus dem Dunkel eines Kellers betrachtete.... "Ich bin sehr müde und ich möchte unbedingt baden und saubere Kleidung anziehen."
"Aber natürlich. Er ließ sie sofort los und winkte einem Dienstboten. "Ruh' dich aus. Wenn du etwas brauchst dann sage es." Er küßte sie sanft auf die Stirn und schaute ihr nach, wie sie einer Dienerin die breite Treppe nach oben folgte. Es war nicht so geplant, aber nun war sie hier in seiner Nähe in seinem Haus. Und sie brauchte Hilfe, auch jemanden, der ihr Trost schenkte...
Mit einem breiten Grinsen steuerte er sein Arbeitszimmer an. Und wenn er ihr dann noch äußerst mitfühlend mitteilen mußte, daß es auch Alexandre nicht mehr gab, und er sie dann tröstend in seine Arme schloß, würde es sicher eine sehr lange Nacht werden....
 
Das Gästezimmer war sehr luxuriös und prunkvoll eingerichtet. Ein großes Himmelbett, ein kleines Sofa, ein Tischchen, seidene Tapeten, weiche Teppiche...Christina registrierte das nur am Rande. Sie ließ sich rücklings auf das breite Bett fallen, während nebenan Wasser in eine Wanne gefüllt wurde. Ihre Augen zogen die weißen, exakt gelegten Falten des seidig schimmernden Baldachins über ihr nach. Sie verspürte nicht die geringste Lust noch einmal hinunterzugehen zu James.... Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung, seine Berührung, ihre Erregung.... nichts davon hatte sie eben empfunden, ja sie war sogar froh gewesen, als er sie losgelassen hatte.
Sie raffte sich auf und öffnete die Balkontüren, die auf eine kleine Terrasse hinausführten, von wo aus man den Garten übersehen konnte, hinter dem die Sonne langsam am Horizont verschwand. Was sehnte sie sich nach einem offenen einfachen Gespräch mit Alexandre, nach einer tröstenden Umarmung und Worten. Jemand dem sie ihre wirbelnden Gedanken mitteilen konnte, dem sie erzählen konnte, was wirklich passiert war und der ihr half Klarheit zu erlangen.
Die Dienerin wies sie darauf hin, daß das Bad bereitet sei. Mit einem Seufzer wandte sich Christina um. Sie ging zurück in den Luxus, den sie immer als selbstverständlich angesehen hatte, ihr aber plötzlich so falsch und aufgesetzt erschien....
sundown02James Kirk hielt die Luft an, als sie den Salon betrat. Sie sah umwerfender aus, als er es sich hatte vorstellen können in dem dunkelroten Kleid, mit der tief angesetzten Taille und dem schwarzen Spitzenbesatz an Dekoltée und Armen. Er eilte ihr entgegen und ergriff ihren Arm, wobei er ihr einen brennenden Blick zuwarf. "Wie schade, daß wir beim Abendessen auf diesen unvergleichlichen Anblick verzichten mußten, aber um so erfreuter bin ich nun doch noch über dein Erscheinen. Ich hoffe ich habe deinen Geschmack getroffen." Er ließ seine Augen an ihr heruntergleiten.
"Als ob du täglich die Haut Coutour einer Dame auswählst, mein lieber James." Sie lächelte ihn verschmitzt an. "Ich sehe, du hast Gäste."
Der Gouverneur wandte sich um. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er heute abend keine Gäste gehabt hätte, aber sie würden ja auch wieder gehen.
Er geleitet sie zu der kleinen Sitzgruppe. Colonel Riker begrüßte sie mit einem erfreuten Grinsen, wohingegen seine Gattin Lady Deanna Troi-Riker ihr lediglich zunickte und sie pikiert musterte. Bis vor ein paar Jahren war sie eine Schönheit gewesen, nun hatte sie etwas an Gewicht zugelegt und dieses Kleid, was jetzt Christina trug, hätte sonst sicher sie im Mittelpunkt stehen lassen. Captain Sheridan und seine Verlobte Miss King begrüßten sie herzlich. Die angehende Misses Sheridan mit ihrer aufrichtigen Art, umarmte Christina sofort.
"Christina, darf ich dir Captain Picard vorstellen. Er ist unsere Verstärkung aus Beaufort."
"Madam, ich bin entzückt. Der Mann, dessen Kopf kein Haupthaar mehr zierte, schlug die Hacken zusammen und küßte Christian genauso zackig die Hand. Ein Gentleman alter Schule und genauso steif hielt er auch sein Sherryglas fest.
"Misses van Henning, sie müssen uns erzählen, wie sie bei dem Überfall fliehen konnten." bestürmte Miss King sie.
Christina sah James fragend an, der sie lächelnd zu einem Sessel geleitete. "Der Bericht von Lieutenant Barclay, der dich gefunden hat, hat bereits in ganz Kuching seine Runde gemacht und sicher in verschiedensten Versionen." James stützte sich hinter ihr auf die breite Lehne.
Christina lächelte Miss King an, die ganz rote Wangen vor Aufregung hatte.
"Nun, es war Zufall. Die Banditen trafen auf einen Waffentransport von Mr. Park und beschlossen ihn anzugreifen, hatten aber nicht mit der heftigen Gegenwehr gerechnet und da konnte ich fliehen."
"Waren sie denn nicht gefesselt?" fragte Miss King.
"Nein, meine Liebe."
"Es ist eigentlich sehr gefährlich, was Madam van Henning gemacht hat." erläuterte Colonel Riker besserwisserisch. "Einfach so in den Dschungel zu reiten, ohne sich auszukennen."
"Das wird überschätzt." mischte sich nun Captain Picard ein. "Wenn sie sich nach dem Stand der Sonne richten, kommen sie unweigerlich irgendwann ans Meer und von dort ist es ein leichtes auf ein Dorf zu stoßen."
"Nun, für einen Angehörigen der britischen Armee sicherlich, aber für eine Lady..." ließ sich der Colonel vernehmen und prostete ihr zu.
"Haben sie Sandokan gesehen?" fragte Miss King nun noch aufgeregter.
"Nein!" Diese Antwort von Christina kam so abrupt und schnell, beinahe zu schnell, daß eine Pause in das Gespräch trat und sie schon befürchtete ihre kleine Lügengeschichte würde durchschaut werden. "Nein, ich denke ich hab ihn nicht gesehen." setzte sie daher etwas abschwächender hinzu.
"Woher will sie wissen, ob sie ihn gesehen hat, die Beschreibungen von ihm sind alle sehr abweichend." bemerkte Lady Riker spitz zu ihrem Mann, der sie nur stirnrunzelnd ansah.
"Von Lady Dora Parker. Sie kennen doch ihre Reiseberichte aus der Zeitung. Madam van Henning ist eine Bekannte von Lady Parker." erwähnte Stephanie King eifrig.
"Wichtig ist, daß sie wohlbehalten wieder hier ist." James ergriff Christinas Hand und umschloß sie, womit er einen gewissen Besitzanspruch für jeden Außenstehenden deutlich zeigte. "Und wenn wir die Piraten besiegt haben, wird es auf den Plantagen wieder sicher sein."
"Aber für dieses Jahr sieht es schlecht aus mit den Pflanzungen. Ihre Arbeiter tun nicht einen Handschlag." erklärte der Colonel.
"Deshalb habe ich Verstärkung angefordert." erwiderte James.
"James! Du wirst nicht mit Waffengewalt gegen meine Leute vorgehen. Das ist mein Land und ich lasse das nicht zu." sagte sie fest und blickte von einem zum anderen.
"Natürlich nicht." schwächte er zärtlich ab. "Aber alleine die Präsenz einer stärkeren Truppe wird sicher die Banditen von den Überfällen ablenken, womit der ganze Aufruhr begonnen hat."
Die Konversation wurde abermals durch Schweigen unterbrochen, was Captain Picard zur Gelegenheit machte, sich zu verabschieden. Die anderen folgten seinem Beispiel.
Nachdem James seine Gäste hinausgebracht hatte, betrat er wieder den Salon und betrachtete genüßlich das Bild, welches sich ihm bot. Sie stand an der offenen Tür. Das Licht der Öllampen beschien ihre Gestalt. Einer Königin gleich. Sie wandte sich ihm zu.
"Du bist unvergleichlich, selbst eine Göttin würde deiner Schönheit nicht standhalten können."
"James?"
"Ja!" er kam näher. Sein Schritt glitt über den weichen Teppich.
"Liebst du mich?"
"Natürlich Christina, wie kannst du daran zweifeln." Er ergriff ihre Schultern und wendete sie sanft zu sich um. Zweifel stand in ihren Augen.
Er nahm sie in seine Arme, versuchte den Impuls zu unterdrücken sie leidenschaftlich an sich zu ziehen. Christina spürte seinen Atem, seine Hände, die über ihrer Taille lagen, sonst spürte sie nichts. Wo war ihr innerer Sturm geblieben, die sie bei jeder Annäherung von ihm gespürt hatte, die ihr fast den Boden unter den Füßen weggerissen hätte, die sie dazu hatte hinreißen lassen, Alexandre herauszufordern...
"Bitte, es ist soviel geschehen in den letzten Tagen." Sie entwand sich ihm. "Ich brauche etwas Ruhe und etwas Zeit."
Er schaute sie ernst an, versuchte etwas in ihrem ernsten Gesicht zu lesen, daß ihm mehr sagte als ihre Worte.. "Natürlich." stieß er rasch aus.
"Ich werde mich zurückziehen." Mit schnellen Schritten verließ sie den Salon. Zielstrebig steuerte Christina die große Treppe zu ihrem Zimmer an. Sie hoffte, sie konnte die Tür verriegeln. Ihre Schritte wurden immer schneller. Morgen würde sie noch abwarten. Sie hoffte auf einen Nachricht von Alexandre und sicher würde Mr. Binks hier erscheinen mit einem ausführlichen Bericht. Und sie würde sich eine Unterkunft in der Stadt suchen, um sich darüber klar zu werden, was sie von ihrem weiteren Leben erwartete, nicht was man von ihr erwartete.
sundown01Die Sonne stand schon hoch am Himmel und erzwang sich durch einen schmalen Spalt in den dunklen Vorhängen Einlaß in ihr Zimmer. Im ersten Moment hatte Christina Orientierungsschwierigkeiten. Der helle Baldachin.... sollten da nicht die Wände einer Hütte oder das unendliche Blätterdach des Dschungels...Nein, natürlich nicht.
Sie war im Palast des Gouverneurs. Sie wählte ein schlichtes elegantes weißes Kleid aus. Frühstücken mußte sie alleine, aber sie fand eine kurze Nachricht von James und eine Rose vor ihrer Tür. Er war mit Captain Picard zu einem Erkundungsritt aufgebrochen und würde zum Tee wieder zurück sein.
Angesichts dieser Aufmerksamkeit war sie nun doch geneigt vielleicht ein paar Tage länger zu bleiben. Es war doch recht angenehm hier... vielleicht für eine Weile. Aber sicher würde ihr dieser wunderbare Ausblick auf den Garten nicht für den Rest ihres Lebens genügen...
Sie verbrachte den Tag auf der Terrasse. Immer wenn sie Schritte vernahm, schlug ihr Herz schneller, in der Hoffnung, Alexandre würde kommen, aber nichts. Statt dessen fand sich zum Tee Lady Ann Birdsinging-Kincaid ein, die ihre Aufwartung machen wollte und sich gleichzeitig verabschiedete. Sie berichtete endlos von ihrer Trauung im engsten Familienkreis, da die richtige Zeremonie auf dem Landsitz der Kincaids stattfinden würde. Sie schwärmte ihr von den Geschenken vor und ihrer Sehnsucht nach England, erzählte ihr den neusten Tratsch, aber Christina hörte schon gar nicht mehr richtig hin. Sie war mehr als erleichtert, als James verspätet zum Tee erschien, woraufhin Lady Ann sich endlich verabschiedete und Christina einen erleichterten Seufzer nicht unterdrücken konnte, als sie außer Hörweite war.
"Ich verstehe nicht, wie Major Kincaid so eine dumme Pute ehelichen kann." rutschte es ihr heraus, was James zu einem breiten Grinsen veranlaßte.
"Der Major ist ein sehr ruhiger Mann, vielleicht ist es genau das, was er braucht, um ihn zu beleben. Aber wie ich sehe, geht es dir heute schon viel besser."
"Von dem Besuch von Lady Ann einmal abgesehen..." konnte sie sich nicht beruhigen.
"Ich sehe, du bist wieder meine leidenschaftliche Christina, obgleich..." er verfiel in ein verschwörerisches Flüstern "...die melancholische Christina von gestern war auch wunderschön."
Sie schenkte ihm ein glockenhelles Lachen und einen ihrer aufreizenden Blicke.
Er ergriff ihre Hand. "Christina, du weißt, ich liebe dich." Er wurde mit einmal sehr ernst. "Ich möchte, daß du meine Frau wirst."
Er hatte sie überrumpelt. Christina hatte geglaubt diese Frage noch etwas hinauszögern zu können. "James, glaubst du nicht, daß das etwas zu übereilt ist..."
"Nein, angesichts der letzten Tage, ist mir nichts wichtiger als das."
Christina fühlte sich gefangen, als hätte jemand die Tür zu einem Weg, den sie noch hätte gehen wollen, zugeschlagen und der nun niemals wieder zu betreten war. "James, daß kommt sehr plötzlich und da ist auch noch die Sorge um meinen Besitz..."
"Natürlich,.." lenkte er ein und senkte den Blick. "...ich war etwas voreilig."
"James!?" Sie strich über seine Hand. "Laß uns noch etwas Zeit."
Mit dieser Antwort schien er zufrieden und küßte zart ihre Fingerspitzen. "So wie du es möchtest. - Ich habe noch einiges zu tun. Wir sehen uns beim Dinner. Leider sind wir wieder nicht alleine. Captain Picard, seine Frau und seine beiden Töchter werden uns Gesellschaft leisten." Er erhob sich und küßte sie auf die Stirn.
Christina schaute ihm nach, wie er leichtfüßig schlendernd im Haus verschwand. Ihre Haut bekam wieder Farbe. Sie lehnte sich zurück und atmete tief aus. Bevor sie James ihr 'Ja' gab, müßte sie noch mit Alexandre reden und ...war sie wirklich bereit sich wieder fest an jemanden zu binden und vor allen Dingen war er der Mann, der sie glücklich machen konnte? - Er war charmant. Leidenschaftlich, sah gut aus...Gestern abend hatte sie eher abstoßend reagiert...Würde sie auch noch in drei Jahren mit ihm glücklich sein oder würde es wieder das werden, was sie hatte, zumal sie anscheinend keine Kinder bekommen konnte....
sundown02Der Abend war wieder erwarten sehr nett geworden. Misses Beverly Picard war eine äußerst angenehme Gesellschafterin. Ihre beiden Töchter, Susan und Samantha, im Alter von 15 und 17 Jahren sehr gut erzogene junge Damen.
Während die Damen es sich im Salon bequem gemacht hatten, sprachen die Herren über Politik und Schlachtpläne im Raucherzimmer. Es war recht spät, als man sich voneinander trennte, wobei Christina von Beverly zu einem Gegenbesuch herzlichst eingeladen wurde.
"Das war ein sehr netter Abend." Christina hakte sich bei James ein und es schien in diesem Moment das normalste der Welt zu sein, so als ob es schon immer so gewesen wäre. Sie stiegen die Stufen hoch und schritten langsam in die große, im Halbdunkel liegende Halle hinein.
"James." Christina hielt inne. "Ich möchte morgen zu meinem Haus reiten. Würdest du mich begleiten."
"Ich halte das für keinen sehr guten Einfall, aber selbstverständlich komme ich mit."
"Ich muß wissen, wie es steht und...vielleicht bleibe ich da."
"Das werde ich auf gar keinen Fall zulassen."
"Wenn es notwendig ist, werde ich bleiben."
Er sah in ihren Augen, daß sie niemand von diesem Entschluß abbringen konnte. "Wenn du dort bleibst, dann werde ich auch dort bleiben."
"Aber du bist der Gouverneur, hier liegen alle deine Amtsgeschäfte."
"Dann bauen wir einen neuen Gouverneurssitz." Mit einem smarten Lächeln zog er sie näher. Das strenge hochgeschlossene, grüne Kleid hatte seine eigene Ausstrahlungskraft. Sie wirkte damit noch viel unnahbarer....Er beugte sich zu ihr hinunter und küßte sie. Sie wehrte ihn zwar nicht ab, aber irgend etwas war nicht so, wie es sein sollte. Er löste sich von ihr und schaute sie fragend an. "Habe ich dir weh getan?"
"Nein, James, nein."
"Was ist es dann?" forderte er mit Nachdruck zu wissen.
"Ich habe dich gebeten, mir etwas mehr Zeit zu geben." Christina wandte sich ab und trat einen Schritt zurück.
"Es ist dieser Lumière nicht wahr?"
"Er ist ein Freund, mehr nicht." sagte sie nachdrücklich.
"War er heute hier?! Hast du dich mit ihm getroffen?!" fragte er bissig.
"Frage doch deine Dienstboten und Wachen!" antwortete Christina bockig, wandte sich ab und lief die Treppen zu ihrem Zimmer hoch.
Ja, sie hatte ein Verhältnis mit Alexandre und das wußten oder vermuteten zumindest alle, aber sie ließ sich für nichts beschuldigen, was nicht rechtens war. Wenn sie James heiraten würde, würde sie ihm offen von Alexandre und ihr erzählen, aber sonst ging es niemanden was an und jetzt war es sowieso unmöglich mit diesem Mann darüber zu reden. Er war eifersüchtig, sie würde es jetzt nur noch mehr schüren.
In ihrem Zimmer angekommen verriegelte sie die Tür und lehnte sich dagegen. Warum tat sie das eigentlich in dem Haus des Mannes, der sie gefragt hatte, ob sie seine Frau werden wollte....?
Sie warf sich aufs Bett, starrte auf den weich fallenden Stoff des Himmels über ihr, der in dem vom Mondlicht erhellten Raum einen bläulichen Schimmer hatte. Am liebsten hätte sie dieses Haus sofort verlassen, aber mitten in der Nacht... und wo sollte sie hin, ohne sich und andere in Gefahr zu bringen....Warum hatte sich nur Alexandre nicht gemeldet, nicht einmal eine Nachricht...
Sie schreckte hoch. Christina lag immer noch auf ihrem Bett. Das Mondlicht schien noch immer durch die offenen Vorhänge ihres Zimmers. Alles war unverändert. Sie mußte eingeschlafen sein. Sie erhob sich, zündete eine kleine Lampe an und schaute auf die goldene Kaminuhr...1.15 Uhr. Mit einem Seufzer begann sie sich auszukleiden.
Stimmen, die von der offenen Balkontür, sehr vertraut an ihr Ohr drangen, erweckten ihre Aufmerksamkeit. Ohne darüber nachzudenken, daß sie nur ihre Unterkleidung trug, lief sie hinaus.
Durch die Stille der Nacht drangen zwei Männerstimmen an ihr Ohr, teilweise aufgebracht und zornig. Die eine Stimme war James und die andere ...Mr. Binks!
Christinas erster Impuls war sofort hinunterzulaufen, dann fiel ihr ein, daß sie nichts weiter anhatte. Sie riß die Schranktür auf und griff nach einer malvenfarbenen Bluse und einem dunkelbraunen einfachen Rock.
Vielleicht hatte man ja schon versucht sie zu wecken und davon war sie plötzlich erwacht...Ihre Gedanken rasten...Warum klangen die Stimmen so aufgebracht... war etwas geschehen...?
Ihr Herz begann schneller zu klopfen. Sie striff sich ein Paar leichte Schuhe über und öffnete die Tür.
Die große Halle war nur schwach erleuchtet und lag vollkommen still und leer da. Christina lief die Stufen hinunter und lenkte ihre Schritte in die Richtung, wo sie vermeinte, daß die Stimmen herkommen könnten. Sie zögerte. James war vorhin nicht gerade sehr guter Stimmung gewesen, als sie sich getrennt hatten, vielleicht sollte sie ein Gespräch jetzt nicht forcieren, aber warum war Mr. Binks hier? - Das konnte nur bedeuten, daß irgend etwas passiert war!
Sie beschleunigte ihre Schritte wieder. Die Tür zur Bibliothek stand weit auf, aber da war niemand.
Die Geräusche kamen aus dem Arbeitszimmer, aus dem ein schmaler Lichtschein durch die angelehnte Tür schien....
"Die Gefangenen auf der 'Thor' sind von Sandokans Leuten befreit worden. Unsere Partner werden langsam ungeduldig, wenn wir keine Ware mehr liefern können. Dabei hätten nur noch zwei Lieferungen genügt und du hättest..." Die Stimme von Jerry Binks erstarb urplötzlich.
Christina war wie angewurzelt stehengeblieben. Der Nachhall, der gehörten Worte, schwirrte noch in ihrem Kopf und erzeugte ein Chaos von biblischen Ausmaß. Zwei Meter trennten sie von der Tür, die plötzlich so bedrohlich und kalt wirkte und nun mit Vehemenz aufgerissen wurde.
Sie reagierte zu spät. James Kirk ergriff ihren Arm, zerrte sie in das Zimmer und schubste sie auf einen Sessel. Er vergewisserte sich, daß es im Gang draußen ruhig blieb und schloß die Tür.
Der Verwalter der van Hennings Plantagen stand neben der halb geöffneten Terrassentür und sah ziemlich blaß und überrascht auf seine Arbeitgeberin. Er hatte seinen typischen grauen Anzug an. Seine Brille lag auf dem Tisch.
James deutet auf die Tür hinter ihm "Ich hab' dir gesagt, du sollst nicht so laut reden. Mach' das zu." Der Gouverneur wandte sich Christina zu. Er stützte sich auf die Armlehnen ihres Sessel und schaute abschätzend zu ihr herunter. "Was hast du gehört?"
Christina reagierte rein intuitiv "Die Stimme von Mr. Binks." Sie schaute James ruhig und offen an. Jegliches Gefühl war aus ihr gewichen. Im Moment war sie wie eine Marionette, deren Handlungen vom Spielleiter bestimmet wurden.
Auf Kirks Gesicht zeigte sich ein schiefes Lächeln. "Du täuscht mich nicht. Du bist zu intelligent für das Spiel des naiven Weibchens." Sein Finger tippte an ihre Nasenspitze.
Christina setzte einen ihrer unschuldigsten Blick auf und richtete sich auf. "Ich habe Mr. Binks gehört, und dachte, es wäre etwas geschehen..."
James Kirk stieß sie unsanft in den Sessel zurück und wandte sich zu Jerry Binks um. "Verschwinde Jerry, du hast schon genug angerichtet für eine Nacht."
"Und was ist jetzt mit den letzten beiden Lieferungen?"
"Auf Grund der Entwicklung müssen wir jetzt einen anderen Weg einschlagen!" ein diabolisches Lächeln lag auf dem Gesicht des Generals. "Misses van Henning kommt in meinen Gewahrsam, da sie schuldig ist am Sklavenhandel, wird fliehen können und im Dschungel umkommen. Du hast jetzt mehr als freie Bahn, die letzten beiden Lieferungen mit der 'Freya' zu erledigen."
"Das Schiff gehört aber zur Hälfte der Reederei van Henning..."
"Um so besser! Je mehr Aufruhr wir anzetteln, um so mehr bietet sich mir die Gelegenheit, als Gouverneur härtere Maßnahmen zu ergreifen und alles unter mein Zentralkommando zu stellen, um die Banditen gänzlich zu erledigen. Und wenn das geglückt ist, wird niemand mehr daran zweifeln, daß es besser ist Sarawak mit strenger Hand als Patriarch zu regieren. - Verschwinde jetzt."
Binks griff nach seiner Brille und verließ den Raum, wie er ihn betreten hatte: Durch die Verandatür.
James Kirk wandte sich nun wieder Christina zu. "Nun, meine Liebe, da du ja nun des Sklavenhandels überführt worden bist, muß ich dich leider in Gewahrsam nehmen."
"Und wie willst du das beweisen, mein lieber James?" fragte sie arrogant zurück.
Kalte, berechnende Augen musterten sie. "Du unterschätzt mich. Das ist das geringste Problem...bestochene Zeugen, Papiere, die Binks herzaubern wird... und immerhin stehst du bereits unter Verdacht. - Engländerin bist du nicht, dein loser Lebenswandel...warum immer alles auf die Piraten schieben, die in London zur Zeit in sehr hoher Gunst stehen...?! Nur schade..."James Hand strich zärtlich fordernd über ihre Wange "...daß ich die angenehmen Seiten nicht noch habe auskosten können..."
Christina wandte den Kopf angewiderte zur Seite. "Und mit unserer Heirat wolltest du nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Macht erlangen."
"Wie gut, daß du das nicht schon früher erkannt hast. Die Macht die du besessen hast, hat all' die Jahre ungenutzt brach gelegen, sehr zum Leidwesen von Mr. Binks. Dein Mann war da nämlich ganz anders gewesen, oder warum glaubst du besitzt er soviel Land, weil er es ehrlich erworben hat...?"
"Du wirst damit nie durchkommen, dazu habe ich zu viele Freunde. Keiner wird Dir glauben."
Er lachte trocken. "Dein Ray Park wird der Mittäterschaft angeklagt werden. Kommodore Spock ist auf See, Lord Riker steht unter dem Pantoffel, Miß King wird kaum was ausrichten können..." in seinen Augen blitzte es gefährlich auf " ...und dein Alexandre hat sich für seine Familie entschieden, hier alles an mich verkauft und ist wieder nach Frankreich zurück!"
James Kirk sah mit Genugtuung das Flackern in ihren Augen und die Blässe auf ihren Lippen. Sir schien etwas sagen zu wollen, brachte aber kein Wort raus.
"Du siehst: Es ist keiner da!" Er beugte sich zu ihr herunter, verkannte den Sinn ihrer aufeinandergepreßten Lippen und wurde von einem, aus der Paarung vom Wut und Resignation hervorgebrachten, mächtigen Stoß zur Seite geworfen.
Christina sprang aus dem Sessel und lief zur Verandatür, aber James verstellte ihr den Weg, griff nach ihr. Aber durch einen Tritt von Christina gegen seine Beine, konnte sie sich ihm entwenden. Sie lief auf die andere Seite des Raumes, wo kunstvoll drapiert und auf Hochglanz poliert, zwei reichverzierte Degen an der Wand hingen. Es war ihr egal wie, aber sie würde nicht so leicht aufgeben. Sie mußte nur irgendwie aus diesem Raum rauskommen, in den Garten flüchten, sich irgendwo verstecken und dann den Kasernenbereich verlassen. Einen kurzen Augenblick schien es ihr logisch um Hilfe zu schreien, sicher würden dann jede Menge Wachen angelaufen kommen, aber die standen unter dem Befehl des Gouverneurs, und man hätte sie sofort verhaftet.
Ihre Finger schlossen sich um den Griff des über ihr hängenden Degens, als sie brutal an der Schulter nach hinten gerissen wurde. Der Degen fiel scheppernd herunter. Christina wurde zu Boden geworfen. Glas splitterte. Dort wo eben noch die geschlossene Verandatür war, stand jetzt Sandokan mit gezogenem Säbel.
James Kirk hatte gerade noch soviel Zeit, seine Überraschung zu verdauen, und sich zu ducken, um dem über ihn hinwegsausenden Säbel zu entgehen, der die Luft durchschnitt, wo sich eben noch sein Kopf befunden hatte. Er rollte über den Boden und kroch unter seinem Schreibtisch auf der anderen Seite wieder hoch.
Sandokan reichte Christina die Hand und half ihr hoch. "Alles in Ordnung?"
"Jetzt schon." antwortete sie spitzfindig, obgleich ihre Beine doch etwas zittrig waren, sich aber nun pure Erleichterung ihrer Seele bemächtigte.
"Sandokan!" Misses van Hennings warnender Ton und die nach vorne starrenden Augen, ließen ihn herumfahren. Der Gouverneur hielt einen Revolver in der Hand und zielte auf ihn. Mit einer blitzschnellen Bewegung schleuderte Sandokan seinen Krummsäbel in die Richtung, der dem General den Revolver aus der Hand schlug und ihn von der Wucht zurücktaumeln ließ. Der Säbel blieb vibrierend in der Holzverkleidung der Wand stecken.
Von draußen waren Geräusche zu hören. Der Lärm hatte die Wachen aufgeschreckt. James Kirk wandte sich mit schreckgeweiteten Augen um und lief zur Tür, um sie zu entriegeln. "Hierher!" brüllte er.
Sandokan ergriff Christinas Hand und zog sie mit sich. "Wir müssen hier verschwinden." Er riß seinen Säbel aus dem Holz und sie stiegen über die zersplitterte Scheibe hinaus in den Garten. Christina hörte James von innen schreien, sie wären in den Garten geflohen. Um sie herum war Bewegung, Stimmen, Befehle. Sandokan hielt immer noch ihre Hand und sie folgte einfach seinen sicheren Schritten, in dieser Dunkelheit.
Einzelne Schatten huschten vorbei. Büsche, Bäume...Das Mondlicht, daß durch einen Schleier aus Wolken drang, zauberte skurrile Gestalten in das Blattwerk.
Sie wandten sich nach links und waren plötzlich an einer Mauer.
"Wir müssen hier rauf. Warten sie hier." flüsterte er, ließ ihre Hand los und war im gleichen Augenblick verschwunden. Plötzlich kam seine Stimme von oben.
"Geben sie mir ihre Hand und ziehen sie sich an der anderen Seite an dem Vorsprung über ihnen hoch."
Christina tastete die Wand ab und ihre Finger berührten einen unebenen Stein in Armeslänge entfernt über ihren Kopf. Sie umschloß ihn fest und streckte ihrem rechten Arm nach oben. Starke Hände umschlossen ihn und sie wurde mühelos in die Höhe gehoben.
Die Oberkante der Mauer war zwar sehr breit, aber nur grob behauen, gänzlich ungeeignet für Christinas Schuhwerk. Sie rutschte weg, aber Sandokan fing sie sicher auf.
Christina spürte die angespannten Muskeln seiner Oberarme unter ihren Händen, die sie festhielten. Wie gerne hätte sie sich in dieser warmen Umarmung einer menschlichen Seele verloren, weit ab von allen Widrigkeiten und Kümmernissen. Am liebsten wäre sie jetzt hier für immer so stehengeblieben...
"Es tut mir leid,..."flüsterte Sandokan, wie als hätte er ihre Gedanken gelesen. "...wir können hier nicht bleiben."
Kurzerhand nahm er die verblüffte Christina auf den Arm und balancierte weiter über die nun auf vier Meter zum Boden ansteigende alte Palastmauer.
"Ich kann auch alleine gehen!" protestierte sie, umklammerte aber sicherheitshalber seinen Hals und schaute skeptisch über seine Schulter in den dunklen Abgrund.
"Dann sollten sie sich das nächste Mal andere Schuhe anziehen!" Er stoppte plötzlich und ließ sie vorsichtig wieder runter. "Setzen sie sich hier am besten hin."
Sandokan glitt neben ihr die Mauer hinab und nur ein kaum wahrnehmbares Rascheln war zu hören, als er im darunter liegenden Gebüsch landete.
Sie wandte sich um. Der Palast lag jetzt hinter ihr und war schon viel weiter entfernt, als sie gedacht hätte, daß sie gekommen wären. Überall waren Fackeln zu sehen und erhellten den Garten, der durchsucht wurde. Vor ihr lagen dunkle Gebäude. Das mußten die Ställe sein. Näherkommende Stimmen zeigten, daß die gesamte Garnison auf den Beinen war und es nicht mehr lange dauern würde, bis ein Fortkommen unmöglich war.
"Kommen sie, lassen sie sich fallen." kam eine Stimme von unten.
Christina schaute in das Halbdunkel. Sie konnte ein paar aufgestapelte Kisten erkennen. Sie sah seine dunkle Silhouette unter sich, ...aber wie weit war es bis nach unten....?
"Ich fange sie auf. Sie brauchen keine Angst haben." Er ahnte mehr ihren unsicheren Blick, sich ganz auf jemanden anderen verlassen zu müssen, als daß er ihn sah. "Springen sie jetzt, oder ich muß sie bei ihrem Gouverneur lassen!"
"Das ist nicht mein Gouverneur!" erwiderte sie mit Nachdruck, rutschte aber, wie Sandokan es nach seiner Bemerkung erwartet hatte, an die Kante und ließ sich fallen. Wohlbehalten fing er ihren Sprung ab und setzte sie vorsichtig auf den Boden. "Sie sind ja sehr schnell zu überzeugen."
"Nur, wenn ich will!" Christina zog sich ihren Rock gerade und strich sich die Haare nach hinten. Sie hätte sich bedanken sollen, für ihre Rettung, aber nur Unmut beherrschte ihre Sinne, die ihr immer noch versuchten einzureden, daß sie vielleicht einen bösen Traum hatte...
Sandokan betrachte sie verwundert. Eben schien sie noch unsicher und ängstlich zu sein, jemand, den man tief gekränkt hatte, und im nächsten Moment schöpfte sie aus einer unbekannte Quelle Kraft, richtete sich auf und schaute nach vorne, das Gewesene hinter sich lassend.
Ihr Blick begegnete dem seinen und hielt inne. Bevor er vielleicht zu einer spöttischen Bemerkung ansetzen konnte, die sie förmlich schon hörte, kam sie ihm lieber zuvor "Ich denke wir sollten von ihr verschwinden! - Nach ihnen!"
Er strich sich über den Bart und schaute über sie hinweg. "Gut, daß sie mich daran erinnern, mir war doch tatsächlich entfallen, was wir hier eigentlich wollten." Sein breites Schmunzeln sah sie nicht mehr, er ergriff ihre Hand und zog sie in die Deckung von ein paar Kisten. Sie liefen zwischen den Ställen hindurch, darauf bedacht im Schatten zu bleiben. Dort wo sie noch vor einigen Minuten gestanden hatten, wurde es laut. Die britischen Truppen umstellten die Mauer von dieser Seite, um eine Flucht aus dem Garten zu verhindern, aber wie immer waren sie zu langsam.
Mit Schrecken stellte Christina fest, daß Sandokan sie auf eine Hütte zuschob, in der durch ein kleines Fenster Licht schien. Drinnen drängte ein Mann sie unsanft von der Tür weg und verriegelte sie, schaute kurz durch das Fenster und half dann Sandokan ein Regal zur Seite zu schieben, in dem zahlreiche Werkzeuge lagen. Ein roh behauener Durchgang wurde frei.
"Ich danke dir, Worf." Sandokan klopfte dem gleichgroßen Mann freundschaftlich auf die Schulter, der ihm zunickte.
"Kommen sie." Der Tiger winkte Christina zu und verschwand in dem Loch, welches auf der anderen Seite von einem Gebüsch verdeckt wurde. Hinter ihnen schloß sich der Durchgang wieder.
Das Schnauben eines Pferdes zeigte Sandokan die Richtung.
Sie befanden sich am äußersten Rand von Kuching, da wo die Hütten der Arbeiter waren. Sandokan bestieg sein Pferd und reichte ihr seine Hand. Sie zögerte. "Hätte ich von unseren übereilten Aufbruch vorher gewußt, hätte ich natürlich für ein zweites Tier gesorgt."
Christina ergriff seine Hand und er zog sie hinter sich hinauf. Mit einem leise gesprochenen Wort, trieb er es an und sie ritten auf eine dunkle Wand ineinander dicht verschlungenes Buschwerk zu, von dem sie verschluckt wurden.
sundown01"Hören sie auf zu stottern Lieutenant Barclay und berichten sie in klaren Sätzen!" Gouverneur Kirk stützte sich auf seinen Schreibtisch und blaffte den jungen Lieutenant an, der dadurch nur noch verwirrter schien und immer weiter in sich zusammensank.
"Sir...sie äh...wir haben den Garten und alle Gebäude abgesucht, Sir. Wir glauben nicht, daß sie noch hier sind."
"Glauben sie es oder wissen sie es?" brüllte Kirk den jungen Mann an, der zur Zeit des plötzlichen Auftauchens von Sandokan der wachhabende Offizier gewesen war.
"Oh, äh...wir wissen es, ...Sir."
Kirk musterte den Mann. Schlampige Erscheinung, ein reichlich dummer Gesichtsausdruck,... ein Wunder, daß er es überhaupt in die Armee geschafft hatte, aber wer weiß, wer ihn protegiert hat.
"Na gut, Barclay." Kirk hatte sich nun wieder unter Kontrolle. Er strich sich sein zerwirrtes Haar zurück und ließ ich in seinen Sessel sinken. "Durchsuchen sie jedes Haus, jeden Winkel, jede Hütte in Kuching."
"Das.... das dauert Tage, Sir."
"Ich weiß!" Kirk grinste ihn schief an. "Und sicher werden wir ein paar Leute dabei finden, die Sandokan und seiner Komplizin Misses van Henning geholfen haben. Fangen sie bei dem Haus von Ray Park an, Lieutenant. Und sehen sie zu, daß sie Captain Picard irgendwo finden. Er soll sich umgehend bei mir melden!"
"Ja, Sir!" Barclay salutierte zackig und stolzierte aus dem Zimmer.
Kirk lehnte sich auf seinen Sessel zurück und schaute auf die immer noch zerbrochene Scheibe.
Er hatte sie unterschätzt.... Er hatte Christina und Sandokan unterschätzt, aber so was passierte ihm nur einmal....
sundown02Die Luftfeuchtigkeit lastete schwer zwischen den Büschen und niedrigen Pflanzen, die sich mühsam durch die hohe, fast geschlossene Baumdecke ihren Weg ans Licht erkämpften.
Sein Hemd war durchnäßt, als hätte er einen Fluß durchschwommen, aber hier gab es nur ein paar versumpfte Grundwasserpfützen und wer nicht wußte, wo er seinen Fuß hinsetzen sollte, würde sich unweigerlich verlaufen, oder im Sumpf stecken bleiben.
Sandokan drehte sich um und tätschelte den Hals des Braunen, der zufrieden schnaubte. Die geringe Last, die das kräftige Tier zu tragen hatte, merkte es kaum.
Sandokan runzelte die Stirn "Alles in Ordnung, Madam."
Christina öffnete die Augen. "Ja, ich bin nur müde."
Ihre Kleidung war nicht minder feucht wie seine. Ihre Haare fielen dicht und schwer nach unten. Einzelne Strähnen hafteten an ihrem Gesicht. "Es ist nicht mehr weit, dann kommen wir auf festes Gelände und an eine Quelle."
"Ein Bad, was für eine göttliche Vorstellung." Flüsterte sie und verdrehte die Augen. "Mußte es eigentlich ausgerechnet dieser Weg sein?"
"Ja, mußte es. Hier wird uns garantiert keiner verfolgen."
Hatte sie seine Antwort registriert? Ihr Kopf war wieder nach unten gesunken, die Augen hatte sie geschlossen. Die Zügel lagen locker in ihren schmalen Händen.
Eine tiefe Sorgenfalte lag auf seiner Stirn als er sich wieder dem Weg vor ihm zuwandte. Die Sonne stand bereits hoch. Sie waren die ganze Nacht so weit wie möglich geritten, dann wurde es zu gefährlich und Sandokan hatte das Tier an den Zügeln geführt. Wäre er alleine, hätte er das Tier am Dschungelrand zurückgelassen, aber mit seiner Begleiterin und deren Bekleidung, konnte er unmöglich zu Fuß durch das Dickicht durch.
Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Ganz langsam fiel Misses van Henning zur Seite und rutschte aus dem Sattel. Mit einem Satz war er da und fing sie auf. Ihre Augenlider flackerten und öffneten sich. "Was ist passiert?"
"Sie sind vom Pferd gefallen!" Sandokan konnte sich einer gewissen Belustigung nicht erwehren. Dementsprechend zweifelnd schaute sie ihn auch an. "Lassen sie mich herunter, ich kann alleine gehen."
"Das bezweifle ich und womöglich müßte ich sie dann aus einem Schlammloch ziehen." Eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Augen, die ihn aufmüpfig anschauten. "Und auch wenn sie jetzt anfangen zu beißen und zu kratzen, ich setze sie nicht ab."
Sandokan beachtete sie nicht weiter, band sein Pferd ganz kurz an einen Ast, damit es nicht fehltrat und im Sumpf versank und bahnte sich einen Weg vorsichtig durch das Dickicht. Von seiner Last kam weder einen Gegenwehr, noch Protest, statt dessen legte sich ihr Kopf an seine Schulter und ihr Körper wurde locker. Er hielt an und lauschte. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Seine Hand berührte ihre Stirn. Ihre Haut war feucht und kalt, daß war nicht gut. Sie mußte unbedingt die feuchten Sachen ausziehen. Ohne Rücksicht auf Äste, die gegen sein Gesicht peitschten lief er den vertrauten und kaum auszumachenden Weg, der bereits in ein paar Stunden für ungeübte Augen nicht mehr auszumachen war, entlang. Einen sicheren Pfad durch den Dschungel, der seit Jahrzehnten von denen benutzt wurde, die unter keinen Umständen den Briten in die Hände fallen wollten. Er erreichte eine kleine Lichtung und festen trockenen Boden. Sie hatten das Sumpfgebiet hinter sich. Für eventuelle Verfolger war es unmöglich sie noch einzuholen. Der Sumpf lag zwischen ihnen und Kuching....
Behutsam ließ er sie zu Boden gleiten. Sanft strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Es war wie die Berührung einer Erinnerung aus einer anderen Zeit. Er schaute auf dieses schlafende Antlitz...Die feinen Linien, die hohen Wangenknochen, lange dunkle Wimpern, unter geschwungenen Augenbrauen, volle, leicht geöffneten Lippen... Es schien ihm, als würde er sie das erste Mal sehen.
Seine Hand wollte sie berühren, aber in einem plötzlichen Erwachen, zog er sie zurück und erhob sich abrupt.
Sandokan machte ein Feuer und verschwand dann wieder im Dickicht. Er mußte das Pferd holen, daß sie noch brauchten.
Als er mit dem Tier wieder die kleine Lichtung betrat, lag sie immer noch unverändert da. Er legte sie auf eine Decke. Sie schien zu schlafen, aber sie war eher einer tiefen Ohnmacht näher. Ihre Hände waren eiskalt. Es half nichts, er mußte ihr die feuchten Sachen ausziehen. "Sie entschuldigen, Madam, aber es muß sein." Sagte er laut und zog ihr die nun von getrockneten Schlamm verkrusteten, kaum noch als weiß auszumachenden Schuhe und Strümpfe aus. Als ginge es um Leben und Tod, knöpfte er ihr voller Hast die Bluse auf und zog sie aus. Die Häkchen an dem hohen Bund des Rockes bereiteten ihm einige Schwierigkeiten. Warum, konnten die Weißen nicht vernünftige Kleidung tragen und mußten sich so verpacken wie in einer Rüstung... Schließlich hatte er es geschafft.
Er lockerte die Bänder ihrer Korsage und hüllte sie in eine Decke ein. Ihre Sachen nahm er und hing sie über einen Ast zum Trocknen.
Eine Brosche an ihrer Bluse erregte seine Aufmerksamkeit...
sundown01"Kammamuri, ich grüße dich!" Der Mann sprang behende aus der kleinen Schaluppe an den Strand, wo drei Wochen zuvor Kammamuri selbst von Sandokan auf Sarawak begrüßt worden war. Der ältere Mann umarmte den jüngeren dunkelhäutigen Kammamuri. Er selbst war ein Weißer mit einem wettergegerbten sonnengebräunten Gesicht, daß von einem Lederhut geschützt wurde, unter dem sich vorwitzig graue Locken seines Haares hervorkräuselten. Seiner kräftigen drahtigen Gestalt in dem roten Hemd und den Reithosen, sah man die 60 Jahre nicht an. "Wo ist Sandokan?"
"Nun, wie immer auf einer gefährlichen Exkursion. Deshalb schickt er mich, um dich hier abzuholen, Yanez."
"Was ist passiert?" Yanez de Gomerra runzelte die Stirn und schob seinen längst erkalteten Zigarillo in den anderen Mundwinkel.
"Wir wissen von einigen befreiten Sklaven, daß ein gewisser Jerry Binks wohl dahinter steckt. Er ist Verwalter auf den Van Hennings Plantagen."
"Aha, deshalb auch die Schiffe." Yanez verlagerte sein Gewicht und zündete seinen Zigarillo wieder an.
"Das hat Sandokan auch daraus gefolgert. Durch einen unglücklichen Umstand, war Misses van Henning ein paar Tage unser Gast und Sandokan beschloß, um endlich den wahren Übeltäter zu entlarven, sie als Lockvogel zu benutzen."
Die Falten auf Yanez Stirn hatten sich während der Erklärung von Kammamuri in eine Gebirgslandschaft verwandelt. "Das halte ich für keine gute Idee. Ich hoffe, er ist nicht der Meinung, daß sie dahinter steckt."
Kammamuris Gesicht zierte ein schiefes Lächeln. "Er war sehr mißtrauisch, aber diese Möglichkeit hat er glaube ich nie in Erwägung gezogen. Jedenfalls hat er sie zum Palast des Gouverneurs gebracht und war sicher die ganze Zeit in ihrer Nähe. Denn seit gestern besteht ein Haftbefehl gegen Misses van Henning. Als Komplizin von Sandokan wird sie der Sklaverei beschuldigt."
Yanez de Gomerra vergaß um ein Haar, daß er einen Zigarillo im Mund hatte, der ihm beinahe herausgefallen wäre. "Wie das?"
"Das was wir gehört haben, ist, daß Sandokan mit ihr aus dem Palast geflohen ist, es gab wohl einen Kampf. Wir wissen, daß er den Weg durch den Sumpf genommen hat. Interessant ist, daß man Mr. Binks sah, wie er sich vom Palast fortschlich. Die britische Armee hat ganz Kuching auf den Kopf gestellt und einige Leute eingesperrt."
"Ist jemand von uns dabei?"
"Nein, sie sind alle vorher gewarnt worden."
"Gute Arbeit, Kammamuri." Yanez klopfte dem jüngeren Mann anerkennend auf die Schulter. "Dann wissen wir ja jetzt, was wir zu tun haben! - Er wird den alten Tempelpfad genommen haben. Hast du genügend Pferde besorgt?"
"Es ist alles arrangiert, Yanez."
"Gut, wir laden aus und dann geht es gleich los. Die Männer konnten sich an Bord lange genug ausruhen. - Wußtest du eigentlich, daß Misses van Henning meine Nichte ist?"
Jetzt war es an Kammamuri, überrascht zu schauen. "Ich dachte du hättest keinen Kontakt zu deiner Familie?"
"Reiner Zufall, daß ich das erfahren habe." Yanez grinste listig. "Ich hoffe Sandokan weiß, was er sich da aufgebürdet hat. Die weibliche Linie in unserer Familie war von je her sehr temperamentvoll...."
sundown02Ein bohrendes Hungergefühl weckte sie auf. Es war warm, aber angenehm warm. Es mußte noch früh am Tag sein.
Sie öffnete die Augen und schaute in ein offenes Blätterdach, durch den ein strahlend blauer Himmel schimmerte. Die exotischen Geräusche um sie herum riefen ihr ins Gedächtnis, daß sie irgendwo im Dschungel war, irgendwo in einem Sumpf, auf der Flucht...
Sie setzte sich auf. Sie befand sich neben einer Feuerstelle, von der nur noch Aschereste übrig waren. Der Boden war fest und trocken. Wie fest und hart, daß ließ sie ihr Körper durchaus spüren.
Es war eine kleine Lichtung. Durch die Bäume schimmerte es bläulich. Das mußte Wasser sein. Von Sandokan fehlte jede Spur, aber seine Sachen hingen da ...und daneben hingen ihre.
Christina van Henning hielt für einen Moment die Luft an.... Sie konnte sich daran erinnern, daß sie geritten war, während Sandokan das Tier geführt hatte, welches jetzt friedlich an einen Baum gebunden war und nach ein paar Blättern schnappte. Und sie war müde gewesen...und dann war sie hier aufgewacht. In ihrer Unterkleidung! - Nun, dann sollte sie die Gelegenheit ganz einfach nutzen, und gleich ein Bad nehmen, was Sandokan offensichtlich auch tat.
Sie trat durch die schlanken Bäume und blieb staunend am Ufer eines Sees stehen. Keines natürlichen Sees. Er war eingerahmt von Mauren, die, wo nicht bewachsen, von zahlreichen Ornamenten und Schriftzeichen geschmückt waren. Sie ragten so hoch wie die Bäume, mit denen sie in der Höhe zu konkurrieren schienen. In der Mitte des Sees erhob sich eine Säule, deren oberer Rand unschön abgebröckelt war. In dem klaren blauen Wasser waren einzelne jetzt von Wasser umspülte Plattformen auszumachen. Gegenüber sah es so aus, als würde dort ein mit Säulen verzierter Eingang ins Innere führen, der jetzt unter Wasser lag. Farbenprächtige Blüten trieben auf dem glasklaren See. Man könnte beinahe meinen, man schaue auf einen Spiegel, den man ohne Schwierigkeiten betreten könne, ohne in ihm zu versinken.
Sie kniete sich hin und ließ ihre Hand in das angenehm kühle Wasser gleiten. Das von ihren Fingern aufgewirbelte Naß, kam zur Ruhe und zeigte ihr ein Gesicht, welches von ungestümen Haaren umrahmt wurde.
Wie sie aussah! Ihr Spiegelbild fuhr sich mit der Hand über die Haare und versuchte sie zu glätten. Sie schaute in dunkle große Augen, die sie traurig zurück anschauten. War sie das da wirklich....? Wie oft hatte sie schon in den Spiegel geschaut, wie oft geprüft, ob die Frisur noch saß, ihr Kleid... der Schmuck paßte,... aber hatte sie sich selbst schon einmal im Spiegel angeschaut?
Sie schloß die Augen und verbannte daß ihr so fremde Antlitz, aber nun sah sie andere Gesichter vor sich und tiefe Bitternis ließ sie das Atmen schwer werden.
Wie hatte das alles nur passieren können?
Sie zog ihre Knie ganz fest an ihren Körper. Ihre Gedanken kreisten um Alexandre. Sie sah sein Gesicht, hörte seine Stimme, sein Lachen, spürte seine Hände.. Wie konnte er einfach so gehen, ohne ein Wort, einen Brief, eine Erklärung? War es ihre Schuld, weil sie versucht hatte ihn herauszufordern, um ihn gegen einen Verbrecher einzutauschen?
Ihre Lippen waren ein schmaler Strich. Der feuchte Glanz in ihren Augen funkelte wie der See zu ihren Füßen. Eine Träne rann über ihre Wange und fiel im Sonnenlicht funkelnd wie ein Diamant auf den See zu. Christina verfolgte ihren Weg, wie als beobachtete sie den Flug eines Vogels, der frei von allen Zwängen sich hinbegeben konnte wo er wollte.
Sie hatte das Beste, das Liebste auf der Welt verloren. Wie hatte sie so kurzsichtig sein können und das zulassen können. Und es war nicht der Gedanke daran den Mann verloren zu haben, mit dem sie lustvolle Stunden erlebt hatte, sondern sie hatte mehr verloren: einen Freund, einen Berater, ein Teil ihrer Seele war mit ihm gegangen und nur weil sie so vermessen war, sich einem aufgeblasenen Schnösel, der sie nur benutzt hatte und ihr schöne Augen machte, verfallen war.
Aber hatten sie sie nicht alle nur benutzt? Ihr Mann, wegen der Mitgift, Alexandre, weil er bei seiner Frau nicht das gefunden hatte, was sie ihm gegeben hatte? ...Der Gouverneur, Jerry Binks......
"Wie fühlen sie sich?"
Diese Stimme klang wie der Ruf aus einer anderen Welt, die sie von den Stufen der vergangenen zurückholte.
Christina richtete sich auf und tupfte sich mit der Decke, ihre Tränen ab.
"Danke, ganz gut." Ihre Stimme klang nicht so, wie sie es gewollt hätte.
"Sie müssen etwas essen. Sie haben 14 Stunden geschlafen."
"Ich wollte mich erst noch erfrischen."
"Gut."
Er hatte sie schon eine Weile beobachtet, wie sie schweigsam und zusammengesunken in den See starrte und sicher würde sie immer noch in ihren Gedanken versunken sein, die sich immer und immer wieder im Kreis drehen würden, wenn er sie nicht angesprochen hätte.
"Sandokan?"
Er blieb stehen und wandte sich zu ihr um. Sie hatte sich erhoben und hielt die Decke um ihre Schultern mit ihren Händen fest zusammen. Ihr Blick war ernst, hatte aber einen Anflug von tiefer Niedergeschlagenheit.
"Sie haben mich als Lockvogel benutzt?" So wie sie ihn ansah, war ein Nein von vornherein ausgeschlossen.
"Gewissermaßen ...Ja. Ich wußte nicht, wie sich die Dinge entwickeln, noch wer wirklich hinter allem steckte, es waren nur Vermutungen."
"Warum haben sie mich nicht eingeweiht in ihrem Plan?"
"Das wäre zu gefährlich gewesen, und vielleicht hätten sie sich verraten, durch ihr Verhalten."
"Aber vielleicht hätte es einen anderen Weg gegeben. Meine Freunde sind jetzt ebenfalls in Gefahr."
"Keine Angst, sie sind gewarnt worden und befinden sich gewiß bereits in Sicherheit."
"Sie wissen es aber nicht!" Ihr Stimme drohte sich zu überschlagen. "Sind sie Gott, daß sie über das Schicksal anderer bestimmen? - Nein, natürlich nicht, wie konnte ich das vergessen...." beißender Spott spiegelte sich in ihren Worten und ihrem Gesicht "...sie sind der Tiger von Malaysia, der daß natürlich auch kann." Sie wandte sich ab. "Ich will jetzt baden, würden sie sich bitte entfernen?"
"Ich verstehe. Man hat ihre Gefühle verletzt..."
"Man?"
"Ich hatte keine andere Wahl."
Christina van Henning wirbelte wieder zu ihm herum und blitzte ihn an. "Man sagt oft, man hat keine Wahl, nur um die Entscheidung, die man bereits getroffen hat, zu rechtfertigen."
Ihre Blicke begegneten sich, blanke Wut sprach aus ihren Augen.
Sandokan verschränkte die Arme vor der Brust, über sein noch offenes von einzelnen Wasserflecken benetztes Hemd. "Aber auch sie sind nicht ganz ehrlich gewesen. Sie wissen mehr über mich, als ich sicherlich selber nur vermuten kann."
"Da bin ich jetzt aber gespannt?" fiel sie ihm schnippisch ins Wort
"Lady Dora Parker! Sie ist eine Freundin von ihnen..."
"Eine Bekannte!"
Sandokan neigte leicht den Kopf zur Seite. Der Schalk kehrte in seine ernsten Augen zurück. "Und die Brosche ist keineswegs das Familienwappen van Hennings, Seniorina de Gomera!"
Wieder sprachen für Sekunden nur ihre Augen miteinander, ohne zu erkennen zu geben, was jeder dachte.
"Es wäre schön, wenn sie sich jetzt zurückziehen würden, damit ich mein Bad nehmen kann, denn sicher wollen sie ja so schnell wie möglich aufbrechen."
"Ganz wie ihr wünscht." Sandokan deutete mit einem verhaltenen Lächeln eine Verbeugung an und wandte sich ab, blieb aber stehen und drehte sich noch einmal halb zu ihr herum. Sie hatte die Decke bereits von ihren Schultern gleiten lassen, zog sie aber sofort wieder hoch, als sie seine Stimme vernahm.
"Übrigens: Wenn sie das nächste Mal in ihrem Unterkleid auf den Balkon treten, dann vergewissern sie sich vorher, ob der Mond scheint und ob sie wirklich alleine sind." Sandokan verschwand zwischen den Bäumen und konnte Gott sei Dank ihre gemurmelten Flüche nicht mehr hören.
Er war also die ganze Zeit dagewesen, und wer weiß, was er sonst noch alles gesehen hatte...Voyeur! Ganz zu schweigen von dem peinlichen Gespräch mit Lady Anne Birdsinging und dem Geturtel mit dem Gouverneur....Männer! Im Grunde waren sie alle gleich...Sie dachte an ihren Mann, Alexandre, den Gouverneur, ihre Freunde...nun, vielleicht gab es einige Ausnahmen...Ray, Henry Gowron, Kommodore Spock..den sie leider nicht so gut kannte, wie sie es sich erhofft hatte, aber vielleicht war es auch besser so...
Das Wasser war angenehm und es schien alle unschönen Gedanken fortzuspülen.
Egal was Beth sagte, sie wollte keinen Mann mehr, und wer weiß, wohin diese Geschichte noch führen würde. Vielleicht mußte sie ja dieses Land verlassen, vielleicht mußte sie ja bei Sandokans Leuten bleiben, weil sie jetzt eine gesuchte Verbrecherin war..Was für eine aberwitzige Situation. Mit wem konnte sie jetzt reden? Was sollte sie machen? Konnte sie Sandokan um Rat fragen...? - Ein unsicheres Gefühl verwarf diesen Gedanken wieder. Sie mußte versuchen mit ihrem Onkel in Kontakt zu treten.
Christina van Henning versuchte ihr Haar zu glätten und gab es dann auf. Sie kehrte zu der kleinen Lichtung zurück und zog sich ihre Sachen wieder an. Sandokan kehrte ihr den Rücken zu. Er hatte das Feuer wieder entfacht und briet ein paar Fische. Sie setzte sich ihm gegenüber hin. Er hielt ihr einen Holzspieß mit einem Fisch hin, den sie ergriff.
"Ich habe mir überlegt zu meinem Onkel ...zu Yanez zu gehen, solange die Lage hier noch nicht geklärt ist. Dann falle ich ihnen auch nicht länger zur Last."
"Das dürfte kein Problem sein. Yanez müßte Sarawak bereits erreicht haben. Wir werden ihn sicher in ein paar Tagen treffen."
"Woher wollen sie das wissen?"
"Wenn Yanez hört, daß wir durch die Sümpfe geflüchtet sind, wird er auch wissen, welchen Weg wir nehmen."
"Und was ist mit Verfolgern?"
"Die Briten trauen sich nicht in die Sümpfe. Sie verlieren immer die Orientierung, wenn sie sich zu weit reinwagen."
Es entstand eine längere Pause, in der Christina feststellte, wie hungrig sie gewesen war. Sie aß bereits den zweiten Fisch.
"Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie wir hierher gekommen sind?"
"Sie waren sehr erschöpft und die Feuchtigkeit in den Sümpfen hat sein übriges getan. Wenn sie sich besser fühlen, reiten wir weiter. Es wird nur langsam voran gehen, da wir nur ein Pferd haben."
Sie aßen zu Ende und löschten dann das Feuer. Ohne weitere Verzögerung rollte Sandokan die Decken zusammen und füllte noch einmal die Wasserflasche. Er saß auf und half ihr hoch.
"Ich hoffe es ist einigermaßen bequem."
"Ehrlich gesagt, ich bin schon bequemer gereist."
Das Gelände durch das sie kamen war recht hügelig und immer noch sehr dicht bewachsen. Teilweise mußten sie zu Fuß gehen.
"Was war das für in Palast, wo wir übernachtet haben?"
"Man nennt ihn den Tränenpalast. Erbaut vor 200 Jahren von einem Sultan, der dort den Sarkophag seiner Frau hinbrachte und dann den Palast überflutete."
Wie passend, dachte Christina. Und ein Anflug von Melancholie umspielte ihre Lippen. Vielleicht hatte ja Alexandre auch bei Ray eine Nachricht hinterlassen, oder Beth wußte näherers..und wenn nicht...es würde auch dann irgendwie weitergehen.
"Alles in Ordnung?" Sandokan hatte angehalten und schaute zurück. Christina hatte gar nicht bemerkt, wie sie immer langsamer geworden war und zurückfiel.
"Ja." antwortete sie knapp, aber so ganz schien er ihr das nicht zu glauben. Doch sie wich seinem forschenden Blick aus und er fragte auch nicht weiter.
"Erzählen sie mir etwas über Lady Dora. Geht es ihr gut?"
Die Frage kam recht unverhofft, und so dauerte es einen Moment bis sich Christina auf eine Antwort einstellen konnte.
"Ihr letzter Brief ist schon einige Wochen alt. Sie vermißt die Sonne, und war entrüstet, über das was hier vorgeht."
"Hat sie ihre Geschichte geschrieben?"
"Ja, das hat sie und sie ist auch veröffentlicht worden. Sie sind jetzt sehr berühmt in England und wer weiß, vielleicht schreibt sie ja noch ein Buch."
"Wenn sie ihr das vorschlagen, würde sie das wahrscheinlich wirklich machen. Ich wäre ihnen dankbar, wenn sie das nicht..."
Ein spitzer Schrei ließ ihn herumfahren. Christina war nach vorne gesprungen und klammerte sich an Sandokans Arm. Ihr Herz raste.
Sandokan hatte bereits halb seinen Säbel gezogen, entspannte sich aber wieder und ließ ihn stecken.
Zwischen den Büschen verschwand, Schutz suchend, eine handgroße schwarze Spinne.
"Die hätte ihnen nichts getan. Das war ein sehr junges Exemplar, ihre Beißwerkzeuge sind noch nicht richtig ausgebildet."
"Wie sieht dann erst das ausgewachsene Tier aus!?"
"Doppelt so groß."
"Ich wußte gar nicht, daß es solche Kreaturen hier gibt."
"Hat sich noch keine in ihr Haus verirrt? - Da hatten sie aber Glück!" Christina wedelte sich mit der Hand Luft zu. Ihr war mehr als schlecht. Sie hatte das Gefühl keinen Schritt mehr weiter gehen zu können. Ein kalter Schauer jagte über ihren Rücken. Sie erzitterte.
"Übrigens eine Delikatesse."
"Hören sie auf!" Sie schaute böse zu Sandokan hoch, der sich offensichtlich amüsierte. "Sie haben keine Angst einem Mann mit dem Degen entgegenzutreten, aber sie erschrecken sich zu Tode vor Spinnen!"
"Jeder hat seine Schwächen." Christina war immer noch ganz schlecht, wenn sie an dieses Ding dachte, das fast über ihre Füße marschiert wäre..
"Möchten sie eine Pause machen?" fragte er fürsorglich.
Christina spürte plötzlich seine Hand auf ihrer Schulter und ihr wurde bewußt, daß sie sich immer noch an seinen Arm klammerte. Am liebsten hätte sie ihn wie vom Blitz getroffen losgelassen, aber sie konnte nicht. Wie eine warme Welle durchflutete sie diese Berührung. Ihr ganzes Leben schien darin geströmt zu sein. Sie hob ihren Blick und schaute in Augen, in denen sie zu versinken drohte.
Mit plötzlichem Erwachen sahen sie einander an, deren tieferen Sinn und Deutung sie verstandesmäßig nicht erfassen konnten und ihnen wie mit göttlicher Gewalt gesandt worden war. Das Gefühl war plötzlich so wirklich wie die Sonne am Himmel, der Boden unter ihren Füßen...
Seine Hand strich über ihre Schulter, berührte ihr Haar und glitt über ihre Wange...Christina war nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatte das Gefühl zu schweben.
Seine Hand bleib auf ihrer Wange ruhen. Etwas änderte sich. Sein Blick, seine Augen, sie verloren an Tiefe, sie verloren ihren Glanz, sie wurden matt.
"Vielleicht sollten sie besser reiten." Er zog an dem Zügel des Braunen und wie in Trance ließ sie sich von ihm in den Sattel helfen. Sie starrte auf seinen Rücken und versuchte nachzuvollziehen, was da geschehen war, wie es dazu kommen konnte. Warum jetzt, warum hier, warum überhaupt?
Lag es daran, daß sie sich einfach nur irgendwo anlehnen wollte, oder war da mehr?
Nun, er war nicht unattraktiv.... Er war für einige ein Held, für die westliche Welt ein Verbrecher. Vielleicht war es der Reiz des Geheimnisvollen...? - Närrin! Du bis keine 18 mehr. Wenn das Dora passiert, ist das sicher verständlich, eine Schwärmerei für einen säbelschwingenden Piraten.
Was wäre passiert, wenn er ....sie geküßt hätte?
Christina spürte, wie ihr Herz wieder schneller schlug. Sie schloß die Augen und versuchte diese Vorstellung zu verbannen. Sie hatte vor nicht einmal zwei Tagen erfahren, daß sie nur ausgenutzt worden war, von dem Mann, den sie heiraten wollte, ihr Geliebter und Vertrauter hatte sich nicht gemeldet, hatte sie verlassen, gekränkt, oder aus Eifersucht und jetzt wurde ihr schwindlig bei dem Gedanken an...ihn... Es war schon schwierig für sie, seinen Namen nur zu denken.
Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie vielleicht begonnen hatte ihn ...anders zu sehen, aber bis zu diesem Augenblick, war sie sich dessen nicht bewußt... Es war wie das Erwecken aus einem Traum, oder hatte sie das eben nur geträumt? - Seinen Blick, der sie jetzt noch den Atem anhalten ließ, seine Berührung...nein, das war ganz sicher nicht nur Einbildung oder Wunschdenken gewesen und er wollte sie auch sicher nicht nur trösten, da war mehr... aber er hatte sie abgewiesen.
Soviel zu Ängsten....
sundown01"Sie haben uns umzingelt!"
"Wieviel sind es?"
"Schwer zu sagen. Der Gouverneur hat die Truppen von ganz Sarawak alarmiert. Das heißt, es könnten ständig neue Einheiten dazustoßen."
"Warum dieses Aufheben um ein paar Flüchtlinge?"
"Er wird ein Exempel statuieren, um das Land unter seine Knute zu zwingen und Sandokan damit zu einem offenen Kampf fordern."
"Ich kann mir nicht vorstellen, daß die britische Regierung tatenlos zuschaut, immerhin war ihre Politik in den letzten Jahren sehr tolerant."
"Das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Wir können nicht warten, bis der Gouverneur noch mehr Truppen heranzieht. Wir werden angreifen, von verschiedenen Seiten."
"Mit all' den Frauen und Kindern?!" Ray Park starrte den kräftigen Mann mit dem kurzen braunen Haaren und dem gestutzten Vollbart aufgebracht an, dessen Blick in Richtung der feindlichen Linien ging, die sich außerhalb des kleinen Felsentales sammelten.
"Mich würde interessieren, wer ihnen dieses versteckte Lager gezeigt hat?!" Li Lian Jie verschränkte die Arme vor die Brust und starrte mißtrauisch von einem zum Anderen. Er war vor zwei Tagen mit Waffen und Munition hier angekommen, um sie in den natürlichen Höhlen zu lagern und sich hier mit Sandokan zu treffen.
"So wie es in den Reihen der Briten Spione gibt, so gibt es auch in den Reihen von Sandokan welche." Der große Mann mit den langen schwarzen Haaren und der auffälligen Hautfarbe stand unbeweglich neben Li. Seinen Augen entging nichts, was sich außerhalb des kleinen Felsenringes, der ihnen einen einigermaßen Schutz gab, abspielte. "Bisher sind es 40 bewaffnete Männer. Wenn wir eine Chance haben, dann nördlich. Dort sind die Reihen der Feinde offen und es ist der kürzeste Weg in den tiefen Dschungel, wo eine Verfolgung schwierig werden wird für die Weißen. "
"Ulzana hat recht. Wir müssen uns den Weg freikämpfen, andernfalls können wir uns höchstens für drei Tage halten, mit den Vorräten, die wir haben. Und wir wissen nicht, wo Sandokan ist und ob sie uns rechtzeitig erreichen." Der bärtige Mann aus Sematan, der kurz vor den Briten mit einer Gruppe aus einfachen Landarbeitern hier eintraf, ließ seine zusammengekniffenen Augen, in denen das Glimmen der Schlacht loderte, über die Männer neben ihm gleiten.
"Und wie sieht dein Plan aus, Maximus?" fragte Ray Park.
"Wir teilen uns in drei Gruppen, aber nur die nördliche wird versuchen den Feind soweit wie möglich lautlos zu umgehen und eine Schneise freikämpfen, durch die die Frauen und Kinder entkommen können. Li, Ulzana und ich führen die nördliche Gruppe, Ray, du nimmst die südliche, Tialc, die westliche." Als einstiger General einer Armee, unter einem König dem er seine Dienste verweigerte, da der durch Vatermord an die Macht gekommen war und als Strafe Maximus Frau und Sohn ermordete, wußte er, daß es unmöglich war, sie alle zu retten... "Verteilt die Waffen und die Munition. Sobald alle bereit sind, werden wir losschlagen."
Die Männer kletterten von dem kleinen Felsengrat, daß das Tal umschloß und nur einen kleinen Durchgang offenließ. Ein ideales Versteck, da niemand hier Höhlen vermutete, aber in diesem Fall, war es zu einem tödlichen Hinterhalt geworden.
Jemand gesellte sich neben ihn und teilte seinen Blick über die vor ihm liegenden offenen Baumwälder und Buschpflanzen, die zu weit auseinanderlagen, um wirklich geeigneten Schutz zu finden.
"Wir haben die gleichen Gedanken, mein Freund." sprach Ulzana Maximus an, den er länger kannte als Sandokan. Gemeinsam waren sie mit dem gleichen Schiff über das Meer gekommen, wo es sie in dieses Land verschlagen hatte.
"Ja. Wir werden nicht alle durchbringen!"
Maximus ging in die Hocke und seine Hand griff in den warmen weichen Sand, zerrieb ihn zwischen den Handflächen. Er richtete sich wieder auf und sein Blicke aus zusammengekniffenen Augen, schweifte über die scheinbar friedliche, unberührte Natur, in die sich der Feind wie die Pest verkrochen hatte und nur darauf wartete, zuschlagen zu können, um Leben zu zerstören.
"Auch wenn wir diesen Kampf nicht gewinnen können, so sind die Zeichen deutlich auch für die Weißen sichtbar. Lange werden sie dieses Land nicht mehr beherrschen." sagte Ulzana stolz und bestimmt. "Ein Volk sollte wissen, wann es besiegt ist."
Maximus schaute über die feindlichen Linien hinaus in eine unbestimmte Ferne..."Würdest du es denn wissen, Ulzana? - Oder ich...?"
sundown02Das Bad hatte gutgetan. Sie fühlte sich erfrischt. Von ihr aus hätten sie weiterreiten können, aber wenn es dunkel wurde, war das vielleicht nicht ganz so angenehm. Sie befühlte ihre Garderobe, die über einen Baum hing und schon fast wieder trocken war. "Wo sind wir?" fragte Christina van Henning spontan Sandokan, der die schattige Uferböschung des kleinen Sees heraufkam, was ihr eins ums andere Mal Gelegenheit gab, ihn etwas intensiver zu betrachten. Er hatte sich sein Hemd noch nicht angezogen und seine nassen Haare hafteten an der nackten Haut.
"Wir haben einen weiten Bogen um Kuching gemacht. Wenn wir weiter gehen, kreuzen wir die Straße nach Engkilili."
Es kommt mir vor, als hätten wir schon ganz Sarawak durchquert."
Christina bekam keine Erwiderung darauf. So in der Art waren die letzten Stunden verlaufen: Recht einsilbig. Er ignorierte sie.
Christina zuckte die Schultern und seufzte. Zumindest stand er genau in ihrer Blickrichtung und machte Anstalten sein Hemd anzuziehen. Schade, dachte sie, und rief sich innerlich, aber eher halbherzig, zur Ordnung. Es wäre sicher besser für sie, sich der Schönheit der hiesigen Flora zuzuwenden, anstatt der männlichen Wesen, die sie durchstreiften, aber trotz alledem: In dem sie vorgab ihre Sachen glatt zu ziehen, schaute sie mit halbgesenktem Blick zu ihm hin. Vielleicht sollte sie zu ihm hinübergehen?... Ein verschmitztes Lächeln glitt kurz über ihre Lippen und ließ ihre Augen aufleuchten. Du bist unverbesserlich, Christina van Henning! Vor 12 Stunden bist du noch in tiefem Selbstzweifel versunken gewesen und nun war sie voller Euphorie...
"Bleiben sie wo sie sind, bewegen sie sich nicht!" zischte Sandokan ihr zu und statt seines Hemdes anzuziehen, welches er achtlos beiseite warf, griff er zu seinem Kris.
"Was ist los?`" fragte sie stirnrunzelnd.
Er legte den Finger an die Lippen und drehte sich langsam im Kreis. Seine Augen durchforschten das Dickicht des sie umgebenden Dschungels.
Christina folgte seinen Bewegungen, nichts rührte sich und ... alle Geräusche waren verstummt. Nicht ein Tierlaut war mehr zu hören.
Diese Stille war unheimlicher, als die fremden zwitschernden, zirpenden und brüllenden fernen Laute, die sonst durch diese undurchdringlichen Wälder schallten.
Ihr Pferd tänzelte unruhig hin und her. Christina zog die Decke, die ihren fast hüllenlosen, noch feuchten Körper bedeckte, fester um sich, als hätte sie damit einen größeren Schutz vor was oder wem auch immer.
Sandokan kam langsam in geduckter Haltung zu ihr rüber. Ein kaum wahrnehmbares Rascheln der Blätter, ließ seinen Blick herumfahren.
Hoch erhobenen Hauptes, geschmeidig, majestätisch, wie über den Boden schwebend, eine Pranke vor die andere setzend, betrat ein ausgewachsenes Exemplar eines Tigers die kleine Lichtung.
Christina stand genau zwischen Sandokan und diesem gewaltigen Geschöpf, daß sie aus vier Metern Entfernung beäugte. Sie mußte an sich halten, um nicht sofort die Flucht zu ergreifen. Statt dessen lehnte sie sich nach hinten an den Ast, wo ihre Kleider drauf hingen und verfluchte diesen Tag.
"Schauen sie ihm in die Augen, Christina." flüsterte Sandokan "Weichen sie seinem Blick nicht aus. Er ist nicht auf der Jagd, sonst hätte er längst angegriffen." Sandokan bewegte sich langsam zwei Schritte vorwärts. Der Tiger blickte in seine Richtung und schüttelte sein mächtiges Haupt, veränderte aber weder vorwärts noch rückwärts seine Position.
Sandokan bleib stehen. Er wußte, daß eine falsche Bewegung sofort zu einem Angriff führen konnte. Sie befanden sich vielleicht in seinem Revier, an seinem bevorzugten Ruheplatz, an seiner Wasserstelle, oder er war einfach nur neugierig gewesen.
Christina blickte in ein Paar bernsteinfarbene Augen, die sie zurück anstarrten, zu mustern schienen, abschätzend, ob sich diese Beute lohnte, kam es ihr in den Sinn. Mit einer Klarheit, so als wenn sie eine Situation beschreiben würde, ohne daran beteiligt zu sein, wußte sie, daß sie keine Chance hatte, wenn das mächtige Tier sich überlegte, sie anzufallen.
Die Katze schüttelte ihr mächtiges Haupt und Christinas Herzschlag setzte für Sekundenbruchteile aus. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren und schien wie erstarrt. Ihre Gliedmaßen spürte sie nicht mehr, auch nicht den unebenen Ast, gegen den sich ihr Rücken drückte.
Das Geschöpf des Dschungels traf eine Entscheidung. Abrupt wandte sich das mächtige Tier ab und verschwand wie eine Fata Morgana zwischen den Blättern, so als wäre es nie dagewesen.
Es dauerte drei Sekunden bis Christinas Bewußtsein registrierte, daß der Tiger verschwunden war. Sie holte tief Luft, so als wäre sie am Ertrinken gewesen. Ihr war ein wenig schwindelig und ihre Beine drohten unter ihr nachzugeben. Die Decke, die verborgen hatte, daß sie nur ihr Unterkleid trug, fiel achtlos zu Boden. Sie griff mit der Hand an den Ast hinter sich. Sandokan fing sie auf.
"Alles in Ordnung, er ist weg."
Christina schloß für einen Moment die Augen, als sie seinen sicheren Halt spürte.
Die normalen Geräusche des Dschungels umgaben sie wieder und sie hatten sich nie so wunderschön und friedlich angehört, wie jetzt. "Habe ich das nur geträumt? - Das wird mir niemand glauben!" brach es aufgeregt aus ihr heraus.
"Dann hätten wir beide geträumt." Sandokan lächelte leicht.
Sie schaute in seine Augen. Sie versuchte darin zu lesen, was sie zu ihr sagten. Sie spürte plötzlich ihre Hände, die auf seiner entblößten Brust ruhten. Sie spürte seinen Herzschlag, jeden Atemzug, den er tat. Etwas in ihren Ausdruck mußte sich dermaßen verändert haben, daß er fragend die Augenbrauen hob, aber sie gab ihm nichts, worauf er hätte mit Worten antworten können. Statt dessen musterte sie immer wieder den Teil von ihm, den sie sehen konnte, seine Augen, seine Lippen, die immer einen leicht spöttischen Zug zu haben schienen, seine breiten Schultern, die starken Arme, seine kräftige Brust... Sie zog mit dem Finger eine schmale Narbe nach. Sein starrer Blick folgte ihrer sanften Berührung.
Christinas Augen schauten zu ihm auf. Langsam lehnte sie sich an ihn. Ihre Hände umschlossen seinen Nacken. Sie hob ihren Kopf, beugte sich ihm entgegen. Ihre Lippen öffneten sich und berührten mit leichten Druck die seinen, nur kurz, kaum merklich. Seine Augen spiegelten eine rätselhafte Unruhe wieder.
Sie lehnte sich fester an ihn und ihre Lippen verweilten diesmal länger auf den seinen. Mit einer Kraft, die ihr den Atem raubte, spürte sie plötzlich den festen Druck seiner Hände in ihrer Taille, seine Lippen, die fest die ihren umschlossen und zu mehr einluden.
Schwindel erfaßte sie. Ihr Atemzüge wurden schnell und kurz. Sie spürte seine Erregung, ihre eigene...Und plötzlich lösten sich seine Lippen von den ihren und sein Körper entzog sich ihr.. Verwirrt und vollkommen gefangen im Taumel ihrer Empfindungen blinzelte sie ihn an.
Er atmete schwer, seine Augen glitten an ihr hinab und verweilten dann auf ihren Gesicht, dessen Konturen er mit seinen Blicken nachzog. Seine Finger berührten ihre Lippen ...zogen sie dann, als hätte er sich verbrannt, zurück. Er trat rückwärts und wandte sich um. Schritt dorthin, wo sein Hemd achtlos auf dem Boden lag.
Plötzlicher Zorn erfaßte Christina. Oh nein, dachte sie, so nicht!
"Wovor hast du Angst? - Deine Gefühle zu zeigen, ihnen freien Lauf zu lassen, sie nicht mehr kontrollieren zu können?" Sie ging ihm nach, voller Empörung über diese Narretei, mit denen er sich und anderen wehtat. Wenn er meinte, sie würde das auf sich beruhen lassen, so hatte er sich getäuscht. Das würde sie jetzt bis zum Ende ausfechten, egal wie es ausgehen würde.
"Der große Tiger von Malaysia! Barmherzig, gerecht, kämpft für die Unterdrückten und dann spielt er mit den Gefühlen anderer, ohne sich bewußt zu sein, wie verletzend er ist. Wenn die Liebe ein Gegner wäre, den man mit dem Schwert bekämpfen könnte, hättest du alles daran gesetzt sie zu vernichten. Aber Gefühle kann man nicht so ohne weiteres auslöschen und kontrollieren, verbannen, vergessen. Das müßtest du doch am besten wissen?!"
Er drehte ihr den Rücken zu, hielt sein Hemd locker in der Hand.
Christinas Stimme wurde ruhiger, aber nicht weniger eindringlich. "Du hast sie geliebt und sie hat dich über alles geliebt, so sehr, daß sie ihr Leben für deines gegeben hat. Sie hat entschieden, daß dein Leben weitergehen soll, aber du hast vergessen zu leben. - Hast du dich gefragt, ob sie es nachvollziehen kann, wie du lebst? Hätte sie es so gewollt? Daß du nur dem Haß nachjagst und der Rache? Was ist mit Freude, Glück und Liebe, die Dinge, die Mariannas Leben erfüllt haben, für die sie gestorben ist? Ehrst du so ihr Andenken?"
Sandokan wandte sich langsam zu ihr um. Abschätzend musterte er sie. "Das kannst du nicht beurteilen."
Christina trat näher auf ihn zu und stemmte die Hände provozierend in die Hüften. "Aber du kannst es beurteilen? - Du, dessen Gedanken nur beim Tod sind, die nur zurückschauen, statt nach vorne, aus Furcht wieder verlieren zu können, was einem lieb und teuer ist! Aber das ist das Leben, Sandokan, und es ist das, was uns stark macht, trotz alledem aufzustehen und weiterzumachen, was auch geschehen ist. Aber ein Teil von dir tut das nicht, ein wichtiger Teil deiner Seele."
Seine Augen ruhten unverwandt auf ihr, aber hörten seine Ohren und sein Verstand auch was sie sagte? - Nichts, keine Regung, deutete darauf hin. Christina trat noch näher und berührte ihn leicht an der Schulter. "Egal was dir noch wiederfährt im Leben, egal, ob du Glück oder Schmerz empfinden wirst, Marianna wird immer ein Teil deines Lebens sein, deine Angst sie zu vergessen ist unberechtigt, das wird nie geschehen. So wie du ihr Leben verändert hast, so hat sie dein Leben verändert und ein Teil von ihr wird immer in dir sein, egal wo du bist und was du empfindest, und niemand und nichts wird dieses Gefühl für sie in dir zerstören können."
Sein Blick schien sie überhaupt nicht zu erreichen oder weit in die Ferne zu gehen... Ja...das war es dann wohl. Die dunkle Wolke in Christina hatte sich verzogen und war einem diffusen Etwas gewichen, daß sie selber noch nicht einzuordnen wußte. Jedenfalls gab es nichts mehr zu sagen und ob sie etwas damit bewegt hatte, konnte sie auch nicht feststellen. Zögerlich zog sie ihre Hand zurück. Dabei fiel ihr auf, daß sie ja immer noch in ihrem Unterkleid hier herumlief. Sicher nicht sehr passend für ein solches Gespräch.
Sie wandte sich um. Vielleicht hatte sie ja mal wieder zuviel gesagt, aber nun war es zu spät, passiert, es sollte halt so sein...
Sie spürte einen festen Griff an ihrem Arm, ihre Füße bewegten sich automatisch in die gezogene Richtung. Bis ihr klar wurde, was da geschah, spürte ihr Mund bereits die intensive Berührung von Lippen auf den ihren. Kräftige Hände legten sich um sie und zogen sie gegen einen warmen, festen Körper.
Ihre Finger glitten über seinen Rücken, versuchend ihn noch näher an sich zu ziehen. Ein kurzer Gedanke kämpfte sich durch eine neblige Wolke, die alles um sie herum vergessen ließ.. 'Wo sollte das hinführen?'... zerschmolz aber wie Schnee unter den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, als seine Lippen ihren Nacken berührten und seine Hände den Weg von der Taille abwärts fanden.
Christina hatte das Gefühl ein Feuer würde in ihr brennen. Ihre Hände glitten an dem Band seiner Hose entlang, bekamen das Ende zu fassen und zogen daran... Er ergriff ihre Handgelenke, hielt sie zurück, suchte ihren Blick, forschend, fragend, ob sie so weit gehen wollte... Natürlich wollte sie, und sie konnte auch jetzt nicht mehr anders, ob es richtig war, war eine andere Sache, die aber jetzt gar keine Rolle spielte.
Christina lehnte ihren Kopf an seine Schulter, befreite sich aus seinem Griff und ihre Hände umspielten seine kräftigen Bauchmuskeln und strichen sacht an seinem Hosenbund lang, ergriffen abermals die Enden des Bandes und zogen leicht daran. Christinas Blick suchte den seinen, der ihr Gesicht entlangglitt, während sie unablässig den Knoten aufzog. Ein kleiner Widerstand zeigte ihr, daß sie das Ende des Bandes erreicht hatte und es sich öffnete. In dem Moment zog er sie an sich und ließ sie sanft zu Boden gleiten.
Sandokan beugte sich über sie. Seine Lippen berührten ihre Schläfen, küßten ihre Augenlider und fanden sich auf ihrem Mund wieder, öffneten ihre Lippen.
In ihrem ganzen Leben hatte Christina noch keinen so leidenschaftlichen Kuß erlebt. Ihre Zungen vereinigten sich in wilder ungestümer Lust und verweilten in fast vorsichtigem Kontakt. Ein Beben durchlief ihren Körper. Sie spürte nicht die harte Erde unter sich, den unebenen Boden, sie spürte nur ihn...
sundown01Sein Kurzschwert wirbelte im Strahl der untergehenden Sonne herum und schlitzte, ohne daß der Soldat noch einen Gedanken an einen tödlichen Schrei verschwenden konnte, seinen Bauch auf. Er hieb mit der gleichen Drehung dem nächsten Gegner seinen Ellenbogen ins Gesicht und durchtrennte dessen Halsschlagader. Er drehte sich langsam im Kreis. Nichts war mehr auszumachen in dem diffusen Licht zwischen den Bäumen. Irgendwo weiter vorne war Ulzana und auf seiner linken Seite war Li im Dschungel verschwunden. Die Nachhut bildete Haako mit seinen Leuten. Von fern hörte man den Kampflärm, den die beiden anderen Gruppen machten.
Maximus gab ein Handzeichen. Langsam und mit blassen Gesichtern schoben sich die Frauen und Kinder an ihm vorbei, den Blick abgewendet von den toten Soldaten, deren Blut die trockenen Erde tränkte. Maximus blickte sich um, wo war Haako geblieben, er sollte doch den Schluß bilden. Er lief geduckt zurück. Plötzlich stürmte Li aus dem Gebüsch neben ihm, sprang über ihn hinweg und verschwand hinter einem Strauch, nur um gleich drauf wieder herauszustürzen, mit blutigem Säbel in der Hand. "Eine Falle Maximus. Sie haben nur auf uns gewartet!" Maximus hastete hinter den Flüchtlingen hinterher "Lauft in den Dschungel. So schnell ihr könnt!"
Da erschollen auch schon die ersten Gewehrsalven, sie kamen links und rechts aus den Bäumen. Maximus und Li warfen sich auf den Boden. Die Soldaten stürmten auf sie zu. Darauf hatte Ulzana nur gewartet. Der große Mann stand urplötzlich hinter ihnen und fegte drei von ihnen von den Füßen. Maximus stürmte ihm entgegen. Ohne seinen Schritt zu verlangsamen, streckte er jeden nieder, der sich ihm in den Weg zu stellen wagte. "Hier entlang!"
Kreischend und schreiend liefen die Frauen mit ihren Kindern zurück in seine Richtung. Einige stolperten und fielen. Ihre Gebeine würden für immer an diesem Ort ruhen. Zeugnis sinnlosen Abschlachtens.
Maximus wich dem Stoß eines Degens eines berittenen Reiters aus, griff in die Klinge und zog ihn kurzerhand vom Pferd. Ohne Mitleid stieß sein Schwert in das Herz des Gegners. Er duckte sich, als er ein Sausen hörte und stach unter seinem linken Arm hindurch sein Schwert einem Feind in den Unterleib, der erstaunt nach vorne überkippte.
Maximus folgte den Flüchtenden. Li fand sich an seiner Seite wieder. Der Dschungel wurde dichter, ein Fortkommen schwieriger. Hinter sich hörten sie das Laufen und Keuchen ihrer Gegner, die Schwierigkeiten hatten, in dem dunkler werdenden Tageslicht, geblendet von der untergehrenden Sonne, nicht die Orientierung zu verlieren.
"Wie viele haben wir verloren?" fragte Maximus Li, dessen weite Robe zerrissen und blutig war.
"Und wenn es nur einer wäre, so wäre es einer zuviel." Der Chinese blickte in das starre Gesicht von Maximus, welches aus Stein gemeißelt schien.
Sie wurden langsamer. Die umgeknickten Pflanzen vor ihnen wiesen ihnen den Weg, den Ulzana die kleine Gruppe von einfachen friedlichen Menschen geführt hatte. Sie holten ein paar Nachzügler ein, die sich einfach an einen Baum gelehnt hatten und nicht mehr weiter wollten. Sie trieben die Frauen und Männer an, die wohl nichts mehr zu verlieren hatten, da alles, was ihnen etwas bedeutet hatte, vor wenigen Minuten genommen worden war.
Sie erreichten eine kleine Lichtung, wo Ulzana die wenigen Überlebenden um sich geschart hatte.
"Weniger als die Hälfte!" flüsterte Maximus und schaute in ausdruckslose Gesichter. "Wir werden weiter gehen, bis wir gar nichts mehr sehen können. Ulzana, du übernimmst die Führung."
"Es ist gleich dunkel Maximus und das Gebiet ist von Sümpfen durchzogen."
"Wir haben keine andere Wahl."
Die Gruppe setzte ihren Weg fort, durch das Labyrinth aus Bäumen und Sträuchern, die wie Arme nach ihnen griffen und unheilvolle Schatten warfen.
Eine Bewegung am Rande seines Gesichtfeldes ließ Maximus herumfahren und in Angriffshaltung gehen. Durch das Dickicht kam Haako ziemlich lautstark auf ihn zugestapft.
Li zog verächtlich die Brauen in die Höhe.
Maximus entspannte sich "Wo warst du Haako?"
Ganz außer Atem antwortete der hagere Mann: "Meine Leute sind alle tot. Plötzlich waren überall Soldaten..."
"Was ist das?" Li zog einen halboffenen Beutel aus Haakos Hose, aus dem es verführerisch glimmte. Der Lederbeutel fiel auf den Boden und Goldstücke landeten im Sand.
Haako bückte sich und sammelte sie hastig ein. "Die habe ich gefunden...bei einem Soldaten!"
"Es ist mir neu, daß der Sold bei den Briten so gut ist!" erwiderte Li zynisch.
Maximus schaute angewidert auf den Mann, der hektisch nach seinem Gold schnappte. "Wofür hast du es bekommen? - Hast du ihnen gesagt, was wir vorhaben? Für ein paar Goldstücke!?" Der Spanier trat auf die Finger des Mannes, der gerade nach einem Stück Metall zu Maximus Füßen greifen wollte. Er jaulte jämmerlich auf und krümmte sich wie ein Wurm.
Li zog seinen Säbel "Dort wo du jetzt hingehst, wirst du es nicht mehr brauchen!".
Haako blinzelte sie beide an und eine plötzliche Wut stand in seinem Gesicht. Etwas blitzte in seiner Hand und es war kein Goldstück. Er warf sich nach vorne und ein Messer durchdrang die Brust von Maximus und ließ ihn zurücktaumeln. "Für dich, bekam ich es!" schrie Haako noch, als bereits ein Schwall Blut aus seinem Mund strömte und eine Klinge seine Kehle von hinten durchstieß.
Maximus ging in die Knie. Ein stechender Schmerz ließ ihn das Luft holen schwer werden. Vor seinen Augen tanzten bunte Kreise. Kräftige Hände hoben ihn hoch und lehnten ihn gegen einen Baum. Er sah das Gesicht von Ulzana, der sich über ihn beugte, seine Lippen bewegten sich, Maximus bemühte sich, ihn zu verstehen, aber da war nur ein Rauschen... Und plötzlich, hinter all diesen Eindrücken erspähte er das Sonnenlicht auf einer alten Ziegelmauer... er sah ein schwarzes Holztor in der Wand...das Tor öffnete sich nun auf ein Feld jenseits davon... er streckte die Hand aus....Starke Finger umgriffen sie, er hörte seinen Namen, blinzelte...
"Maximus, du mußt ruhig liegen bleiben." Ulzana beugte sich über ihn und untersuchte die Wunde, aus der er das Messer gezogen hatte. Es hatte die Lunge durchstoßen. Er verblutete innerlich und Ulzana las in den Augen seines Freundes, der ihn anlächelte, daß er es wußte.
"Ulzana, mein Freund, es ist vorbei."
Maximus sah seine eigene Hand auf der Tür aus schwarzem Holz und schob sie auf...das sonnenwarme Weizenfeld, die gewundene Landstrasse neben der Zypresse...vor ihm ging eine Frau, und ein Kind lief...sie schauten zurück, seine Frau lächelte warm...die Geräusche der Füße des Kindes auf der Straße drangen als Echo an seine Ohren und...erinnerten ihn an etwas, was er noch vergessen hatte...
Ein schwerer Atemzug hob seine Brust. "Ulzana ..." flüsterte er "...bring die Leute nach Hause... und sage Sandokan...sage ihm, er soll es beenden..."
Maximus ging durch das Weizenfeld und ließ die Halme der prallen Ähren durch seine Finger streichen...Die anmutige Frau blieb stehen und drehte sich um. Sie rief ihren Jungen, der ebenfalls stehenblieb und zurückschaute. Dann lief er auf der Straße zurück, auf den Mann im Weizenfeld zu, seinen Vater, der endlich heimgekommen war.
Maximus Decimus Meridas' Augen brachen. Ulzana ließ die kraftlos gewordene Hand des Freundes los und schloß ihm die Lider. "Wir sehen uns wieder, mein Freund. - Aber noch nicht gleich!"
sundown02Es wurde langsam hell. Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über den Horizont. Sandokan saß auf einem Stein am Ufer des kleinen Sees, der von einem aus den Felsen kommenden Wasserfall gespeist wurde und irgendwo unter den Felsen wieder verschwand, um erneut irgendwo ans Tageslicht zu treten und andere mit seinem kühlen Naß zu erfreuen, oder für immer in der Dunkelheit der Erde zu versickern... wie der Verlauf eines Menschenlebens, mal stürmisch, mal ruhig, mal tief oder flach, oder schnell endend.
Nur das der Lauf des Flusses sich nur sehr langsam änderte, um einen neuen Weg zu finden, während der des Menschen von einer Sekunde zur anderen, in eine andere Richtung schwenken konnte...
Es wurde Zeit, sie mußten weiter.
Sandokan erhob sich und trat hinüber zur Schlafstelle.
Sie schlief immer noch. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Die Decke bedeckte kaum ihre Schultern. Er betrachtete sie. Sie hatte ihn überrascht und überlistet, daß mußte er zugeben, aber... es war gut so...
sundown01Es war schon interessant, wie akribisch einige Leute ihre Papiere ordneten, zumal es sich um private Aufzeichnungen handelte, hauptsächlich um Einnahmen, sehr hohe Einnahmen, sehr sporadisch....
"Was machen sie da?" Jerry Binks war mit einem Stapel Papieren im Arm in das kleine Büro, das in einem Seitenflügel des van Henningschen Gutshauses lag, eingetreten und blieb nun wie angewurzelt in der Tür stehen.
Der große dunkelhäutige Mann, der seine Füße auf seinem Schreibtisch hatte und sich gemütlich in seinen Sessel zurücklehnte, schaute gelassen auf und legte die in der Hand gehaltenen Zettel achtlos zur Seite. Selbstgefällig musterte er den Ankömmling, so als wäre nicht er der Eindringling, sondern das bläßliche, dünne Männchen in der Tür.
"Ich habe auf euch gewartet." antwortete seine tiefe, dunkle Stimme, die sein Äußeres mit den schwarzen Haaren und dunklen Augen noch unterstrich.
"Und was wollen sie?" fragte Binks und sein Blick glitt wie suchend durch den Raum.
"Sie!"
Ein unsicheres Lächeln huschte über die Gesichtszüge des Verwalters der van Hennings Plantagen. "Und wie kann ich ihnen behilflich sein?"
Der Fremde beugte sich nach vorne. Dunkle Schatten fielen von der Öllampe auf seine markanten Gesichtszüge. "Den Namen dessen, der hinter dem Sklavenhandel steckt und den Gouverneur ermordet hat."
"Und da kommen sie zu mir!?" Jerry Binks hatte seine Fassung wiedererlangt und machte ein paar Schritte zur Seite. Er legte den Papierstapel auf einen Stuhl. So hatte er die Hände frei und konnte notfalls schneller flüchten. "Ich bin hier nur der Verwalter, teile die Arbeit ein und kümmere mich um die Verschiffung."
"Unter anderem auch um die von menschlicher Ware. Und sie haben vergessen, daß sie der Geldbote sind."
"Nun, in diesem Fall hat man ihnen einen Bären aufgebunden, guter Mann!" Mr. Binks tat so, als würde er ganz geschäftig in den Papieren etwas suchen. Und hielt abrupt, zu abrupt inne, als ein Name fiel.
"Tunik! - Der Name sagt ihnen was? - Sie haben ihm Geld angeboten für sein Schweigen. Sie brauchen ihn übrigens nicht zu suchen, er und seine Familie sind außerhalb ihres Einflußbereiches in Sicherheit. Und natürlich Captain Hutt, den ihr Kompagnon umgebracht hat, um den es aber nicht allzu schade ist. Ja, ich möchte sogar sagen, daß er damit den Menschen einen Dienst erwiesen hat."
"Ich weiß nicht wovon sie reden. Und wenn sie nicht augenblicklich diese Haus verlassen, muß ich die Soldaten holen lassen!" Jerry Binks hatte sich zu seiner vollen Größe erhoben und funkelte den Mann selbstsicher an.
"Gut, dann gehen wir." Der Mann erhob sich hinter dem Schreibtisch, was seine Erscheinung noch imposanter machte.
"Ich gehe nirgends hin." kreischte Jerry Binks hysterisch und wich zur Tür zurück.
"Auch gut, dann werdet ihr hier sterben."
Der große Mann zog sein Messer.
Jerry Binks schrie auf und wandte sich zur Tür. Er kam nur zwei Schritte weit, dann durchlief Schmerz seine Schulter und er wurde an die Tür gestoßen, nicht in der Lage sich davon zu befreien.
Ein Messer hatte sein Schulter gestreift, den edlen Stoff seiner Jacke durchstoßen und ihn an die Tür genagelt. Mit Erschrecken sah Binks, wie sich auf dem hellgrauen Stoff ein dunkelroter, immer größer werdender Fleck bildete.
Der dunkelhäutige Mann näherte sich langsam. "Noch habt ihr die Wahl, hier zu sterben, oder euer Geständnis mit allen Namen auf ein Blatt Papier zu bringen, welches euch als reuigen Mittäter ausweist und somit vor den britischen Gerichten wohlwollend berücksichtigt wird." Er beugte sich zu dem um einen Kopf kleineren Mann herunter, der wohl noch weiter in die Knie gegangen wäre, wenn er gekonnt hätte. "Ihr werdet nicht gehängt werden, Mr. Binks." flüsterte er und seine Hand schoß vor und schnürte ihm die Kehle zu.
Jerry Binks schlug mit den Händen um sich, aber der Griff um seinen Hals war wie eine Eisenschlinge. Er keuchte und versuchte jedes bißchen Luft, daß er noch bekam in seine Lungen zu pumpen. Bunte Ringe tanzten vor seinen Augen, ihm schwindelte. Dann war die eisenharte Umklammerung plötzlich weg.
Jerry Binks hustete. Unerwartet hatte er auch wieder Bewegungsfreiheit. Das Messer, was ihn an die Tür genagelt hatte, war verschwunden und er sank fast auf die Knie. Der Fremde griff nach ihm und schleuderte ihn hart durch den Raum. Schwer prallte er gegen den Schreibtisch und schrie auf, als seine Schulter mit der harten Kante in Berührung kam. Wieder wurde er unsanft weiter geschoben und landete auf seinem Sessel. Der Fremde drückte ihm einen Federhalter in die Hand und donnerte ein Blatt Papier vor ihn auf den Tisch.
"Schreibt den Namen auf!"
"Ich habe keine Ahnung, ich weiß gar nicht was ihr wollt...." wimmerte Jerry Binks und sein verschwommener Blick suchte nach einer Möglichkeit zu entfliehen.
"Ich werde euch helfen: Der Mörder von Gouverneur Gowron..."
"Woher soll ich das wissen?!" jammerte Binks und sein Kopf sank fast auf das Papier vor ihm auf den Tisch. Blut rann aus seiner Nase und benetzte es. Mit Erschrecken folgte sein Blick dem roten Faden, der aus seinem Gesicht floß.
"Ich habe genug Beweise, die euch der Mittäterschaft für schuldig erklären oder sogar als Haupttäter darstellen könnten. Somit würde euer Geldgeber davon kommen, während ihr in der Hölle eures Gottes schmort."
"Ich hab nichts mit alledem zu tun und ich weiß überhaupt nichts. Wollt ihr mich auf Grund von billigem Gerede anprangern..?"
"Genauso, wie ihr es auch macht!"
Jerry Binks schaute auf, blickte in das steinerne Gesicht seines Besuchers. "Wer seid ihr überhaupt..."
"Hiroyuki Tagawa."
Etwas wie nachdenkliches Erkennen blitzte in den Augen von Binks auf.
"Ich bin immer da, wo es ein Kopfgeld zu erlangen gibt und die britische Regierung ist sehr großzügig, wenn es um ihr Ansehen geht." Tagawas Gesicht schob sich auf Binks zu, der immer weiter zurückwich. "Niemand ist mir bisher entkommen. Ich liefere alle aus, ob tot oder lebendig..."
"Ich habe nichts damit zu tun..." jaulte Jerry Binks.
Tagawa lachte dröhnend. "Das hättest du dir vorher überlegen sollen. "Deine üblen Machenschaften mit Mr. van Henning vor ein paar Jahren, die die Plantage hier erst zu dem gemacht haben, was sie ist, und vielen die Existenz kostete, sind nicht unbeachtet geblieben. Du hast viele Namen benutzt mit deinen Betrügereien in Singapur, wo dich Mr. van Henning aufgabelte. Willst du immer noch sagen, du bist unschuldig? Ein kleiner ehemaliger Schauspieler...?"
Ein schiefes Lachen zierte Jerry Binks Gesicht: "Und das müßt ausgerechnet ihr sagen? Was man so hört, habt ihr ganze Familien ausgerottet, nur wegen einer Ehrenschuld, die dann noch ein Mißverständnis war."
"Aber ich stehe hier auf der richtigen Seite, und ihr auf der falschen. - Schreibt!"
"Da könnt ihr lange warten."
"Nur so lange, bis ihr verbrannt seid."
Hiroyuki griff nach der Öllampe und warf sie an die gegenüberliegende Wand. Das auslaufende Brennmaterial lief an der rauhen Wand herab und die Flammen folgten ihm züngelnd hinterher, erreichten den Fußboden und griffen gierig nach allen Seiten. Jerry Binks wollte aufspringen, starrte aber statt dessen in ein Messer, was auf seine Brust zielte.
"Ihr könnt euch die Richtung aussuchen: In die Richtung meines Messer oder in die andere, wo das Feuer euch erwartet."
Jerry wählte keines von beiden, sondern blieb sitzen und starrte auf die sich dem Schreibtisch nähernden Flammen. "Ihr werdet mitverbrennen."
"Ich brauche nur aus dem Fenster zu springen und das wäre auch der Weg, den wir nehmen, wenn ihr euch entschließt zu schreiben."
Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn des Plantagenverwalters, ob sie nun von der spürbaren Hitze waren oder eine Angstreaktion. Schon stoben einzelne Flammen durch das trockene Holz und die vielen Unterlagen auseinander und Funken trafen den Schreibtisch, die Jerry hastig ausklopfte und von Hiroyuki nur ein mitleidiges Lächeln erntete.
Mit einem spitzen Schrei hob er seine Füße. Der Boden unter dem Schreibtisch hatte Feuer gefangen. Wild trampelte er darauf herum, aber immer neue Flammen griffen nach dem noch unversehrten Holz wie ein wildes, ausgehungertes Tier.
Ein Funken landete auf seinem Arm. Die kleinen Flammen sogen gierig an dem dünnen Stoff. Jerry Binks klopfte sie aus.
Mit zitternden Händen griff er nach dem Papier und begann bruchstückhaft zu schreiben.
"Der Name und was er getan hat!" schrie Jerry durch das tosende Knistern, was bereits an der einen Seite den Schreibtisch erreicht hatte.
Hiroyuki griff nach dem Papier und studierte die wenigen Zeilen.
"Was ist?!" schrie Binks nervös.
"Deine Unterschrift fehlt." Tagawa reichte ihm eiskalt das Schreiben zurück, während Binks ihn entgeistert ansah und anfing hysterisch zu kichern. "Meine ...Unterschrift...fehlt!"
Mit großer Anstrengung konnte er sich kaum auf die Buchstaben konzentrieren. Dann wurde er plötzlich aus dem Sessel gerissen, dessen seidiger Stoff und die Polsterung in einem Flammenmeer explodierte.
Hiroyuki verstaute den Zettel unter seiner Weste, ergriff Binks am Kragen und zog ihn zum Fenster. Er trat dagegen und warf Binks raus, sprang hinterher, bevor ihn die nach Sauerstoff gierenden Flammen durch das Fenster folgten.
Der Kopfgeldjäger verlor keine Zeit darauf zu achten, wie das Feuer an der Hauswand hochschlug, wie aus verschiedenen Richtungen Leute angerannt kamen.
Er verschwand mit Jerry Binks im Schatten eines Wäldchens.
sundown02"Wir stehen hier, dort sind Sabau und seine Leute und hier die Truppen des Gouverneurs." Yanez de Gomera kniete auf dem Boden und zeichnete mit einem abgebrochenen Ast, die Stellungen der jeweiligen Gruppen im Verhältnis zueinander in den staubigen Untergrund. "Angenommen wir greifen an, dann hätten wir keine Möglichkeit uns zurückzuziehen. Das Gelände ist zu offen."
"Aber wenn wir nicht angreifen, hat der Gouverneur Gelegenheit, noch mehr Leute heranzuziehen, deren Zahl uns dann weit überlegen ist." Li Lian Jie schaute skeptisch auf das künstlerisch recht einfache Sandgemälde. Sein Blick glitt über das unter den Bäumen weitverstreute Feldlager, welches mehr aus, vor den britischen Soldaten flüchtenden Familien bestand, als aus Kämpfern. Wirklich, Li hatte so etwas noch nicht erlebt...
"Wir sollten die Frauen und Kinder hier wegbringen, den Feind umgehen und angreifen, wenn sein Gesicht der Sonne zugewandt ist."
"Wir sollten noch warten, Ulzana!" Yanez erhob sich und schaute mit zusammengekniffenen Augen auf seine Begleiter.
"Yanez, du kannst nicht warten, bis Sandokan hier ist. Dann könnte es zu spät sein." Kammamuri's Hand legte sich schwer auf seine Schulter.
"Wir warten noch."
Li schüttelte den Kopf und seine schmalen Augen verengten sich voller Ungeduld noch mehr. "Wie lange? - Bis sie uns angreifen?"
"Wir warten!" Yanez blieb eisern. Alle dachten das gleiche, aber niemand wagte es auszusprechen, nur ihren Gesichtern konnte man es entnehmen: Was, wenn sie umsonst auf Sandokan warteten...
Zwischen den länger werdenden Schatten der Bäume entstand Bewegung. Menschen liefen zusammen. Yanez konnte ein Pferd ausmachen, und seine Miene erhellte sich. Genau im richtigen Moment, natürlich, wie immer, dachte er und spürte, wie sich doch eine gewisse Erleichterung seiner bemächtigte.
"Sandokan, endlich!" Yanez ging ihm entgegen.
"Wir hatten leider nur ein Pferd."
Leichtfüßig sprang Sandokan vom Pferd und hob seine Begleiterin herunter.
Kammamuri und Yanez wechselten einen kurzen Blick. Denn so wie er sie bei der Hand hielt und jetzt freudestrahlend auf Yanez zukam, war das etwas schon lange nicht mehr gesehnes....
"Ich weiß, mein Bruder, du hast dir Sorgen gemacht! - Wie immer!" Sandokan umarmte Yanez herzlich. "Darf ich dir deine Nichte Christina vorstellen." Sandokan machte einen Schritt zur Seite.
Yanez musterte die Frau, dessen lange dunkelbraunen Haare mit einem Band zusammengalten wurden. Ihre feine Bluse, war voller Falten und ebenso ihr Rock. Aber am auffälligsten waren ihren großen braunen Augen, an denen sein Blick haften blieb und die ihn fragend anstarrten.
"Musterung beendet?" Ihre Stimme hatte einen angenehm warmen Ton.
"Ja,...ich denke schon! - Ich habe schon gehört, daß du streitlustig und unnachgiebig bist."
"Das muß in der Familie liegen." bemerkte Sandokan mit hochgezogenen Augenbrauen und erntete einen schiefen Blick von Yanez.
"Komm her." Yanez umarmte seine Verwandte. "Das letzte mal als ich dich gesehen habe, hat deine Mutter dich noch auf dem Arm getragen."
"Daran kann ich mich nicht erinnern, Onkel."
Yanez machte ein etwas erschrockenes Gesicht. Also an Vater hatte er sich ja inzwischen gewöhnt, aber Onkel....
"Was ist?" fragte Christina und schaute in die verkniffenen, ausdrucksstarken Gesichtszüge.
"Nun, das mit dem Onkel lassen wir mal lieber, das macht irgendwie...alt." Er verzog den Mund.
"Aber nicht doch, du bist jünger als mein Vater. Du könntest mein Bruder sein."
Yanez schaute abschätzend auf sie herab und dann in die Runde seiner Kumpane. "Habt ihr das gehört? - Warum macht keiner von euch mir solche Komplimente?"
"Ich wüßte nur eine Person hier, die es würdig ist, Komplimente zu bekommen: Misses van Henning." Kammamuri ergriff Christinas Hand und küßte sie übertrieben unterwürfig.
"Wenn wir jetzt das Begrüßungsritual hinter uns gebracht haben, würde ich gerne wissen, warum hier so viele Frauen und Kinder sind." Sandokan war neben Yanez getreten und hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt. Das freudige Leuchten in seinen Augen war einem sorgenvollen gewichen.
"Das sind Flüchtlinge. Die Truppen des Gouverneurs machen bei der Jagd auf euch..." Yanez' Blick glitt kurz zu seiner rechten Seite, an der Christina stand. "....vor nichts halt. Alle Verdächtigen werden eingesperrt, jeder der sich wehrt, oder flüchtet wird erschossen, ihre Häuser niedergebrannt. Die meisten sind aus Kuching und hatten Glück, daß sie auf Maximus und Ulzana trafen..."
"Aus Kuching! Was ist mit Ray...?" Christinas Herz krampfte sich zusammen.
Yanez sah die Sorge in ihren Augen und umfaßte ihre Schulter. "Alles in Ordnung. Er ist hier bei uns, gerade unterwegs zu Sabaus Leuten, die lagern westlich von uns. Vor Sonnenuntergang wird er wieder hier sein. Seine Familie ist im Dorf von Sabau geblieben. Da werden wir die anderen Flüchtlinge auch hinbringen."
"Was ist passiert Ulzana und wo ist Maximus?" Die Frage lastete unheilschwanger über ihnen. Sandokan schaute zu dem schweigenden Mann, der jetzt wie aus einer Trance erwachend, seinen Kopf wandte. "Das Waffenlager in den südlichen Höhlen ist verraten worden. Viele haben ihr Leben gelassen...unter ihnen Maximus von der Hand des Verräters."
Stille senkte sich für Sekunden über die kleine Gruppe. Sandokan tauschte einen kurzen Blick mit Yanez. "Wer war der Verräter?"
Yanez Stirn verwandelte sich in ein Gebirge "Haako."
"Haako...?" echote Christina. Sie konnte es nicht fassen. Er hatte auf sie immer einen rechtschaffenen, ehrlichen Eindruck gemacht...
"Maximus' letzten Worte galten dir, Sandokan." In den schwarzen Augen von Ulzana konnte man die Bereitschaft zum Kampf erkennen: Sie sagten, daß nichts und niemand ihn daran hindern würden, seinen Freund zu rächen. " Er sagte, du sollst es beenden!"
Sandokan trat langsam auf den immer ernsten Mann zu, dessen Herkunft ihm so unbekannt war, wie das seiner meisten anderen Gefährten, unter die sich ein neues Gesicht gemischt hatte, bei dem es sich um Kammamuris Freund, Li Lian Jie handeln mußte. Er hielt dem großen, kräftigen Mann, der Maximus wie einen Schatten überall hin begleitete hatte, seinen Arm hin, den dieser mit einer schnellen Bewegung ergriff und kraftvoll umschloß.
"Wir werden es gemeinsam beenden, Ulzana!"
sundown01"Was für eine Unordnung! - Lieutenant, warum gibt es keine Unterlagen, wenn die Gefängnisse überfüllt sind?"
"Oh...ich äh...das kann ich nicht sagen, Mylord!"
"Und wer kann mir das sagen?"
"Nur der...der Gouverneur!"
"Bringen sie auch einen Satz zustande ohne zu stottern?"
"Ich..."
"Vergessen sie es."
Der Repräsentant der Krone, Lord Kanzler John G. Martok, eigens von Singapur nach Sarawak beordert, um den ungenauen Berichten, die aus diesem britischen Protektorat kamen und Ihrer Majestät mißfielen, fegte diverse Akten vom Tisch. Er war berühmt für seine unorthodoxen Aktionen und er haßte Pflichtverletzungen....
"Colonel!?"
"Ja, Mylord?"
Die imposante Gestalt des Lord Kanzlers erhob sich. Sein weißes, volles Haar gab der kräftigen Gestalt in dem hellen Anzug eine königliche Erscheinung. "Durchsuchen sie mit ihren Leuten die oberen Etagen."
Colonel O'Neill, der vor einer Stunde mit einem Bataillon zusammen mit dem Lordkanzler hier eintraf, verließ den Raum.
"Weiter im Text." Der Kanzler baute sich vor dem in seiner direkten Gegenwart noch kleiner wirkenden Lieutenant Barclay auf. "Sind sie der einzige führende Offizier hier? Wer hat sonst das Kommando?"
"Major Kincaid, aber der ist zurück nach England gegangen. Sonst Captain Sheridan, aber der ist beim Gouverneur...."
"Mann, ich will nicht wissen, unter wem sie gedient haben, sondern wer normalerweise der diensthabende Offizier wäre!" herrschte ihn John G. Martok an und Lieutenant Reginald Barclay schien wie von einer kräftigen Windböe erfaßt zurückzuweichen.
"Picard...Captain Picard...Mylord!"
"Ich dachte, der ist in Beaufort stationiert..."
"Ja, war er auch, aber zur Verstärkung....."
"Egal!" John G. Martok schnitt dem Lieutenant derb das Wort ab, umrundete den für seine Verhältnisse klapperdürren Mann. Unvorstellbar, wie so was von der königlichen Armee dienen konnte. "Und wo ist der Captain?"
"Im Gefängnis!"
"Wo?"
"Im Gefängnis, Mylord!" Die Gestalt des Lieutenant strafte sich.
"Und weshalb sitzt ein Offizier ihrer Majestät im Gefängnis?"
"Er hat sich geweigert einen Befehl auszuführen."
"Was für einen Befehl? - Muß man ihnen denn alles aus der Nase ziehen?"
"Auf konspirative Elemente zu schießen."
Der Kanzler schaute Barclay zweifelnd an. "Das sind aber sicher nicht ihre Worte, oder."
"Mit Verlaub, Mylord, die des Gouverneurs." Ein stolzes Lächeln, daß er sich diese Formulierung gemerkt hatte, zierte das Gesicht des jungen Lieutenants.
"Und wer waren diese.... Elemente."
"Alles Sandokans Leute."
"Und das sind die, die jetzt hier die Gefängnisse überfüllen?"
"Nun, ...einige sind uns entkommen!"
"Wissen sie überhaupt, was sie da sagen, Mann?"
Warum sollte Reginald Barclay nicht wissen, was er sagte, schließlich hatte er es gesagt, und konnte sich auch daran erinnern.... Er überlegte noch, was mit dieser Frage wohl gemeint war, da kam ihm der Lord bereits mit einer Antwort zuvor.
"In den Gefängnissen sitzen nur Frauen und Kinder! Sind das ihre Verräter? Was hat sich der Gouverneur dabei gedacht!" herrschte ihn John Martok an und sein tiefer Baß ließ das ganze Haus erzittern. "Holen sie mir Picard her und lassen sie die Leute aus den Gefängnissen."
Reginald Barclay wich zur Tür zurück, ergriff zitternd die Klinke und wäre beinahe mit Colonel O'Neill zusammengestoßen, der sich angeschickt hatte zu klopfen, als die Tür geöffnet wurde.
"Was gefunden, Colonel?"
"Nichts Mylord."
"Schauen sie sich das an." Lord Martok reichte dem Colonel einige Papiere. "Haftbefehle von angesehenen Bürgern, unter anderem von einer Lady, zudem noch Portugiesin, mit einem Niederländer verheiratet." Der Kanzler schüttelte den Kopf. " Kein Wunder, daß die britische Regierung von allen Seiten bedrängt wird. Und nirgends einen Hinweis auf einen Beweis. Was hat er sich nur dabei gedacht?"
Es klopfte und Captain Picard, dem man außer an seiner desolaten Uniform, den Aufenthalt im Gefängnis nicht ansah, wurde hereingeführt. Ohne Umschweife reichte ihm der Kanzler die Hand und stellte sich und den Colonel vor.
"Captain, wir haben bereits gehört, warum man sie suspendiert hat. Mich würde interessieren, wie es dazu gekommen ist." John G. Martok ließ sich wieder hinter den Schreibtisch des Gouverneurs auf dem Sessel nieder.
Nachdrucksvoll musterte Picard den Lord Kanzler "Darf ich vorerst eine Bitte äußern, Mylord?"
"Um was handelt es sich."
"Meine Familie. Ich hätte gerne gewußt wie es ihnen geht."
"Colonel, sorgen sie dafür, daß das erledigt wird. - Und nun erzählen sie mal."
Während Colonel O'Neill dem Posten vor der Tür Anweisung gab, die Familie des Captains ausfindig zu machen und hierher zu bringen, berichtete Picard von dem Angriff Sandokans auf den Gouverneur hier in diesem Zimmer und wie seine Truppen anschließend ganz Kuching durchsucht hatten und jeden Verdächtigen festnahmen.
"...Ich habe bereits zu diesem Zeitpunkt den Gouverneur davon in Kenntnis gesetzt, daß dies eine unnütze Aktion wäre, da Sandokans Spione sicher schon gewarnt und geflüchtet waren. Aber er bestand darauf, die Spur der Geflüchteten zu verfolgen und ein gewisser Haako unter den Gefangenen verriet, gegen einen Preis, ein geheimes Lager, wo wir außer auf die Flüchtlinge, noch auf lang gesuchte Mitstreiter von Sandokan trafen. Der Gouverneur gab Befehl alle zu töten und dies hielt ich für ungerechtfertigt, da die meisten, die sich in den Höhlen versteckt hielten, Frauen und Kinder waren. Ich habe mich geweigert diesen Befehl auszuführen und das würde ich jederzeit wieder tun. Als britischer Offizier...."
"Danke Captain! Das reicht mir!" stoppte der Lord die Schilderung des Captains und erhob sich. "Sie sind ab sofort wieder in ihren Dienstgrad als Captain eingesetzt. Ruhen sie sich aus und kümmern sie sich um ihre Familie. Ich denke, es wird noch einiges auf uns zukommen. Danke Captain."
Picard salutierte ehrenvoll und verließ, gefolgt von der Ordonnanz, den Raum.
"Colonel, wo ist der Gouverneur jetzt." Der Kanzler wandte sich der Karte hinter ihm zu.
"Er befindet sich genau zwischen Kuching und Tapedu. Östlich und westlich von ihm lagern die Leute von Sandokan, wenn die Berichte stimmen."
Der Kanzler blickte mit verkniffenem Gesicht auf das Stück Papier, für welches schon so viele ihr Leben lassen mußten "Haben sie sich schon einmal überlegt, was geschieht, wenn das gesamte malaiische Volk sich gegen uns erhebt?" Er blickte auf den in vielen Kämpfen ausgezeichneten Mann. Auf ein schmales Gesicht, mit ernsten, aber immer wachsamen Augen. Irgendwann würde er sicher mal Admiral sein, da war sich der Kanzler sicher.
"Man wird uns überrennen, egal wie viele Verluste die Bevölkerung hinnehmen muß."
"Genau! Und das darf nicht passieren. Wir müssen diesen Kampf so schnell wie möglich und undramatisch beenden."
"Mit Verlaub, Mylord, aber für die Aufrechterhaltung der Interessen der britischen Krone, wäre eine friedliche Lösung besser."
"Da haben sie Recht, Colonel. Aber ich denke, da hat uns der Gouverneur einen Strich durch die Rechung gemacht. Das wird nun nicht mehr möglich sein. Und auch die von Henry Gowron geschlossenen Kontrakte, werden dies nicht verhindern können, denn sie sind durch die vom neuen Gouverneur beschlossenen ungültig und müßten neu ratifiziert werden. Außerdem war ihre Majestät von den von Henry Gowron beschlossenen Übereinkünften auch nicht gänzlich überzeugt. Also lassen sie uns erst mal dieses Problem hier klären und dann mit dem Gouverneur reden."
sundown02"Ray, Gott sei Dank, euch ist nichts passiert!" Christina umarmte ihren lieben Freund.
"Wenn Beth nicht darauf bestanden hätte, unbedingt mit den Kindern bei mir zu bleiben, anstatt bei Ulzana und Maximus mit den anderen Frauen ...dann weiß ich auch nicht..." er holte tief Luft.
Christina drückte ihn noch mal fest an sich. "Das war Schicksal, Ray. Komm laß uns ein Stück gehen." Sie hakte sich bei ihm ein und sie gingen eine schmale, natürliche Schneise zum Flußufer hinunter. Christina hatte Gelegenheit gehabt sich umzuziehen und trug jetzt weite naturfarbene Hosen und eine Bluse, die mit einer breiten Schärpe zusammengehalten wurde. Ihre Haare waren gebändigt und zu einem Zopf geflochten.
"Ich habe gehört, du bist jetzt eine gesuchte Verbrecherin, Sklavenhändlerin..."
"Das war ich doch vorher auch, nur das jetzt die britische Regierung das auch noch glaubt..." sagte sie verbittert.
"Es tut mir leid!" Ray nahm sie bei den Schultern und schaute sie voller Teilnahme an. Sie suchte seinem Blick auszuweichen. Das immerwährende abenteuerlustige Glitzern in ihren Augen war erloschen.
Sie wandte sich ab, ging unsicheren Schrittes weiter, wollte eins werden mit der sie umschließenden, nur existierenden, nichts zu bedauernden Schöpfung.
Ihr Schritt verhielt. Sie stand in der Mitte eines kleinen Hains. Die Blätter bildeten ein natürliches Dach, durch das die letzten roten Strahlen der Sonne, ein Mosaik aus Licht auf dem bewachsenen weichen Boden bildeten.
"Ray?"
"Ja?" Er ahnte, was jetzt kommen würde.
Sie holte tief Luft, ein unsicherer Funke glomm in ihren Augen, so als wußte sie nicht, ob sie weiterreden sollte.
"Du möchtest wissen, was mit Alexandre ist, nicht wahr?" fragte er weich.
Mehr als ein Nicken brachte sie nicht zustande.
"Er ist mit seiner Familie zurück nach Frankreich gegangen. Sie haben hier alles verkauft. Es war ihm hier wohl zu unsicher." Forschend betrachtete er ihr Gesicht: eine steinerne Maske, um Haltung kämpfend bemüht.
"Hast du ihn gesprochen?" fragte sie zögernd.
Was sollte er sagen? Sie anlügen? - Sollte er 'Nein' sagen, sie im Ungewissen lassen, oder sollte er ihr seine Begegnung erzählen.
"Du hast ihn gesprochen!" Christina blickte ihn unverwandt an.
"Ja. - Er war verzweifelt, er...wenn nicht seine Kinder wären..."
"Nein, Ray...hör auf...ich will nichts mehr hören." Sie schloß die Augen. Ein tiefer Schmerz schien sie innerlich zu zerreißen. Warum...warum...
Ihre Hand glitt langsam wie suchend über ihr Haar.
Gut, das war die falsche Wahl gewesen. Er hätte nichts sagen sollen. "Christina..."
"Nein Ray, laß mich bitte alleine." Ihre Stimme zitterte. Er machte einen Schritt nach vorne, sie wich ihm aus.
"Bitte..."
Zögernd wandte sich Ray ab.
Sein Schritt verhielt. Unter den Bäumen stand ein Beobachter, wer weiß wie lange schon.
Ray hielt auf ihn zu. "Sie möchte alleine sein."
"Hat sie gesagt, aber hat sie es auch gemeint?" Sandokan klopfte Ray auf die Schulter und ging die Schritte zurück, die Ray gekommen war.
Jemand näherte sich.
"Ich möchte wirklich alleine sein, Ray!"
Unversehenes spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Instinktiv wurde ihr bewußt, daß das nicht Ray war. Verstohlen wischte sie sich über die feuchten Augen. Ihr Kopf hob sich. Ganz langsam, beinahe vorsichtig, wandte sie sich um.
Sandokan schaute fragend auf sie herab. Seine Hand berührte sanft ihre feuchte Wange.
Christina senkte ihren Blick. Sie konnte es nicht ertragen, ihm jetzt in die Augen zu schauen.
Zärtlich zog er sie zu sich heran. Sie spürte die tröstende Wärme seiner Umarmung, schloß die Augen, die brannten und nicht aufhören wollten, sich mit Tränen zu füllen.
"Du hast ihn geliebt....!"
Es tat weh,... es tat so unendlich weh...Ja, sie hatte ihn geliebt und mit einer allmächtigen Erkenntnis wurde ihr das erst jetzt bewußt. Er war immer der einzigste, mit dem sie sich hatte vorstellen können, gemeinsam ein Leben zu führen, obgleich sie sich im Laufe der Zeit immer weiter voneinander entfernt hatten. Nur jetzt...es war so endgültig zu wissen, nie mehr was von ihm zu hören, ihn nie mehr zu sehen. - Würde er gesund zu Hause ankommen und wie würde es ihm da ergehen... Es fühlte sich schlimmer an ...als das Wissen darum, daß er nicht mehr am Leben war...
Sie schmiegte sich enger an Sandokan, spürte den gleichmäßigen Schlag seines Herzens... sie ließ sich fallen, wußte, daß sie aufgefangen wurde.... Etwas, das über reine Sinneslust hinausging, schien sie mit diesem Mann zu verbinden...
"Christina!" Die Stimme hatte diesen eigenwilligen warmen, leisen, doch fordernden Klang, der sie wieder in die Realität zurückholte.
"Ich möchte, daß du morgen mit den anderen Frauen nach Sabau gehst."
Es dauerte einen Moment, bis sie sich des Gesagten bewußt wurde.
"Warum?"
"Wir werden den Gouverneur angreifen, und ich möchte dich in Sicherheit wissen."
"Das ist doch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ihr steht einer ausgebildeten Armee gegenüber. Deine Armee besteht hauptsächlich aus Landarbeitern..."
"Die du offensichtlich unterschätzt."
"Ja, offensichtlich." Sie entwand sich seinen Armen.
"Wenn wir jetzt nicht angreifen, so wird der Gouverneur weiter Dörfer plündern und Unschuldige auf der Suche nach mir töten und einsperren."
"Merkst du denn nicht, daß es genau das ist, was er will?" fuhr sie ihn wütend an "Er provoziert dich damit, du sollst aus deinem Versteck kommen, denn er weiß, daß er in einem offenen Kampf überlegen ist."
"Ich habe meine Entscheidung bereits getroffen."
"Gut! - Ich auch!" Sie blitzte ihn zornig an und stützte die Hände in die Hüften "Ich werde bestimmt nicht nach Sabau gehen und auf eine Nachricht von dir warten. Daß man dich gefangengenommen hat, du schwerverletzt bist oder man mir erzählt wie heldenhaft du gestorben ..."
Er fing an zu lachen...Sie schaute ihn konsterniert an: "Was ist daran so komisch?!"
Ein schelmisches Grinsen lag in seinem Gesicht....
Christina fing das Funkeln in seinen Augen ein.
"Du hast es gewußt!"
Sein Grinsen wurde breiter.
"Du wußtest genau, daß ich mich weigern würde! Das hast du mit Absicht...."
Er zog sie zu sich heran und küßte sie.
Zwischen den Bäumen wandte sich ein schmunzelnder Ray ab und trottete zurück zum Lager, direkt auf das Zelt von Yanez zu, dem er leider mitteilen mußte, daß Kammamuri die Wette gewonnen hatte. Der ungekrönte Herrscher von Malaysia hatte wieder eine Königin.
sundown01"So wie ich die Lage einschätze, wird sich ein Kampf nicht umgehen lassen." Captain Picard beugte sich über die auf dem Schreibtisch ausgebreitet Landkarte. "Falls nicht Sandokan angreift, was ich vermute, da er das Treiben des Gouverneurs nicht länger billigen wird, wird der Gouverneur weiterhin Unschuldige opfern."
"Es muß beidem Einhalt geboten werden. Lieber wäre es mir noch, wenn wir einen Kampf von vorn herein verhindern könnten, aber für den Fall, daß wir zu spät kommen, was schlagen sie vor, meine Herren?"
Colonel O'Neill schaute zu Captain Picard hinüber, dessen Stirn sich in Falten gelegt hatte und der das Wort ergriff. "Es so unblutig wie möglich beenden."
"Wenn der Kampf im vollen Gang ist, können wir nur eines tun, um das schlimmste zu verhindern, Mylord...." Die Ausführungen wurden jäh durch einen Tumult draußen unterbrochen.
Kanzler John G. Martok, Abgesandter der britischen Krone, riß die Türen zum Arbeitszimmer des Gouverneurs auf und stürmte auf den Gang. Vor ihm entfaltete sich ein eigenvertümliches Bild: Fünf bewaffnete Soldaten im gebührenden Abstand um einen in schwarz gewandeten, großen, dunkelhäutigen Mann, der einen wesentlich kleineren, gefesselten am Kragen gepackt hielt.
"Wollen sie wissen, wer Gouverneur Gowron getötet hat, dann ziehen sie ihre Männer ab, oder ich gehe wieder mit meinem Gefangenen."
Der Kanzler hob zweifelnd die Augenbrauen. "Wer sind sie?"
"Das ist nicht Inhalt unseres Gespräches."
"Wer ist der Mann?" John G. Martok deutete auf den Gefesselten.
"Mister Jerry Binks, Verwalter der van Hennings Plantagen. - Und das ist sein Geständnis. Der gefährlich aussehende Mann hielt ein Papier in der Hand. "Den Rest wird er ihnen erzählen."
"Na, gut! Treten sie ein." Der Kanzler winkte den Soldaten zu, die mit ihren Gewehren im Anschlag in das Arbeitszimmer folgten.
"Ich danke ihnen für die großzügige Gastfreundschaft." Der Fremde machte eine angedeutete Verbeugung. Nur sein unverschämtes Grinsen sprach dieser Aussage Lügen.
Skeptisch postierte sich der Lord hinter dem Schreibtisch. "Kommen sie zur Sache, Mann."
"Dieser Mann hier gesteht, am Sklavenhandel beteiligt gewesen zu sein und zu wissen, wer Henry Gowron umgebracht hat. Ich habe ihm zugesichert, daß sie ihm mildernde Umstände gewähren, da er nur Handlanger war."
"Wenn dem so ist. Können wir darüber reden." Nun mußte sich der Gouverneur doch setzen "Und welche Rolle spielen sie in dem Stück?"
"Sagen wir..." ein selbstgefälliges Lächeln schmückte die rauhen Züge "...ich bin der Bote der Götter."
Dem Kanzler war anzusehen, daß er davon nicht so ganz überzeugt war..."Mr. Binks, bestehen diese Anschuldigungen zu recht?"
Der Angesprochene schaute ihn zweifelnd an. Sein Gesicht war rußig, als wäre er knapp einem Feuer entronnen.
"Nehmen sie dem Mann die Fesseln ab, Picard, und geben sie ihm was zu trinken." Mr. Binks schien recht dankbar zu sein und mit zitternden Händen nahm er das ihm dargereichte Glas, wesentlich glücklicher hier zu sein, und vor diesem Barbaren doch einen gewissen Schutz zu haben.
"Also, Mr. Binks." begann der Kanzler von neuem "Wenn sie uns ein genaues Geständnis abgeben, bin ich in der Lage sie vor dem Galgen zu bewahren. Wer steckt hinter all' dem."
Jerry Binks blickte zu dem Fremden hinüber, der dem Gouverneur den Zettel reichte.
"Ich der Unterzeichnete, ..." las Lord Martok laut "...gestehe, freiwillig, nicht unter Zwang..... Wer ist Nute Gunray?"
"Der Mörder von Henry Gowron, derjenige, der hier alle betrogen, sich auf Kosten anderer bereichert hat. Sie wären erstaunt, wieviel Ländereien er inzwischen hier besitzt. Das einzigste, was ihn noch fehlte waren Macht und Einfluß, ein kleines Königreich...."
"Ich will das von Mr. Binks wissen, nicht von ihnen." herrschte Kanzler Martok den Fremden an, von dem er vermutete, daß er ein Kopfgeldjäger war und nur noch hier, weil er abschätzen wollte, wie hoch seine Belohnung ausfallen würde. "Ich warte, Mr. Binks...."
"Nute Gunray..."begann dieser mit krächzender Stimme und räusperte sich "...ein kleiner Dieb .....ein Zufall war es, daß er auf dem gleichen Schiff war wie General Kirk. Er gab sich als angesehener Geschäftsmann aus und das konnte er gut....Das Schiff geriet in einen Sturm und sank. Nute konnte sich mit General Kirk auf einem Stück Treibholz retten. Der Bitte des Sterbenden aber, den Sigelring seiner Familie zu übergeben, kam er nicht nach."
Die Gesicht des Kanzlers schien in seine Einzelteile zerfallen zu wollen
" ....Statt dessen schrieb er der Tante von James Kirk in Beaufort, daß er nach einer recht stürmischen Überfahrt seinen neuen Posten in Rangun angetreten hätte....Es war ein einfaches aus Nute Gunray General James T. Kirk zu machen, sie sahen sich sehr ähnlich..."
"Sagen sie den Herren, warum sie das alles so genau wissen, Binks." Der Fremde schubste den Verwalter an, der sich erschrocken zusammenkauerte.
"Er...er ist mein Halbbruder."
Stille lastete schwer im Raum. Alles hätte der Lord Kanzler erwartet, aber nicht das.
"Und von wessen Hand starb Gouverneur Gowron, wenn James Ki...Nute Gunray in Rangun war?" fragte skeptisch Colonel O'Neill.
"Nun..." Jerry Binks wurde etwas lockerer, angesichts der Reaktion, die seine Enthüllungen verbreiteten. Da kam der alte Tingeltangelkünstler in ihm durch. Er hatte ein begeistertes Publikum. "...offiziell besuchte er seine Tante in Beaufort, wo er sich auch hat blicken lassen, aber sicher nicht bei der alten Lady war, und wer fragt schon bei einem General nach...dann hat er einen Abstecher in den Dschungel gemacht, sich verkleidet, Henry Gowron auf einen abgelegen Pfad geführt und ihn ermordet. Anschließend hat er mich besucht und mir von seinen Plänen berichtet und was er vermutete, traf ja auch ein: Er war der einzige zur Verfügung stehende Kandidat für den Posten des Gouverneurs hier...."
Wieder senkte sich Stille über den Raum. Das mußte John G. Martok erst mal verkraften. Was für eine...ihm fiel ein passender Ausdruck nicht ein und normalerweise war er um Worte nicht verlegen. Er erhob sich, der Tragweite dessen bewußt, was sich hier abspielte.
"Meine Herren, wir haben da draußen einen Betrüger, der im Namen der britischen Krone Menschen tötet und im Begriff ist, einen Krieg anzufangen. Wir reiten in zwei Stunden. - bringen sie Mr. Binks hinter Schloß und Riegel. - Und nun zu ihnen: An welche Höhe der Belohnung dachten sie?"
Der Fremde lachte ihn ... aus? - Ja, er lachte den Lord Kanzler ihrer Majestät aus...
"Dieses kleine Schauspiel war mir Belohnung genug. Mit ihrer Erlaubnis, ziehe ich mich jetzt zurück."
Und ehe sie sich's versahen, war er wie eine Spukgestalt aus dem offenen Fenster gesprungen und wie vom Erdboden verschwunden.
sundown02Ein Sonnenstrahl nach dem anderen schob sich über den Horizont, wie ein Bergsteiger nach der Erde greifend, sich daran festklammern und unaufhaltsam höher gelangend und die Dunkelheit aus den kleinsten Ecken und Winkeln vertreibend. Immer höher stieg der orangene Ball und schon war es unmöglich in sein Antlitz zu schauen...
"Hey, Soldat!" Der angesprochene Lieutenant schreckte aus seinem dösenden Halbschlaf und schaute sich suchend um. Hörte er jetzt schon Stimmen? Er blinzelte...Reiter? - Reiter! Sie schienen direkt aus der Sonne zu kommen. Er bedeckte mit der Hand seine Augen, die anfingen zu tränen...
"Sag deinem General, der Tiger von Malaysia will ihn sprechen"
In den vorher etwas schläfrig aussehenden Wachposten kam Bewegung..."Alarm!"
Das Nachlager der britischen Armee, daß auf einer kleinen Anhöhe lag, geriet in ein ungeordnetes Hin und Herlaufen, bis sich die aus dem Schlaf gerissenen Soldaten mit ihren Waffen im Anschlag formiert hatten.
"Was für ein Chaos..." murmelte Kammamuri und schüttelte den Kopf.
"Ja, der General hat seine Leute nicht besonders gut im Griff." Sandokan beugte sich bequem nach vorne.
"Wir hätten gleich angreifen sollen. Was sollen wir mit Schakalen verhandeln!"
"Dann wären wir nicht besser wie der Gouverneur, Ulzana."
Zwischen den Reihen der Soldaten schob sich ein Mann nach vorne. "Ah, Sandokan! Du willst dich ergeben, was? - Nun, deine Kapitulation nehme ich gerne entgegen."
Die beiden Männer musterten sich eingehend. Der Gouverneur von Sarawak stand siegessicher mit in den Hüften gestemmten Händen, in eilig übergeworfener Uniformjacke da und grinste ihn frech an.
"Ich wollte eigentlich ihnen die Möglichkeit geben, daß Leben ihrer Männer zu schonen und sich zurückzuziehen."
Der Gouverneur lachte. "Das Leben meiner Männer soll von ein paar Landarbeitern bedroht sein?!"
Sandokan blickte ihn mitleidig an. "Ich bin auch bereit das Mann gegen Mann auszutragen." Schnell und kaum nachvollziehbar sauste ein Messer durch die Luft und landete genau vor der Stiefelspitze des Generals, dessen angespannte Haltung verriet, daß er Sandokan am liebsten an die Kehle gegangen wäre. Sandokan nickte mit dem Kopf "Das habe ich mir gedacht. - Sie verstecken sich lieber hinter einer Armee oder hinter ihren Handlangern, wie Mr. Binks. - Ich hoffe die Geschäfte waren einträglich?! In einigen Ländern wird ja Menschenhandel noch recht gut bezahlt...." Sandokan wartete die Antwort seines Widersachers nicht ab, dessen Gesicht immer röter angelaufen war.
Sie wendeten ihre Pferde und im gestreckten Galopp jagten sie über die Ebene, über der sich der Staub und das Flimmern der Sonne zu einem diffusen Licht vermischten.
Der General wandte sich um und schritt mit weit ausholenden Schritten hinter die Reihen seiner Männer. "Captain Sheridan! Wir greifen an, formieren sie die Männer."
"Sie wollen wirklich diese sichere Position hier aufgeben, General? Wenn wir erst auf der weiten Ebene sind, und Sandokan uns den Rückzug abschneidet...."
"Sandokan hat uns herausgefordert, falls sie es nicht bemerkt haben sollten, Captain." Mit heftigen Bewegungen schloß er seine Uniformjacke und griff nach seinem Degengehänge. Er wandte sich um. "Haben sie noch etwas einzuwenden, Captain?" Er studierte das jungenhafte Gesicht seines Untergebenen, dem man bestenfalls den Rang eines Lieutenants zutrauen würde.
Die Gestalt vor ihm senkte den Blick. "Nein, Sir."
"Gut!"
 
Sandokan und seine Männer lenkten ihre Pferde in das die Ebene umschließende Waldgebiet.
"Was ist los?" Christina ritt ihm entgegen.
"Er wird angreifen."
"Vielleicht zieht er sich auch wie ein feiger Hund zurück."
"Nein, Kammamuri, daß wird er nicht." Sandokan ließ seinen Blick über die Landschaft gleiten. "Bezieht eure Posten, wie besprochen. Sabau, du wartest mit deinen Leuten hier, bis die Soldaten vorbeigezogen sind."
Kammamuri, Li und Ulzana gaben ihren Pferden die Sporen und ein Teil der Männer folgten ihnen zur anderen Seite der Steppenlandschaft.
Sandokan beugte sich im Sattel zu Christina hinüber. "Rühr dich nicht von der Stelle." Er küßte sie. "Ich hole dich hier wieder ab." Er wendete sein Pferd und galoppierte Kammamuri hinterher. Yanez folgte ihrem Blick, drückte kurz ihre Hand und folgte dann Sandokan.
Sabaus Leute zogen sich in das tiefere Dickicht zurück. Nur zögernd folgte Christina ihnen, immer noch der sich langsam legenden Staubwolke nachschauend. Sie wurde sich bewußt, daß Sabau sie betrachte, mit aufrechten, weisen Blicken.
"Er hat einen großen Namen. - Bevor man ihn tötet, muß man seinen Namen töten."
sundown01Ein Reiter kam direkt auf sie zugeprescht.
Colonel O'Neill ließ die ganze Abteilung halt machen.
"Der Aufklärer?" krächzte der Lord Kanzler. Dieses Land war ihm eindeutig zu staubig.
"Ja, Mylord."
Der Reiter kam heran, zügelte sein Pferd und salutierte. "Sir, es ist zu Kampfhandlungen gekommen."
"Jetzt wird es ernst, Colonel. Sagen sie ihren Männern Bescheid."
sundown02Es war schwierig für die britischen Soldaten, den Kampf zwischen den Bäumen fortzuführen. Diese Taktik sprach nicht gerade für den General. Sie waren ihnen zwar an Anzahl überlegen, aber was nützten alle Armeen der Welt, wenn ihre Soldaten nicht mit ihrer Seele für eine Sache kämpften.
Sandokans Messer flog durch die Luft und blieb im Rücken eines Soldaten stecken, der sich von hinten auf Yanez stürzen wollte. Sandokan lief zwischen den Bäumen im Zickzack durch, um den Kugeln auszuweichen, die mit einem dumpfen 'plop' lediglich die Bäume trafen.
Noch ehe es sich der Gewehrschütze versah, war er mit einem Sprung hinter ihm. Sein Versuch, daß Gewehr herumzureißen, scheiterte kläglich. Sandokans Säbel traf ihn mitten ins Herz. Er wirbelte herum, stieß einen neuen Angreifer mit einem Fußtritt weg, der schwer an einen Baum prallte und bewußtlos zusammensank. Instinktiv ließ sich Sandokan fallen und rollte zur Seite. Dort wo er eben noch gestanden hatte, bohrte sich ein Degen in den Erdboden. Mit einem Satz war er wieder auf den Beinen und rammte dem Angreifer seinen Ellenbogen in den Magen, er drehte sich halb herum und sein Säbel, der ein Eigenleben zu führen schien, fügte zwei anderen Angreifern eine tödliche Wunde zu. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Kammamuri stand schwer atmend hinter ihm.
"Du solltest vorsichtiger sein, mein Freund!" sagte Sandokan, das Messer bereits zum Zustoßen bereit.
"Wie ich sehe kommst du ohne mich zurecht." Er grinst ihn an. Plötzlich griff er nach einem Messer und warf es an Sandokan vorbei, der sich blitzschnell umwandte.
Ein Soldat mit einem Gewehr im Anschlag, ging langsam in die Knie. In seiner Kehle steckte Kammamuris Messer.
"Offensichtlich doch nicht." Kammamuri klopfte ihm auf die Schulter und bot dann einem Offizier, der es sehr gut verstand mit der Klinge umzugehen, Paroli und verschwand zwischen den Bäumen.
Es blieb den Briten gar nichts anderes übrig, als zu kämpfen, zurückziehen konnten sie sich nicht mehr. Sabaus Leute hatten ihnen den Weg abgeschnitten und trieben sie immer weiter in das Dickicht. Es war unmöglich für sie sich irgendwo zu sammeln.
Unverhofft entdeckte er jemanden, nach dem er schon die ganze Zeit Ausschau gehalten hatte. Sandokan richtete sich auf. Der andere hatte ihn auch gesehen und stoppte seinen wilden Lauf um die Bäume.
"Nun Gouverneur, was sagen sie jetzt zu der Armee aus Landarbeitern."
Der General atmete schwer, sein Hemd war zerrissen, und ...seine Hand blutete.
"Es tut mir leid, wenn meine Leute sie verletzt haben." sagte Sandokan ironisch mit einem eiskalten Blick. "Schade, daß ich nicht dabei war, aber das können wir ja nachholen."
Eine Gewehrsalve veranlaßte Sandokan in Deckung zu gehen, was der General dazu nutzte sich davon zu machen.
Sandokan setzte ihm nach. Ein General, der die Flucht ergriff! Ein Mann, der sich nur stark wähnte, wenn er Armeen in seinem Rücken hatte! - Wie tief war das britische Empire gesunken.
 
"Gouverneur!" Bei seiner Flucht wäre er beinahe an der Stellung von Captain Sheridan vorbeigerannt, die dieser noch immer ohne Verluste hielt.
"Ergeben wir uns?"
"Wie kommen sie darauf, Captain?"
Captain Sheridan deutete zwischen die Bäume. Dort ritt ein Soldat, mit einer weißen Flagge.
"Das ist eine Falle! Schießen sie ihn ab, Mann!" Er stieß einen Soldaten an, der auf dem Boden kniete.
Der Soldat zögerte, schaute auf seinen Captain.
Der Gouverneur entriß ihm kurzerhand das Gewehr und legte an. Etwas stieß ihn zur Seite. Der Schuß löste sich und ging ins Leere.
Der General wurde zur Seite gerissen, jemand hielt ihn fest, sie rollten durch ein Gebüsch, einen kleinen Abhang hinunter.
Der General rappelte sich auf und sah sich Sandokan gegenüber.
"Haben sie sich den Trick mit der weißen Flagge einfallen lassen? - Ganz was neues, daß der Tiger von Malaysia zu solchen Hilfsmitteln greift."
Die beiden Männer umkreisten sich.
"Vielleicht hat einer ihrer Offiziere es mit der Angst zu tun bekommen und beschlossen, das Kommando an sich zu reißen, weil er sie für unfähig hält."
Sandokan sah das kurze Zucken in den Augen des Gouverneurs, der an seinen Stiefel griff und sich mit einem Messer in der Hand nach vorne warf. Sandokan ergriff seinen Arm und entwand ihm das Messer...
"Halt! Im Namen ihrer Majestät! Sofort aufhören!"
Das Laden von Gewehren drang an ihr Ohr und Sandokan sah sich plötzlich von einer Streitmacht von zehn Mann umzingelt. Das entsetzte Gesichte seines Feindes, umspielte plötzlich ein siegessicheres Lächeln. Sandokan ließ ihn los und stieß ihn weg. Er hob abwehrend die Hände, aber man zielte nicht auf ihn, sondern die Soldaten umringten jetzt den Gouverneur...
"Was soll das!" kreischte dieser. "Der Schuldige steht da!" Er deutete mit dem Finger auf Sandokan.
Am Rand der Böschung stiegen drei Männer vom Pferd. Zwei Offiziere und ein imposanter, in einen weißen Anzug, mit polierten Stiefeln gekleideter Mann. Er stolzierte an Sandokan vorbei und baute sich vor dem General auf.
Der Tiger von Malaysia schaute ihm zweifelnd nach. Die britische Armee setzte ihn heute nur in Erstaunen.
"Nute Gunray! - Sie sind des Betruges, des Mordes und des Sklavenhandels überführt worden. Die Strafe dafür brauche ich ihnen ja wohl nicht zu sagen."
Hinter Sandokan entstand Bewegung. Kammamuri, Ulzana, Li und Yanez...und natürlich Christina, der Yanez herunterhalf.
Er schaute sie forschend an.
"Nein, ich habe nicht darauf gewartet, daß du mich abholst, sonst hätte ich ja wohl das beste versäumt." Sie fragte nicht, ob es ihm gut ging, aber das brauchte sie auch nicht, ihre Augen strahlten eine tiefe Erleichterung aus.
"Das ist der Lord Kanzler Martok aus Singapur. Er ist im Auftrag ihrer Majestät hier, um einige Ungereimtheiten aufzuklären." erklärte Yanez Sandokan kurz.
Der Mann mit dem weißem Haar wandte sich jetzt der kleinen Gruppe und Sandokan zu. "Ich habe das Vergnügen mit Sandokan, nehme ich an."
Sandokan nickte leicht.
"Sie entschuldigen, Hoheit, aber das war vordringlicher." Er zeigte auf den Gefangenen hinter sich. " Madam..." er deutete eine leichte Verbeugung an "Ich bin Lord Martok, meine Begleiter sind Colonel O'Neill und Captain Picard. Ich bin hier im Auftrag der britischen Krone um,...nun sagen wir die Dinge wieder ins rechte Lot zu rücken." Sandokan musterte den älteren, recht streng wirkenden Mann.
"Sagen sie mir Mylord, warum haben sie den Gouverneur mit einem anderen Namen angesprochen?"
Ein sardonisch, wissendes Lächeln zierte das ausdrucksstarke Gesicht: "Sein richtiger Name ist Nute Gunray. James Kirk ist ertrunken und er hier hat seinen Platz eingenommen, einen Sklavenhandel aufgezogen, sich verkleidet, Henry Gowron umgebracht, zahlreiche Ländereien durch Betrug an sich gerissen und einen gewissen Captain Hutt ermordet..."
"Woher wissen sie das alles?"
"Ein Kopfgeldjäger war so freundlich uns Mr. Binks, den Halbbruder dieses Gentleman hier, samt seiner Aussage, zur Verfügung zu stellen..."
"Hiroyuki..." flüsterte Kammamuri hinter Sandokan.
"Was für ein Glück." sagte Sandokan laut.
"Kommen wir nun zu ihnen, Hoheit..."
"Lassen sie doch das Hoheit einfach weg, vielleicht fällt es ihnen dann leichter.."
Der Kanzler stutzte und zog die Augenbrauen in die Höhe. Er trat näher an Sandokan heran. "Ich habe bereits mit ihren ...Kumpanen darüber gesprochen. - Da es sich bei Gouverneur Kirk um einen Betrüger handelte, sind alle seine Handlungen null und nichtig. Somit haben bis zum Eintreffen des neuen Gouverneurs, die Erlasse von Henry Gowron ihre Gültigkeit." Der Kanzler senkte die Stimme. "Wir wissen, daß Henry Gowron mit ihnen eine Vereinbarung hatte. Er war ein sehr gewissenhafter Mensch und hat die Krone davon in Kenntnis gesetzt. Leider konnten wir ihm nicht mehr mitteilen, daß nicht alle seine Vorschläge gefallen gefunden haben. Natürlich weiß Ihre Majestät Regierung von den Umständen, die hier teilweise herrschten. Im Vertrauen: Die Todesstrafe, die auf sie ausgesetzt wurde, wird wahrscheinlich zurückgenommen werden." Kanzler Martok machte eine kunstvolle Pause, um zu sehen, wie seine Mitteilung sich auswirkte, allerdings war er da bei Sandokan an den Falschen geraten. Er hob seine Stimme wieder etwas an. "Sie müssen Sarawak ...."
Es geschah alles zur gleichen Zeit und doch kam es Sandokan so vor, als liefe die Zeit plötzliche langsamer ab, als Christina neben ihm zusammensank.
Er hörte die Schüsse, die Ausrufe der Soldaten, Nute Gunray lag am Boden, mehrere Kugeln hatten sein Hemd durchlöchert und färbten es rot.
Er fing sie auf. Seine Hand war voller Blut, ein Messer hatte sie in die Seite getroffen, was sicherlich ihm gegolten hatte...
"Wo hatte er das Messer her, habt ihr ihn nicht durchsucht..." herrschte Colonel O'Neill die Wache an...
"Sandokan...." ihre Stimme war ein Flüstern. Er ließ sie langsam zu Boden sinken. Ihre Augen bekamen einen glasigen Ausdruck.
"Was hast du vor? - Wenn du das Messer rausziehst, verblutet sie!" Yanez hielt seinen Arm fest.
"Schau dir ihre Augen an, das Messer ist vergiftet!"
Zweifelnd blickte Yanez auf Sandokan, der langsam die Klinge aus der Wunde entfernte und seine Hand draufpreßte.
"Kammamuri, mach' ein Feuer, wir müssen die Wunde schließen...."
Christinas Wahrnehmung verschwamm in einem dichten Nebel...Was war eigentlich passiert, warum klangen plötzlich alle so aufgeregt...Ein Gesicht...sie konnte es nicht einordnen, war es überhaupt ein Gesicht? ... Ihr war schwindlig, sie hatte das Gefühl, als würde sich alles im Kreise drehen...Schmerz...langanhaltender Schmerz, der in eine dumpfe Dunkelheit überging, die teilweise unterbrochen wurde von blitzenden Farben...ihr war kalt, schrecklich kalt...irgend jemand rief ihren Namen....
"Christina, Christina, du mußt etwas essen!"
Die Stimme kannte sie...sie sollte die Augen öffnen und sich das Gesicht dazu anschauen...sie blinzelte...nein, es war zu hell.. es war angenehmer, sie geschlossen zu halten...sie fühlte sich wohl...es war angenehm weich und warm um sie herum....
sundown01Irgend etwas stimmte hier nicht. Abrupt öffnete sie die Augen. Sie sah auf weich fallenden Stoff über sich, schaute an sich herunter...sie lag in einem Bett. Ihr Blick glitt zur Seite...
"Beth? - Beth!"
"Christina? - Du erkennst mich?" Die angesprochene legte ihr Buch zur Seite und ergriff Christinas Hand. "Wir haben uns solche Sorgen gemacht..."
"Was ist passiert?" Christina versuchte sich aufzurichten, stellte aber fest, daß sie das mit eigener Kraft nicht schaffte und Schmerz durchzuckte ihre rechte Seite.
Beth schüttelte ihr das Kissen hoch. "Woran erinnerst du dich?"
Christina schaute sie an, oder mehr durch sie hindurch. Bilder kamen in ihre Erinnerung..."Ein Kampf... James Kirk war nicht James Kirk...seinen richtigen Namen habe ich vergessen.."
"Nute Gunray." half ihr Beth und lächelte sie freudestrahlend an
"...man hat ihn verhaftet..."
"Und?"
"Ich weiß nicht, dann ist alles unklar, Gesichter, Stimmen..."
Beth reichte ihre ein Glas Wasser. Christina mußte feststellen, daß sie beide Hände nehmen mußte, um es zu halten.
"Er hat dich mit einem Messer verletzt. An der Klinge war Gift. Sie mußten das Messer gleich wieder herausziehen, es hätte nicht viel gefehlt und du wärst verblutet, ansonsten wärst du an dem Gift gestorben...."
Christina versuchte sich an irgend etwas zu erinnern.
"Ich weiß davon ...nichts...da war nur ein Schmerz.
"Sandokan hat die Blutung gestoppt indem er die Wunde ausgebrannt hat..." Beth machte ein unglückliches Gesicht.
"Wie lange bin ich schon hier?"
"Du hattest über eine Woche Fieberträume, warst kaum ansprechbar..." Man sah Beth an, daß sie mit dem schlimmsten gerechnet hatten.
"Über eine Woche...." wiederholte Christina ungläubig "Ich bin in eurem Haus, nicht wahr?"
Beth lächelte "Ja, in Kathryns Zimmer. Sie hat darauf bestanden."
"Sandokan...?"
Ein warmer, wissender Ausdruck schlich sich in Beth Züge. "Er ist bis vor zwei Tagen nicht von deiner Seite gewichen. Yanez mußte ihn drängen die Stadt zu verlassen. Lord Martok hat ihm nur einen straffreien Aufenthalt von vierzehn Tagen zugebilligt..." Beth ergriff wieder ihre Hand. "Es tut mir leid, Tina. Ich habe nicht geahnt, daß James Kirk...hätte ich doch nur nicht auf dich eingeredet..."
"Beth... wäre das alles nicht gewesen, wer weiß wie lange er sein Spiel noch gespielt hätte..."
"Du solltest dich nicht überanstrengen. Ich werde nach Yanez schicken lassen und dir etwas zu essen bringen..." Elisabeth Park erhob sich.
"Beth! Was ist mit meinem Land, meine Leute...." Christina sah schon an ihrem Blick, daß etwas nicht stimmte.
"Ruh dich aus!"
"Beth! - Sag es mir."
"An dem Tag, als man Jerry Binks überführte, muß irgend etwas geschehen sein, ... das Haupthaus ist abgebrannt.. bis auf die Grundmauern, die Ernte war sowieso verloren...deine Leute... einige sind wieder zurückgegangen in ihre Dörfer... das Verwalterhaus steht noch, man könnte dort..."
"Das werde ich persönlich anzünden!" sagte sie hart.
Das, was die ganze Zeit ihre einzigste Sorge war, war eingetreten, sie hatte ihr zu Hause verloren, sie mußte wieder von vorne anfangen...aber wollte sie es überhaupt? - Eine Plantage bearbeiten, die zusammengestohlen worden war mit Betrügereien...
sundown02"Der Arzt hat gesagt, du sollst dich schonen."
"Ja, das sagen mir alle, aber wenn ich mich nur schone, wie soll ich dann zu Kräften kommen." Langsam kam sie die Stufen herunter, die in die offene, mit zahlreichen Durchgängen versehene Halle führten und von wo aus man in Lagerräume, die Versorgungsräume, Arbeitszimmer und über den angenehm schattigen Hof, ins Geschäft kam.
Ray stand kopfschüttelnd am Fuß der Treppe und beobachtete sie. "Na, wenigstens ist deine spitze Zunge wieder bei Kräften."
"Du solltest mit deinen Bemerkungen vorsichtiger sein, Ray Park, sonst bleibe ich womöglich länger als dir lieb ist und störe deinen häuslichen Frieden..."
"Will die Dame etwa das Land verlassen?"
"Yanez!"
Um die Ecke schob sich Yanez de Gomera, elegant gekleidet in einen braunen Anzug und natürlich mit Hut.
Er empfing sie unten an der Treppe und hob sie die letzten drei Stufen hinunter.
"Wie ich sehe, geht es dir hervorragend."
"Erzähl' du mir jetzt nicht auch noch, ich muß mich schonen."
"Ich wird mich dann mal wieder um meine Kunden kümmern. Falls ihr was braucht müßt ihr nach Kathryn rufen. Beth ist mit Eve ausgegangen."
"Komm." Christina trug ein dunkelblaues, schmales Kleid mit einem zarten Spitzenbesatz an den Ärmeln. "Setzen wir uns."
In dem schattigen Hof standen mehrere Stühle mit weichen Kissen.
"Hier verbringe ich seit einer Woche meine Tage. - Nicht gerade sehr abwechslungsreich." Sie schaute Yanez entmutigt an.
"Was sagt der Doktor."
Christina lacht kurz und falsch auf "Ich soll mich schonen."
"Hast du dir überlegt, was du tun willst, wenn es dir besser geht? - Willst du die Plantage wieder aufbauen?"
Christina zog mit ihren Blicken das Mosaik auf dem Steinfußboden nach "Einen Tag will ich sie wieder aufbauen, einen Tag nicht..." Sie schaute zu Yanez auf. "Beth will in zwei Tagen mit mir hinaus fahren."
"Beth will mit dir hinfahren? - Du hast darauf bestanden, daß sie mit dir fährt!"
Ein schwacher Abglanz ihres betörenden Lächelns flog über ihre Lippen. "Du hast recht! - Ich habe sie gezwungen! - Warum bist du noch in der Stadt, Yanez?"
"Na, weil es meiner Nichte nicht so gut geht, ist das kein Grund?"
Sie schwiegen.
Yanez runzelte die Stirn. Er war in dererlei Dingen doch etwas ungeübt, um die richtigen Worte zu finden..."Sandokan mußte Sarawak verlassen."
"Ich weiß."
"Er hat Tag und Nacht bei dir gewacht."
"Weißt du wo er ist?"
"Nein!"
"Das glaube ich dir nicht!"
"Das mag stimmen."
Yanez beugte sich vor "Christina, er ist ein gesuchter Verbrecher, auch wenn die britische Regierung daß schon sehr viel gelassener sieht."
"Ja, es ist schon komisch..." seufzte sie "...Christopher, Alexandre, James ... Nute Gunray...warum ist das bei mir immer so kompliziert...?"
"Nun, das muß in der Familie liegen, ich hatte da auch nicht viel Glück. Nur meinen Bruder, deinen Vater, den habe ich immer beneidet, das Glück zu haben, deine Mutter zu heiraten. Wenn ich der ältere gewesen wäre, dann hätte man sie mir zugedacht und ich glaube nicht, daß ich dann weggegangen wäre. Stell dir vor, dann wärst du meine Tochter..."
"Dann würden wir jetzt sicher nicht hier sitzen..."
"Das ist wohl wahr...Und ich hätte sicher nicht soviel von der Welt gesehen....Hat dir eigentlich jemals jemand erzählt, warum ich gegangen bin und sozusagen aus den Familienbüchern gestrichen wurde?"
"Darüber wurde nie geredet, nur das du das Familienerbe verraten hast... Aber ich bin sicher, du wirst es mir erzählen."
"Wenn du unbedingt willst, also...."
Christina ließ sich in ihre Kissen zurückfallen und lauschte der beruhigenden Stimme von Yanez, die sie an Zeiten erinnerte, als ihr Leben noch einen klaren übersichtliche Ablauf hatte, nach festen Richtlinien und Statuen funktionierte, undenkbar, daß sich daran jemals hätte etwas ändern sollen....
sundown01Yanez zügelte sein Pferd, neben dem Reiter, der nur bei zweimaligem Hinsehen in der Dunkelheit, unter den Bäumen auszumachen war.
"Wie geht es ihr?"
"Warum fragst du sie das nicht selbst?"
"Es ist besser so!"
"Wovor fürchtest du dich?"
Yanez ahnte, was seinen engsten Freund und Bruder im Herzen wirklich quälte.
"Hat sie gefragt?"
"Ja."
"Was hast du gesagt?"
"Das du gegangen bist...daß ich dich fortgeschickt habe, weil die Frist abgelaufen war."
"Das stimmt aber nicht!"
Yanez Stimme wurde eindringlicher "Hätte ich ihr sagen sollen, daß du eines morgens einfach nicht mehr da warst, nicht mehr bei ihr gewacht hast, gegangen bist ohne eine Erklärung?!"
"Sie weiß, warum ich nicht komme."
"Verdammt, warum macht ihr es euch so schwer. Sie liebt dich, du liebst sie, was hindert euch?"
"Was wäre das für ein Leben für sie. Nirgends ein richtiges Zuhause."
"Hast du sie gefragt?"
"Es zu gefährlich an meiner Seite. Du hast gesehen, was passiert ist..."
"Ja, und ich habe dein Gesicht gesehen...du hast nicht sie gesehen, du hast Marianna in deinen Armen sterben sehen, aber sie ist nicht Marianna..."
"Aber sie ist genauso sterblich."
"Natürlich, das sind wir alle. - Wahrscheinlich werde ich irgendwann vom Pferd fallen, weil ich mich aufgeregt habe über dich..."
"Du wirst uns alle überleben."
"Blödsinn." Yanez suchte in seiner Tasche nach einem Zündholz, fand aber keines. Wütend steckte er seine Zigarre weg.
"Sie will in zwei Tagen zu ihrer Plantage rausfahren."
"Hat sie sich schon entschieden, was sie macht, wenn sie wieder ganz gesund ist?"
"Nein."
"Es wäre besser, sie würde abreisen."
"Das halte ich für keine gute Idee, weder für sie, noch für dich. -Wie kann man nur so verbohrt sein."
"Wir treffen uns in zwei Tagen hier wieder."
Bevor Yanez das bestätigen konnte, war der Schatten neben ihm bereits verschwunden. Nur das Schnauben eines Pferdes verriet noch die Richtung, die er eingeschlagen hatte.
sundown02"Was ist los, Beth?"
Elisabeth Park betrat stirnrunzelnd die große Vorhalle. Ihr Mann küßte sie auf die Wange.
"Wir hätten nicht hinfahren sollen, um uns abgebrannte Ruinen anzuschauen. - Wo ist sie hingegangen?"
"Nach oben, einfach an mir vorbeigerannt."
"Beth schaute zweifelnd die Treppe hinauf, so als würde sie eine Antwort darauf bekommen, wie sie nur helfen konnte. "Ich werde ihr etwas zu essen hochbringen, es ist schon spät."
"Beth?" Ihr Mann hielt sie am Arm fest.
"Ja?"
"Wir haben Besuch." Ray deutete in die im Dämmerlicht des Abends länger werdenden Schatten hinter sich, aus denen sich jetzt eine große Gestalt herausschälte.
 
"Herein!"
Die Tür wurde leise aufgemacht. Christina stand am offenen Fenster und genoß die kühle Abendbrise.
"Ich habe eigentlich keinen Hunger, Beth, aber..." Christina wandte sich um, aber statt ihre Freundin dort zu sehen, stand da Sandokan in der Tür und schloß diese leise hinter sich.
Christina spürte, wie sich ihre von ihren Gefühlen aufgebaute innere Mauer zerbröckelte. Ihre Hände hinter ihren Rücken umschlossen den geöffneten Fensterrahmen.
Langsam kam er näher. Ganz behutsam und vorsichtig nahm er sie in die Arme. Es war wie die Erlösung aus einem schlimmen Alptraum. Er hielt sie fest, mehr nicht, wenn sie gekonnt hätte, so hätte sie jetzt die Zeit angehalten.
Seine Hände hoben ihr Gesicht hoch. Sie sah in seine Augen und wußte, weshalb er hier war...
"Christina...Yanez hat mich nicht weggeschickt...ich bin gegangen."
Ihr schlimmster Alptraum kehrte wieder zurück, aber es war wie etwas, was sie schon gefühlt, geahnt hatte, ...ganz tief in ihrer Seele.
"Ich kann dich nicht mit mir nehmen. Das ist nicht dein Weg, es ist nicht deine Welt..."
Sie brachte keinen Ton heraus, so viele Eindrücke, Empfindungen durchströmten sie, aber sie vermochte nicht, ihnen Namen zu geben.
Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber statt dessen küßte er sie auf die Stirn und ließ sie ganz langsam los.
Christina wußte nicht woher sie die Kraft nahm, ihn ruhig und gelassen anzuschauen wie er sich von ihr entfernte. Erst als die Tür hinter ihm zuging, ließ sie sich wie kraftlos, dort wo sie stand, auf den Boden gleiten. Sie starrte auf ihre Hände, wartete darauf, daß Tränen ihre Augen füllten, aber da war nichts, als hätte jegliche Empfindung ihren Körper verlassen, war mit ihm aus diesem Raum und ihrem Leben gegangen.
sundown01"Beth, ich werde das Land verkaufen." Christina legte das Buch zur Seite.
Ray schaute hinter seiner Zeitung vor.
"Fällst du diese Entscheidung nicht etwas schnell, Tina?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Wie lange soll ich noch warten. Der Doktor sagt, ich bin gesund, also muß ich eine Entscheidung treffen, was ich hiermit tue. Du hast es letzte Woche selbst gesehen, es ist nichts mehr da, worauf man aufbauen könnte, keine Leute, die Felder sind teilweise verwüstet, die Pflanzen verblüht. Der Boden müßte neu bearbeitetet werden. Die Gerätschaften sind weg..."
"Und was gedenkst du dann zu tun, wenn du verkauft hast?" fragte Ray und runzelte die Stirn.
"Du könntest bei uns bleiben." warf Beth schnell ein.
"Ich danke dir..." Christina ergriff die Hand ihrer Freundin "...aber ich.. kann nicht hierbleiben." Sie erhob sich und trat an die offenen Verandatür. Die Nachmittagsonne schien klar und rein, wie zum Hohn auf ihre trüben Gedanken, die sich nach einem kühlen verregneten, grauen Himmel sehnten.
"Ich werde wohl wieder nach Hause fahren. Der Familienbesitz ist verweist, meine Schwester wohnt dort alleine mit ihren Kindern, seit ihr Mann tot ist. Sicher kann sie Gesellschaft gebrauchen."
"Du willst uns verlassen?!"
Christina spürte das Entsetzen in Beth Gesicht, mehr als sie es sah. Sie senkte den Blick. Es tat weh zu gehen, ja, aber es tat auch weh zu bleiben. Es tat mehr weh.
Und wenn sie blieb, würde sie nie mehr sie selbst sein, das spürte sie. Sie mußte einfach alles hinter sich lassen. "Ich kann nicht anders Beth." Sie konnte diese Worte kaum aussprechen und spürte, wie Beth ihre Hand ergriff. Sie brauchte nichts weiter zu sagen, Beth wußte den eigentlichen Grund...
sundown02"Doktor McCoy, was machen sie denn hier?" Misses Park starrte den schlanken Mann mit dem immer leicht spöttischen Gesichtszügen etwas fassungslos an.
"Misses van Henning hat mich zu sich gebeten, hat sie ihnen das nicht gesagt?"
"Nein..."
"Wo finde ich sie?"
"Oben, Doktor!" Beth war immer noch irritiert und schaute dem Arzt nach, wie er behende die Treppe hinaufstieg. Vor drei Wochen als sie beschlossen hatte, ihr Land zu verkaufen, hatte er ihr bescheinigt, daß sie wieder gesund war, und jederzeit reisen könne. Sie nahm auch wieder am öffentlichen Leben teil, hatte vor zwei Tagen mit Yanez der offiziellen Amtseinführung des Gouverneurs beigewohnt, einem Jurist, der vor einer Woche mit seiner Familie eingetroffen war und einen sehr seriösen Eindruck machte. Lord Jeffrey Sinclair, ein Abgeordneter, kein General. Beth schüttelte den Kopf.
Es dauerte nicht lange, da kam der Doktor wieder herunter. Beth hatte die Treppe vom Salon aus im Auge gehalten. Sie schaute ihn fragend an.
"Alles in Ordnung. - Ich muß leider weiter!" Und schon war er wieder verschwunden. Sie legte ihre Handarbeit zu Seite und stieg entschlossen die Treppe hoch.
Ein frisches 'Herein' aus Tinas Zimmer, ließ sie eintreten.
Beth kam ohne Umschweife zur Sache. "Warum war Doktor McCoy hier?"
"Oh, die Narbe hat sich so eigenartig angefühlt. Es tat manchmal weh..."
Beth schaute ihrer Freundin in die Augen und neigte den Kopf zur Seite. Ihr beschwingte Rede stand im krassen Gegensatz zu ihren blassen Lippen "Tina....?!"
"Komm rein und schließ die Tür..."
sundown01Yanez de Gomera gab Christina zur Begrüßung einen Kuß auf die Stirn und setzte sich in einen der Korbsessel auf die Veranda, die in den kleinen Garten hinter dem Haus führte.
"Du hast dein Land verkauft?"
"Ja, zu einem guten Preis."
"Wann fährst du?"
"In 5 Tagen."
"Und du willst es dir nicht noch einmal überlegen, mit nach Assam zu kommen?"
Christina beugte sich zu ihrem Onkel und strich über seinen Arm "Es ist lieb von dir, aber es ist mir noch zu nahe. - Wann fährst du zurück?
"In einer Woche. - Ich hoffe, du schreibst uns?"
"Ich verspreche es."
Yanez sah sie von der Seite an. Er konnte nicht beurteilen, ob alles in Ordnung war, dazu kannte er sie nicht gut genug, aber Elisabeth Park meinte, sie hätte ihre Natürlichkeit verloren und das wäre ganz und gar nicht in Ordnung.
Yanez atmete tief ein. "Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?" fragte er behutsam.
Sie zögerte einen Moment, sagte dann aber mit fester Stimme: "Nein!"
"Hier sind alle deine Freunde..."
"Nein!" sie ahnte, auf was Yanez hinauswollte, aber davon wollte sie nichts wissen.
Ja hier waren all' ihre Freunde, die mehr als nur Freunde waren, sie waren zu einem Ersatz für die zurückgelassene Familie geworden, zu der sie jetzt wieder wollte, die ihr aber eigentlich fremd war und ...er war hier, irgendwo, aber sie würde nicht mehr warten, nie mehr, auf keinen...
sundown02Schritte waren auf der Treppe zu hören.
"Beth, hast du die kleine Tasche gesehen?"
Die angelehnte Tür würde jählings aufgerissen.
"Sie!?" Christina starrte den Mann an, mit dem sie am allerwenigsten gerechnet hatte. Ihr erster Gedanke war, daß irgend etwas geschehen war und ein innerer Krampf ließ sie erbleichen.
"Keine Angst, Misses van Henning, es ist alles in Ordnung, bis auf eines: Sie wollen gehen..."
Er griff nach ihr, steckte ihr ein Tuch in den Mund und fesselte ihre Hände. Sie schaute ihn wütend an. " Es tut mir leid, aber das muß sein." Kurzerhand transportiere er sie auf der Schulter schnellen Schrittes die Treppe herunter, stieß den verdutzten Ray zur Seite, hechtete über den Rasen und war verschwunden...
Ray war mit einem Satz wieder auf den Beinen. "Beth!" brüllte er durchs Haus.
"Ja?" erscholl die Stimme seiner Frau und sie erschien am oberen Treppengeländer.
"Man hat Christina entführt, ich muß hinterher..."
"Christina entführt?" fragte Beth fassungslos nach.
"Ja!"
"Wer?"
Aber sie erhielt auf diese Frage keine Antwort mehr.
sundown01"Hiroyuki hat was?"
Kammamuri starrte Ray entgeistert an.
"Er hat Cristina entführt! Ich habe es selber gesehen, er ist an mir vorbeigerannt. Sie war gefesselt und geknebelt."
"In welche Richtung führt ihre Spur." Sandokan stand etwas abseits von Yanez, Kammamuri und dem immer noch etwas atemlosen Ray Park. Er hatte dem kurzen Bericht schweigend gelauscht.
"Sie sind in südlicher Richtung weggeritten. Zwei Pferde. Ich habe ihr Spur ...!"
Sandokan hörte schon nicht mehr zu. Er lief zu seinem Pferd, sprang in den Sattel und war auch schon zwischen den Bäumen verschwunden.
"Ob Hiroyuki ein Lösegeld erpressen will?" wandte sich Ray an Yanez.
Der strich nachdenklich über sein Kinn. "Nein, das glaube ich nicht....Wir sollten Sandokan nachreiten, nicht daß die beiden eine Dummheit begehen."
Yanez trat das Feuer aus. Sie bestiegen ihre Pferde und folgten der deutlichen Spur von Sandokan.
sundown02Hiroyuki Tagawa hatte ein Feuer angezündet. Es war bereits dunkel geworden.
Endlich entfernte er Christina den Knebel und schnitt ihre Fesseln durch. Er reichte ihr einen Becher mit Wasser. "Sie dürfen das wirklich nicht persönlich nehmen."
"Ach, nicht?! Das sehe ich aber ganz anders." Sie erhob sich kurz und versuchte einen etwas bequemeren Sitz auf dem Stein, auf den der große Mann sie hinbeordert hatte, zu finden. Sie wischte ein paar Wasserflecken vom Rock ihres dunkelgrünen Kleides, so als wenn das hier etwas ausmachen würde.
"Was wollen sie, Mr. Tagawa? - Geld?" Sie schaute ihn voller Abscheu an. Und diesen Mann hatte sie für ehrenhaft gehalten, war fasziniert von seiner Ausstrahlung gewesen. Ein Gefährte von Sandokan...
Er lächelte sie geheimnisvoll an "Das wäre denkbar, immerhin haben sie gerade ihr Land verkauft, für einen stolzen Preis, aber weit unter Wert. - Warum haben sie es nicht behalten?"
"Ich glaube nicht, daß sie das irgend etwas angeht!"
"Das mag sicherlich sein....!"
Hiroyuki Tagawa erhob sich. Einen Moment verharrte er regungslos und blickte in das Dunkel, daß außerhalb des Feuerscheines lag.
"Aber vielleicht will ich ja ganz etwas anderes..." Er näherte sich ihr, geschmeidig wie ein Panther, der seine Beute umschleicht.
Christina ließ den Becher achtlos zu Boden fallen, sie schob sich an dem groben Fels hinter sich zur Seite. Er griff nach ihr. Seine Hand umschloß fest ihren Arm. Ganz vorsichtig berührte er ihr Haar, strich mit seinen Fingern hindurch...Christina beugte den Kopf zur Seite und macht einen Schritt zurück...
"Laß' sie los Hiroyuki!"
Am Rand des Feuerscheines stand mit gezogenem Säbel Sandokan.
"Du störst..." Hiroyuki wandte noch nicht mal den Kopf.
Sandokan näherte sich in angespannter Haltung. Hiroyuki schenkte ihm keinerlei Beachtung.
Mit einem schnellen Schritt nach vorne setzte der Tiger von Malaysia seinen Säbel an Hiroyukis Kehle an. "Laß sie los!" zischte er
Hiroyuki Tagawa gab den Arm von Christina frei. Sandokan zog sie hinter sich. "Hat er dir etwas getan?"
"Nein..."
"Was interessiert es dich?" Hiroyuki beugte sich noch ein klein wenig nach vorne. Die Klinge an seiner Kehle bewies ihre Schärfe. Eine Wunde wie ein dünnes rotes Band an seinem Hals, färbte den Säbel. Hiroyuki schien dies nicht zu bemerken "Wer bist du, daß du dich hier einmischt?" Die beiden Männer musterten sich kalt.
"Du hast sie gehen lassen, du wolltest sie nicht, was willst du jetzt? - Sie retten, damit sie ihre Schiffspassage rechtzeitig erreichen kann?" Hiroyuki schaute Sandokan hämisch an "Und dann...wie kannst du dann noch verhindern, wenn sie weg ist, daß ein anderer Mann sie begehrt, sie verletzt oder den Platz an ihrer Seite einnimmt, der Vater deines Sohnes wird...?"
Wie von einer Faust getroffen, trat Sandokan einen Schritt zurück. Er blickte in das Gesicht des Kopfgeldjägers, dessen Worte ihn wie die Pranke eines Tigers, scharf und unberechenbar getroffen hatten.
Er wandte sich zu Christina um. "Ist das wahr?"
Sie wich seinem bohrendem Blick aus und schaute statt dessen ernst auf Hiroyuki "Woher wissen sie es?"
Der lächelte leicht. "Manchmal ist es besser, wenn einem Entscheidungen abgenommen werden!"
Hiroyuki Tagawa drehte sich um, lief zu den Pferden, sprang in den Sattel seines eigenen, griff nach den Zügeln der beiden anderen..."Ich hole euch morgen wieder ab." ...und wurde von der Dunkelheit verschluckt.
"Warum hast du es mir nicht gesagt" Sandokans Blick verlor sich an einem anderen Horizont.
"Was hätte es geändert? Dann wäre deine Sorge noch größer gewesen, daß auch deinem Kind etwas zustoßen könnte." Gefühle, die sie seit Wochen unterdrückte, bemächtigten sich ihrer mit unvorstellbarer Größe. Tränen verschleierten ihren Blick. "Oder hättest du mich dann nicht fortgeschickt, wenn du es gewußt hättest?"
Sandokan blickte in das knisternde Feuer. Mit unbändiger Kraft, rammte er plötzlich seinen Säbel in das Erdreich. Er schaute sie an, trat zu ihr. Seine Finger fingen eine Träne auf, die langsam ihre Wange hinabglitt "Es tut mir leid." Er nahm sie zärtlich in die Arme. "Ich liebe dich, Christina."
Einsam zog eine Sternschnuppe ihre Bahn über den Himmel von Sarawak und erleuchtete das Land. Erlöschend wie das Licht eines einsamen Wanderers, der sein Ziel endlich erreicht hatte...
sundown01"Das war's!" Yanez wendete sein Pferd und sein Blick von der vom Feuer beschienen kleinen Lichtung vor ihnen ab.
"Hast du geahnt, was Hiroyuki vorhatte?" fragte Ray.
"Nun...ich habe so was vermutet, nach dem ich ihm die Misere erzählt hatte."
"Also hast du das eingefädelt."
Yanez grinste nur breit. "Hey, Kammamuri! Das Schauspiel ist zu Ende." Er zog an den Zügeln von Kammamuris Tier neben sich, der es nur wiederwillig wendete. "Als Gentleman tut man so etwas nicht."
"Wer ist denn hier ein Gentleman?" fragte Kammamuri und schloß sich dem langsamen Trab nach Kuching zurück an.
"Nun, Ray ist ein Gentleman...."
"Und natürlich du, aber ich nicht."
"Es kommt darauf an, wie man sich benimmt."
"Und wie benimmt sich ein Gentleman?"
"Naja, also in Gentleman hat überzeugende Manieren, ist sehr zuvorkommend....Ray erklär du ihm, was ein Gentleman ist, du weißt das besser!"
"Ich? Was habe ich eigentlich mit eurer Diskussion zu tun....."
 
*** ENDE ***
 
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